Wenn Gott hier nicht mehr wohnt - Neues Leben für Kirchenräume in der Krise | DW Reporter — Transcript
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- 0:00Achtung, wer will diese Kirche haben?
- 0:03Mein Name ist Christoph Langer. Ich
- 0:04versuche seit ungefähr eineinhalb Jahren
- 0:06hier dieser Kirche zu verkaufen.
- 0:10Tausende Kirchen in Deutschland stehen
- 0:11leer, weil die Gläubigen wegbleiben.
- 0:14Dann heißt es oft, die Kirche wird
- 0:16aufgegeben, die letzte Messe gesungen.
- 0:19Das war's. Das Ende eines Weges. Großer
- 0:22Schmerz.
- 0:23Ein Abriss kommt in Frage.
- 0:25Abriss kommt in Frage natürlich. Das
- 0:26hängt eben vom Investor ab. Ich sehe
- 0:29Abriss als keine Option. Kommt gar nicht
- 0:31in Frage.
- 0:32Vielleicht will jemand Fahrräder im
- 0:34Gotteshaus verkaufen oder eine Kneipe
- 0:36aufmachen, aber dazu später mehr. Diese
- 0:39Familie wohnt da, wo früher gepredigt
- 0:42wurde.
- 0:43Natürlich, wenn man hier reingekommen
- 0:44ist beim ersten Mal, ich weiß das noch,
- 0:45dachte ich, boah, super. Und wie toll
- 0:47und weitläufig und besonders das ist.
- 1:00Christoph Langer legt sich ins Zeug.
- 1:03Schauen sich mal, was Sie da für ein
- 1:05Blick hier haben. Das ist das
- 1:06höchstgelegene Gebäude hier. Ja, und äh
- 1:09sie können da wirklich von da oben
- 1:12sicherlich hier die das ganze Teil
- 1:14überblicken. Muss fantastisch sein.
- 1:17Er preist die Vorzüge eines ausgebauten
- 1:19Kirchendaches. Der Immobilienmarkler hat
- 1:22mal wieder einen Interessenten für die
- 1:24Christkönigkirche
- 1:25in Morsbach Ellingen nahe Köln. Dominik
- 1:28Venturachaume ist ein erfolgreicher
- 1:30Architekt und Altbausanierer. Er ist
- 1:33extra aus Spanien angereist, um sich die
- 1:35bald 100 Jahre alte katholische Kirche
- 1:38anzuschauen. Und eine Idee hat er auch
- 1:40schon.
- 1:41Das Projekt sieht vor eine Wohnutzung im
- 1:45ehemaligen Dachstuhl der Kirsche und
- 1:47eine Nutzung für Veranstaltung, für ein
- 1:51Treffpunkt von Künstlern im eigentlichen
- 1:54Kirschenbereich. Das sind sehr viele
- 1:55brasilianische Künstler, sehr viele
- 1:57Gitarristen, sehr viele Sänger. Ich
- 1:59komme ursprünglich aus Köln und da die
- 2:01Kirsche nicht so weit von Köln ist, wä
- 2:03es wieder temporär fürs Jahr ein
- 2:05privater Rückzugsort für mich.
- 2:07175 000 € ein Schnäppchen, aber weil die
- 2:11Sanierung teuer wird, stehen die
- 2:13Interessenten nicht Schlange, die
- 2:15Ernsthaften jedenfalls.
- 2:17Da war zuletzt z.B. auch eine Dame, die
- 2:20ein Büro hier draus machen wollte und
- 2:23ähm nebenbei auch hier drin wohnen
- 2:25wollte. Die war auch sehr emotional,
- 2:27aber am Ende stellte sich heraus, die
- 2:29Emotionen waren da, aber das Geld war
- 2:30nicht da.
- 2:31Die Nachbarn haben sich inzwischen an
- 2:33den Lehrstand gewöhnt. 2020 war hier die
- 2:36letzte Messe.
- 2:38Ich persönlich find schön, wenn es halt
- 2:39auch Kirsche bleibt, dass man da halt
- 2:41auch weiterhin Gottesdienste,
- 2:43Trauerfeiern oder ähnliches abhalten
- 2:45könnte.
- 2:46Es gibt aber teils ganz andere
- 2:48Vorstellungen.
- 2:50Jedes Mal, wenn ich hier rausfahre, bin
- 2:51ich schon ganz gespannt, was für eine
- 2:53Idee kommt als nächstes. Ja, ich hatte
- 2:55schon sogar jemand, der hier ein seine
- 2:57Trecker reinstellen wollte. Es soll ja
- 3:00eine eine ehrenvolle, vernünftige
- 3:03Nutzung der Kirche hier auch
- 3:05stattfinden. Das ist auch für mich als
- 3:07gläubigen Christ auch wichtig.
- 3:11Die gläubigen Christen in St. Anna legen
- 3:13Hand an, brechen die Reliquien aus dem
- 3:15Altar, etwa Knochensplitter eines
- 3:18Heiligen.
- 3:20Profanierung nennt man das. Stt Anna
- 3:23wird zugemacht. Die letzte Messe in der
- 3:26kleinen katholischen Kirche an der
- 3:27niederländischen Grenze.
- 3:30Das geht doch ans Herz
- 3:33und an die Augen. [gelächter] Es ist
- 3:34bewegend.
- 3:35Sehr emotional. Die Tränen musste man
- 3:37teilweise schon unterdrücken.
- 3:39Zum Abschied nehmen ist die Kirche voll
- 3:41ausnahmsweise
- 3:42neun war das geringste was ich mal
- 3:44erlebt habe. Ich sage jetzt mal ganz
- 3:47umgangsprachig. Das macht dann keinen
- 3:48Spaß.
- 3:49Einmal war noch voriges Jahr hat wir
- 3:51vorh Hochzeit. Ich habe mit den Leuten
- 3:53gesagt nicht der Pastor macht die Kirche
- 3:55dicht sondern die Leute sind ja nicht
- 3:57bei die kommen. Da ändert sich bei mir
- 3:59nicht viel. Es gibt genug Möglichkeiten
- 4:01Gottesdienst zu besen.
- 4:04Das Allerheiligste wird in eine andere
- 4:06Kirche gebracht. St. Anna ist jetzt ein
- 4:08profaner weltlicher Bau und nun
- 4:11wir haben als als Schwerpunkt eigentlich
- 4:13eine wohnwirtschaftliche Bebauung
- 4:15vorgesehen, wobei das total offen ist,
- 4:18weil das hängt ja davon ab, mit welchen
- 4:19Investoren man nachher spricht.
- 4:21Ein Abriss kommt in Frage.
- 4:23Abriss kommt in Frage natürlich. Das
- 4:24hängt eben vom Investor ab.
- 4:26Das hilft nichts.
- 4:28Ist er überall.
- 4:30noch mehrere Kirchen wohl zugemacht
- 4:32werden in Zukunft.
- 4:34Oh ja, und wie? Woran liegt das? Hier
- 4:37offizielle Zahlen der Kirchen.
- 4:402024 fühlte sich nicht mal mehr die
- 4:43Hälfte der deutschen Bevölkerung den
- 4:45beiden großen christlichen Kirchen
- 4:46zugehörig. 30 Jahre zuvor waren das noch
- 4:49mehr als zwei Drittel.
- 4:53Dadurch stehen auch immer mehr Kirchen
- 4:55leer. In Deutschland gibt es etwa 44500
- 4:59Kirchengebäude. Die Hoffnung, ein
- 5:01Drittel wird weiterhin voll als Kirche
- 5:03genutzt. Das zweite Drittel. Hier wird
- 5:06außer Kirche noch etwas anderes
- 5:08angeboten.
- 5:10Eine Bibliothek wie in Müncheberg in
- 5:12Brandenburg etwa oder ein Konzertsaal
- 5:15wie in Ölsnitz in Sachsen.
- 5:18Funktionierende finanzierbare Ideen.
- 5:22Und bei dem letzten Drittel steht die
- 5:23Frage tatsächlich, was wird damit
- 5:25passieren? [musik]
- 5:26Fragt sich Klaus Martin Bresgott,
- 5:28Kunsthistoriker bei der evangelischen
- 5:30Kirche in Deutschland. Und das fragt er
- 5:33auch die Architekturstudierenden,
- 5:35mit denen er regelmäßig über die Zukunft
- 5:37von Kirchen nachdenkt. hier an der
- 5:39riesigen evangelischen Stefanuskirche in
- 5:42Berlin.
- 5:44Also was in der Stefanuskirche so
- 5:46spannend für uns war, ist, dass der
- 5:48Bedarf nach Veränderung einfach so so
- 5:50spürbar ist und so eindeutig ist, weil
- 5:53ähm es einfach ein großer Raum mitten
- 5:56mitten in der Stadt ist, der komplett
- 5:58ungenutzt ist
- 5:59und inzwischen baufällig, betreten
- 6:01verboten.
- 6:03Und eigentlich brauchen die Leute hier
- 6:04aber den Ort für Nachbarschaft und für
- 6:05Gemeinschaft. Und dadurch haben wir
- 6:08diese Kirche eigentlich als Chance
- 6:09begriffen für was Neues. Ja, ich glaube
- 6:11deswegen ist es vor allem wichtig, dass
- 6:12das nicht nur in einem kleinen Kreis an
- 6:13Menschen, also jetzt der Kirchengemeinde
- 6:15vorbehalten ist, sondern durch eine
- 6:18vielfältige Nutzung eigentlich allen
- 6:21allen Leuten offen steht. Ja,
- 6:23das heißt, die Größe, die damals eine zu
- 6:24große Größe war, könnte jetzt nutzen, um
- 6:27was draus zu machen.
- 6:30Stt Paul gleich nebenan ist ein Bau des
- 6:32preußischen Architekten Karl Friedrich
- 6:34Schinkel und kaum noch von Gläubigen
- 6:36besucht. Für die Studierenden ein
- 6:39Ansporn. auch sicher.
- 6:41Für mich war es wichtig trotzdem diesen
- 6:44Glauben beizubehalten, diesen Raum für
- 6:46Glauben beizubehalten und auch irgendwo
- 6:49einen Raum zu schaffen, der vielleicht
- 6:51nicht nur christlich ist, sondern auch
- 6:53für Judentum und für den Islam offen
- 6:56ist, da der Kiz hier nicht nur durch
- 7:00Christen geprägt sind, sondern auch
- 7:01durch andere Religionen.
- 7:03Im Büro beim Kunsthistoriker Klaus
- 7:05Martin Bresgott, der auch in andere
- 7:07europäische Länder blickt, wo es
- 7:09dieselben Herausforderungen gibt. Die
- 7:11angehenden Architekten präsentieren ihre
- 7:14Ideen, keine hirngespinnste, sondern
- 7:16handfeste Konzepte.
- 7:20Und ich hatte mir überlegt, dort ein
- 7:22Späti zu planen, der sozusagen 247 offen
- 7:25hat, der auch für eine bessere
- 7:27Zugänglichkeit sorgt und einfach auf
- 7:30diesen Ort aufmerksam macht, dass man
- 7:32Berührungspunkte mit anderen Kulturen
- 7:34hat und auch beim Essen zusammenkommt.
- 7:37Ergeschoss soll maximal öffentlich,
- 7:40maximal zugeglich und vor allem maximal
- 7:42flexibel nutzbar sein. Es geht viel um
- 7:44eine sportliche Nutzung für Nutzung für
- 7:47Jugend, für ähm Kultur.
- 7:50Möglicherweise verliert man 100 Leute,
- 7:52aber man gewinnt, glaube ich, tausende.
- 7:54Ja,
- 7:54aus dem Viertel.
- 7:56Also dadurch kann dort morgens Rentner
- 7:58in Sport machen und nach der Schule
- 8:00kommen die Jugendlichen und spielen ein
- 8:02bisschen Fußball und am Abend tritt die
- 8:03Schulband auf.
- 8:06Ich glaube, es sind Zeiten, die es schon
- 8:08immer gab, wo es hieß, die Kirche ist
- 8:11wichtig oder die Kirche ist nicht
- 8:12wichtig. Wir wissen, dass es äh während
- 8:15der napoleonischen Kriege und so weiter,
- 8:16da waren die Kirchen über Jahrzehnte
- 8:18Pferdestelle, so und sie blieben aber
- 8:21stehen. Und jetzt haben wir eine Zeit,
- 8:23in der wir uns eben neu orientieren,
- 8:25auch religiös vielfach neu orientieren,
- 8:27aber wir sind müssten nicht gleich in
- 8:29die Angst verfallen zu sagen, dicht
- 8:31machen, aufgeben.
- 8:33Ist also alles erlaubt in der Kirche?
- 8:36Kurzer Ausflug nach Jülich zu Toms Bike
- 8:39Center, vormals die katholische St.
- 8:42Rochoskirche. Wie konnte es dazu kommen?
- 8:45Eigentlich ist der Weg gewesen, dass die
- 8:47Kirchengemeinde auf mich zugekommen ist
- 8:49und mich gefragt hat, ob ich mir nicht
- 8:51vorstellen könnte in der Kirche mein
- 8:54Geschäft zu betreiben. Das ist die
- 8:55Kirche, in der ich getauft wurde, zur
- 8:57Kommunion gegangen bin. Ähm immer eine
- 9:00gewisse Nähe hierhin gehabt.
- 9:02Nun also Kettenfett statt Kommunion,
- 9:05Rennräder statt Reliquien und das in
- 9:07einem denkmalgeschützten Werk des
- 9:09bekannten Kirchenarchitekten Gottfried
- 9:11Böhm 1961 erbaut.
- 9:15Gefällt Ihnen das Gebäude?
- 9:17Es hätte schöner sein können.
- 9:19Für den EKD Experten Bresgott ein
- 9:22Grenzfall.
- 9:24Sobald es ihm tatsächlich einfach nur
- 9:26noch einen Umschlagplatz ist, so dann
- 9:29ist eigentlich seine Grundidee verloren
- 9:31und ich finde, die darf man nicht
- 9:32aufgeben. Das ist bei jedem bei jeder
- 9:34Umnutzung muss man trotzdem immer da an
- 9:36die Wurzeln dessen denken, wofür es
- 9:38gebaut wurde und es ist steckt in den
- 9:40Steinen drinne und wenn man das eben
- 9:43nach wie vor spürt, auch wenn da eine
- 9:45Kneipe drinne ist, auch das kann ein
- 9:46Gemeinschaftsraum werden. Das finde ich
- 9:48jetzt gar nicht schlimm.
- 9:49Die Zecherei St. Nikolai in Tanger Münde
- 9:52an der Elbe ist so ein Beispiel. Und
- 9:55ganz im Sinne der Gemeinschaft die
- 9:56ehemalige evangelische Lukaskirche in
- 9:59Essen im Ruhrgebiet. Heute Kindergarten,
- 10:02Wohnungen, Physiotherapiepraxis.
- 10:05Jessica Günther ist eine der Chefinen.
- 10:07Wenn wir da jetzt hochgehen, dann ist
- 10:09das tatsächlich der Bereich, wo
- 10:11gepredigt wurde. Also, es ist schon ein
- 10:13anderes Gefühl, ein schönes, ruhiges
- 10:15Gefühl. Und es gibt wirklich oder noch
- 10:17damals noch mehr Menschen, die wirklich
- 10:19reinkamen und sagen, hier wurden wir
- 10:20getraut, hier bin ich so Konfirmation
- 10:22gegangen.
- 10:23Ich finde es gut, dass die Kirche für
- 10:27solche Räumlichkeit genutzt wird, den
- 10:30hilfsbedürftigen Menschen zu helfen und
- 10:33und für die hilfsbedürftigen Menschen da
- 10:35zu sein, das ist im Grunde genommen der
- 10:37Glauben.
- 10:39Obenrüber wohnt Familie Schröder und ist
- 10:42begeistert. Bei mir würde darüber
- 10:44überhaupt keiner lästern, dass ich über
- 10:46einem Altar wohnen würde.
- 10:48Wir suchten eine Wohnung mit vier
- 10:50Schlafzimmern und gute Schulen in der
- 10:52Nähe Fußläufig. Das war für mich wichtig
- 10:55und das ist hier gegeben.
- 10:57Sehr weltliche Gründe, aber am Ende ist
- 10:59es eben kein Gotteshaus mehr, sondern
- 11:01eine Großstadtimmobilie mit Nachbarn.
- 11:03Die sahen das Ende von St. Lukas mit
- 11:05geteilter Meinung.
- 11:07Fand ich nicht so gut für die ganzen
- 11:08alten Leute, die da reingerannt sind
- 11:10wegen ihren Glauben und hier das war ja
- 11:13praktisch ein Leben von denen ist ein
- 11:15Stück vom Leben weggeschnitten worden.
- 11:17Ich wohne da genau da an dem Eckhaus und
- 11:18gucke immer hier drauf und ich habe mich
- 11:20gefreut, dass das Gebäude stehen
- 11:21geblieben ist. Eine gute Umnutzung ist
- 11:23schöner als jeder Abriss,
- 11:25sagt Pfarrer Jan Feldmann mit seiner
- 11:27evangelischen Erlöserkirche zuständig
- 11:30für die ehemalige Lukasgemeinde.
- 11:33Wir haben die Glocken geläutet und
- 11:34erwartet, dass die Menschen sonntags um
- 11:3610 Uhr sich zum Gottesdienst einfinden
- 11:38und das funktioniert so einfach heute
- 11:39nicht mehr. Wir machen uns viel mehr
- 11:41auch aus den Gebäuden raus nach draußen
- 11:42und gehen in Richtung der Menschen und
- 11:44schauen, was bei denen auch vielleicht
- 11:46zu Hause in ihrem eigenen Leben los ist.
- 11:50Zurück nach Morsbach Ellingen zum
- 11:52Verkaufstermin bei der König
- 11:53Christkirche.
- 11:54Kirche ist wunderschön, sie ich will
- 11:56auch von den Dimension.
- 11:58Ist der Interessent aus Spanien noch
- 12:00interessiert oder gibt's gar schon eine
- 12:02Entscheidung?
- 12:03Nein, entscheidend. [gelächter]
- 12:06Das Herz rennt etwas voran, aber die
- 12:08Zahlen müssen auch stimmen. Dafür bin
- 12:09ich halt auch Kaufmann.
- 12:11Bis jetzt ist nichts unterschrieben, die
- 12:13Kirche also noch zu haben. Aber der
- 12:15Lehrstand muss nicht von Dauer sein.
- 12:17Schon viele Kirchen haben eine zweite
- 12:19Chance bekommen. Ja.
- 12:23[musik]
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