Warum Frankreich aktive Sterbehilfe legalisiert hat | Fokus Europa — Transcript
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- 0:00Der Wunsch nach selbstbestimmtem
- 0:02Sterben. Frankreich hat ein Gesetz
- 0:04verabschiedet, dass todkranken Patienten
- 0:06[musik] das Recht auf Sterbehilfe
- 0:08garantieren soll. Für Martinsmann
- 0:10Philipp kommt das zu spät. Nach Jahren
- 0:12schwerer Krankheit organisierte sie für
- 0:14ihn Sterbehilfe in Belgien.
- 0:18Als ich sicher war, dass es
- 0:19funktionieren würde, habe ich es meinem
- 0:21Mann gesagt.
- 0:25Er war unglaublich erleichtert.
- 0:27Doch andere sehen die neuen Regelungen
- 0:29kritisch.
- 0:31Dieses Gesetz wird es leichter machen,
- 0:34einfach aus Gründen der Bequemlichkeit
- 0:36das Leben eines anderen Menschen zu
- 0:38beenden.
- 0:41Führt die Sterbehilfe für schwer kranke
- 0:43zu mehr Selbstbestimmung oder wirgt sie
- 0:46unkalkulierbare Risiken?
- 0:53Wir sind in Frankreich in der Britannie,
- 0:55in der kleinen Stadt Lanon. Martin lebt
- 0:58noch immer in dem Haus, das sie und
- 0:59Philip für ihren Ruhestand gekauft
- 1:01hatten. Heute lebt sie dort allein,
- 1:04umgeben von Fotos, die sie an den Mann
- 1:06erinnern, dem sie mehr als 50 Jahre
- 1:08zusammen war, bis er im März starb.
- 1:13was es mit mir macht, dieses Bild
- 1:15anzuschauen.
- 1:16Es bricht mir das Herz, denn das ist der
- 1:19Mann, den ich immer geliebt habe. So
- 1:21erinnere ich mich an ihn, genauso mit
- 1:24seinen Hunden beim Spazier gehen im
- 1:25Wald. Das berührt mich sehr
- 1:29und ich werde ihn nie vergessen.
- 1:36Im Jahr 2015 wird bei Philip ein
- 1:39Hirntumor diagnostiziert. Er ist damals
- 1:4159 Jahre alt. Martin kennt ihn als
- 1:45aktiven sportlichen Mann. Doch Jahr für
- 1:47Jahr verschlechtert sich sein Zustand.
- 1:50Am Ende ist er auf Martin und mehrere
- 1:52Pflegekräfte angewiesen, um durch den
- 1:54Tag zu kommen.
- 1:57An dem Tag, an dem ihm klar wurde, dass
- 1:59er nie wieder laufen würde, sagte er zu
- 2:01mir: "Ich will so nicht weitermachen.
- 2:03Ich will mich umbringen. Ich will
- 2:04sterben. Wir hatten keine Waffe zu
- 2:06Hause, aber wenn wir eine gehabt hätten,
- 2:08ich hätte sie ihm gegeben. Weil es
- 2:10damals in Frankreich keine legalen
- 2:12Möglichkeiten zur aktiven Sterbehilfe
- 2:14gibt, sucht Martin jenseits der Grenze.
- 2:18Nach langer Recherche findet sie eine
- 2:19Organisation, die ausländischen
- 2:21Patientinnen und Patienten hilft, in
- 2:23Belgien Sterbehilfe zu beantragen.
- 2:25Sie haben gesagt, wir haben uns den Fall
- 2:27ihres Mannes angeschaut. Der ist ganz
- 2:29klar, er kann nach Belgien kommen. Als
- 2:32ich mir sicher war, habe ich es meinem
- 2:33Mann gesagt. Er war unglaublich
- 2:35erleichtert
- 2:39und er hat sich bei mir bedankt.
- 2:46Was für Philip zu spät kommt, könnte für
- 2:48andere in Frankreich nun möglich werden.
- 2:51Hier in Paris hat die
- 2:52Nationalversammlung nach monatelangem
- 2:54politischem Ring ein Gesetz zur
- 2:55Sterbehilfe verabschiedet. Doch es
- 2:58unterliegt strengen Regeln. Das Gesetz
- 3:01gilt nur für volljährige Franzosen mit
- 3:03einer unheilbaren Krankheit in einem
- 3:05fortgeschrittenen oder finalen Stadium.
- 3:07Sie müssen unerträgliche Schmerzen haben
- 3:10und ihren Sterbewunsch frei und klar
- 3:12äußern können. In den meisten Fällen
- 3:14sollen die Patienten die tödliche
- 3:16Substanz selbst einnehmen. Ärzte sollen
- 3:18sie nur dann verabreichen, wenn die
- 3:20Person körperlich zu schwach ist, um es
- 3:21selbst zu tun.
- 3:23In Frankreich sieht eine breite Mehrheit
- 3:25das neue Gesetz als Schritt hinrichtung
- 3:27Würde und Selbstbestimmung.
- 3:30Ich bin natürlich für das Gesetz, denn
- 3:32wir hatten so einen Fall schon in
- 3:33unserer eigenen Familie. Jemand war
- 3:35unheilbar krank und hat sehr gelitten.
- 3:39Jeder sollte selbst entscheiden können,
- 3:40wann er gehen möchte, aber natürlich
- 3:42braucht es Schutzmechanismen und strenge
- 3:44Bedingungen. Das darf nicht leichtfertig
- 3:47gemacht werden.
- 3:48Andere lehnen das Gesetz aus religiösen
- 3:50Gründen ab.
- 3:52Das Leben ist ein Geschenk. Wir dürfen
- 3:54es nicht einfach wegwerfen. Deshalb ist
- 3:57Sterbehilfe für mich ein sehr ernstes
- 3:59Thema. Es beginnt schleichend, aber es
- 4:01ist der erste Schritt in Richtung Mord.
- 4:05Für Gegner wie Lil Genoot und Nikola
- 4:07Dobrs geht die Debatte über die
- 4:09individuelle Freiheit hinaus. Ihr Fokus
- 4:11richtet sich darauf, wie die
- 4:12Gesellschaft mit Menschen umgeht, die
- 4:14krank, alt oder behindert sind und ob
- 4:17manches Leben dadurch als weniger
- 4:18lebenswert angesehen wird. Es [räuspern]
- 4:20ist diese Annahme, dass eine Behinderung
- 4:22gleichzeitig Verfall bedeutet und das
- 4:24Suizid dann die logische Konsequenz ist.
- 4:27Als Mensch mit Behinderung haben mir
- 4:28Fremde auf der Straße schon gesagt, ich
- 4:30sle mich umbringen. Und das ist kein
- 4:32Einzelfall. Es zeigt, wie in unserer
- 4:34Gesellschaft auf Menschen mit
- 4:36Behinderung herabgeschaut wird.
- 4:39Sie fordern, dass Frankreich vor allem
- 4:40sicherstellen müsse, dass Menschen die
- 4:42palliative Versorgung bekommen, die sie
- 4:44brauchen.
- 4:47Bevor wir für ein Recht auf Sterbehilfe
- 4:48kämpfen, sollten wir zuerst dafür
- 4:50kämpfen, dass alle Patientinnen und
- 4:52Patienten Zugang zu guter medizinischer
- 4:54Versorgung haben. Jede Form von
- 4:56Unterstützung, die ihnen hilft, den
- 4:58Schock einer Krankheit zu bewältigen.
- 5:00[räuspern]
- 5:02Die Aktivisten kritisieren, dass das
- 5:03Gesetz Sterbehilfe nicht nur für
- 5:05Menschen, die todkrank sind, ermöglicht,
- 5:08sondern auch für Patienten in einem
- 5:09fortgeschrittenen Krankheitsstadium.
- 5:12Sobald das Gesetz den Begriff
- 5:13fortgeschrittenes Stadium enthält,
- 5:15könnten auch die Menschen Zugang
- 5:17bekommen, die noch nicht vor dem Tod
- 5:19stehen.
- 5:21Im Belgischen Lüttig arbeitet Professor
- 5:23François Damas am städtischen
- 5:25Krankenhaus. Er hat bereits hunderten
- 5:27Patienten geholfen, Sterbehilfe in
- 5:29Anspruch zu nehmen, darunter auch
- 5:31schwerkranker aus Frankreich wie Martins
- 5:33Mann Philip.
- 5:35Das Gesetz ist ein Schritt in die
- 5:36richtige Richtung. Es gibt Patientinnen
- 5:38und Patienten mehr Freiheit, selbst zu
- 5:40entscheiden, wie sie sterben wollen,
- 5:42wenn sie mit einer schweren und
- 5:44unheilbaren Krankheit konfrontiert sind.
- 5:46Das ist für mich der größte Fortschritt,
- 5:48dass wir jetzt offen über das Lebensende
- 5:51über den Tod sprechen können. Das Gesetz
- 5:53hat diesen Dialog überhaupt erst möglich
- 5:55gemacht.
- 5:57Er hofft, dass Patienten aus Frankreich
- 5:59künftig nicht mehr nach Belgien reisen
- 6:01müssen und er weist die Sorge zurück,
- 6:03dass legalisierte Sterbehilfe
- 6:04automatisch zum Missbrauch führt.
- 6:07Zu glauben, es gäbe dadurch einen
- 6:09schleichenden Automatismus, eine Ebene,
- 6:11auf der aktive Sterbehilfe normalisiert
- 6:13und leichtwertig durchgeführt wird. Das
- 6:15stimmt einfach nicht, denn die
- 6:17Entscheidung liegt bei den Patienten im
- 6:19Kreis der Familie. Das ist eine große
- 6:21Hürde und es gibt außerdem weitere
- 6:23Schutzmechanismen.
- 6:29Zurück in Lagon. Hier bewahren Martin
- 6:31und ihre Familie die Erinnerung an
- 6:33Philipp. Sie sind dankbar für die Zeit,
- 6:36die sie gemeinsam hatten bis zu ihrem
- 6:38letzten Moment im Krankenhauszimmer in
- 6:40Belgien.
- 6:45Wir sollten nicht darüber urteilen, wie
- 6:46andere Menschen mit Leid am Lebensende
- 6:48umgehen. Manche wollen bis ganz zum
- 6:50Schluss weitermachen. Selbst durch
- 6:51extreme Schmerzen gehen. Davor habe ich
- 6:53großen Respekt. Aber andere können
- 6:55dieses Leid nicht mehr ertragen. Sie
- 6:57sollten das Recht haben, selbst zu
- 6:58entscheiden, wann sie gehen.
- 7:02Martin sagt, Philipp zu helfen war eine
- 7:04der schwersten Erfahrungen ihres Lebens.
- 7:07Aber sie glaubt, er hätte sein eigenes
- 7:09Land nicht verlassen müssen, um
- 7:11selbstbestimmt [musik] sterben zu
- 7:13dürfen. M.
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