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telc C1 | telc Prüfung Deutsch C1 | Hören 1-3 mit Lösung — Transcript

by Deutschprüfungen - German Tests and Grammar · 3,732 words · 790 segments · language en · Watch on YouTube

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  1. 0:00Telk Deutsch C1
  2. 0:05hören Teil 1 Sie hören acht Personen,
  3. 0:08die ihre Meinung zum Thema die vier Tage
  4. 0:11Woche äußern. Lesen Sie zuerst die
  5. 0:14Aussagen A bis J. Entscheiden Sie beim
  6. 0:17Hören, welche Aussage zu welcher Person
  7. 0:20passt. Tragen Sie Ihre Lösungen bei den
  8. 0:22Aufgaben 1 bis 8 ein. Jede Aussage kann
  9. 0:26nur einmal verwendet werden. Zwei
  10. 0:29Aussagen bleiben übrig. Sie hören die
  11. 0:32Aussagen nur einmal.
  12. 1:05Person 1,
  13. 1:12wenn Von der vier Tagewoche die Rede
  14. 1:14ist, wird häufig der Eindruck
  15. 1:16vermittelt, die Beschäftigten bekämen
  16. 1:18einfach einen zusätzlichen freien Tag
  17. 1:20und alles andere bleibe unverändert.
  18. 1:23Genau darin sehe ich das Problem. In
  19. 1:26vielen Unternehmen werden Aufgaben nicht
  20. 1:28reduziert, sondern lediglich auf weniger
  21. 1:30Tage verteilt. Die Folge ist, dass
  22. 1:33Besprechungen enger getaktet werden,
  23. 1:35Pausen ausfallen und die Beschäftigten
  24. 1:37ständig das Gefühl haben, einen
  25. 1:39Rückstand aufholen zu müssen. Formal
  26. 1:42sinkt zwar die Zahl der Arbeitstage,
  27. 1:44tatsächlich steigt aber der
  28. 1:45Leistungsdruck.
  29. 1:47Für mich ist deshalb nicht entscheidend,
  30. 1:49wie viele Tage jemand im Büro verbringt,
  31. 1:51sondern ob sich auch der Umfang der
  32. 1:53Erwartungen verändert.
  33. 1:55Ohne realistische Anpassung der
  34. 1:57Arbeitsmenge kann ein vermeintlich
  35. 1:59fortschrittliches Modell sogar zu
  36. 2:01zusätzlichem Stress führen.
  37. 2:13Person 2.
  38. 2:20Die Diskussion wird meistens aus der
  39. 2:22Sicht einzelner Unternehmen geführt.
  40. 2:24Steigt die Produktivität, bleiben die
  41. 2:26Personalkosten stabil, das greift meines
  42. 2:29Erachtens zu kurz. Menschen, die
  43. 2:32mehrfreie Zeit haben, engagieren sich
  44. 2:34möglicherweise stärker in Vereinen,
  45. 2:36kümmern sich um Angehörige oder
  46. 2:38beteiligen sich an lokalen Projekten.
  47. 2:41Auch die gesundheitlichen Auswirkungen
  48. 2:43sollte man nicht unterschätzen. Wenn
  49. 2:45Beschäftigte seltener aufgrund von
  50. 2:47Überlastung ausfallen, entlastet das
  51. 2:49nicht nur die Betriebe, sondern
  52. 2:51langfristig auch das Gesundheitssystem.
  53. 2:54Natürlich lassen sich solche Folgen nur
  54. 2:55schwer in kurzfristigen
  55. 2:57Unternehmensbilanzen abbilden. Trotzdem
  56. 3:00sollten wir die vier Tagewoche nicht
  57. 3:01ausschließlich als
  58. 3:02betriebswirtschaftliches Instrument
  59. 3:04betrachten. Sie könnte gesellschaftliche
  60. 3:06Strukturen verändern, wenn Menschen mehr
  61. 3:09Zeit für Aufgaben hätten, die zwar
  62. 3:11unverzichtbar sind, aber nicht bezahlt
  63. 3:13werden.
  64. 3:25Person 3.
  65. 3:31Wir erleben derzeit, dass gut
  66. 3:33ausgebildete Fachkräfte deutlich höhere
  67. 3:36Ansprüche an ihre Arbeitgeber stellen
  68. 3:37als noch vor einigen Jahren. Ein
  69. 3:39attraktives Gehalt allein genügt vielen
  70. 3:42nicht mehr. Sie achten stärker darauf,
  71. 3:44wie viel Kontrolle sie über ihre
  72. 3:46Arbeitszeit haben und ob sich berufliche
  73. 3:48Anforderungen mit ihrem Privatleben
  74. 3:50vereinbaren lassen. Unternehmen, die
  75. 3:52hier keine überzeugenden Lösungen
  76. 3:54anbieten, verlieren Bewerberinnen und
  77. 3:56Bewerber an die Konkurrenz.
  78. 3:59Die Viertage Woche ist sicher nicht für
  79. 4:01jeden Betrieb das richtige Modell. Sie
  80. 4:03kann aber ein deutliches Signal sein,
  81. 4:05dass ein Arbeitgeber moderne
  82. 4:07Arbeitsbedingungen ernst nimmt. Gerade
  83. 4:09kleinere Unternehmen, die finanziell
  84. 4:11nicht mit großen Konzernen konkurrieren
  85. 4:13können, erhalten dadurch möglicherweise
  86. 4:15einen Vorteil bei der Personalgewinnung
  87. 4:17und können Beschäftigte langfristiger an
  88. 4:19sich binden.
  89. 4:31Person viel.
  90. 4:38Die bloße Streichung eines Arbeitstages
  91. 4:40reicht nicht aus. Wenn dieselben
  92. 4:42Entscheidungswege,
  93. 4:43Besprechungsstrukturen und
  94. 4:45Zuständigkeiten bestehen bleiben,
  95. 4:47entsteht zwangsläufig Zeitdruck. Vor
  96. 4:50einer Arbeitszeitverkürzung müsste daher
  97. 4:52genau untersucht werden, welche
  98. 4:54Tätigkeiten tatsächlich notwendig sind
  99. 4:56und welche Prozesse nur deshalb
  100. 4:58fortgeführt werden, weil niemand sie
  101. 5:00bisher in Frage gestellt hat. In unserem
  102. 5:03Unternehmen haben wir beispielsweise
  103. 5:04zahlreiche interne Abstimmungen
  104. 5:06abgeschafft und Verantwortlichkeiten
  105. 5:08klarer verteilt. Erst danach ließ sich
  106. 5:11die Wochenarbeitszeit reduzieren, ohne
  107. 5:13dass die Qualität unserer Arbeit sank.
  108. 5:16Die Vier Tagewoche ist aus meiner Sicht
  109. 5:18also weniger ein Arbeitszeitmodell als
  110. 5:20ein Anlass die gesamte Organisation zu
  111. 5:23überprüfen. Wer sie einführt ohne
  112. 5:25ineffiziente Abläufe zu verändern, wird
  113. 5:27vermutlich enttäuscht sein.
  114. 5:40Person 5.
  115. 5:46Bei der Debatte wird oft übersehen, dass
  116. 5:49unbezahlte Sorgearbeit
  117. 5:51überwiegend von Frauen übernommen wird.
  118. 5:54Eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit
  119. 5:56könnte hier durchaus etwas verändern,
  120. 5:58allerdings nicht automatisch. Ein
  121. 6:01zusätzlicher freier Tag führt nicht
  122. 6:03zwangsläufig dazu, daß Männer mehr
  123. 6:05Verantwortung im Haushalt oder bei der
  124. 6:06Kinderbetreuung übernehmen. Entscheidend
  125. 6:09wäre, dass beide Partner ihre
  126. 6:11Arbeitszeit reduzieren und die
  127. 6:13freigewordene Zeit tatsächlich gemeinsam
  128. 6:15neu verteilen. Unter dieser
  129. 6:17Voraussetzung könnte die Viertagewoche
  130. 6:19traditionelle Rollenmodelle aufbrechen.
  131. 6:22Sie würde es beiden Elternteilen
  132. 6:23erleichtern, berufstätig zu bleiben und
  133. 6:26sich gleichzeitig stärker am
  134. 6:27Familienleben zu beteiligen. Das Modell
  135. 6:30sollte deshalb nicht nur als
  136. 6:31Freizeitgewinn verstanden werden,
  137. 6:33sondern auch als mögliche Maßnahme für
  138. 6:36mehr Gleichberechtigung.
  139. 6:48Person 6.
  140. 6:52Ich
  141. 6:55halte wenig davon, ein einheitliches
  142. 6:58Modell gesetzlich für sämtliche Branchen
  143. 7:01vorzuschreiben.
  144. 7:02Die Voraussetzungen unterscheiden sich
  145. 7:04dafür viel zu stark. Was in einer
  146. 7:06Softwarefirma problemlos möglich ist,
  147. 7:09kann in einem Pflegeheim, einem Hotel
  148. 7:11oder einem Produktionsbetrieb erhebliche
  149. 7:14organisatorische Schwierigkeiten
  150. 7:15verursachen.
  151. 7:17Daraus folgt jedoch nicht, dass man die
  152. 7:19Idee grundsätzlich ablehnen sollte.
  153. 7:22Sinnvoll wären viel mehr zeitlich
  154. 7:23begrenzte Modellversuche, bei denen
  155. 7:25Unternehmen unterschiedliche Varianten
  156. 7:27testen können. Dabei müssten
  157. 7:30Arbeitsbelastung, Krankenstand,
  158. 7:32Produktivität und Zufriedenheit
  159. 7:34systematisch erfasst werden. Auf dieser
  160. 7:37Grundlage ließe sich anschließend
  161. 7:38beurteilen, unter welchen Bedingungen
  162. 7:40die Viertagewoche funktioniert.
  163. 7:43Statt vorschneller gesetzlicher Vorgaben
  164. 7:46brauchen wir zunächst belastbare
  165. 7:47Erfahrungen aus möglichst
  166. 7:49unterschiedlichen Arbeitsbereichen.
  167. 8:02Person 7.
  168. 8:08Aus der Perspektive der Beschäftigten
  169. 8:10ist ein zusätzlicher freier Tag
  170. 8:12natürlich attraktiv. Unternehmen müssen
  171. 8:15jedoch auch berücksichtigen, wann ihre
  172. 8:17Dienstleistungen tatsächlich benötigt
  173. 8:19werden. Wenn eine Behörde, eine
  174. 8:21Arztpraxis oder ein technischer
  175. 8:23Kundendienst freitags vollständig
  176. 8:25geschlossen bleibt, entstehen für viele
  177. 8:27Menschen erhebliche Nachteile. Eine
  178. 8:30Viertagewoche darf deshalb nicht
  179. 8:32automatisch bedeuten, dass der gesamte
  180. 8:34Betrieb an einem bestimmten Tag stillt.
  181. 8:37Denkbar wären versetzte freie Tage oder
  182. 8:39wechselnde Teams, sodass die
  183. 8:41Erreichbarkeit erhalten bleibt. Das
  184. 8:43setzt allerdings eine sorgfältige
  185. 8:45Personalplanung voraus. Ein
  186. 8:47Arbeitszeitmodell kann nur dann
  187. 8:48dauerhaft erfolgreich sein, wenn nicht
  188. 8:50nur die Interessen der Belegschaft,
  189. 8:52sondern auch die Erwartungen derjenigen
  190. 8:54berücksichtigt werden, die auf die
  191. 8:56angebotenen Leistungen angewiesen sind.
  192. 9:09Person 8.
  193. 9:16In unserem Betrieb wurde die Arbeitszeit
  194. 9:18versuchsweise reduziert, ohne die
  195. 9:20Gehälter zu senken. Anfangs waren viele
  196. 9:23skeptisch und ging davon aus, dass
  197. 9:25dadurch zwangsläufig weniger geleistet
  198. 9:27würde. Tatsächlich zeigte sich jedoch,
  199. 9:29dass die Beschäftigten konzentrierter
  200. 9:31arbeiteten und Aufgaben schneller
  201. 9:33abschlossen. Unnötige Besprechungen
  202. 9:36wurden gekürzt, E-Mails präziser
  203. 9:38formuliert und Unterbrechungen stärker
  204. 9:40vermieden. Die Ergebnisse blieben nicht
  205. 9:42nur stabil, sondern verbesserten sich
  206. 9:44teilweise sogar. Natürlich lässt sich
  207. 9:47diese Erfahrung nicht ohne weiteres auf
  208. 9:49jede Branche übertragen. Sie zeigt aber,
  209. 9:51dass lange Anwesenheit nicht automatisch
  210. 9:54mit hoher Leistung gleichzusetzen ist.
  211. 9:56Wenn Beschäftigte ausgeruhter sind und
  212. 9:58ihre Arbeitszeit bewusster nutzen, kann
  213. 10:00ein Betrieb trotz weniger geleisteter
  214. 10:02Stunden wirtschaftlich erfolgreich
  215. 10:04bleiben. M.
  216. 11:15Hören Teil 2. Sie hören ein
  217. 11:19Radiointerview.
  218. 11:20Lesen Sie zuerst die Aufgaben 55 bis 64.
  219. 11:25Entscheiden Sie beim Hören, welche
  220. 11:27Lösung A, B oder C richtig ist. Sie
  221. 11:32hören den Text nur einmal.
  222. 13:43Die Viertagwoche gilt wahlweise als
  223. 13:46Zukunftsmodell, als teures Privileg oder
  224. 13:49als geschicktes Personalmarketing.
  225. 13:52Was davon stimmt, lässt sich kaum
  226. 13:54allgemein beantworten. Zu Gast sind
  227. 13:57heute Jana Keller, Geschäftsführerin
  228. 13:59eines mittelständischen Unternehmens für
  229. 14:01Gebäudetechnik und Professor Martin
  230. 14:04Seidel, Arbeitssoziologe an der
  231. 14:06Universität Bremen. Frau Keller, ihr
  232. 14:09Unternehmen hat eine Viertagewoche
  233. 14:11getestet. War das eine Reaktion auf
  234. 14:14Forderungen aus der Belegschaft?
  235. 14:16Nicht unmittelbar. Natürlich gab es
  236. 14:19Kolleginnen und Kollegen, die sich
  237. 14:20kürzere Arbeitszeiten gewünscht haben.
  238. 14:23Der eigentliche Anstoß kam aber aus
  239. 14:25einer anderen Richtung. Wir hatten
  240. 14:27zunehmend Schwierigkeiten, erfahrene
  241. 14:30Fachkräfte zu halten. Einige wechselten
  242. 14:32nicht wegen eines höheren Gehalts,
  243. 14:34sondern weil andere Arbeitgeber
  244. 14:36flexiblere Modelle anboten. Uns wurde
  245. 14:39klar, dass wir über Arbeitsorganisation
  246. 14:41sprechen mussten, nicht nur über
  247. 14:43Vergütung. Die Viertagewoche war deshalb
  248. 14:45zunächst eine strategische Frage. Können
  249. 14:48wir als mittelständisches Unternehmen
  250. 14:50attraktiver werden, ohne unsere
  251. 14:52wirtschaftliche Stabilität zu gefährden?
  252. 14:55Sie haben das Modell aber nicht sofort
  253. 14:57im gesamten Betrieb eingeführt.
  254. 14:59Nein, wir haben zuerst drei Monate lang
  255. 15:02untersucht, wo Zeit verloren geht. Dabei
  256. 15:05zeigte sich, dass manche Teams mehr Zeit
  257. 15:07mit Abstimmung als mit ihrer
  258. 15:08eigentlichen Arbeit verbrachten. Es gab
  259. 15:10doppelte Dokumentationen, unnötig lange
  260. 15:13Sitzungen und unklare Übergaben zwischen
  261. 15:15Planung, Außendienst und Kundenservice.
  262. 15:18Hätten wir einfach einen Arbeitstag
  263. 15:20gestrichen, wäre der Druck vermutlich
  264. 15:22gestiegen. Deshalb haben wir Prozesse
  265. 15:25verändert, bevor wir die Arbeitszeit
  266. 15:26reduziert haben. Erst danach begann ein
  267. 15:29sechsmatiger Versuch mit zwei
  268. 15:31Abteilungen. Wie sah das Modell konkret
  269. 15:34aus? Die Beschäftigten arbeiteten 32
  270. 15:38statt 40 Stunden bei unverändert
  271. 15:41Monatsgehalt. Allerdings hatten nicht
  272. 15:43alle freitagsfrei. In der technischen
  273. 15:46Hotline und im Kundendienst wurden die
  274. 15:48freien Tage versetzt genommen, damit wir
  275. 15:50von Montag bis Freitag erreichbar
  276. 15:52blieben. In der Planungsabteilung war
  277. 15:55ein gemeinsamer freier Freitag eher
  278. 15:56möglich. Wichtig war uns außerdem, daß
  279. 15:59der Versuch nicht stillschweigend zu
  280. 16:01unbezahlter Meerarbeit führte. Deshalb
  281. 16:04wurden E-Mails außerhalb der Arbeitszeit
  282. 16:06nicht erwartet und Zugriffe auf interne
  283. 16:09Systeme am freien Tag nur in echten
  284. 16:11Notfällen erlaubt. Das klingt sehr
  285. 16:14kontrolliert. Waren die Ergebnisse
  286. 16:17eindeutig positiv? So einfach war es
  287. 16:20nicht. Nach den ersten acht Wochen stieg
  288. 16:23die gemessene Produktivität deutlich.
  289. 16:26Das sah beeindruckend aus.
  290. 16:27Aber wir waren vorsichtig. Zum einen
  291. 16:30waren die beteiligten Teams besonders
  292. 16:32motiviert, weil sie wussten, dass das
  293. 16:34Modell beobachtet wurde. Zum anderen
  294. 16:37liefen in dieser Phase mehrere Projekte
  295. 16:39ungewöhnlich reibungslos.
  296. 16:41Nach vier Monaten normalisierten sich
  297. 16:43die Werte. Am Ende lagen wir leicht über
  298. 16:46dem früheren Niveau, aber nicht
  299. 16:48spektakulär.
  300. 16:49Wichtiger war, dass die Vielzeiten
  301. 16:51zurückgingen und wir zwei offene Stellen
  302. 16:53schneller besetzen konnten. Gab es auch
  303. 16:56negative Rückmeldung? Ja, einige
  304. 16:59Beschäftigte sagten, die vier
  305. 17:01Arbeitstage fühlten sich wie ein
  306. 17:03Dauerlauf an. Sie arbeiteten
  307. 17:05konzentrierter, aber Pausen gerieten
  308. 17:07leichter unter Druck. Besonders
  309. 17:09problematisch war das bei ungeplanten
  310. 17:11Störungen, etwa wenn ein Großkunde
  311. 17:14kurzfristig Änderungen verlangte. In
  312. 17:16solchen Wochen entstand schnell der
  313. 17:18Eindruck, man müsse fünf Tage Arbeit in
  314. 17:20vier Tagen erledigen. Wir haben darauf
  315. 17:23reagiert, indem wir Prioritäten klarer
  316. 17:25festlegten und bestimmte Aufgaben
  317. 17:27tatsächlich strichen. Das war zunächst
  318. 17:30ungewohnt, weil Organisationen gern so
  319. 17:33tun, als sei alles gleichwichtig.
  320. 17:35Herr Professor Seidel, ist genau das der
  321. 17:38kritische Punkt?
  322. 17:40Ja, die Viertagwoche wird oft als reine
  323. 17:43Zeitfrage behandelt. Tatsächlich ist sie
  324. 17:46eine Frage der Leistungserwartung.
  325. 17:48Wenn die Sollarbeitszeit sinkt, die
  326. 17:51Aufgabenmenge aber unverändert bleibt,
  327. 17:53entsteht Arbeitsverdichtung.
  328. 17:55Das kann kurzfristig funktionieren, weil
  329. 17:58Menschen effizienter werden und unnötige
  330. 18:00Tätigkeiten vermeiden. Langfristig
  331. 18:02drohen jedoch Erschöpfung und informelle
  332. 18:05Meerarbeit. Man muss also unterscheiden
  333. 18:07zwischen einer echten
  334. 18:08Arbeitszeitverkürzung und der bloßen
  335. 18:11Kompression derselben Arbeit.
  336. 18:13Viele Unternehmen berichten dennoch von
  337. 18:15Produktivitätsgewinnen.
  338. 18:17Sind die entsprechenden Studien nicht
  339. 18:19überzeugend?
  340. 18:20Sie sind interessant, aber man sollte
  341. 18:23sie nicht überinterpretieren.
  342. 18:26Häufig nehmen Unternehmen freiwillig
  343. 18:28teil, die ohnehin offen für Veränderung
  344. 18:30sind. Das ist keine zufällige Auswahl.
  345. 18:33Außerdem gibt es einen sogenannten
  346. 18:35Neuigkeitseffekt.
  347. 18:37Beschäftigte und Führungskräfte strengen
  348. 18:39sich während eines Pilotprojekts
  349. 18:41besonders an.
  350. 18:42Manche Untersuchungen laufen nur wenige
  351. 18:44Monate. Das reicht, um erste Tendenzen
  352. 18:47zu erkennen, aber nicht immer um
  353. 18:50langfristige Folgen zu beurteilen.
  354. 18:52Aussagekräftiger sind Studien, die auch
  355. 18:54Arbeitsintensität,
  356. 18:56Überstunden, Personalfluktuation und
  357. 18:58Kundenzufriedenheit erfassen.
  358. 19:00Heißt das, das Modell eignet sich
  359. 19:02letztlich nur für Bürojobs?
  360. 19:05Nein, aber die Bedingungen unterscheiden
  361. 19:08sich erheblich. In einem
  362. 19:10Softwareunternehmen kann man vielleicht
  363. 19:11Sitzungen kürzen und Prozesse
  364. 19:13automatisieren. In einem Pflegeheim oder
  365. 19:16im Einzelhandel muss zu bestimmten
  366. 19:19Zeiten Personalanwesend sein. Dort führt
  367. 19:22eine kürzere individuelle Arbeitszeit
  368. 19:24oft zu zusätzlichem Personalbedarf.
  369. 19:27Das kann sinnvoll sein, kostet aber
  370. 19:29Geld. Deshalb ist die Debatte manchmal
  371. 19:32unehrlich. Man diskutiert über
  372. 19:34Produktivität, obwohl es in manchen
  373. 19:36Branchen vor allem um Finanzierung und
  374. 19:39Personalbemessung geht.
  375. 19:40Frau Keller, wie haben Ihre Kundinnen
  376. 19:43und Kunden reagiert?
  377. 19:45Die meisten haben zunächst gar nichts
  378. 19:47bemerkt und das war durchaus
  379. 19:49beabsichtigt. Unsere Erreichbarkeit
  380. 19:51blieb gleich. Einige Kunden fanden das
  381. 19:54Modell interessant, andere waren
  382. 19:56skeptisch und fragten, ob Projekte nun
  383. 19:59länger dauerten. In zwei Fällen mussten
  384. 20:01wir Termine neu verhandeln, weil ein
  385. 20:03Auftrag kurzfristig ausgeweitet wurde.
  386. 20:06Insgesamt gab es aber keine
  387. 20:07systematischen Beschwerden. Entscheidend
  388. 20:10war, dass nicht der gesamte Betrieb an
  389. 20:12einem Tag geschlossen war. Gab es
  390. 20:14während des Versuchs besondere Regeln
  391. 20:16für die Führungskräfte? Ja, und das war
  392. 20:19wichtiger als wir zunächst dachten.
  393. 20:22Einige Vorgesetzte neigten dazu, die
  394. 20:24gewonnene Zeit sofort mit neuen
  395. 20:26Projekten zu füllen. Wir mussten
  396. 20:28ausdrücklich vereinbaren, dass nicht
  397. 20:30jede freiwerdende Stunde wieder verplant
  398. 20:32wird. Außerdem wurden Besprechungen auf
  399. 20:3530 oder 45 Minuten begrenzt und sollten
  400. 20:38nur stattfinden, wenn tatsächlich eine
  401. 20:40Entscheidung nötig war. Trotzdem wäre es
  402. 20:43falsch zu behaupten, wir hätten
  403. 20:44sämtliche Effizienzreserven entdeckt.
  404. 20:47Manche Aufgaben lassen sich
  405. 20:48beschleunigen, andere eben nicht. Eine
  406. 20:51sorgfältige technische Prüfung dauert so
  407. 20:53lange, wie sie dauert.
  408. 20:55Kritiker sagen, bei vollem Lohnausgleich
  409. 20:58bezahlten letztlich die Kunden oder die
  410. 21:01verbliebenen Beschäftigten den freien
  411. 21:02Tag. Diese Gefahr besteht, wenn ein
  412. 21:05Unternehmen die Kosten einfach
  413. 21:07weitergibt oder fehlendes Personal nicht
  414. 21:09ersetzt. Bei uns stiegen die Preise
  415. 21:12während des Versuchs nicht stärker als
  416. 21:13zuvor. Allerdings haben wir auch nicht
  417. 21:16behauptet, das Modell sei kostenlos. Die
  418. 21:18Umstellung erforderte Schulungen, neue
  419. 21:20Software und zusätzliche Planung. Einen
  420. 21:24Teil dieser Kosten haben wir durch eine
  421. 21:26geringere Personalfluktuation
  422. 21:27ausgeglichen. Eine einzige dauerhaft
  423. 21:30unbesetzte Fachstelle kann schließlich
  424. 21:32teurer sein als eine organisatorische
  425. 21:34Reform. Oft wird die vier Tagewoche auch
  426. 21:37als Beitrag zur Gleichstellung
  427. 21:38dargestellt. Teilen Sie diese
  428. 21:40Einschätzung, Herr Seidel?
  429. 21:42Nur mit Einschränkungen.
  430. 21:44Mehr freie Zeit kann die Verteilung von
  431. 21:47Sorgearbeit verändern, aber sie tut es
  432. 21:50nicht automatisch. Wenn nur eine Person
  433. 21:53im Haushalt kürzer arbeitet und diese
  434. 21:55Person ohnehin den größeren Teil der
  435. 21:57Familienarbeit übernimmt, kann sich die
  436. 21:59Ungleichheit sogar verstärken.
  437. 22:01Positive Effekte sind wahrscheinlicher,
  438. 22:03wenn beide Partner ihrer Arbeitszeit
  439. 22:05reduzieren und wenn Kinderbetreuung
  440. 22:08sowie Pflegeangebote verlässlich sind.
  441. 22:11Arbeitszeitpolitik ersetzt keine
  442. 22:13Familien und Sozialpolitik.
  443. 22:15Und wie war es bei Ihnen im Unternehmen?
  444. 22:18Wir haben unterschiedliche Rückmeldungen
  445. 22:20bekommen. Manche Eltern nutzten den
  446. 22:22freien Tag tatsächlich für die
  447. 22:24Kinderbetreuung. Andere sagten
  448. 22:26ausdrücklich, sie wollten ihn nicht zu
  449. 22:28einem zusätzlichen Familientag machen,
  450. 22:31sondern zur Erholung nutzen. Das sollte
  451. 22:33man respektieren. Ein Unternehmen kann
  452. 22:36Freiräume schaffen, aber es sollte den
  453. 22:38Beschäftigten nicht vorschreiben, wie
  454. 22:40sie diese moralisch richtig verwenden.
  455. 22:43Nach dem Pilotprojekt haben sie das
  456. 22:45Modell nicht eins zu eins übernommen.
  457. 22:47Warum?
  458. 22:48Weil die Abteilungen sehr
  459. 22:50unterschiedliche Anforderungen haben.
  460. 22:53Die Planungsabteilung arbeitet weiterhin
  461. 22:55überwiegend vier Tage. Im Außendienst
  462. 22:58gibt es flexiblere Wochenkonten, weil
  463. 23:00Baustellen und Kundentermine schwanken.
  464. 23:03Der Kundendienst arbeitet mit versetzten
  465. 23:05freien Tagen. Wir haben also kein
  466. 23:07einheitliches Etikett, sondern mehrere
  467. 23:10Varianten. Das ist weniger werbewirksam,
  468. 23:13aber realistischer. Was würden Sie einem
  469. 23:16Unternehmen raten, das morgen mit einer
  470. 23:19Viertage Woche beginnen möchte? Nicht
  471. 23:21morgen beginnen. Zuerst sollte es
  472. 23:23klären, welches Problem es lösen will.
  473. 23:26Geht es um Fachkräfte, Gesundheit,
  474. 23:28Produktivität oder etwas anderes. Dann
  475. 23:32müssen die Arbeitsprozesse überprüft und
  476. 23:34messbare Kriterien festgelegt werden.
  477. 23:37Ein Pilotprojekt sollte lange genug
  478. 23:39dauern, damit die erste Begeisterung
  479. 23:41nachlässt. Und die Beschäftigten müssen
  480. 23:44ehrlich sagen können, wenn der Druck
  481. 23:45steigt, ohne deshalb als Gegner des
  482. 23:47Modells zu gelten.
  483. 23:49Dem würde ich zustimmen. Die
  484. 23:51Viertagewoche ist weder ein
  485. 23:53Allheilmittel noch bloß eine Mode. Sie
  486. 23:56kann gute Ergebnisse bringen, wenn
  487. 23:58Arbeitsmenge, Personal,
  488. 24:00Kundenanforderungen und Finanzierung
  489. 24:02zusammengedacht werden. Wer nur einen
  490. 24:05Tag aus dem Kalender streicht, verändert
  491. 24:07noch keine Arbeit.
  492. 24:21hören Teil 3. Sie hören einen Vortrag.
  493. 24:25Sie hören den Vortrag nur einmal. Sie
  494. 24:28haben einen Handzettel mit den Folien
  495. 24:30der Präsentation erhalten. Schreiben Sie
  496. 24:32die fehlenden Informationen
  497. 24:34stichwortartig in die freien Zeilen
  498. 24:38bis 74. Die Lösung null ist ein
  499. 24:41Beispiel. Lesen Sie jetzt die
  500. 24:43Stichworte. Sie haben dazu eine Minute
  501. 24:46Zeit.
  502. 25:20Meine Damen und Herren, herzlich
  503. 25:22willkommen zu unserer Vortragsreihe die
  504. 25:24Stadt von morgen. Wenn über die
  505. 25:27Anpassung unserer Städte an dem
  506. 25:28Klimawandel gesprochen wird, stehen
  507. 25:31häufig technische Lösungen im
  508. 25:32Mittelpunkt. Helle Fassaden, neue
  509. 25:35Belüftungssysteme oder besonders
  510. 25:37widerstandsfähige Straßenbeläge.
  511. 25:40Unsere heutige Referentin vertritt
  512. 25:41dagegen die Auffassung, dass wir eine
  513. 25:43der wirksamsten Infrastrukturen längst
  514. 25:46kennen, den Baum. Dr. Miriam Lorenz ist
  515. 25:50Stadtökologin und berätt Kommunen bei
  516. 25:52der klimaangepassten Gestaltung
  517. 25:55öffentlicher Räume. Ihr Vortrag trägt
  518. 25:57den Titel Stadtbäume, Infrastruktur stad
  519. 26:01Dekoration.
  520. 26:03Frau Dr. Lorenz, ich freue mich auf
  521. 26:05Ihren Vortrag.
  522. 26:06Vielen Dank für die freundliche
  523. 26:08Einführung. Meine Damen und Herren,
  524. 26:11beginnen möchte ich mit einem Beispiel,
  525. 26:13das auf den ersten Blick ziemlich
  526. 26:15unspektakulär wirkt. Vor einigen Jahren
  527. 26:18wurde der Schulhof einer Grundschule neu
  528. 26:20gestaltet. Ursprünglich bestand er fast
  529. 26:23vollständig aus Asphalt. Im Sommer
  530. 26:26heizte sich die Fläche so stark auf,
  531. 26:28dass sich die Kinder während der Pausen
  532. 26:30überwiegend an den schmalen
  533. 26:31Schattenstreifen entlang des Gebäudes
  534. 26:33aufhielten. Die Mitte des Schulhofs
  535. 26:36blieb praktisch ungenutzt. Bei der
  536. 26:38Neugestaltung wurden Teile des Bodens
  537. 26:40entsiegelt und mehrere größere Bäume
  538. 26:43gepflanzt. Heute nutzen die Kinder
  539. 26:46wieder den gesamten Schulhof.
  540. 26:48Interessant ist dabei, dass nicht allein
  541. 26:50der Schatten entscheidend ist. Bäume
  542. 26:53geben über ihre Blätter Wasser an die
  543. 26:55Umgebung ab. Bei diesem
  544. 26:57Verdunstungsprozess wird Wärme
  545. 26:59verbraucht. Baumkronen schützen also
  546. 27:02einerseits vor direkter
  547. 27:03Sonneneinstrahlung und kühlen
  548. 27:05andererseits die umgebende Luft durch
  549. 27:07Verdunstung. Beide Prozesse zusammen
  550. 27:10können die Hitzebelastung eines
  551. 27:12Aufenthaltsortes spürbar reduzieren. Wir
  552. 27:15sollten Stadtbäume deshalb nicht nur als
  553. 27:17Schmuck betrachten. Sie sind Teil der
  554. 27:20städtischen Infrastruktur, ebenso wie
  555. 27:22Wege, Abwasserleitungen oder öffentliche
  556. 27:25Verkehrsmittel. Sie verbessern die
  557. 27:28Aufenthaltsqualität,
  558. 27:29halten einen Teil des Regenwassers
  559. 27:31zurück, filtern Staub aus der Luft und
  560. 27:34bieten zahlreichen Tierarten einen
  561. 27:36Lebensraum. Allerdings besteht ein
  562. 27:39erhebliches Missverhältnis. Wir erwarten
  563. 27:41von Stadtbäumen immer mehr, stellen
  564. 27:44ihnen aber häufig immer schlechtere
  565. 27:46Lebensbedingungen zur Verfügung. Ein
  566. 27:48Baum könnte theoretisch viele Jahrzehnte
  567. 27:51oder je nach Art sogar deutlich länger
  568. 27:54leben. Zahlreiche Straßenbäume erreichen
  569. 27:57dieses mögliche Alter jedoch bei weitem
  570. 28:00nicht. Sie werden gefällt, weil sie
  571. 28:02geschädigt, nicht mehr standsicher oder
  572. 28:05bereits abgestorben sind. Das ist nicht
  573. 28:07nur ökologisch problematisch, sondern
  574. 28:09auch wirtschaftlich. Ein Baum entfaltet
  575. 28:12nämlich erst mit zunehmender Größe seine
  576. 28:14volle Wirkung. Wird er bereits nach
  577. 28:17relativ kurzer Zeit ersetzt, beginnt der
  578. 28:19aufwendige Aufbauprozess immer wieder
  579. 28:21von vorn. Warum haben es Straßenbäume so
  580. 28:24schwer? Ein wesentliches Problem
  581. 28:27befindet sich unter unseren Füßen und
  582. 28:29bleibt daher meistens unsichtbar. Der
  583. 28:32Boden im Straßenraum ist häufig stark
  584. 28:35verdichtet.
  585. 28:36Auf ihm stehen Fahrzeuge, über ihn
  586. 28:39fahren Baumaschinen und unter ihm
  587. 28:41verlaufen Leitungen. In einem solchen
  588. 28:44Boden können Wasser und Sauerstoff nur
  589. 28:46eingeschränkt zirkulieren. Für eine
  590. 28:49Baumwurzel bedeutet das, selbst wenn
  591. 28:51obirdisch ausreichend Platz vorhanden
  592. 28:53wäre, fehlt ihr unterirdisch die
  593. 28:56notwendige Versorgung. Hinzuommt, dass
  594. 28:59viele Bäume in sehr kleinen Baumscheiben
  595. 29:01stehen. Damit meine ich die offene
  596. 29:03Fläche unmittelbar um den Stamm.
  597. 29:06Was wir sehen ist oft kaum größer als
  598. 29:08ein Schreibtisch. Unter dem Pflaster
  599. 29:11setzt sich diese räumliche Begrenzung
  600. 29:13fort. Die Wurzeln können sich weder in
  601. 29:15die Breite noch ausreichend in die Tiefe
  602. 29:18entwickeln. Sie treffen auf Fundamente,
  603. 29:21Leitungen, verdichtete Schichten oder
  604. 29:23vollständig versiegelte Flächen.
  605. 29:26Manche Wurzeln wachsen deshalb direkt
  606. 29:28unter dem Pflaster weiter und heben es
  607. 29:31später an. Dann heißt es häufig, der
  608. 29:34Baum beschädige den Gehweg.
  609. 29:36Genau genommen zeigt der Baum jedoch
  610. 29:38nur, dass ihm bei der Planung zu wenig
  611. 29:40Raum zugestanden wurde. Weitere
  612. 29:42Belastungen kommen hinzu: Streusalz,
  613. 29:46Abgase, Verletzungen des Stammes, Hitze
  614. 29:49und lange Trockenperioden.
  615. 29:52Ein Baum kann mit einzelnen
  616. 29:53Stressfaktoren durchaus umgehen.
  617. 29:56Problematisch wird ihre Kombination.
  618. 29:59bleibt es über Wochen trocken, heizt
  619. 30:02sich gleichzeitig der Straßenraum auf
  620. 30:04und kann der Boden kaum Wasser
  621. 30:06aufnehmen, sind die Reserven irgendwann
  622. 30:08erschöpft. Die nah liegende Reaktion
  623. 30:11lautet häufig, dann pflanzen wir eben
  624. 30:14robustere Arten. Ganz so einfach ist es
  625. 30:17jedoch nicht. Es gibt nicht den einen
  626. 30:20Zukunftsbaum, der überall funktioniert.
  627. 30:23Eine Baumart kann mit Hitze gut umgehen,
  628. 30:26aber empfindlich auf nasse Böden
  629. 30:28reagieren.
  630. 30:29Eine andere verträgt Trockenheit,
  631. 30:32benötigt jedoch viel Raum für ihre
  632. 30:34Krone. Wieder eine andere eignet sich
  633. 30:37für einen Park, verursacht aber an einer
  634. 30:39engen Straße Konflikte mit Fassaden oder
  635. 30:42Verkehrsschildern.
  636. 30:44Bei der Auswahl darf deshalb nicht
  637. 30:46allein der persönliche Geschmack
  638. 30:48entscheiden. Maßgeblich sind die
  639. 30:50konkreten Bedingungen des Standorts und
  640. 30:52die klimatischen Verhältnisse, mit denen
  641. 30:54dort künftig zu rechnen ist. Dazu
  642. 30:57gehören die verfügbare Bodenmenge, die
  643. 31:00Wasserversorgung, die Breite der Straße,
  644. 31:03die Sonneneinstrahlung und die Frage,
  645. 31:05wie stark sich der Ort in Zukunft
  646. 31:07aufheizen wird. Eine Kommune, die
  647. 31:10überall dieselbe vermeintlich ideale
  648. 31:13Baumart pflanzt, geht außerdem ein
  649. 31:15beträchtliches Risiko ein. Wird diese
  650. 31:18Art später von einem bestimmten
  651. 31:20Schädling oder einer Krankheit befallen,
  652. 31:22kann innerhalb kurzer Zeit ein großer
  653. 31:24Teil des Bestands ausfallen.
  654. 31:26Widerstandsfähigkeit
  655. 31:28entsteht daher nicht durch
  656. 31:29Einheitlichkeit, sondern durch Vielfalt.
  657. 31:33Benötigt wird eine Mischung
  658. 31:34unterschiedlicher Baumarten und
  659. 31:36verschiedener Altersstufen.
  660. 31:39Fällt eine Art aus, bleiben andere
  661. 31:41erhalten. Und wenn alte Bäume nach und
  662. 31:44nach ersetzt werden müssen, existiert
  663. 31:46bereits eine jüngere Generation, die
  664. 31:49ihre Funktionen übernehmen kann. Eine
  665. 31:52solche Struktur entsteht allerdings
  666. 31:53nicht zufällig. Sie muss langfristig
  667. 31:56geplant werden. Damit komme ich zum
  668. 31:59Regenwasser. In vielen Städten wird
  669. 32:01Niederschlag möglichst schnell von
  670. 32:03Dächern, Straßen und Plätzen in die
  671. 32:06Kanalisation geleitet. Bei starkem Regen
  672. 32:09kann dieses System überlastet sein. In
  673. 32:11trockenen Wochen fehlt dasselbe Wasser
  674. 32:13dann den Pflanzen. Das Konzept der
  675. 32:16Schwammstadt verfolgt den umgekehrten
  676. 32:18Ansatz. Regenwasser soll möglichst dort
  677. 32:21zurückgehalten werden, wo es niedergeht.
  678. 32:24Es kann vorübergehend gespeichert,
  679. 32:27langsam in den Boden geleitet und den
  680. 32:29Bäumen zur Verfügung gestellt werden.
  681. 32:32Die Stadt verhält sich bildlich
  682. 32:33gesprochen wie ein Schwamm. Bei Regen
  683. 32:36nimmt sie Wasser auf und in trockenen
  684. 32:38Phasen gibt sie einen Teil davon wieder
  685. 32:40ab. Das klingt selbstverständlich,
  686. 32:43erfordert aber eine andere Planung.
  687. 32:46Eine kleine Vertiefung im Boden kann
  688. 32:48beispielsweise Wasser von einem Gehweg
  689. 32:50aufnehmen. Unterirdische Speicher können
  690. 32:53Niederschläge von Dächern sammeln.
  691. 32:56Voraussetzung ist natürlich, dass
  692. 32:58Schadstoffe nicht ungefiltert in den
  693. 33:00Wurzelbereich gelangen. Besonders
  694. 33:02interessant sind miteinander verbundene
  695. 33:04Pflanzgräben.
  696. 33:06Oberirdisch sehen wir vielleicht mehrere
  697. 33:08voneinander getrennte Baumscheiben.
  698. 33:10Unter dem Pflaster sind diese Bereiche
  699. 33:12jedoch durch einen durchwurzelbaren
  700. 33:15Boden miteinander verbunden. Die Wurzeln
  701. 33:17können dadurch ein wesentlich größeres
  702. 33:20Bodenvolumen erschließen. Gleichzeitig
  703. 33:22lässt sich das gespeicherte Regenwasser
  704. 33:24auf mehrere Bäume verteilen. Solche
  705. 33:27Lösungen kosten bei der Anlage mehr als
  706. 33:30das einfache Ausheben eines kleinen
  707. 33:32Pflanzlochs. Sie verlängern jedoch die
  708. 33:35Lebensdauer der Bäume und reduzieren
  709. 33:37spätere Schäden. Eine Planung, die
  710. 33:40ausschließlich die niedrigsten
  711. 33:42Blaukosten betrachtet, kann langfristig
  712. 33:44ausgesprochen teuer werden. Damit sind
  713. 33:47wir bei einem häufigen Missverständnis.
  714. 33:50Mit dem Einsetzen des Baumes ist die
  715. 33:52Arbeit nicht beendet. Eigentlich beginnt
  716. 33:55sie erst. Gerade junge Bäume besitzen
  717. 33:58noch kein weitreichendes Wurzelsystem.
  718. 34:01In längeren Trockenperioden können sie
  719. 34:03sich nicht selbstständig aus tieferen
  720. 34:05Bodenschichten versorgen. Sie müssen
  721. 34:07deshalb in den ersten Jahren regelmäßig
  722. 34:10und ausreichend bewässert werden. Ein
  723. 34:13gelegentlicher kleiner Eimer Wasser
  724. 34:14reicht nicht. Das Wasser muss tief genug
  725. 34:17in den Boden gelangen, damit sich die
  726. 34:19Wurzeln nicht ausschließlich
  727. 34:21Oberflächnah entwickeln. Außerdem
  728. 34:23benötigen junge Bäume einen
  729. 34:25fachgerechten Erziehungsschnitt. Dabei
  730. 34:27geht es nicht darum, die Krone aus
  731. 34:29ästhetischen Gründen möglichst klein zu
  732. 34:31halten. Ziel ist viel mehr eine stabile
  733. 34:34Kronenstruktur, die später weniger
  734. 34:36aufwendige Eingriffe erfordert.
  735. 34:39Regelmäßige Bewässerung und
  736. 34:40fachgerechter Erziehungsschnitt gehören
  737. 34:43daher zu den grundlegenden
  738. 34:44Voraussetzungen einer erfolgreichen
  739. 34:46Pflanzung. In der Praxis wird jedoch
  740. 34:48häufig Geld für spektakuläre
  741. 34:50Pflanzaktionen bereitgestellt, während
  742. 34:53die anschließende Pflege finanziell kaum
  743. 34:55abgesichert ist.
  744. 34:57Das Foto vom neugepflanzten Baum lässt
  745. 34:59sich gut veröffentlichen. Ein Budget für
  746. 35:02Bewässerung, Kontrolle und Bodenpflege
  747. 35:05ist politisch weniger sichtbar. Genau
  748. 35:08hier liegt ein zentraler Planungsfehler.
  749. 35:11Die späteren Pflegekosten müssen bereits
  750. 35:13bei der Pflanzung berücksichtigt und
  751. 35:16langfristig finanziert werden.
  752. 35:18Andernfalls investiert eine Stadt in
  753. 35:20Bäume, deren Überlebenschancen sie
  754. 35:23anschließend selbst reduziert. Nicht
  755. 35:26jede freie Fläche eignet sich für einen
  756. 35:28Baum und nicht jeder Baum eignet sich
  757. 35:30für jeden Standort. Manchmal ist es
  758. 35:33sinnvoller, wenige Bäume unter guten
  759. 35:35Bedingungen zu pflanzen, als eine große
  760. 35:38Zahl in viel zu kleinen Pflanzgruben.
  761. 35:41Entscheidend ist nicht, wie viele Bäume
  762. 35:43bei einer öffentlichen Aktion in die
  763. 35:45Erde gesetzt werden. Entscheidend ist,
  764. 35:48wie viele von ihnen nach 20 oder 30
  765. 35:50Jahren noch gesund sind und ihre
  766. 35:52Funktionen erfüllen können. Stadtbäume
  767. 35:55sind also weder eine billige
  768. 35:57Universallösung noch bloße Dekoration.
  769. 36:00Sie sind lebende Infrastruktur.
  770. 36:03Im Unterschied zu einer technischen
  771. 36:05Anlage gewinnen Sie mit der Zeit an
  772. 36:07Leistungsfähigkeit.
  773. 36:09Vorausgesetzt, wir geben Ihnen Raum,
  774. 36:11Wasser und Pflege. Die klimaangepasste
  775. 36:14Stadt beginnt deshalb nicht erst bei der
  776. 36:16Auswahl einer bestimmten Baumart. Sie
  777. 36:19beginnt mit einer grundlegenden
  778. 36:21Entscheidung. Behandeln wir Bäume als
  779. 36:23nachträglichen Schmuck, der dort Platz
  780. 36:26finden muss, wo nach Straßen, Leitungen
  781. 36:28und Parkplätzen noch etwas übrig ist?
  782. 36:31Oder betrachten wir sie von Anfang an
  783. 36:33als wesentlichen Bestandteil des
  784. 36:35öffentlichen Raums? Nur im zweiten Fall
  785. 36:38können Sie die Aufgaben erfüllen, die
  786. 36:40wir Ihnen selbstverständlich
  787. 36:42zuschreiben. Vielen Dank für Ihre
  788. 36:45Aufmerksamkeit.
  789. 36:46Herzlichen Dank, Frau Dr. Lorenz, für
  790. 36:48diesen aufschlussreichen Vortrag.

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