telc C1 | telc Prüfung Deutsch C1 | Hören 1-3 mit Lösung — Transcript
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- 0:00Telk Deutsch C1
- 0:05hören Teil 1 Sie hören acht Personen,
- 0:08die ihre Meinung zum Thema die vier Tage
- 0:11Woche äußern. Lesen Sie zuerst die
- 0:14Aussagen A bis J. Entscheiden Sie beim
- 0:17Hören, welche Aussage zu welcher Person
- 0:20passt. Tragen Sie Ihre Lösungen bei den
- 0:22Aufgaben 1 bis 8 ein. Jede Aussage kann
- 0:26nur einmal verwendet werden. Zwei
- 0:29Aussagen bleiben übrig. Sie hören die
- 0:32Aussagen nur einmal.
- 1:05Person 1,
- 1:12wenn Von der vier Tagewoche die Rede
- 1:14ist, wird häufig der Eindruck
- 1:16vermittelt, die Beschäftigten bekämen
- 1:18einfach einen zusätzlichen freien Tag
- 1:20und alles andere bleibe unverändert.
- 1:23Genau darin sehe ich das Problem. In
- 1:26vielen Unternehmen werden Aufgaben nicht
- 1:28reduziert, sondern lediglich auf weniger
- 1:30Tage verteilt. Die Folge ist, dass
- 1:33Besprechungen enger getaktet werden,
- 1:35Pausen ausfallen und die Beschäftigten
- 1:37ständig das Gefühl haben, einen
- 1:39Rückstand aufholen zu müssen. Formal
- 1:42sinkt zwar die Zahl der Arbeitstage,
- 1:44tatsächlich steigt aber der
- 1:45Leistungsdruck.
- 1:47Für mich ist deshalb nicht entscheidend,
- 1:49wie viele Tage jemand im Büro verbringt,
- 1:51sondern ob sich auch der Umfang der
- 1:53Erwartungen verändert.
- 1:55Ohne realistische Anpassung der
- 1:57Arbeitsmenge kann ein vermeintlich
- 1:59fortschrittliches Modell sogar zu
- 2:01zusätzlichem Stress führen.
- 2:13Person 2.
- 2:20Die Diskussion wird meistens aus der
- 2:22Sicht einzelner Unternehmen geführt.
- 2:24Steigt die Produktivität, bleiben die
- 2:26Personalkosten stabil, das greift meines
- 2:29Erachtens zu kurz. Menschen, die
- 2:32mehrfreie Zeit haben, engagieren sich
- 2:34möglicherweise stärker in Vereinen,
- 2:36kümmern sich um Angehörige oder
- 2:38beteiligen sich an lokalen Projekten.
- 2:41Auch die gesundheitlichen Auswirkungen
- 2:43sollte man nicht unterschätzen. Wenn
- 2:45Beschäftigte seltener aufgrund von
- 2:47Überlastung ausfallen, entlastet das
- 2:49nicht nur die Betriebe, sondern
- 2:51langfristig auch das Gesundheitssystem.
- 2:54Natürlich lassen sich solche Folgen nur
- 2:55schwer in kurzfristigen
- 2:57Unternehmensbilanzen abbilden. Trotzdem
- 3:00sollten wir die vier Tagewoche nicht
- 3:01ausschließlich als
- 3:02betriebswirtschaftliches Instrument
- 3:04betrachten. Sie könnte gesellschaftliche
- 3:06Strukturen verändern, wenn Menschen mehr
- 3:09Zeit für Aufgaben hätten, die zwar
- 3:11unverzichtbar sind, aber nicht bezahlt
- 3:13werden.
- 3:25Person 3.
- 3:31Wir erleben derzeit, dass gut
- 3:33ausgebildete Fachkräfte deutlich höhere
- 3:36Ansprüche an ihre Arbeitgeber stellen
- 3:37als noch vor einigen Jahren. Ein
- 3:39attraktives Gehalt allein genügt vielen
- 3:42nicht mehr. Sie achten stärker darauf,
- 3:44wie viel Kontrolle sie über ihre
- 3:46Arbeitszeit haben und ob sich berufliche
- 3:48Anforderungen mit ihrem Privatleben
- 3:50vereinbaren lassen. Unternehmen, die
- 3:52hier keine überzeugenden Lösungen
- 3:54anbieten, verlieren Bewerberinnen und
- 3:56Bewerber an die Konkurrenz.
- 3:59Die Viertage Woche ist sicher nicht für
- 4:01jeden Betrieb das richtige Modell. Sie
- 4:03kann aber ein deutliches Signal sein,
- 4:05dass ein Arbeitgeber moderne
- 4:07Arbeitsbedingungen ernst nimmt. Gerade
- 4:09kleinere Unternehmen, die finanziell
- 4:11nicht mit großen Konzernen konkurrieren
- 4:13können, erhalten dadurch möglicherweise
- 4:15einen Vorteil bei der Personalgewinnung
- 4:17und können Beschäftigte langfristiger an
- 4:19sich binden.
- 4:31Person viel.
- 4:38Die bloße Streichung eines Arbeitstages
- 4:40reicht nicht aus. Wenn dieselben
- 4:42Entscheidungswege,
- 4:43Besprechungsstrukturen und
- 4:45Zuständigkeiten bestehen bleiben,
- 4:47entsteht zwangsläufig Zeitdruck. Vor
- 4:50einer Arbeitszeitverkürzung müsste daher
- 4:52genau untersucht werden, welche
- 4:54Tätigkeiten tatsächlich notwendig sind
- 4:56und welche Prozesse nur deshalb
- 4:58fortgeführt werden, weil niemand sie
- 5:00bisher in Frage gestellt hat. In unserem
- 5:03Unternehmen haben wir beispielsweise
- 5:04zahlreiche interne Abstimmungen
- 5:06abgeschafft und Verantwortlichkeiten
- 5:08klarer verteilt. Erst danach ließ sich
- 5:11die Wochenarbeitszeit reduzieren, ohne
- 5:13dass die Qualität unserer Arbeit sank.
- 5:16Die Vier Tagewoche ist aus meiner Sicht
- 5:18also weniger ein Arbeitszeitmodell als
- 5:20ein Anlass die gesamte Organisation zu
- 5:23überprüfen. Wer sie einführt ohne
- 5:25ineffiziente Abläufe zu verändern, wird
- 5:27vermutlich enttäuscht sein.
- 5:40Person 5.
- 5:46Bei der Debatte wird oft übersehen, dass
- 5:49unbezahlte Sorgearbeit
- 5:51überwiegend von Frauen übernommen wird.
- 5:54Eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit
- 5:56könnte hier durchaus etwas verändern,
- 5:58allerdings nicht automatisch. Ein
- 6:01zusätzlicher freier Tag führt nicht
- 6:03zwangsläufig dazu, daß Männer mehr
- 6:05Verantwortung im Haushalt oder bei der
- 6:06Kinderbetreuung übernehmen. Entscheidend
- 6:09wäre, dass beide Partner ihre
- 6:11Arbeitszeit reduzieren und die
- 6:13freigewordene Zeit tatsächlich gemeinsam
- 6:15neu verteilen. Unter dieser
- 6:17Voraussetzung könnte die Viertagewoche
- 6:19traditionelle Rollenmodelle aufbrechen.
- 6:22Sie würde es beiden Elternteilen
- 6:23erleichtern, berufstätig zu bleiben und
- 6:26sich gleichzeitig stärker am
- 6:27Familienleben zu beteiligen. Das Modell
- 6:30sollte deshalb nicht nur als
- 6:31Freizeitgewinn verstanden werden,
- 6:33sondern auch als mögliche Maßnahme für
- 6:36mehr Gleichberechtigung.
- 6:48Person 6.
- 6:52Ich
- 6:55halte wenig davon, ein einheitliches
- 6:58Modell gesetzlich für sämtliche Branchen
- 7:01vorzuschreiben.
- 7:02Die Voraussetzungen unterscheiden sich
- 7:04dafür viel zu stark. Was in einer
- 7:06Softwarefirma problemlos möglich ist,
- 7:09kann in einem Pflegeheim, einem Hotel
- 7:11oder einem Produktionsbetrieb erhebliche
- 7:14organisatorische Schwierigkeiten
- 7:15verursachen.
- 7:17Daraus folgt jedoch nicht, dass man die
- 7:19Idee grundsätzlich ablehnen sollte.
- 7:22Sinnvoll wären viel mehr zeitlich
- 7:23begrenzte Modellversuche, bei denen
- 7:25Unternehmen unterschiedliche Varianten
- 7:27testen können. Dabei müssten
- 7:30Arbeitsbelastung, Krankenstand,
- 7:32Produktivität und Zufriedenheit
- 7:34systematisch erfasst werden. Auf dieser
- 7:37Grundlage ließe sich anschließend
- 7:38beurteilen, unter welchen Bedingungen
- 7:40die Viertagewoche funktioniert.
- 7:43Statt vorschneller gesetzlicher Vorgaben
- 7:46brauchen wir zunächst belastbare
- 7:47Erfahrungen aus möglichst
- 7:49unterschiedlichen Arbeitsbereichen.
- 8:02Person 7.
- 8:08Aus der Perspektive der Beschäftigten
- 8:10ist ein zusätzlicher freier Tag
- 8:12natürlich attraktiv. Unternehmen müssen
- 8:15jedoch auch berücksichtigen, wann ihre
- 8:17Dienstleistungen tatsächlich benötigt
- 8:19werden. Wenn eine Behörde, eine
- 8:21Arztpraxis oder ein technischer
- 8:23Kundendienst freitags vollständig
- 8:25geschlossen bleibt, entstehen für viele
- 8:27Menschen erhebliche Nachteile. Eine
- 8:30Viertagewoche darf deshalb nicht
- 8:32automatisch bedeuten, dass der gesamte
- 8:34Betrieb an einem bestimmten Tag stillt.
- 8:37Denkbar wären versetzte freie Tage oder
- 8:39wechselnde Teams, sodass die
- 8:41Erreichbarkeit erhalten bleibt. Das
- 8:43setzt allerdings eine sorgfältige
- 8:45Personalplanung voraus. Ein
- 8:47Arbeitszeitmodell kann nur dann
- 8:48dauerhaft erfolgreich sein, wenn nicht
- 8:50nur die Interessen der Belegschaft,
- 8:52sondern auch die Erwartungen derjenigen
- 8:54berücksichtigt werden, die auf die
- 8:56angebotenen Leistungen angewiesen sind.
- 9:09Person 8.
- 9:16In unserem Betrieb wurde die Arbeitszeit
- 9:18versuchsweise reduziert, ohne die
- 9:20Gehälter zu senken. Anfangs waren viele
- 9:23skeptisch und ging davon aus, dass
- 9:25dadurch zwangsläufig weniger geleistet
- 9:27würde. Tatsächlich zeigte sich jedoch,
- 9:29dass die Beschäftigten konzentrierter
- 9:31arbeiteten und Aufgaben schneller
- 9:33abschlossen. Unnötige Besprechungen
- 9:36wurden gekürzt, E-Mails präziser
- 9:38formuliert und Unterbrechungen stärker
- 9:40vermieden. Die Ergebnisse blieben nicht
- 9:42nur stabil, sondern verbesserten sich
- 9:44teilweise sogar. Natürlich lässt sich
- 9:47diese Erfahrung nicht ohne weiteres auf
- 9:49jede Branche übertragen. Sie zeigt aber,
- 9:51dass lange Anwesenheit nicht automatisch
- 9:54mit hoher Leistung gleichzusetzen ist.
- 9:56Wenn Beschäftigte ausgeruhter sind und
- 9:58ihre Arbeitszeit bewusster nutzen, kann
- 10:00ein Betrieb trotz weniger geleisteter
- 10:02Stunden wirtschaftlich erfolgreich
- 10:04bleiben. M.
- 11:15Hören Teil 2. Sie hören ein
- 11:19Radiointerview.
- 11:20Lesen Sie zuerst die Aufgaben 55 bis 64.
- 11:25Entscheiden Sie beim Hören, welche
- 11:27Lösung A, B oder C richtig ist. Sie
- 11:32hören den Text nur einmal.
- 13:43Die Viertagwoche gilt wahlweise als
- 13:46Zukunftsmodell, als teures Privileg oder
- 13:49als geschicktes Personalmarketing.
- 13:52Was davon stimmt, lässt sich kaum
- 13:54allgemein beantworten. Zu Gast sind
- 13:57heute Jana Keller, Geschäftsführerin
- 13:59eines mittelständischen Unternehmens für
- 14:01Gebäudetechnik und Professor Martin
- 14:04Seidel, Arbeitssoziologe an der
- 14:06Universität Bremen. Frau Keller, ihr
- 14:09Unternehmen hat eine Viertagewoche
- 14:11getestet. War das eine Reaktion auf
- 14:14Forderungen aus der Belegschaft?
- 14:16Nicht unmittelbar. Natürlich gab es
- 14:19Kolleginnen und Kollegen, die sich
- 14:20kürzere Arbeitszeiten gewünscht haben.
- 14:23Der eigentliche Anstoß kam aber aus
- 14:25einer anderen Richtung. Wir hatten
- 14:27zunehmend Schwierigkeiten, erfahrene
- 14:30Fachkräfte zu halten. Einige wechselten
- 14:32nicht wegen eines höheren Gehalts,
- 14:34sondern weil andere Arbeitgeber
- 14:36flexiblere Modelle anboten. Uns wurde
- 14:39klar, dass wir über Arbeitsorganisation
- 14:41sprechen mussten, nicht nur über
- 14:43Vergütung. Die Viertagewoche war deshalb
- 14:45zunächst eine strategische Frage. Können
- 14:48wir als mittelständisches Unternehmen
- 14:50attraktiver werden, ohne unsere
- 14:52wirtschaftliche Stabilität zu gefährden?
- 14:55Sie haben das Modell aber nicht sofort
- 14:57im gesamten Betrieb eingeführt.
- 14:59Nein, wir haben zuerst drei Monate lang
- 15:02untersucht, wo Zeit verloren geht. Dabei
- 15:05zeigte sich, dass manche Teams mehr Zeit
- 15:07mit Abstimmung als mit ihrer
- 15:08eigentlichen Arbeit verbrachten. Es gab
- 15:10doppelte Dokumentationen, unnötig lange
- 15:13Sitzungen und unklare Übergaben zwischen
- 15:15Planung, Außendienst und Kundenservice.
- 15:18Hätten wir einfach einen Arbeitstag
- 15:20gestrichen, wäre der Druck vermutlich
- 15:22gestiegen. Deshalb haben wir Prozesse
- 15:25verändert, bevor wir die Arbeitszeit
- 15:26reduziert haben. Erst danach begann ein
- 15:29sechsmatiger Versuch mit zwei
- 15:31Abteilungen. Wie sah das Modell konkret
- 15:34aus? Die Beschäftigten arbeiteten 32
- 15:38statt 40 Stunden bei unverändert
- 15:41Monatsgehalt. Allerdings hatten nicht
- 15:43alle freitagsfrei. In der technischen
- 15:46Hotline und im Kundendienst wurden die
- 15:48freien Tage versetzt genommen, damit wir
- 15:50von Montag bis Freitag erreichbar
- 15:52blieben. In der Planungsabteilung war
- 15:55ein gemeinsamer freier Freitag eher
- 15:56möglich. Wichtig war uns außerdem, daß
- 15:59der Versuch nicht stillschweigend zu
- 16:01unbezahlter Meerarbeit führte. Deshalb
- 16:04wurden E-Mails außerhalb der Arbeitszeit
- 16:06nicht erwartet und Zugriffe auf interne
- 16:09Systeme am freien Tag nur in echten
- 16:11Notfällen erlaubt. Das klingt sehr
- 16:14kontrolliert. Waren die Ergebnisse
- 16:17eindeutig positiv? So einfach war es
- 16:20nicht. Nach den ersten acht Wochen stieg
- 16:23die gemessene Produktivität deutlich.
- 16:26Das sah beeindruckend aus.
- 16:27Aber wir waren vorsichtig. Zum einen
- 16:30waren die beteiligten Teams besonders
- 16:32motiviert, weil sie wussten, dass das
- 16:34Modell beobachtet wurde. Zum anderen
- 16:37liefen in dieser Phase mehrere Projekte
- 16:39ungewöhnlich reibungslos.
- 16:41Nach vier Monaten normalisierten sich
- 16:43die Werte. Am Ende lagen wir leicht über
- 16:46dem früheren Niveau, aber nicht
- 16:48spektakulär.
- 16:49Wichtiger war, dass die Vielzeiten
- 16:51zurückgingen und wir zwei offene Stellen
- 16:53schneller besetzen konnten. Gab es auch
- 16:56negative Rückmeldung? Ja, einige
- 16:59Beschäftigte sagten, die vier
- 17:01Arbeitstage fühlten sich wie ein
- 17:03Dauerlauf an. Sie arbeiteten
- 17:05konzentrierter, aber Pausen gerieten
- 17:07leichter unter Druck. Besonders
- 17:09problematisch war das bei ungeplanten
- 17:11Störungen, etwa wenn ein Großkunde
- 17:14kurzfristig Änderungen verlangte. In
- 17:16solchen Wochen entstand schnell der
- 17:18Eindruck, man müsse fünf Tage Arbeit in
- 17:20vier Tagen erledigen. Wir haben darauf
- 17:23reagiert, indem wir Prioritäten klarer
- 17:25festlegten und bestimmte Aufgaben
- 17:27tatsächlich strichen. Das war zunächst
- 17:30ungewohnt, weil Organisationen gern so
- 17:33tun, als sei alles gleichwichtig.
- 17:35Herr Professor Seidel, ist genau das der
- 17:38kritische Punkt?
- 17:40Ja, die Viertagwoche wird oft als reine
- 17:43Zeitfrage behandelt. Tatsächlich ist sie
- 17:46eine Frage der Leistungserwartung.
- 17:48Wenn die Sollarbeitszeit sinkt, die
- 17:51Aufgabenmenge aber unverändert bleibt,
- 17:53entsteht Arbeitsverdichtung.
- 17:55Das kann kurzfristig funktionieren, weil
- 17:58Menschen effizienter werden und unnötige
- 18:00Tätigkeiten vermeiden. Langfristig
- 18:02drohen jedoch Erschöpfung und informelle
- 18:05Meerarbeit. Man muss also unterscheiden
- 18:07zwischen einer echten
- 18:08Arbeitszeitverkürzung und der bloßen
- 18:11Kompression derselben Arbeit.
- 18:13Viele Unternehmen berichten dennoch von
- 18:15Produktivitätsgewinnen.
- 18:17Sind die entsprechenden Studien nicht
- 18:19überzeugend?
- 18:20Sie sind interessant, aber man sollte
- 18:23sie nicht überinterpretieren.
- 18:26Häufig nehmen Unternehmen freiwillig
- 18:28teil, die ohnehin offen für Veränderung
- 18:30sind. Das ist keine zufällige Auswahl.
- 18:33Außerdem gibt es einen sogenannten
- 18:35Neuigkeitseffekt.
- 18:37Beschäftigte und Führungskräfte strengen
- 18:39sich während eines Pilotprojekts
- 18:41besonders an.
- 18:42Manche Untersuchungen laufen nur wenige
- 18:44Monate. Das reicht, um erste Tendenzen
- 18:47zu erkennen, aber nicht immer um
- 18:50langfristige Folgen zu beurteilen.
- 18:52Aussagekräftiger sind Studien, die auch
- 18:54Arbeitsintensität,
- 18:56Überstunden, Personalfluktuation und
- 18:58Kundenzufriedenheit erfassen.
- 19:00Heißt das, das Modell eignet sich
- 19:02letztlich nur für Bürojobs?
- 19:05Nein, aber die Bedingungen unterscheiden
- 19:08sich erheblich. In einem
- 19:10Softwareunternehmen kann man vielleicht
- 19:11Sitzungen kürzen und Prozesse
- 19:13automatisieren. In einem Pflegeheim oder
- 19:16im Einzelhandel muss zu bestimmten
- 19:19Zeiten Personalanwesend sein. Dort führt
- 19:22eine kürzere individuelle Arbeitszeit
- 19:24oft zu zusätzlichem Personalbedarf.
- 19:27Das kann sinnvoll sein, kostet aber
- 19:29Geld. Deshalb ist die Debatte manchmal
- 19:32unehrlich. Man diskutiert über
- 19:34Produktivität, obwohl es in manchen
- 19:36Branchen vor allem um Finanzierung und
- 19:39Personalbemessung geht.
- 19:40Frau Keller, wie haben Ihre Kundinnen
- 19:43und Kunden reagiert?
- 19:45Die meisten haben zunächst gar nichts
- 19:47bemerkt und das war durchaus
- 19:49beabsichtigt. Unsere Erreichbarkeit
- 19:51blieb gleich. Einige Kunden fanden das
- 19:54Modell interessant, andere waren
- 19:56skeptisch und fragten, ob Projekte nun
- 19:59länger dauerten. In zwei Fällen mussten
- 20:01wir Termine neu verhandeln, weil ein
- 20:03Auftrag kurzfristig ausgeweitet wurde.
- 20:06Insgesamt gab es aber keine
- 20:07systematischen Beschwerden. Entscheidend
- 20:10war, dass nicht der gesamte Betrieb an
- 20:12einem Tag geschlossen war. Gab es
- 20:14während des Versuchs besondere Regeln
- 20:16für die Führungskräfte? Ja, und das war
- 20:19wichtiger als wir zunächst dachten.
- 20:22Einige Vorgesetzte neigten dazu, die
- 20:24gewonnene Zeit sofort mit neuen
- 20:26Projekten zu füllen. Wir mussten
- 20:28ausdrücklich vereinbaren, dass nicht
- 20:30jede freiwerdende Stunde wieder verplant
- 20:32wird. Außerdem wurden Besprechungen auf
- 20:3530 oder 45 Minuten begrenzt und sollten
- 20:38nur stattfinden, wenn tatsächlich eine
- 20:40Entscheidung nötig war. Trotzdem wäre es
- 20:43falsch zu behaupten, wir hätten
- 20:44sämtliche Effizienzreserven entdeckt.
- 20:47Manche Aufgaben lassen sich
- 20:48beschleunigen, andere eben nicht. Eine
- 20:51sorgfältige technische Prüfung dauert so
- 20:53lange, wie sie dauert.
- 20:55Kritiker sagen, bei vollem Lohnausgleich
- 20:58bezahlten letztlich die Kunden oder die
- 21:01verbliebenen Beschäftigten den freien
- 21:02Tag. Diese Gefahr besteht, wenn ein
- 21:05Unternehmen die Kosten einfach
- 21:07weitergibt oder fehlendes Personal nicht
- 21:09ersetzt. Bei uns stiegen die Preise
- 21:12während des Versuchs nicht stärker als
- 21:13zuvor. Allerdings haben wir auch nicht
- 21:16behauptet, das Modell sei kostenlos. Die
- 21:18Umstellung erforderte Schulungen, neue
- 21:20Software und zusätzliche Planung. Einen
- 21:24Teil dieser Kosten haben wir durch eine
- 21:26geringere Personalfluktuation
- 21:27ausgeglichen. Eine einzige dauerhaft
- 21:30unbesetzte Fachstelle kann schließlich
- 21:32teurer sein als eine organisatorische
- 21:34Reform. Oft wird die vier Tagewoche auch
- 21:37als Beitrag zur Gleichstellung
- 21:38dargestellt. Teilen Sie diese
- 21:40Einschätzung, Herr Seidel?
- 21:42Nur mit Einschränkungen.
- 21:44Mehr freie Zeit kann die Verteilung von
- 21:47Sorgearbeit verändern, aber sie tut es
- 21:50nicht automatisch. Wenn nur eine Person
- 21:53im Haushalt kürzer arbeitet und diese
- 21:55Person ohnehin den größeren Teil der
- 21:57Familienarbeit übernimmt, kann sich die
- 21:59Ungleichheit sogar verstärken.
- 22:01Positive Effekte sind wahrscheinlicher,
- 22:03wenn beide Partner ihrer Arbeitszeit
- 22:05reduzieren und wenn Kinderbetreuung
- 22:08sowie Pflegeangebote verlässlich sind.
- 22:11Arbeitszeitpolitik ersetzt keine
- 22:13Familien und Sozialpolitik.
- 22:15Und wie war es bei Ihnen im Unternehmen?
- 22:18Wir haben unterschiedliche Rückmeldungen
- 22:20bekommen. Manche Eltern nutzten den
- 22:22freien Tag tatsächlich für die
- 22:24Kinderbetreuung. Andere sagten
- 22:26ausdrücklich, sie wollten ihn nicht zu
- 22:28einem zusätzlichen Familientag machen,
- 22:31sondern zur Erholung nutzen. Das sollte
- 22:33man respektieren. Ein Unternehmen kann
- 22:36Freiräume schaffen, aber es sollte den
- 22:38Beschäftigten nicht vorschreiben, wie
- 22:40sie diese moralisch richtig verwenden.
- 22:43Nach dem Pilotprojekt haben sie das
- 22:45Modell nicht eins zu eins übernommen.
- 22:47Warum?
- 22:48Weil die Abteilungen sehr
- 22:50unterschiedliche Anforderungen haben.
- 22:53Die Planungsabteilung arbeitet weiterhin
- 22:55überwiegend vier Tage. Im Außendienst
- 22:58gibt es flexiblere Wochenkonten, weil
- 23:00Baustellen und Kundentermine schwanken.
- 23:03Der Kundendienst arbeitet mit versetzten
- 23:05freien Tagen. Wir haben also kein
- 23:07einheitliches Etikett, sondern mehrere
- 23:10Varianten. Das ist weniger werbewirksam,
- 23:13aber realistischer. Was würden Sie einem
- 23:16Unternehmen raten, das morgen mit einer
- 23:19Viertage Woche beginnen möchte? Nicht
- 23:21morgen beginnen. Zuerst sollte es
- 23:23klären, welches Problem es lösen will.
- 23:26Geht es um Fachkräfte, Gesundheit,
- 23:28Produktivität oder etwas anderes. Dann
- 23:32müssen die Arbeitsprozesse überprüft und
- 23:34messbare Kriterien festgelegt werden.
- 23:37Ein Pilotprojekt sollte lange genug
- 23:39dauern, damit die erste Begeisterung
- 23:41nachlässt. Und die Beschäftigten müssen
- 23:44ehrlich sagen können, wenn der Druck
- 23:45steigt, ohne deshalb als Gegner des
- 23:47Modells zu gelten.
- 23:49Dem würde ich zustimmen. Die
- 23:51Viertagewoche ist weder ein
- 23:53Allheilmittel noch bloß eine Mode. Sie
- 23:56kann gute Ergebnisse bringen, wenn
- 23:58Arbeitsmenge, Personal,
- 24:00Kundenanforderungen und Finanzierung
- 24:02zusammengedacht werden. Wer nur einen
- 24:05Tag aus dem Kalender streicht, verändert
- 24:07noch keine Arbeit.
- 24:21hören Teil 3. Sie hören einen Vortrag.
- 24:25Sie hören den Vortrag nur einmal. Sie
- 24:28haben einen Handzettel mit den Folien
- 24:30der Präsentation erhalten. Schreiben Sie
- 24:32die fehlenden Informationen
- 24:34stichwortartig in die freien Zeilen
- 24:38bis 74. Die Lösung null ist ein
- 24:41Beispiel. Lesen Sie jetzt die
- 24:43Stichworte. Sie haben dazu eine Minute
- 24:46Zeit.
- 25:20Meine Damen und Herren, herzlich
- 25:22willkommen zu unserer Vortragsreihe die
- 25:24Stadt von morgen. Wenn über die
- 25:27Anpassung unserer Städte an dem
- 25:28Klimawandel gesprochen wird, stehen
- 25:31häufig technische Lösungen im
- 25:32Mittelpunkt. Helle Fassaden, neue
- 25:35Belüftungssysteme oder besonders
- 25:37widerstandsfähige Straßenbeläge.
- 25:40Unsere heutige Referentin vertritt
- 25:41dagegen die Auffassung, dass wir eine
- 25:43der wirksamsten Infrastrukturen längst
- 25:46kennen, den Baum. Dr. Miriam Lorenz ist
- 25:50Stadtökologin und berätt Kommunen bei
- 25:52der klimaangepassten Gestaltung
- 25:55öffentlicher Räume. Ihr Vortrag trägt
- 25:57den Titel Stadtbäume, Infrastruktur stad
- 26:01Dekoration.
- 26:03Frau Dr. Lorenz, ich freue mich auf
- 26:05Ihren Vortrag.
- 26:06Vielen Dank für die freundliche
- 26:08Einführung. Meine Damen und Herren,
- 26:11beginnen möchte ich mit einem Beispiel,
- 26:13das auf den ersten Blick ziemlich
- 26:15unspektakulär wirkt. Vor einigen Jahren
- 26:18wurde der Schulhof einer Grundschule neu
- 26:20gestaltet. Ursprünglich bestand er fast
- 26:23vollständig aus Asphalt. Im Sommer
- 26:26heizte sich die Fläche so stark auf,
- 26:28dass sich die Kinder während der Pausen
- 26:30überwiegend an den schmalen
- 26:31Schattenstreifen entlang des Gebäudes
- 26:33aufhielten. Die Mitte des Schulhofs
- 26:36blieb praktisch ungenutzt. Bei der
- 26:38Neugestaltung wurden Teile des Bodens
- 26:40entsiegelt und mehrere größere Bäume
- 26:43gepflanzt. Heute nutzen die Kinder
- 26:46wieder den gesamten Schulhof.
- 26:48Interessant ist dabei, dass nicht allein
- 26:50der Schatten entscheidend ist. Bäume
- 26:53geben über ihre Blätter Wasser an die
- 26:55Umgebung ab. Bei diesem
- 26:57Verdunstungsprozess wird Wärme
- 26:59verbraucht. Baumkronen schützen also
- 27:02einerseits vor direkter
- 27:03Sonneneinstrahlung und kühlen
- 27:05andererseits die umgebende Luft durch
- 27:07Verdunstung. Beide Prozesse zusammen
- 27:10können die Hitzebelastung eines
- 27:12Aufenthaltsortes spürbar reduzieren. Wir
- 27:15sollten Stadtbäume deshalb nicht nur als
- 27:17Schmuck betrachten. Sie sind Teil der
- 27:20städtischen Infrastruktur, ebenso wie
- 27:22Wege, Abwasserleitungen oder öffentliche
- 27:25Verkehrsmittel. Sie verbessern die
- 27:28Aufenthaltsqualität,
- 27:29halten einen Teil des Regenwassers
- 27:31zurück, filtern Staub aus der Luft und
- 27:34bieten zahlreichen Tierarten einen
- 27:36Lebensraum. Allerdings besteht ein
- 27:39erhebliches Missverhältnis. Wir erwarten
- 27:41von Stadtbäumen immer mehr, stellen
- 27:44ihnen aber häufig immer schlechtere
- 27:46Lebensbedingungen zur Verfügung. Ein
- 27:48Baum könnte theoretisch viele Jahrzehnte
- 27:51oder je nach Art sogar deutlich länger
- 27:54leben. Zahlreiche Straßenbäume erreichen
- 27:57dieses mögliche Alter jedoch bei weitem
- 28:00nicht. Sie werden gefällt, weil sie
- 28:02geschädigt, nicht mehr standsicher oder
- 28:05bereits abgestorben sind. Das ist nicht
- 28:07nur ökologisch problematisch, sondern
- 28:09auch wirtschaftlich. Ein Baum entfaltet
- 28:12nämlich erst mit zunehmender Größe seine
- 28:14volle Wirkung. Wird er bereits nach
- 28:17relativ kurzer Zeit ersetzt, beginnt der
- 28:19aufwendige Aufbauprozess immer wieder
- 28:21von vorn. Warum haben es Straßenbäume so
- 28:24schwer? Ein wesentliches Problem
- 28:27befindet sich unter unseren Füßen und
- 28:29bleibt daher meistens unsichtbar. Der
- 28:32Boden im Straßenraum ist häufig stark
- 28:35verdichtet.
- 28:36Auf ihm stehen Fahrzeuge, über ihn
- 28:39fahren Baumaschinen und unter ihm
- 28:41verlaufen Leitungen. In einem solchen
- 28:44Boden können Wasser und Sauerstoff nur
- 28:46eingeschränkt zirkulieren. Für eine
- 28:49Baumwurzel bedeutet das, selbst wenn
- 28:51obirdisch ausreichend Platz vorhanden
- 28:53wäre, fehlt ihr unterirdisch die
- 28:56notwendige Versorgung. Hinzuommt, dass
- 28:59viele Bäume in sehr kleinen Baumscheiben
- 29:01stehen. Damit meine ich die offene
- 29:03Fläche unmittelbar um den Stamm.
- 29:06Was wir sehen ist oft kaum größer als
- 29:08ein Schreibtisch. Unter dem Pflaster
- 29:11setzt sich diese räumliche Begrenzung
- 29:13fort. Die Wurzeln können sich weder in
- 29:15die Breite noch ausreichend in die Tiefe
- 29:18entwickeln. Sie treffen auf Fundamente,
- 29:21Leitungen, verdichtete Schichten oder
- 29:23vollständig versiegelte Flächen.
- 29:26Manche Wurzeln wachsen deshalb direkt
- 29:28unter dem Pflaster weiter und heben es
- 29:31später an. Dann heißt es häufig, der
- 29:34Baum beschädige den Gehweg.
- 29:36Genau genommen zeigt der Baum jedoch
- 29:38nur, dass ihm bei der Planung zu wenig
- 29:40Raum zugestanden wurde. Weitere
- 29:42Belastungen kommen hinzu: Streusalz,
- 29:46Abgase, Verletzungen des Stammes, Hitze
- 29:49und lange Trockenperioden.
- 29:52Ein Baum kann mit einzelnen
- 29:53Stressfaktoren durchaus umgehen.
- 29:56Problematisch wird ihre Kombination.
- 29:59bleibt es über Wochen trocken, heizt
- 30:02sich gleichzeitig der Straßenraum auf
- 30:04und kann der Boden kaum Wasser
- 30:06aufnehmen, sind die Reserven irgendwann
- 30:08erschöpft. Die nah liegende Reaktion
- 30:11lautet häufig, dann pflanzen wir eben
- 30:14robustere Arten. Ganz so einfach ist es
- 30:17jedoch nicht. Es gibt nicht den einen
- 30:20Zukunftsbaum, der überall funktioniert.
- 30:23Eine Baumart kann mit Hitze gut umgehen,
- 30:26aber empfindlich auf nasse Böden
- 30:28reagieren.
- 30:29Eine andere verträgt Trockenheit,
- 30:32benötigt jedoch viel Raum für ihre
- 30:34Krone. Wieder eine andere eignet sich
- 30:37für einen Park, verursacht aber an einer
- 30:39engen Straße Konflikte mit Fassaden oder
- 30:42Verkehrsschildern.
- 30:44Bei der Auswahl darf deshalb nicht
- 30:46allein der persönliche Geschmack
- 30:48entscheiden. Maßgeblich sind die
- 30:50konkreten Bedingungen des Standorts und
- 30:52die klimatischen Verhältnisse, mit denen
- 30:54dort künftig zu rechnen ist. Dazu
- 30:57gehören die verfügbare Bodenmenge, die
- 31:00Wasserversorgung, die Breite der Straße,
- 31:03die Sonneneinstrahlung und die Frage,
- 31:05wie stark sich der Ort in Zukunft
- 31:07aufheizen wird. Eine Kommune, die
- 31:10überall dieselbe vermeintlich ideale
- 31:13Baumart pflanzt, geht außerdem ein
- 31:15beträchtliches Risiko ein. Wird diese
- 31:18Art später von einem bestimmten
- 31:20Schädling oder einer Krankheit befallen,
- 31:22kann innerhalb kurzer Zeit ein großer
- 31:24Teil des Bestands ausfallen.
- 31:26Widerstandsfähigkeit
- 31:28entsteht daher nicht durch
- 31:29Einheitlichkeit, sondern durch Vielfalt.
- 31:33Benötigt wird eine Mischung
- 31:34unterschiedlicher Baumarten und
- 31:36verschiedener Altersstufen.
- 31:39Fällt eine Art aus, bleiben andere
- 31:41erhalten. Und wenn alte Bäume nach und
- 31:44nach ersetzt werden müssen, existiert
- 31:46bereits eine jüngere Generation, die
- 31:49ihre Funktionen übernehmen kann. Eine
- 31:52solche Struktur entsteht allerdings
- 31:53nicht zufällig. Sie muss langfristig
- 31:56geplant werden. Damit komme ich zum
- 31:59Regenwasser. In vielen Städten wird
- 32:01Niederschlag möglichst schnell von
- 32:03Dächern, Straßen und Plätzen in die
- 32:06Kanalisation geleitet. Bei starkem Regen
- 32:09kann dieses System überlastet sein. In
- 32:11trockenen Wochen fehlt dasselbe Wasser
- 32:13dann den Pflanzen. Das Konzept der
- 32:16Schwammstadt verfolgt den umgekehrten
- 32:18Ansatz. Regenwasser soll möglichst dort
- 32:21zurückgehalten werden, wo es niedergeht.
- 32:24Es kann vorübergehend gespeichert,
- 32:27langsam in den Boden geleitet und den
- 32:29Bäumen zur Verfügung gestellt werden.
- 32:32Die Stadt verhält sich bildlich
- 32:33gesprochen wie ein Schwamm. Bei Regen
- 32:36nimmt sie Wasser auf und in trockenen
- 32:38Phasen gibt sie einen Teil davon wieder
- 32:40ab. Das klingt selbstverständlich,
- 32:43erfordert aber eine andere Planung.
- 32:46Eine kleine Vertiefung im Boden kann
- 32:48beispielsweise Wasser von einem Gehweg
- 32:50aufnehmen. Unterirdische Speicher können
- 32:53Niederschläge von Dächern sammeln.
- 32:56Voraussetzung ist natürlich, dass
- 32:58Schadstoffe nicht ungefiltert in den
- 33:00Wurzelbereich gelangen. Besonders
- 33:02interessant sind miteinander verbundene
- 33:04Pflanzgräben.
- 33:06Oberirdisch sehen wir vielleicht mehrere
- 33:08voneinander getrennte Baumscheiben.
- 33:10Unter dem Pflaster sind diese Bereiche
- 33:12jedoch durch einen durchwurzelbaren
- 33:15Boden miteinander verbunden. Die Wurzeln
- 33:17können dadurch ein wesentlich größeres
- 33:20Bodenvolumen erschließen. Gleichzeitig
- 33:22lässt sich das gespeicherte Regenwasser
- 33:24auf mehrere Bäume verteilen. Solche
- 33:27Lösungen kosten bei der Anlage mehr als
- 33:30das einfache Ausheben eines kleinen
- 33:32Pflanzlochs. Sie verlängern jedoch die
- 33:35Lebensdauer der Bäume und reduzieren
- 33:37spätere Schäden. Eine Planung, die
- 33:40ausschließlich die niedrigsten
- 33:42Blaukosten betrachtet, kann langfristig
- 33:44ausgesprochen teuer werden. Damit sind
- 33:47wir bei einem häufigen Missverständnis.
- 33:50Mit dem Einsetzen des Baumes ist die
- 33:52Arbeit nicht beendet. Eigentlich beginnt
- 33:55sie erst. Gerade junge Bäume besitzen
- 33:58noch kein weitreichendes Wurzelsystem.
- 34:01In längeren Trockenperioden können sie
- 34:03sich nicht selbstständig aus tieferen
- 34:05Bodenschichten versorgen. Sie müssen
- 34:07deshalb in den ersten Jahren regelmäßig
- 34:10und ausreichend bewässert werden. Ein
- 34:13gelegentlicher kleiner Eimer Wasser
- 34:14reicht nicht. Das Wasser muss tief genug
- 34:17in den Boden gelangen, damit sich die
- 34:19Wurzeln nicht ausschließlich
- 34:21Oberflächnah entwickeln. Außerdem
- 34:23benötigen junge Bäume einen
- 34:25fachgerechten Erziehungsschnitt. Dabei
- 34:27geht es nicht darum, die Krone aus
- 34:29ästhetischen Gründen möglichst klein zu
- 34:31halten. Ziel ist viel mehr eine stabile
- 34:34Kronenstruktur, die später weniger
- 34:36aufwendige Eingriffe erfordert.
- 34:39Regelmäßige Bewässerung und
- 34:40fachgerechter Erziehungsschnitt gehören
- 34:43daher zu den grundlegenden
- 34:44Voraussetzungen einer erfolgreichen
- 34:46Pflanzung. In der Praxis wird jedoch
- 34:48häufig Geld für spektakuläre
- 34:50Pflanzaktionen bereitgestellt, während
- 34:53die anschließende Pflege finanziell kaum
- 34:55abgesichert ist.
- 34:57Das Foto vom neugepflanzten Baum lässt
- 34:59sich gut veröffentlichen. Ein Budget für
- 35:02Bewässerung, Kontrolle und Bodenpflege
- 35:05ist politisch weniger sichtbar. Genau
- 35:08hier liegt ein zentraler Planungsfehler.
- 35:11Die späteren Pflegekosten müssen bereits
- 35:13bei der Pflanzung berücksichtigt und
- 35:16langfristig finanziert werden.
- 35:18Andernfalls investiert eine Stadt in
- 35:20Bäume, deren Überlebenschancen sie
- 35:23anschließend selbst reduziert. Nicht
- 35:26jede freie Fläche eignet sich für einen
- 35:28Baum und nicht jeder Baum eignet sich
- 35:30für jeden Standort. Manchmal ist es
- 35:33sinnvoller, wenige Bäume unter guten
- 35:35Bedingungen zu pflanzen, als eine große
- 35:38Zahl in viel zu kleinen Pflanzgruben.
- 35:41Entscheidend ist nicht, wie viele Bäume
- 35:43bei einer öffentlichen Aktion in die
- 35:45Erde gesetzt werden. Entscheidend ist,
- 35:48wie viele von ihnen nach 20 oder 30
- 35:50Jahren noch gesund sind und ihre
- 35:52Funktionen erfüllen können. Stadtbäume
- 35:55sind also weder eine billige
- 35:57Universallösung noch bloße Dekoration.
- 36:00Sie sind lebende Infrastruktur.
- 36:03Im Unterschied zu einer technischen
- 36:05Anlage gewinnen Sie mit der Zeit an
- 36:07Leistungsfähigkeit.
- 36:09Vorausgesetzt, wir geben Ihnen Raum,
- 36:11Wasser und Pflege. Die klimaangepasste
- 36:14Stadt beginnt deshalb nicht erst bei der
- 36:16Auswahl einer bestimmten Baumart. Sie
- 36:19beginnt mit einer grundlegenden
- 36:21Entscheidung. Behandeln wir Bäume als
- 36:23nachträglichen Schmuck, der dort Platz
- 36:26finden muss, wo nach Straßen, Leitungen
- 36:28und Parkplätzen noch etwas übrig ist?
- 36:31Oder betrachten wir sie von Anfang an
- 36:33als wesentlichen Bestandteil des
- 36:35öffentlichen Raums? Nur im zweiten Fall
- 36:38können Sie die Aufgaben erfüllen, die
- 36:40wir Ihnen selbstverständlich
- 36:42zuschreiben. Vielen Dank für Ihre
- 36:45Aufmerksamkeit.
- 36:46Herzlichen Dank, Frau Dr. Lorenz, für
- 36:48diesen aufschlussreichen Vortrag.
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