Nietzsche in 60 Minuten, Nietzsche in 60 minutes (subtitles), Nietzsche en 60 Minutes (sous-titres) — Transcript
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- 0:08Ich begrüße Sie ganz herzlich zu Friedrich Nietzsche, einem der ganz großen europäischen
- 0:14Philosophen. Wir befassen uns ja heute mit dem berühmten ""Willen zur Macht" und seiner
- 0:21ganz großen Vision vom Übermenschen. Und Sie werden sehen, Nietzsche hat zahlreiche Gedanken,
- 0:29die geradezu von einer brennenden Aktualität sind. Und er hat ja bereits 1882 einen ganz kleinen Satz
- 0:39niedergeschrieben und formuliert, der um die ganze Welt gegangen ist. Er ist sehr kurz. Ich
- 0:46habe ihn ihnen mitgebracht: "Gott ist tot". Und diesen kleinen Satz kennt man heutzutage überall,
- 0:55also nicht nur in Europa, auch in Amerika. "Gott ist tot". Da denkt jeder, den Satz habe ich schon
- 0:58einmal gehört. Die Wenigsten wissen zwar, dass dieser Satz von Nietzsche stammt, aber
- 1:03er ist bekannt. Er ist deshalb wie ein Lauffeuer um die ganze Welt gegangen, weil Nietzsche damit
- 1:08etwas auf den Punkt gebracht hat, was tatsächlich in den nächsten Jahrhunderten der gesamten
- 1:14Welt, ja der gesamten westlichen Hemisphäre, also der westlichen Welt zum Problem werden sollte. Mit
- 1:19Gott ist tot, da meint Nietzsche nicht irgendein Ereignis, etwa dass Gott plötzlich gestorben ist,
- 1:26sondern einen Prozess. Er sagt: "Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte.
- 1:35Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus."
- 1:42Also was er erzählt, "Gott ist tot" bedeutet, da geht es um die Geschichte der nächsten zwei
- 1:48Jahrhunderte. 1880 rum hat er das gesagt. Wenn sie hochrechnen 1980, 2080, das ist ein Prozess,
- 1:54der bis in unsere Zeit geht und es ist der Prozess des aufkommen Nihilismus und des Massenatheismus.
- 2:02Und wenn wir ehrlich sind, tatsächlich treten pro Jahr bis zu einer halben Million Menschen
- 2:09aus den Kirchen aus. Sogar im Lutherjahr gibt es zahlreiche Austritte und man muss davon ausgehen,
- 2:16dass bereits in wenigen Jahren die breite Mehrheit der europäischen Bevölkerung nicht mehr in der
- 2:24Kirche ist. So gesehen war seine Vorhersage natürlich recht präzise. Der Grund, warum
- 2:31das passiert, sagt er, sind zum einen natürlich die aufkommenden Naturwissenschaften. Sie müssen
- 2:36bedenken, Zeitgenosse von Nietzsche war Charles Darwin, der als erster gesagt hat, wir stammen
- 2:43nicht alle von Adam und Eva ab, sondern wir sind höhere Säugetiere, die durch die Evolution über
- 2:50die Affen, über die Hominiden langsam entstanden sind. Es war aber nicht nur Darwin. Zahlreiche
- 2:56Wissenschaftler haben das alte religiöse Weltbild, in dem wir jahrtausendelang geborgen waren,
- 3:02ins Wanken und ins Zerbrechen gebracht. Es war ein irrer Aufbruch: In der Medizin, in der Physik,
- 3:10in allen Bereichen. Zum Beispiel in der Medizin. Früher dachte man noch, die Pest, die Cholera,
- 3:16diese schweren Krankheiten, insbesondere die Pest, das ist Teufelswerk, beziehungsweise,
- 3:20das ist eine Strafe Gottes. Aber noch vor 1900 hat ein russischer Wissenschaftler gesagt: Nein es ist
- 3:29einfach nur eine bakterielle Infektion und alles wurde auf den Prüfstand gestellt. Damals war ein
- 3:35ganz großer Aufbruch. Immer mehr wurde gezweifelt, nicht nur an Adam und Eva, an der jungfräulichen
- 3:45Empfängnis, an der ganzen Schöpfungsgeschichte - nein, am Ende auch an Gott selbst.
- 3:50Und jetzt sagt Nietzsche: "Wohin ist Gott?" Und dann kommt etwas Spannendes: "Wir haben ihn
- 3:59getötet, ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder!" Und was er damit meint, ist ganz einfach: Es war
- 4:07nicht nur Darwin und die Naturwissenschaftler, die Gott getötet haben mit ihren neuen welterklärenden
- 4:14Theorien, nein, das waren schon wir alle, weil wir Gott die seinsstiftende Kraft entzogen haben,
- 4:21weil wir nicht mehr so an ihn geglaubt haben. Nietzsche war der erste postmoderne
- 4:27Denker. Er schreibt sogar ein Buch, das heißt der Antichrist. Er war Atheist,
- 4:32überzeugter Atheist, aber er war auch zugleich der erste postmoderne Denker. Warum postmodern?
- 4:39Was heißt postmodern? Was heißt modern? Also die Moderne, darunter verstehen wir in der
- 4:45Regel diesen großen Aufbruch der Aufklärung, als die Naturwissenschaften begonnen haben, als
- 4:51plötzlich die französischen Aufklärer Rousseau, Voltaire, Montesquieu Gewaltenteilung gefordert
- 4:58haben. Wer soll das Volk regieren, wenn nicht das Volk und so weiter. Das war ein großer Aufbruch,
- 5:02die Aufklärung. Und die Aufklärung, Illumination, sagen die Franzosen, also die Erleuchtung, die
- 5:09Erhellung. Das Licht der Vernunft sollte überall hinkommen und sollte sozusagen den Aberglauben,
- 5:16den Glauben, den Mythos und die alten Weltbilder erhellen und erleuchten. Das war die Moderne.
- 5:21Nietzsche ist der erste postmoderne Denker. Ihm genügt es nicht mehr, das zu sagen. Die
- 5:27Aufklärung war ja auch sehr kritisch. Kant, Locke, Hume und die ganzen Aufklärer waren
- 5:33ja auch religionskritisch, aber Nietzsche genügt es nicht, das zu kritisieren. Er sagt,
- 5:38die eigentliche Frage, die sich der Mensch in den nächsten Jahrhunderten stellen muss,
- 5:43ist eine ganz andere. Was passiert denn, wenn der letzte Mensch aufgehört hat,
- 5:49an Gott zu glauben? Was passiert dann? Das hat ihn interessiert. Und dann sagt er eben - Zitat:
- 5:59"Seitdem der Glaube aufgehört hat, dass ein Gott die Schicksale der Welt im Großen leite,
- 6:05müssen die Menschen selber sich die ganze Erde umspannende Ziele stellen.
- 6:11Hierin liegt die ungeheure Aufgabe." Also wenn wir nicht mehr geborgen
- 6:16sind in dem religiösen Weltbild, dass das Leben eine Aufgabe ist,
- 6:19die wir erfüllen müssen um ins Paradies zu kommen , wenn uns das nicht mehr trägt, dann
- 6:24müssen wir selbst diese Aufgabe übernehmen. Die Menschen selbst müssen sich jetzt die ganze Erde
- 6:31umspannende globale Ziele geben, um die weitere Zukunft zu gestalten. Und jetzt sagt er - und
- 6:38deshalb gilt er auch als postmoderner Denker - haben wir ein großes Problem. Er sagt,
- 6:42die Leute sind gar nicht reif dafür. Weil, seine Zeitgenossen, sagt er,
- 6:47wenn er sich diese anschaut, kann er immer nur den Kopf schütteln. Die verfallen, kaum
- 6:53dass Gott tot ist, falschen Götzen und es werden neue Götzen aufgerichtet. Einer dieser Götzen,
- 7:01sagt er, ist der Nationalismus und diese ganze Deutschtümelei. Das ging damals schon los,
- 7:06wissen Sie, 1870 die Reichsgründung und alles, das war so die Zeit, da sagt er, die Deutschtümelei
- 7:11geht ihm dermaßen auf die Nerven und wenn es überhaupt ein Volk gibt, das stolz sein darf,
- 7:16das patriotisch auf seine Kultur stolz sein darf, dann sind die Franzosen. Und dann sagt er hier:
- 7:23"Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte
- 7:31es haben, jetzt, wo Alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist,
- 7:35diese ruppigen Selbstgefühle aufzustacheln?" Und ihn hat es immer genervt, diese Burschenschaften,
- 7:41die Studentenbewegungen, diese marschierenden Singenden, das Getue mit dem Kaiser,
- 7:45das ist ihm auf die Nerven gegangen. Weil er sagt, das ist nur neuer Götze. Gott ist tot,
- 7:49wir haben den Sinn nicht mehr durch die Religion. Jetzt wollen wir uns den Sinn geben,
- 7:54indem wir sagen, wir sind Deutsche oder indem wir sagen, wir sind Franzosen oder
- 7:58Engländer. Und das ist falsch. Der nächste große Götze, sagt er, und der ist noch schlimmer,
- 8:04ist, dass die Leute jetzt ihren Selbstwert nach dem Gott tot ist, daraus bekommen wollen, dass
- 8:11sie höher stehen als andere und sich dadurch auch immerhin auch im Zeitalter des Nihilismus noch
- 8:16ein bisschen wichtig fühlen dürfen. Und da suchen sich die Rassisten immer irgendeine Gruppe, in dem
- 8:22Fall die Antisemiten. Und da sagt Nietzsche: "Die Antisemiten vergeben es den Juden nicht, dass die
- 8:28Juden Geist haben - und Geld: Der Antisemitismus - ein Name der Schechtweggekommenen.
- 8:35Es gibt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland, als diese Antisemiten."
- 8:40Ich meine, der Nietzsche schimpft auf sehr Vieles, aber die Antisemiten, die hatte er ganz dick. Er
- 8:48war ja mit Wagner dann eine Zeit lang befreundet, bevor sie sich natürlich zerstritten haben. Und
- 8:53da schreibt er auch mal: "In letzter Zeit ist Wagner unerträglich. Diese ständige Antisemiterei,
- 8:59er ist fast so schlimm wie meine Schwester." Weil das war ihm zutiefst zuwider, weil er
- 9:05sagt "Gott ist tot". Jetzt müssen wir aus uns selbst schöpfen und da kann es doch nicht sein,
- 9:09dass man es einen Selbstwert aus sowas herleitet. Sie sehen schon, Nietzsche war alles andere als
- 9:15ein Nazi. Jede Vereinnahmung in dieser Richtung ist nicht möglich angesichts dieser Aussagen
- 9:22von Nietzsche. Das einzige, was Hitler wirklich von Nietzsche hatte und eins zu eins übernehmen
- 9:27konnte, war der Original-Spazierstock von Nietzsche. Den hat ihm nämlich, nachdem Nietzsche
- 9:33schon tot war, die Schwester von Nietzsche geschenkt, hat Hitler diesen Spazierstock
- 9:35geschenkt aber gelesen hat er ihn ziemlich sicher überhaupt nicht. Dann sagt er:
- 9:42Ein anderer großer Götze ist jetzt auch noch da, der die nächsten Jahrhunderte vielleicht
- 9:47eine Rolle spielt. Er war ja politisch wahnsinnig weitsichtig und er sagt: Es ist der Sozialismus.
- 9:52Der Sozialismus. - Sie wissen: 1848 Karl Marx, Kommunistisches Manifest, hat er natürlich
- 10:00mitbekommen, diese Bewegung, obwohl es noch keinen einzigen sozialistischen Staat gab,
- 10:04aber seine Prognose war damals schon negativ. Er sagt; "Der Sozialismus begehrt eine Fülle
- 10:10von Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat,
- 10:16ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt
- 10:24und er treibt den halbgebildeten Massen das Wort Gerechtigkeit wie einen Nagel in den Kopf,
- 10:29um sie ihres Verstandes völlig zu berauben." Also er hat auch den Sozialismus als neuen
- 10:34Götzen kritisiert, weil er sagt, die streben eine despotische Staatsgewalt an,
- 10:41da regiert dann nur noch die Partei und die Partei hat immer recht und es kommt zu einer
- 10:45Gleichschaltung aller Individuen. Und da sagt er, der Sozialismus kann nicht funktionieren,
- 10:49weil der Mensch nicht gleich ist. Wir sind nicht alle gleich und gerade Nietzsche war
- 10:55ja der Individualismus ganz wichtig. Und er sagt, wenn wir allen gleich
- 10:59viel Geld geben, alle gleichschalten, das kann nicht gut gehen. Und diese
- 11:04Abschaffung des Individuums wird sich rächen. Deshalb ist für ihn auch der Sozialismus eine
- 11:09neue Religion. Er sagt, ja gut, Gott ist tot, jetzt glauben die Leute nicht mehr,
- 11:14dass sie in das Paradies kommen. Was macht man? Man verspricht ihnen ein
- 11:17Arbeiterparadies und gibt ein weltliches Heilsversprechen anstatt des metaphysischen
- 11:23Heilsversprechens. Aber es funktioniert auch nicht. Und er sagt, es ist auch schlecht,
- 11:26wenn man sich an diesen Götzen hält. Und der vierte große Götze,
- 11:29meine Damen und Herren, was wird das anderes sein? Es ist der,
- 11:32an den wir heute glauben. Jawohl, der Kapitalismus. Zitat: " Der
- 11:39Handeltreibende fragt bei allem, was geschaffen wird, nach Angebot und Nachfrage, um für sich
- 11:45den Wert einer Sache festzusetzen. Dies, zum Charakteristikum einer ganzen Kultur gemacht,
- 11:51das ist es, worauf ihr Menschen des nächsten Jahrhunderts stolz sein werdet."
- 11:56Das ist natürlich auch kraß, denn damals war zwar Globalisierung und Kapitalismus so in den Ansätzen
- 12:00schon da, aber noch nicht so entfaltet. Aber er sagt, der Handlungstreibende,
- 12:05der Geschäftsmann oder der Kapitalist oder Unternehmer, der bemisst alles nur danach,
- 12:11was die Ware für einen Wert hat auf dem Markt nach Angebot und Nachfrage. Er vermietet eine Wohnung
- 12:16so teuer, wie es irgendwie geht, dass er noch Mieter findet oder verkauft sie. Und
- 12:22alles wird nur nach Angebot und Nachfrage bestimmt. Es gibt keine anderen Prinzipien
- 12:26der Gerechtigkeit mehr. Und danach leben alle. Und es kommt zu einer
- 12:30neuen Götzenverehrung. Die Menschen werden sich nur noch danach bemessen,
- 12:33wie viel sie erreicht haben, wie reich sie sind und so weiter und beten den schnöden Mammon
- 12:39Geld an. Und es ist genauso eine Gott- oder Götzenverehrung wie der Sozialismus und der
- 12:43Nationalismus. Und diese Götzen haben deshalb eine Chance, sagt Nietzsche, weil sie uns trösten,
- 12:49weil es nicht leicht ist, den Nihilismus, den kalten Hauch
- 12:53des Nihilismus auszuhalten, nachdem Gott tot ist.
- 12:56Darum trösten wir uns. Und jetzt stellt er die Frage:
- 12:58Wie? "Wie wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?
- 13:04Müssen wir nicht selbst zu Göttern werden?" Das ist jetzt
- 13:08die zentrale Frage. Das ist eine postmoderne Frage. Wie
- 13:11geht es denn jetzt weiter nach dem Gott seine seinsstiftende Kraft verloren hat
- 13:15und immer weniger Leute in die Kirchen gehen und ihr ganzes Weltbild daraus beziehen? Wie
- 13:22geht's weiter wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Müssen wir nicht
- 13:27selbst zu Göttern werden? Und hier lautet und ist seine Antwort, ein klares "Ja".
- 13:31Wir müssen jetzt selbst die Schicksale dieser Welt in unsere Hand nehmen. Wir müssen jetzt
- 13:39diese große Aufgabe übernehmen. Nur das Problem ist eben, darum werden ja die Götzen immer wieder
- 13:45hervorgezaubert, wir sind noch gar nicht in der Lage dazu. Er sagt, es reicht noch nicht.
- 13:50Wir haben noch nicht die Kraft, diese Aufgabe zu übernehmen aber wir müssen dahin kommen,
- 13:55denn: "Tot sind alle Götter, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe." Und damit werden
- 14:02wir uns jetzt dann befassen. Was ist denn dieser Übermensch? Wohin sollen wir nach Nietzsche gehen?
- 14:07Aber sie sehen, wie aktuell das eigentlich ist. Also, er ist schon nahe an und dran,
- 14:11deswegen ist er eben der postmoderne Denker. Gut - bereits als 25-jähriger,
- 14:17als junger Kerl, hat Nietzsche den Schlüssel zum Verständnis der ganzen Welt gefunden,
- 14:22glaubt ihn entdeckt zu haben und wissen Sie wo? Wo er diesen Schlüssel gefunden hat? Ausgerechnet
- 14:28in der alten griechischen Tragödie. Er sagt, diese alten Nummern, diese alten griechischen Tragödien,
- 14:34die haben erkannt, was Menschsein und was auch die ganze Welt im Wesentlichen ausmacht. Denn
- 14:40in diesen alten Tragödien gibt es immer nur zwei große Prinzipien: Also der Held,
- 14:45der kämpft und handelt und ist dabei immer hin und her gerissen zwischen dem dionysischen und
- 14:50dem apollinischen Prinzip. Also ich habe noch ein Zitat dabei. Da sagt er: "Es gibt zwei Zustände in
- 14:57denen die Kunst, also das Theater selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt: einmal als Zwang
- 15:03zur Vision, andererseits als Zwang zum Orgiasmus." Nietzsche würde sagen, in jedem von uns - jetzt
- 15:11nicht nur im Held in der griechischen Antike - sondern auch in jedem von uns stecken zwei
- 15:18Prinzipien. Die erkläre ich kurz. Das eine ist das apollinische Prinzip. Das nennt er hier der
- 15:25Zwang zur Vision. Also, wir wollen Visionen haben. Wir wollen die Welt planen. Wir wollen
- 15:32die Welt gestalten. Das nennt er das apollinische Prinzip nach dem Gott
- 15:37Apoll. Apollon, ein griechischer Gott, war der Gott der Zukunftsplanung, auch der Weissagung,
- 15:45der Gott der Vernunft. Er war der strahlende Gott der Städtegründung. Es war mit einem Wort
- 15:51ein Macher, würden wir heute sagen, aber auch ein Denker, der geplant und strukturiert hat. Also das
- 15:57apollinische Prinzip steht für das vernünftig Planende im Menschen. Aber gleichzeitig gibt
- 16:03es auch noch Dionysos. Es kennen wahrscheinlich alle, den guten Gott des Rausches, also den Gott
- 16:10des Weines, nicht des Rausches, des Weines, ja sekundär des Rausches, wenn man es übertreibt. und
- 16:16Dionysos steht natürlich auch für die Kreativität für das Chaotische, für das rein Gefühlsmäßige,
- 16:26für die Leidenschaft, für das leidenschaftliche Wissen. Auf den Abbildungen ist er ja auch immer
- 16:31mit Frauen und Wein. Und diese zwei Prinzipien kämpfen in jedem Menschen gegeneinander - auch
- 16:37in der klassischen Tragödie. Also es ist ja oft so, dass wir was planen und machen und im
- 16:43letzten Moment machen wir es dann doch anders aus irgendeinem Grund. Wir wissen zwar, es wäre jetzt
- 16:49vernünftig und was wir jetzt tun, ist unvernünftig und machen es doch und so muss man sich
- 16:52vorstellen, dass das Apollinische immer erst mal versucht, die Welt zu gestalten und dann bringt
- 16:59das Dionysische wieder alles zum Tanzen. Beispiel ist 'Ödipus' von Sophokles, eine ganz
- 17:06alte Tragödie. Der Ödipus versucht auch immer alles richtig zu machen und kommt in die Stadt
- 17:12und da ist ein despotischer König und dann kämpft er mit dem, tötet den, verliebt sich
- 17:17in die Königin heiratet die und irgendwann merkt er, dass er sich in die eigene Mutter verliebt
- 17:22hat. Das wusste er zwar gar nicht, weil er als Kind ausgesetzt wurde und dann ist natürlich
- 17:25wieder alles im Chaos. So müssen sie sich das vorstellen und Nietzsche sagt aber, so ist das
- 17:31Leben. Die Griechen haben erkannt, wie unser Leben wirklich ist. Und wir brauchen die 'amor fati',
- 17:35die Liebe zum Schicksal und das bedeutet, wir kommen aus dem Leiden nie ganz raus. Aber
- 17:41wir müssen das annehmen diese zwei Prinzipien, das ist nun mal so, aber schon in der Antike
- 17:47ist jetzt ein großer Fehler gemacht worden. Mit Euripides, das ist auch ein Dramaturg,
- 17:51ist plötzlich das Dionysische einfach weggefallen, unterdrückt worden, nicht mehr beachtet worden,
- 17:58weil in der klassischen Tragödie, da gab es immer so einen Chor, den Klagechor. Die haben immer die
- 18:03Gefühle und das Dionysische dargestellt. Und was auf der Bühne war, war mehr das
- 18:07Apollinische. Und spätestens unter Euripides wurde der Chor weggelassen das Dionysische hat
- 18:12immer weniger eine Rolle gespielt. Der rationale Mensch ist in der Antike immer stärker geworden
- 18:17und mit Platon und seiner Hauptfigur Sokrates ging das noch mal weiter. Da hieß es auf einmal: Das
- 18:24Dionysische ist schlecht und böse. Wir müssen uns nach oben orientieren. Die Idee der Gerechtigkeit,
- 18:29des Wahren, des Schönen. Und da wurde plötzlich Menschsein ganz neu definiert. "Glück", sagt
- 18:38Nietzsche, "heißt bloß, man muss es dem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein
- 18:44Tageslicht herstellen, das Tageslicht der Vernunft. Jedes Nachgeben an die Instinkte,
- 18:51ans Unbewusste, führt uns hinab." Und da sagt der Nietzsche, passiert was,
- 18:56eine Geist-Körper-Trennung. Das Körperliche, das Dionysische, unsere Lust, unsere Sinnlichkeit
- 19:01ist böse. Das führt hinab. Der Geist, die Vernunft, der Verstand, das führt uns hoch.
- 19:06Und das war eine ganz schicksalhaft schlechte Entwicklung, Weil, das formuliert er dann sogar:
- 19:15"Der Moralismus der griechischen Philosophen von Plato ab ist pathologisch." Und noch kranker und
- 19:21pathologischer wird es dann mit der Entstehung des Christentums, weil das Christentum hat jetzt noch
- 19:27eine viel größere Leibfeindlichkeit. Ich weiß nicht, wer von ihnen katholisch erzogen wurde.
- 19:32Wir sind ja in Bayern. Ich habe noch gelernt in der Pubertät: Du sollst nicht unkeusch denken,
- 19:39was natürlich kein Pubertierender wirklich leisten kann. Und Nietzsche sagt, mit dem
- 19:45Christentum ist es dann ganz fatal geworden. Denn in der Antike, da gab es den Waisen und
- 19:52den Toren. Und der Weise hat die Seele nach oben entwickelt und der Tor ist halt seinen Gelüsten
- 19:56gefolgt. Und da sagt der Platon, das ist das Dasein einer Ente. Man isst und scheidet aus
- 20:01und freut sich daran. Aber im Christentum, ist es schlimmer geworden. Weil im Christentum gibt es
- 20:05so eine Bipolarität, da gibt es das Gute und das Böse und da kann man ganz dem Bösen und dem Teufel
- 20:10verfallen ohne sich eben zu Gott entwickeln. Und der Körper die Leiblichkeit, die Versuchung, das
- 20:15gehört zum Abkünftigen. Und jetzt kritisiert er das Christentum aus vier Gründen. Erstens:
- 20:22"Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste
- 20:27aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie hat aus jedem Wert einen Unwert,
- 20:38aus jeder Wahrheit eine Lüge gemacht." In seinen Ausführungen führt er auch aus: Das ganze Symbol,
- 20:46dieser Gott am Kreuz, also dieser Jesus, das Leidende, da ist alles verloren gegangen,
- 20:51was eigentlich wichtig ist für uns Menschen, nämlich auch der Mut,
- 20:55das heldenhafte Kämpfen, das Einstehen. Dieses "halte die auch die Linke hin",
- 20:59da sagt er, das war ein Irrtum, das war ein Irrweg. Zweitens sagt er, das Mitleid
- 21:06ist auch nicht gut, welches das Christentum da sozusagen propagiert. "Das Mitleid", sagt er,
- 21:11"ist eine Verschwendung der Gefühle, ein der moralischen Gesundheit schädlicher Parasit,
- 21:17es kann unmöglich Pflicht sein, die Übel in der Welt zu vermehren. Denn sehr oft, sagt er, tun
- 21:22wir aus Mitleid zwar Almosen und alles Mögliche geben und verlängern dadurch das Leid der Leute,
- 21:27die sonst vielleicht aufbegehren würden, etwas tun, die Gesellschaft verändern würden. Aber nein,
- 21:31wir alimentieren alle und dieses Mitleid löst keine Probleme. Und das Mitleid,
- 21:37sagt er, kann auch ein Zeichen von Verachtung sein, wenn man von jemand bemitleidet wird.
- 21:41Also Mitleid ist für ihn etwas ganz Schlimmes. Er sagt übrigens auch mal:
- 21:44Die Bettler sollte man abschaffen, denn man fühlt sich immer schlecht, wenn man an dem
- 21:49Bettler vorbei geht. Entweder gibt man ihm etwas, dann fühlt man sich schlecht oder man
- 21:52gibt ihm nichts, dann fühlt man sich auch schlecht.
- 21:54Also Mitleid, das war nichts für ihn. Dann die dritte große Kritik am Christentum, da sagt er,
- 22:00es wird ein ganz neuer Menschenschlag jetzt erzeugt. Er sagt: "Vielleicht gab es bisher keine
- 22:07gefährlichere Ideologie, keinen größeren Unfug in psychologicis, als diesen Willen zum Guten:
- 22:15man zog den widerlichsten Typus, den unfreien Menschen groß, den Mucker,
- 22:20man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem rechten Weg zur Gottheit." Sie wissen,
- 22:27im Christentum ist ja die Demut großgeschrieben und man ist ständig dem Guten verpflichtet,
- 22:32weil das Leben ja eine Prüfung, eine Aufgabe ist. Und er sagt,
- 22:36da kommt am Ende oft ein Mucker heraus und es ist gilt nicht nur für das Christentum.
- 22:42Sie wissen, egal ob jetzt im Islam, da wird ja auch gebetet und man verneigt sich bis zum Boden
- 22:48oder die Christen, die niederknien, er sagt, da kommt ein eigenartiger Schlag von Menschen heraus.
- 22:55Das hält er nicht für gesund. Und das Letzte, was er noch kritisiert, ist der Satz: "Wenn
- 23:01dich dein Auge ärgert, so reiße es aus. Der Christ, der jenem Ratschlage folgt
- 23:07und seine Sinnlichkeit ertötet zu haben glaubt, sich täuscht: sie lebt auf eine unheimliche
- 23:14vampirische Art fort und quält ihn in widerlichen Vermummungen." Also, er sagt, es funktioniert
- 23:20nicht so einfach, dass wir nur apollinisch leben und das Dionysische komplett unterdrücken,
- 23:25weil, und da nimmt er übrigens etwas vorweg, was dann später Sigmund Freud,
- 23:31die gesamte Psychologie aber auch speziell die Psychoanalyse grundlegend sagt: Die Wünsche,
- 23:39unser Begehren, unsere Triebe und auch die großen Lebenswünsche, die wir unterdrücken,
- 23:44die sind nicht einfach weg, sondern die schwelen und können sogar sich gegen uns selbst richten.
- 23:50Also zahlreiche neurotische Erkrankungen werden darauf zurückgeführt, dass Menschen über zu lange
- 23:57Zeit hinweg zu viele ihrer Sehnsüchte, Lüste, Lebenswünsche unterdrücken mussten. Und er sagt,
- 24:04das ist eben auch gefährlich an dieser christlichen Ideologie, wie er sie nennt.
- 24:08Insgesamt stört ihn eben auch diese große Leinbfeindlichkeit, weil wir ja schon wissen,
- 24:13seit er 25 ist, weiß er: Jeder Mensch ist auch Dionysiker und deswegen,
- 24:19sagt er: "Leib bin ich ganz und gar und nichts außerdem." 'Leib bin ich', damit widerspricht
- 24:26er der Leibfeindlichkeit der der ganzen Tradition auch der Philosophie. Die sagen ja auch,
- 24:31wir sind primär Vernunftwesen, animal rationale und der Körper ist der Diener des Geistes,
- 24:37der führt nur aus, was der Geist entscheidet. Aber so ist es nicht. Nietzsche spricht dagegen
- 24:41von der großen Vernunft des Leibes, weil sagt er, es wäre auch eine völlige Illusion,
- 24:46zu glauben, dass unsere Vernunft uns regiert, unser Bewusstsein. Denn es gibt - das würden
- 24:53übrigens heutige Wissenschaftler bestätigen - seit einer wahnsinnig langen Zeit - wissenschaftlich
- 24:58müssten wir sagen, seit etwa drei Milliarden Jahren gibt es das Leben,
- 25:02also drei Milliarden - kaum vorstellbar. Und auch die Hominiden, Nietzsche spricht da von
- 25:09den Halbtieren, die gibt's auch schon ewig. Aber die waren in den Wäldern in
- 25:14Horden als Jäger und Sammler. Die hatten auch noch kein Bewusstsein. Und erst ganz zum Schluss in
- 25:20der Evolutionsgeschichte ist das Bewusstsein überhaupt aufgekommen. Aber wir haben dieses
- 25:25Erbe noch immer in uns. Und deswegen ist das auch nicht weg zu bringen. Er sagt dann auch:
- 25:32"Einst wart ihr Affen und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe." Das
- 25:40ist diese Tendenz, die er da hat. Wie ist es aber dazu gekommen, wenn wir Milliarden
- 25:46Jahre nur triebhaft, instinkthaft nach Reiz und Reaktion und Lust gelebt haben
- 25:52also inklusive Einzeller und der ganzen Evolution? Wie ist es denn dazu gekommen,
- 25:56dass wir heute überhaupt so etwas haben wie ein Bewusstsein? - Und noch schlimmer, ein schlechtes
- 26:01Gewissen? Und da hat er dieses berühmte Kapitel in der 'Genealogie der Moral' geschrieben über
- 26:07die Entstehung des schlechten Gewissens. Und zwar sagt er, das ist in dem Moment entstanden,
- 26:12der ganze Wahnsinn, als die Menschen aus den Wäldern herausgegangen sind und erste Gemeinden,
- 26:20Dörfer, Krale gegründet haben und dann auch Staaten. Denn
- 26:25innerhalb dieser Gemeinschaften und Staaten ist nämlich was Schlimmes passiert. Da gab es
- 26:31Gesetze und Regeln. Und jetzt dürfte keiner mehr keinem irgendwas antun,
- 26:36sondern man musste die ganzen bisherigen Instinkte,
- 26:40die man hatte, die Wut, die Aufmerksamkeit, die Aggression,
- 26:45das Weglaufen unterdrücken. Wissen Sie, im Wald, da hat man jedes Knacken noch gehört, da hat man
- 26:51gerochen, da wusste man, jetzt muss ich weglaufen, wenn man bedroht war oder man hat angegriffen bei
- 26:55der Jagd. Da waren wir instinktsicher. Er sagt, wir haben alle Instinkte verloren.
- 27:02Die ganze Entwicklung, die Evolution ist negativ. Früher hat uns das Wasser getragen, als wir noch
- 27:06im Wasser waren. Jetzt müssen uns die Füße tragen. Und auch das war ein ganz negativer Schritt,
- 27:11als dann plötzlich das Bewusstsein aufkam durch die Staatengründung. Weil, sagt er:
- 27:17"Mit einem Male waren alle ihre Instinkte entwertet und ausgehängt. Ich glaube, dass niemals
- 27:24auf Erden ein solches Elendsgefühl dagewesen ist." als plötzlich die Instinkte entwertet wurden.
- 27:33Und sie wissen, es ist tatsächlich so: Die Instinkte sind entwertet - und nicht
- 27:37nur entwertet, sie sind tabuisiert. Also wenn wir in der Arbeit einen
- 27:42cholerischen Anfall kriegen und laut brüllen, weil wir wütend sind,
- 27:45dann würden alle sagen: Sie sind aber aggressiv. Klar, sagt Nietzsche, weil
- 27:51der Instinkt noch da ist, aber er darf nicht mehr gelebt werden. Diese Instinkte sind ausgehängt
- 27:57und entwertet. Und jetzt im Staat, als wir ihn so Großgruppen zusammengelebt haben,
- 28:05da ging es dann um was anderes: Diese Menschen, also sie, "sie
- 28:09waren jetzt auf Denken, Schließen, Berechnen, Kombinieren von Ursachen und Wirkungen reduziert,
- 28:17diese Unglücklichen, auf ihr Bewusstsein, auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes
- 28:24Organ!" Also auf einmal waren wir auf unser ärmlichstes Organ angewiesen,
- 28:29auf unser Bewusstsein und haben nachgedacht,
- 28:31haben kalkuliert, haben gerechnet, während wir früher lange Jahre, die ganze Evolution
- 28:37hindurch völlig instinktsicher waren. Jetzt haben wir diesen Instinktverlust. In diesem
- 28:41Augenblick -- was ist da passiert? Da sagt er: "Alle Instinkte,
- 28:45die sich nicht nach außen entladen wenden sich nach
- 28:48innen. Jetzt wird es spannend. Jetzt sagt er: Weil wir nicht
- 28:52mehr aggressiv sein dürfen - wir dürfen nicht mal mehr,
- 28:54wenn wir Hunger haben, uns irgendwo ein Essen nehmen. Kleinkinder machen es auch noch im
- 28:59Laden. Wenn man da den Einkaufswagen nicht bewacht, dann greifen die rüber,
- 29:03holen sich die Schokolade, machen sie auf und essen. Klar, weil sie instinktsicher sind.
- 29:07Später müssen sie natürlich lernen, dass das alles nicht geht. Und wir wissen's. Wir richten unsere
- 29:13ganzen Instinkte nach innen. Auch die Aggression. Über Jahrtausende hat uns die Aggression gerettet,
- 29:20weil wir Reviere verteidigt haben, neue Dinge erobert haben, weil wir in der Horde herumgezogen
- 29:25sind. Jetzt richtet sich das gegen uns selbst, weil wir sie unterdrücken müssen. Und diese
- 29:30Energie, die nach Innen jetzt gerichtet wird, führt zu Selbststrafungsimpulsen. Und das ist
- 29:37der Ursprung des schlechten Gewissens. Also er sagt: "Die Feindschaft, die Grausamkeit,
- 29:43die Lust an der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung - Alles das gegen
- 29:48die Inhaber solcher Instinkte sich wendend: Das ist der Ursprung des "schlechten Gewissens". Die
- 29:54Strafen, sagt er, tun ein Übriges dazu, insofern wir natürlich wissen, wenn wir uns nicht an die
- 29:58Regeln des Staates halten, werden wir bestraft. Aber letztlich wird das schlechte Gewissen auch
- 30:03durch unsere eigene Energie gespeist, dass wir wissen, das dürfen wir jetzt nicht und
- 30:07uns dabei selbst im Zaum halten durch eigene Energie. Und die Quintessenz ist: Sowohl das
- 30:13Bewusstsein als auch das Gewissen sind ganz späte Erscheinungen in der Evolution, die es die ganze
- 30:19Zeit überhaupt nicht gab und die letztlich auch nicht die entscheidende Rolle in unserem Leben
- 30:24spielen dürfen. Sondern das Entscheidende ist, sagt Nietzsche, dass wir immer noch - und das
- 30:32spüren wir in uns - einen enormen Willen haben. Wir haben Wünsche, wir haben Sehnsüchte, wir haben
- 30:37Bedürfnisse und da meint er nicht nur Essen und Trinken. Er sagt, die ganzen Bedürfnisse,
- 30:42Sehnsüchte, Wünsche, die wir uns haben, das ergibt unser Wollen. Jeder Mensch hat so ein
- 30:46Wollen. Und jetzt sind wir schon beim Kernkapitel: Der Wille zur Macht. Da sagt er: "Diese Welt: ein
- 30:56Ungeheuer ohne Anfang, ohne Ende, ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr
- 31:02selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!" Wie kann er behaupten, diese Welt,
- 31:10ein Ungeheuer von Kraft, ist der Wille zur Macht? Ist die Welt wirklich der Wille zur Macht?
- 31:15Dazu sagt er: Ja, die ganze Welt ist der Wille zur Macht und zwar deshalb, weil:
- 31:20Jede Pflanze wächst nach der Sonne, steckt sich, verschattet zum Teil andere Pflanzen,
- 31:27die dann auch wieder sich strecken und dasselbe machen. Aber wenn kleines
- 31:30Bäumchen da ist und ein großes, geht meistens das kleine ein oder das, was schneller wächst,
- 31:33bleibt. Also auch da ist ein unbedingter Wille zum Leben, zum Überleben und zur Selbststeigerung
- 31:40da. Auch bei den Pflanzen und sogar in der Chemie. Er sagt, wenn sich Stoffe mischen,
- 31:45das wissen Sie ja noch aus dem Chemieunterricht, dann verfärbt sich das, die Stoffe reagieren
- 31:49miteinander. Entweder vermischen sie sich oder sie stoßen sich ab. Aber in jedem Fall,
- 31:54sagt Nietzsche, wirken Kräfte aufeinander. Also in der ganzen Natur wirken Kräfte. Darum sagt er:
- 31:59ein Ungeheuer von Kraft ist die ganze Natur. Auch die Planeten, da gibt es auch einen schönen Satz:
- 32:03Die vermeintlichen Naturgesetze, sind nichts anderes als Kräfteverhältnisse. Also,
- 32:11dass die Planeten sich anziehen und diese Umlaufbahnen haben, das ist genau ausgezirkelt,
- 32:16wie viel Anziehungskraft der eine auf den anderen hat und so pendelt sich das
- 32:20aus. Da geht es auch um Kräfte und bei Menschen sowieso. Er hat übrigens auch
- 32:24ein interessantes Beispiel für die ersten Lebewesen. In der damaligen
- 32:28Zeit gab es ja auch dann die Mikroskope und solche Techniken. Mit denen haben sie
- 32:31vergrößern können, optisch. Und dann sagt er: Die die Amöbe,
- 32:34das kleinste Tierchen, hat ja auch so kleine Härchen und wabert herum. Sobald die Amöbe auf
- 32:41etwas Organisches trifft, umschließt sie es. Und wenn sie es für gut befindet, dann wird das in die
- 32:47Amöbe integriert, also sie isst es auf, sozusagen. Und diese Aneignung haben wir seit Anfang an in
- 32:53der Natur. Also, der Wille zur Macht und auch wir selber als Menschen, wir sind nichts anderes, als
- 32:58dieser Wille zur Macht. Und deswegen sagt er auch: "Alles Geschehen ist reduzierbar auf die Absicht
- 33:07der Mehrung von Macht." Aber das läuft jetzt so ab, sagt er, dass wir immer auch andere tangieren.
- 33:16Die Steigerung unserer Macht kann auch bedeuten, dass wir andere bei ihrer eigenen Selbststeigerung
- 33:25behindern. Da kommt man aber nicht darum herum. Deswegen, sagt er: "Leben lebt immer auf Unkosten
- 33:32anderen Lebens. Wer das nicht begreift, hat bei sich noch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit
- 33:37gemacht." Er sagt, wir können gar nicht anders. Also wenn sie sich beispielsweise bewerben auf
- 33:44irgendeinen Abteilungsleiter-Job und kriegen den, dann haben x Kollegen sich beworben, die kriegen
- 33:49ihn nicht und sind dann traurig. Also, jeder Erfolg geht oft auch auf Kosten des Misserfolgs
- 33:55von anderen. Oder der Olympiasieger, der dann auf dem Podest oben steht, mit dem Siegerkranz, golden
- 34:01strahlend im Siegerglanz, der steht da oben, weil er gleichzeitig andere verdunkelt und abschattet,
- 34:08die nicht da oben sind. Er sagt, wir können gar nicht leben, ohne andere zu tangieren. Das geht
- 34:14nicht. Und dann hat er auch subtilere Beispiele, die ich ganz spannend finde. Er sagt
- 34:21beispielsweise, wenn zwei dieselbe bezaubernde Frau lieben und sich in sie verlieben oder sogar
- 34:27drei und einer bekommt sie, dann bleiben zwei andere zurück. Oder auch eines seiner
- 34:33subtilsten Beispiele, er war ja auch ein großer Psychologe: Mütter. Eine frühe frühkindliche
- 34:40Phase ist für ihn etwas Interessantes, denn er sagt, Mütter, die sagen wir mal, ein Kind
- 34:44mehr lieben als das andere oder die anderen, damals hatten ja alle fünf oder sechs, die
- 34:50machen das nicht bewusst. Die sind gerecht. Die geben
- 34:54denen allen gleich viel. Aber sie können nicht anders, das eine ist
- 34:58ihnen irgendwie näher. Und das schlimme ist, sagt er, die Kinder spüren das und deswegen:
- 35:04Die Mutter, was sie da macht, ist keine Schuld. Er sagt,
- 35:06man muss da mal endlich jenseits von Gut und Böse denken, so heißt übrigens ein Buchtitel von
- 35:10ihm: Jenseits von Gut und Böse. Die Mutter,
- 35:13die das eine Kind halt ein bisschen mehr unbewusst liebt,
- 35:16die kann ja nichts dafür - nicht wirklich,
- 35:18wenn sie sich Mühe gibt, immer fair und gerecht zu sein.
- 35:21Aber das weniger geliebte Kind, kann sein,
- 35:24fühlt sich zurückgesetzt und hat damit ganz schön zu tun.
- 35:26Und deswegen, wir kommen nicht umhin: Leben lebt immer auf Unkosten anderen Lebens, das ist in der
- 35:33Natur so. Das ist bei uns so. Auch ein schöner Satz von ihm:
- 35:36"Die Insekten stechen nicht aus Bosheit, sondern weil sie auch
- 35:40leben wollen." Also die Moskitos meint er damit. Und es ist schon richtig.
- 35:45Man hört ja immer: Bssss! In Wirklichkeit, was sollen sie
- 35:49machen? Auch wenn es für uns Terror ist, der bösartig ist, aber
- 35:53die kann nicht anders. Und so können auch wir oft nicht anders. Und keiner geht durchs Leben, ohne
- 35:59dass er irgendwann auch mal anderen zu schaffen macht. Und weil es so ist, sagt er, weil wir da
- 36:07nicht aus können, sagt er: "Ich schätze die Macht eines Willens danach, wie viel von Widerstand,
- 36:13Schmerz, Tortur er aushält und sich zum Vorteil umzuwandeln
- 36:17weiß." Er sagt, wir alle haben Widerstände im Leben.
- 36:20Aber wir können den Widerstand zum Anlass nehmen,
- 36:23daran zu wachsen und uns den zum Vorteil umzuwandeln.
- 36:27Also unsere Selbstentfaltung, unser Wille zur Macht, der geht gegen Widerstände,
- 36:32immer im Leben. Aber er schätzt eben ein Individuum danach, ob das Individuum es schafft,
- 36:37sich die Dinge, die gegen es sind, auch zu überwinden und zu Willen zu machen. Jetzt kann
- 36:43man natürlich sagen, und dafür wurde Nietzsche auch sehr kritisiert, dass das grenzenlos ist,
- 36:49dass er sagt, klar! Aber wenn dann jeder seinen Willen zur Macht lebt,
- 36:52dann kommt irgendwann ein riesiger Egoismus heraus. Jeder entwickelt seinen Willen zur
- 36:59Macht. Welche Grenzen sollte es haben, wenn nicht mal das Mitleid eine Grenze
- 37:03ist, wenn nicht mal das Mitleid unseren Egoismus begrenzt? Wo ist die Grenze des Willens zur Macht?
- 37:11Darf man andere überwältigen? Darf man andere vielleicht sogar aufgrund der Entfaltung und
- 37:17eines eigenen höheren Ziels töten? Und da sagt er. Es kann tatsächlich
- 37:24sein. Das ziemlich radikal - ein radikaler Gedanke von Nietzsche. Er sagt: Es kann sein,
- 37:33es kann sein, es ist für jeden von uns möglich, "Dass irgend Etwas hundertmal wichtiger ist als
- 37:38die Frage, ob wir uns wohl oder schlecht befinden und folglich auch, ob die Anderen gut oder
- 37:45schlecht befinden. Kurz, dass wir ein Ziel haben, um dessentwillen man nicht zögert, Menschenopfer
- 37:52zu bringen." Also, es kann tatsächlich sein, dass wir zur Entfaltung unseres höchsten Ziels
- 37:58und unseres Willens zur Macht wir weder auf uns selbst noch auf andere Rücksicht nehmen dürfen und
- 38:03höchste Opfer bringen müssen - auch Menschenopfer. Solche Zitate haben Nietzsche natürlich dann in
- 38:09die Nähe des Faschismus auch gebracht. Und sie wissen, auch Mussolini, der er hat Nietzsche
- 38:15wirklich gelesen und riesige Denkmäler für Nietzsche aufstellen lassen. Und
- 38:20weil er natürlich da keine Grenze kennt - erst mal. Aber, meine Damen und Herren,
- 38:25wir versuchen das jetzt auch mal unideologisch zu sehen, ohne ihn gleich in irgendeine Richtung zu
- 38:30drücken. Und dann kann es tatsächlich sein, wenn man ehrlich ist, dass man manchmal für ein höheres
- 38:37Ziel sich selbst opfert. Ob man sich selbst dabei gut oder schlecht fühlt, das darf keine
- 38:44Rolle spielen und auch wie sich die Anderen fühlen. Notfalls müssen wir Menschenopfer
- 38:48bringen. Denken sie mal an den früheren Bundeskanzler, den Altbundeskanzler Helmut
- 38:54Schmidt. Der kam mal in eine ganz schwierige,
- 38:58man kann sagen, tragische Situation. Denn die Baader-Meinhof-Gruppe war inhaftiert,
- 39:06teilweise mehrfach schon wegen Mordes angeklagt. Dann haben die Terroristen,
- 39:11die noch draußen waren, eine Lufthansa-Maschine entführt und den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer.
- 39:18Und sie haben ein Verhandlungsangebot gemacht, dass sie alle frei lassen. Es
- 39:25passiert niemand was, aber dafür müssen Ulrike Meinhof, Baader und die andere in
- 39:31dieser Gruppe auch freigelassen werden. Und Helmut Schmidt stand mit seinem Kabinett vor
- 39:36dieser schwierigen Entscheidung. Und er hat gesagt, nein, wir lassen nicht frei,
- 39:40hat die Lufthansa-Maschine stürmen lassen. Und Hanns Martin Schleyer wurde deshalb sozusagen
- 39:45hingerichtet, getötet von den Terroristen. Und das irre ist, Schmidt saß dann sogar bei
- 39:52der Beerdigung noch neben dieser Frau Schleyer. Das war für ihn eine ganz,
- 39:57ganz harte Phase. Er hat aber gesagt, er würde dieses Opfer wieder bringen. Also er hat,
- 40:03wie man hier sieht, für ein höheres Ziel, also dass wir ein Ziel haben, um dessentwillen man
- 40:10nicht zögert Menschenopfer zu bringen. Er hatte dieses Ziel. Sein Ziel war die Staatsraison. Er
- 40:14hat gesagt es geht nicht. Der Rechtsstaat muss seine Täter verurteilen und vor Gericht stellen.
- 40:20Wir können nicht, wenn Gewalt von außen kommt, unser Rechtssystem wegschmeißen und sagen: Gut,
- 40:25die lassen wir frei. Sowieso wenn es Mörder sind, die dann vielleicht sogar wieder töten. Da sagt er
- 40:31nein, das geht nicht. Das höhere Ziel ist in dem Fall der Rechtsstaat. Und unsere Gerechtigkeit
- 40:36muss über dieser Freilassung stehen und er würde Hanns Martin Schleyer im Grunde,
- 40:41also was heißt "wieder opfern"? - er wollte ihn natürlich nicht opfern, aber er hat dieses Leben
- 40:46bewusst rieskiert und hat gesagt, er würde es wieder tun und übrigens hat er auch
- 40:49eine Note geschrieben, eine Schriftliche, die er hinterlegt hat,
- 40:53dass wenn er selbst entführt wird oder die Loki Schmidt, seine Frau, dass sie nicht ausgetauscht
- 40:59werden dürfen. Das hat er auch hinterlegt. Also er hat das Opfer auch für sich selbst gebracht,
- 41:03was er jetzt verlangt hat. Oder er wäre bereit gewesen, dieses Opfer zu bringen. Also Sie sehen,
- 41:10man kann das auch so interpretieren. Natürlich hat Nietzsche seinen Willen zur Macht auch nicht
- 41:16nur auf das Individuum ausgedehnt, sondern auch gesagt, es gilt auch natürlich für große Völker.
- 41:21Auch große Völker in der Geschichte haben ihren Willen zur Macht gelebt,
- 41:26woran für Nietzsche nichts Schlechtes ist. Da sagt er zum Beispiel: "Jene großen
- 41:32Treibhäuser für starke, für die stärkste Art Mensch...
- 41:35"die stärkste Art Mensch", da kommt jetzt dieses "stark und schwach", weshalb er eben auch viel
- 41:39kritisiert wird. "Jene großen Treibhäuser für starke und für die stärkste Art Mensch,
- 41:44die es bisher gegeben hat, die aristokratischen Gemeinwesen in der Art von Rom und Venedig
- 41:50verstandenen Freiheit genau in dem Sinne, wie ich das Wort Freiheit verstehe: als etwas, das man
- 41:59hat und das man nicht hat, das man will, das man erobert." Also da schwebt ihm Rom vor, das alte
- 42:08Rom und Venedig. Das waren Gemeinwesen, die ihre Freiheit und ihre Selbstentfaltung genutzt haben,
- 42:16um zu erobern, um das zu behalten und dazu zugewinnen, was sie noch nicht haben. Und
- 42:23deswegen hat Mussolini Nietzsche auch so toll gefunden, weil er ja auch das alte Rom und
- 42:28diesen alten Glanz wieder beleben wollte. Aber wir werden gleich sehen, dass es Nietzsche darum
- 42:34eigentlich gar nicht ging. Er feiert nämlich auch Venedig. Und wenn man dann weiterliest,
- 42:38sagt er, auch die norditalienischen Städte haben großartig den Willen zur Macht entfaltet. Und
- 42:44ich zeige ihnen jetzt gleich mal, warum. Er sagt übrigens: In der Renaissance also zu dieser Zeit,
- 42:49als Venedig und später Florenz und diese norditalienischen Städte diese irre Macht hatten,
- 42:55hat die Menschheit einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Er behauptet sogar, die Europäer
- 43:01von heute oder: "Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte unter dem Europäer der Renaissance".
- 43:10Also die haben in der Renaissance etwas Großartiges geleistet. Und da ging es ihm nicht
- 43:16jetzt darum, dass Venedig mit seiner Handelsflotte den ganzen Mittelmehrraum mächtig kontrolliert
- 43:21hat, es ging ihm auch nicht darum, dass die Borgia da regiert haben,
- 43:27sondern es ging im Wesentlichen darum, dass in der Renaissance ein enormer Akt
- 43:32der Selbstbefreiung des Menschen stattgefunden hat. Erstmals sind die Wissenschaften aufgeblüht.
- 43:40Die Ärzte haben Leichen sezieren dürfen. Und erstmals hat man sich auch befreit von dem
- 43:46Jahrtausende alten mittelalterlichen Denken. Sie wissen, die Künstler, beispielsweise auch
- 43:53Leonardo da Vinci oder Michelangelo, das waren ja zugleich Wissenschaftler. Die
- 43:58hatten ein ganz freies aufgeklärtes Denken. Und erstmals wurde auch perspektivisch gemalt. Das
- 44:06ganze Mittelalter war nur zweidimensional. Da hat man die Heiligenscheine gesehen,
- 44:12aber das hatte keine Tiefe. Da ging es los, die Perspektive
- 44:14kam. Dann die ganzen Wissenschaften sind aufgeblüht. Das hat Nietzsche
- 44:18begeistert. Oder der Brunelleschi, der baut da diese Riesenkuppel. In der Renaissance haben
- 44:25sich die Menschen befreit. Und die Künstler übrigens haben erstmal selber ihre Werke
- 44:28unterschrieben. Man hat auch plötzlich nackte schöne Körper gemalt. Das war viel dionysischer,
- 44:34sagt er, die Renaissance. Denn Nacktheit war ja völlig verboten im Mittelalter.
- 44:39Und dann haben die natürlich, wie soll ich sagen, etwas Spannendes gemacht. Die
- 44:43Rennaissance-Künstler, die haben einfach gesagt, ja wir malen so antike Sachen, die Venus von
- 44:48Botticelli, und natürlich muss so eine antike Göttin Venus nackt sein. Und dieser Aufbruch hat
- 44:54ihm halt gefallen. Da schreibt er zum Beispiel: "Die italiänische", dies kein Druckfehler, früher
- 45:00hat man das so geschrieben, "die italienische Renaissance barg in sich die Befreiung des
- 45:05Gedankens, die Missachtung der Autoritäten, den Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft,
- 45:11Begeisterung für die Wissenschaft, Entfesselung des Individuums, eine Glut der Wahrhaftigkeit."
- 45:18Also sie sehen, "Wille zur Macht" bedeutet bei Nietzsche nicht unbedingt riesige Eroberungen,
- 45:24sondern da geht's ihm mehr um eine geistige Entfaltung, um eine künstlerische Entfaltung.
- 45:30Und damit sind wir schon bei unserer Ausgangsfrage und bei unserem letzten großen Kapitel. Wie macht
- 45:41man denn das? Wie können wir uns selbst entfalten? Was ist nun dieser Übermensch,
- 45:47den er uns empfiehlt? "Die Götter sind tot, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe." Wer oder
- 45:55was ist nun aber dieser Übermensch? Und können wir hier im Saal vielleicht auch Übermenschen
- 46:02werden? Das schauen wir uns jetzt noch an. Zum Schluss. "Der Übermensch", sagt Nietzsche,
- 46:09"Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein Erstes und Einziges und nicht der Mensch:
- 46:17nicht der Nächste, nicht der Ärmste, nicht der Leidenste, nicht der Beste." Und das ist schon
- 46:25mal interessant, dass er sagt, der Übermensch liegt mir am Herzen und nicht der Mensch. Und
- 46:31dieser Übermensch ist eben nicht der Nächste. Das ist eigentlich klar, und auch nicht der Ärmste,
- 46:37und nicht der Leidenste, das ist wieder, was wir schon von Nietzsche wissen, seine,
- 46:42wie soll ich sagen, negative Einschätzung der christlichen Helden, also der Held am Kreuz,
- 46:48der Jesus am Kreuz ist der Leidenste oder auch der Ärmste. Wie soll ich sagen? Der Übermensch
- 46:56der Religionen ist ja der Asket, so wie Buddha, der sich zurückzieht oder eben wie Jesus oder
- 47:02auch die Franziskaner und zahlreiche Bettelorden, die hatten ja nur einen Strick um den Bauch und
- 47:07hatten ihre Kutten an. Da gab es dieses Ideal der Verweigerung von jedem Eigentum, von allem,
- 47:14was hießig, dieseitig war. Und das lehnte er ab. Das ist nicht der Übermensch. Der Übermensch ist
- 47:18nicht der Asket. Sie wissen, Nietzsche hat sehr viel von Schopenhauer und Schopenhauer sagt ja,
- 47:23man muss asketisch sich rausnehmen. Da sagt Nietzsche: nein, nein der Übermensch
- 47:28ist nicht der Leidende, nicht der Ärmste, nicht der Nächste, und - jetzt wird es spannend - nicht
- 47:34der Beste. Warum nicht der Beste? Man sollte meinen, nach dem, was wir bisher von Nietzsche
- 47:40wissen, dass der Übermensch der Stärkste ist, der sich entfaltet, ergo auch der Beste und so ist es
- 47:48aber nicht gemeint. Ihm geht es tatsächlich darum. Es geht ihm nicht darum, dass das einer ist,
- 47:55ein Kapitalist, der irre erfolgreich ist, im Unternehmen oder ein Politiker oder Alexander
- 48:01der Große, der ein Riesenreich erobert. Es geht ihm nicht darum, dass der Beste der
- 48:05Übermensch ist. Er sagt: "Die höhere Natur des großen Mannes liegt in der Unmitteilbarkeit",
- 48:13es ist interessant, in der Unmitteilbarkeit, nicht in irgendwelchen Wirkungen, ob er auch
- 48:20den Erdball erschütterte." Also die höhere Natur des großen Mannes auf dem Weg zum Übermenschen
- 48:27liegt nicht darin, dass er riesige Wirkungen erzielt und den ganzen Erdball erschüttert,
- 48:32sondern in seiner Unmitteilbarkeit. Was meint er damit, dass jemand unmitteilbar
- 48:39ist? Und wieso soll das eine Qualität sein, dass der sich nicht verständlich machen kann?
- 48:45Er führt das aber ziemlich gut aus. Er sagt, es geht letztlich darum,
- 48:50dass wir eine eigene innere höhere Idee finden, also unser innerstes kreatives Potenzial, unser
- 49:00innerstes höheres Wesen. Wenn wir das finden, dann müssen wir das leben. Und dann ist es auch egal,
- 49:04ob wir verstanden werden und uns mitteilen können. Dann müssen wir das durchziehen. Und er schreibt,
- 49:09viele große Schriftsteller und auch Maler, die hatten so etwas,
- 49:14die haben ihr Ding gemacht, unabhängig davon, ob sie verstanden wurden. Zum Beispiel - das
- 49:21ist jetzt nicht von Nietzsche selber - aber das Beispiel finde ich, ist recht gut: Der Van Gogh,
- 49:26der Va Gogh, der war ja bettelarm, sein ganzes Leben lang. Und alle haben nur den
- 49:34Kopf geschüttelt über seine Bilder. Keiner hat ihn verstanden, weil er hat in einer ganz neuen
- 49:39Art gemalt. Er gehört ja zu den Stammvätern des Expressionismus. Er hat, wenn er ein Kornfeld
- 49:48gesehen hat mit Raben darüber und Sturm kam auf, dann hat er das gemalt. Es ist total unheimlich.
- 49:54Er konnte seine Stimmung, die er gespürt hat, seine Art, wie er Wirklichkeit wahrgenommen hat,
- 49:59konnte der auf die Leinwand bringen und dann war da nichts Idyllisches mehr. Und alle haben
- 50:03gesagt, ja so was hänge ich mir doch nicht auf. Also der ist gegen Wände gestoßen. Niemand
- 50:08hat diese neue Art dieses inbrünstigen Malens überhaupt verstanden. Oder auch die Sonnenblumen.
- 50:15Da sieht man diese Sonnenblumen - schon schön und toll und kraftvoll, vital. Aber man sieht auch
- 50:20schon ein paar welke Blätter und man sieht diese ganze Metamorphose, dass sie auch sterblich ist
- 50:25und das Leiden dieser Blume. Also da steckt irre was drin. Aber das wurde damals
- 50:29überhaupt nicht verstanden, dieser neue Realismus einerseits, und andererseits diese direkte Art,
- 50:35seine Gefühle nur mit diesen gestrichelten Linien, wo er fünfmal drüber gemalt hat,
- 50:39festzuhalten. Und sie wissen, Van Gogh ist bettelarm gestorben. Und heute sind diese Bilder
- 50:46die teuersten Gemälde auf der ganzen Welt. Nichts erreicht solche Preise und da würde Nietzsche
- 50:52sagen: Klar! Es darf keine Rolle spielen, ob wir jetzt
- 50:56die Anerkennung von den anderen kriegen. Und es darf auch keine Rolle spielen,
- 51:02ob wir mit unseren Taten und dem was wir tun, irgendwie mordsmäßig reich werden. Also ist es
- 51:07keineswegs so, dass der heute sagen würde, die Manager und die Banker, die sind wer. Das sind
- 51:13alles andere als Übermenschen. Da würde er sagen: "Seht mir doch diese Überflüssigen!
- 51:17Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit - diese Unvermögenden." Sie merken was für eine
- 51:23schillernde Beschreibung er letztlich von seinem Übermenschen gibt. Und er fügt auch noch hinzu:
- 51:29"Leidenschaftliche Menschen denken wenig an das, was die Anderen denken. Ihr Zustand erhebt sie
- 51:37über die Eitelkeit." Auch das ist ihm wichtig. Da kommt natürlich auch vieles aus ihm selbst
- 51:43heraus. Weil er selber, wissen Sie, der war auch, wenn man so will, bettelarm. Kein Mensch
- 51:50hat Nietzsche gelesen damals. Sie haben ihn alle für einen Spinner gehalten. Und
- 51:55er hat seine Bücher, beziehungsweise die Verleger haben dann seine Bücher nicht
- 51:59mehr angenommen. Dann hat er sie in seiner Verzweiflung
- 52:02selber drucken müssen. Erst ganz gegen Ende seines Lebens, das hat aber schon nicht mehr
- 52:07mitgebekommen, weil er schon erkrankt war, ist dann tatsächlich sein Werk auf fruchtbareren
- 52:12Boden gefallen. Aber er selbst hat das auch so erlebt. Aber das ist jetzt nur, sozusagen,
- 52:19ein Nebenschauplatz. Und er sagt eben: "Ein jeder hat seinen guten Tag, wo er ein höheres
- 52:27Selbst findet." Also darum geht es ihm, dass wir unser höheres Selbst finden. Und er sagt,
- 52:33jeder hat so Momente. "Man soll zum Beispiel einen Maler nach seiner höchsten Vision,
- 52:38die er zu sehen und darzustellen vermochte taxieren und verehren." Und nicht ob er
- 52:42erfolgreich ist oder so. Ihm war es wichtig, die innersten kreativen Potenziale, dass wir die
- 52:50verwirklichen. Und da völlig frei sind und da neue Räume beschreiten. Das ist jetzt natürlich erst
- 52:58einmal schwierig zu verstehen und auch obskur. Hinzu kommt, dass er den Übermenschen in seinem
- 53:03Buch Zarathustra beschreibt. Und Zarathustra ist kein herkömmliches philosophisches Werk, sondern
- 53:08das ist ein poetisches Werk, wo er seinen großen Propheten Zarathustra beschreibt. Am Anfang
- 53:15des Buches kommt er aus den Bergen herunter und erzählt dann denen, wie die Welt aussehen soll.
- 53:22Also er hat einen eigenen Propheten geschaffen. Und dieser Zarathustra sagt uns dann, wie der Weg
- 53:28zum neuen Menschen gehen soll. Und da gibt er uns, viele sagen auch, da ist mehr das Genie gemeint,
- 53:35und Sie sehen ja, es geht ihm vielleicht mehr um Künstler, um Genies, Denker,
- 53:39um Philosophen etc. aber ich behaupte mal, er hat auch einige andere Zitate, die zeigen, dass
- 53:46es ihm nicht nur um die Genies geht. Also hier schreibt er ja auch: "Ein jeder hat seinen guten
- 53:50Tag" und was ich auch interessant finde, in dem Zarathustra gibt er uns jetzt noch einen Hinweis,
- 53:55den ich ihm zum Schluss noch geben will, wie wir auf dem Weg zum Übermenschen drei Verwandlungen
- 54:02durchmachen müssen. Diesen Hinweis gebe ich Ihnen jetzt noch. "Drei Verwandlungen nenne ich euch des
- 54:08Geistes." Also drei Verwandlungen des Geistes muss man durchlaufen: "Wie der Geist zum Kamele wird,
- 54:16und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe." Ein ganz berühmtes Gleichnis von Nietzsche.
- 54:22Also der Geist wird erst zum Kamel, dann wird das Kamel zum Löwen und am Ende wird der Löwe
- 54:31zum Kind. Spannend - warum zum Kind? Mit dem Kamel meint er, dass wir alle, da geht es jetzt übrigens
- 54:39bei diesem Gleichnis immer um Zweierlei, um unsere individuelle Lebensentwicklung und um die
- 54:44Geschichte der Menschheit, das gesellschaftliche Moment. Individuell ist die Phase des Kamels,
- 54:51die wir alle durchlaufen diejenige unser Ausbildungszeit, wo wir lernen, wo die Eltern,
- 54:58die Mentoren, die Lehrer immer mehr Lasten auf uns legen. Also die Phase des Kamels ,
- 55:04sagt er, ist die tragsam duldsame Phase, die wir alle durchlaufen. Wir tun immer mehr Wissen auf
- 55:11uns laden, immer mehr Moral, immer mehr Gesetze, immer mehr Verhaltensmuster, Etikette, Regeln etc.
- 55:19Das ist die Phase des Kamels in unserer Jugend. Dann kommt die Phase des Löwen.
- 55:24In der Phase des Löwen zerfetzen wir all das das, da zerreißen wir das. Da machen wir uns
- 55:31frei von den alten Traumata, von den alten Überlieferungen und Traditionen. Und dem,
- 55:35was die Eltern alles uns gesagt haben, das ist die Phase des Löwens. Mit seinen Zähnen zerreißt
- 55:40er alles. Das wird oft so interpretiert: Bei vielen ist es die Pubertät, wo man
- 55:46sich befreit. Bei manchen kommt es aber auch viel später im Erwachsenenalter. Bei manchen kommt es
- 55:52wirklich erst in der Midlife-Crisis. Das ist das ist jetzt egal. Lassen wir das mal dahingestellt.
- 55:55Philogenetisch meint er damit: Die Phase des Löwen ist diese Phase, wo die Menschheit.... Also fangen
- 56:04wir an mit dem Kamel. Am Anfang sind wir alle gläubig. Und wir sind sozusagen in der Demut und
- 56:12aufgehoben im religiösen Weltbild. Diese ganze lange Phase nennt er die Phase des Kamels. Dann
- 56:19aber, mit, wie soll ich sagen, mit dem Löwen, da könnte, das hat er jetzt nicht weiter ausgeführt,
- 56:26die Aufklärung gemeint sein, wo wir eben tatsächlich alles zerfetzen und zerreißen
- 56:30und in Frage stellen. Also der Beginn der Naturwissenschaften und alles. Aber,
- 56:33sagt er, da dürfen wir nicht stehen bleiben. Da dürfen wir nicht stehen bleiben bei der
- 56:37Phase des Löwen: Weder als Individuellen reicht es, wenn wir uns befreien, noch philogenetisch,
- 56:44also von der gesellschaftlichen Situation her. Und zwar, sagt er dann: Jetzt muss die Verwandlung in
- 56:53das spielende Kind kommen. Und da stellt er eine interessante Frage. Er sagt in diesem leicht,
- 57:01wie soll ich sagen, pathetischen Ton, den der Zarathustra hat, er spricht ja zu seinen Jüngern
- 57:06und zu seinen Brüdern. Dieser Prophet Zarathustra ist übrigens ein tolles Buch, also das macht schon
- 57:11Spaß, das mal zu lesen und da sagt er: "Aber sagt meine Brüder, was vermag noch das Kind,
- 57:18das auch der Löwe nicht vermochte? Ich meine, bisher ist es uns ja klar. Erst die Phase ist
- 57:24Kamels, dann der Löwe, aber warum ist diese letzte große Verwandlung eine Verwandlung in ein
- 57:31spielendes Kind? Man erwartet bei Nietzsche doch eigentlich auf dem Weg zum Übermenschen, dass die
- 57:36letzte Verwandlung ein riesiges Monster ist oder ein allmächtiger Drache oder weiß der Teufel. Nein
- 57:43- die letzte Verwandlung, fragt er: "Was vermag das Kind, was nicht auch der Löwe vermochte?" Und
- 57:49er antwortet: "Neue Werte schaffen, das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich
- 57:57schaffen zu neuem Schaffen, das vermag die Macht des Löwen". Also, der Löwe kann nur Platz machen
- 58:03dafür, dass wir was Neues schaffen können. Aber er setzt noch keine neuen Werte. Das schafft er noch
- 58:09nicht. Und Nietzsche sagt auch, die meisten Leute schaffen es zwar noch irgendwann in ihrem Leben,
- 58:17sich zu befreien von ihrer Erziehung, ihrer Herkunft,
- 58:20er aus den Dingen und allen möglichen Einflüssen, aber das Entscheidende ist jetzt: Was machen wir
- 58:27mit unserer Freiheit? Was machen wir damit? Und er sagt, manchmal, er war ja nicht sehr gesellig,
- 58:33Nietzsche, er hat eher allein gewohnt und gelebt. Manchmal haben ihn Freunde besucht und er schreibt
- 58:38einmal sehr interessant, alle erzählen ihm immer, von was sie sich alles emanzipiert und befreit
- 58:44haben und was sie endlich Alles hinter sich gelassen haben. Aber ihn interessiert eigentlich
- 58:49mehr, wozu? Nicht, frei wovon sie sich alles frei gemacht haben, sondern wozu, wie sie jetzt die
- 58:55Freiheit ausfüllen. Und er schreibt er: "Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht,
- 59:02dass du einem Joche entronnen bist. Frei wovon? Was schert das Zarathustra! Hell aber soll mir
- 59:10dein Auge künden, frei wozu?" Und darum geht es, dass wir in dieser Phase des Lebens das finden,
- 59:19wozu unser eigenes dionysisch kreatives Potenzial uns sozusagen vorsehen könnte. Und da ist die
- 59:29Verwandlung in das Kind wichtig, in das spielende Kind. Und jetzt können wir auch verstehen, warum.
- 59:34Weil in dieser Phase nach der Befreiung müssen wir ja im Grunde bei null anfangen. Da müssen
- 59:41wir im Grunde unvoreingenommen nochmal auf die Welt zu gehen. Und da sagt er: "Unschuld ist das
- 59:49Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung,
- 59:57ein heiliges Ja-sagen. Ja zum Spiele, zum Spiele des Schaffens." Also, er sagt hier, das Kind ist
- 1:00:10unschuldig, es ist unvorbelastet. Und das Kind hat dieses heilige Ja-sagen zum Schaffen. Und
- 1:00:16sie wissen wie wir als Kinder uns hineinsteigern konnten und leidenschaftlich spielen konnten. Das
- 1:00:21müssen wir wieder gewinnen. Und da meint er nicht nur die ganz großen Künstler. Aber natürlich gibt
- 1:00:27es von Picasso auch, finde ich, ein Zitat, das an dieser Stelle sehr gut passt. Auch Picasso
- 1:00:33hatte ja das große Problem. Er hat ja noch mehr, wie soll ich sagen, die ganze Tradition verlassen
- 1:00:41durch seine abstrakte Malerei. 2000 Jahre lang hat man die Dinge abgemalt und er hat auf einmal
- 1:00:47abstrakt gemalt. Und das hat er sich das auch nicht gleich getraut. Und Picasso hat mal gesagt:
- 1:00:51"Man braucht sehr lange Zeit, um jung zu werden." Das finde ich auch ein schönes Zitat,
- 1:00:58was im Grunde genau das meint, was der Nietzsche sagt. Man braucht viel, sehr viel Zeit,
- 1:01:03um jung zu werden. Und jung werden hieß für ihn einfach dann, die Dinge so zu sehen, wie
- 1:01:10er sie unvoreingenommen sieht. Und dann ist er in diese Abstraktion reingekommen. Und darum geht's
- 1:01:16Nietzsche. Deswegen diese dritte Verwandlung in das spielende Kind. Und manche sagen, mit dem
- 1:01:23Übermenschen meinte er einzelne herausragende Persönlichkeiten, die von Zeit zu Zeit kommen.
- 1:01:27Aber ich denke, es ist schon erlaubt, zu überlegen, ob das nicht auch für uns
- 1:01:31zutreffen kann. Und da sagt er zum Beispiel auch in den Aphorismen: "Reife des Mannes,
- 1:01:38das heißt den Ernst wieder gefunden zu haben, den man als Kind hatte, beim Spiel."
- 1:01:44"Reife des Mannes, das heißt den Ernst wieder gefunden zu haben,
- 1:01:47den man als Kind hatte, beim Spiel."
- 1:01:49Gilt für die Frauen natürlich ganz genauso. Reife der Frau würde auch heißen, dass man den
- 1:01:54Ernst wieder findet, sich leidenschaftlich rein zu setzen in so ein Spiel, sich zu vertiefen,
- 1:02:00sich darin zu verlieren. Um diese Dinge geht es ihm. Das sind die Schritte auf dem Weg zum
- 1:02:07höheren Selbst. Im Grunde, was ich da sage, ich behaupte ist: Dieser Übermensch ist eine einzige
- 1:02:12große Selbstverwirklichungs-Coming-out Geschichte, die er uns da erzählt. Gut,
- 1:02:19aber es gibt ein großes Hindernis, wenn wir jetzt nachdenken, ob das auch für uns in
- 1:02:24Frage käme. Da schreibt Nietzsche, es gibt ein großes Hindernis, nämlich die Zeit. Da sagt er:
- 1:02:31"Alle Menschen zerfallen wie zu allen Zeiten, alle Menschen zerfallen wie zu allen Zeiten so
- 1:02:38auch jetzt noch, in Sklaven und Freie. Denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat,
- 1:02:46ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter."
- 1:02:53Also wer von seinem Tag nicht mindestens zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, ganz egal,
- 1:02:58ob der Minister ist oder Kaufmann, er ist Sklave. Und ich denke es mir oft,
- 1:03:03meine Damen und Herren, wenn ich abends heimkomme und bin
- 1:03:05erschöpft nach so einem 8-Stundentag, da kommt kein kreativer Gedanke mehr. Da macht man
- 1:03:10Fernseher an und aus. Und das ist im Grunde, was er da sagt, ist fast eine Menschenrechtsforderung.
- 1:03:16Man sollte wirklich zwei Drittel des Tages für sich haben. Nur dann können wir überhaupt unsere
- 1:03:22Potenziale schöpfen und der Gesellschaft zukommen lassen. Das würde bedeuten, nehmen wir mal an,
- 1:03:27wir stehen um 9 auf, na ja sagen wir mal 8 Uhr, und nehmen mal von 8 Uhr bis 20 Uhr, das wäre
- 1:03:37jetzt der Tag, den wir gestalten, wo wir fit sind, wo wir wach sind. Und da zwei Drittel, also das
- 1:03:41wären jetzt zwölf Stunden. Da wären zwei Drittel, wenn ich's richtig rechne, wir brauchen quasi,
- 1:03:46Wir dürften am Tag eigentlich nur vier Stunden
- 1:03:49arbeiten. Was er hier sagt ist der Vier-Stunden-Tag.
- 1:03:55Zum Beispiel - ja, absolut. Der Kreis wird sich auch jetzt noch mehr schließen,
- 1:04:04weil ich jetzt sozusagen das auch gleich beenden möchte. Also Nietzsche sagt, ich fasse zusammen:
- 1:04:10Gott ist tot. Neue Götzen, Kapitalismus, Sozialismus, Nationalismus, Rassismus, dürfen
- 1:04:16wir nicht anbeten. Das wäre falsch. Das machen nur die Kleingeister, die nur fähig sind, irgendwelche
- 1:04:23falschen Gefühle zu entwickeln. Anstatt selbst ihr eigenes Leben zu entfalten. Und wir müssen
- 1:04:30jetzt umgekehrt versuchen, uns entschlossen nach dem Tod Gottes selbst zu entfalten,
- 1:04:35unser höheres inneres Wesen zu entfalten. Und da gibt uns Nietzsche noch zwei Hinweise. Zum
- 1:04:41einen ist es wichtig, dass wir wieder dionysischer werden, das heißt, dass wir lustvoll leben, dass
- 1:04:48wir das über Jahrhunderte unterdrückte dionysische Prinzip, das kreativ Dionysische auch wieder mehr
- 1:04:54zu Wort kommen lassen. Wobei ich Ihnen sagen muss: Er sagt ja auch, es gibt mehr Leute,
- 1:04:59die haben dionysisch mehr Anteile und manche, die haben apollinisch mehr Anteile. Ich selbst
- 1:05:04habe jahrelang eine Filmhochschule geleitet und die Dionysiker sind schwierige Leute -
- 1:05:10also meine Regie-Studenten. Weil die schöpfen dann aus ihrem Innersten und dann sind sie
- 1:05:14nicht mehr kritikfähig. Weil das kommt ja aus einer Quelle, die über jede Kritik erhaben ist.
- 1:05:19Mit den Apollinikern, die denken logisch, mit denen können sie diskutieren. Da geht es um
- 1:05:24Argumente. Die Dionysiker sind schwierig. Aber das ist jetzt nur ein Exkurs. Und die
- 1:05:29müssen natürlich auch so sein, die Kreativen, das muss man auch wieder sagen. Die müssen
- 1:05:33sich auf das verlassen, was sie als Innerstes, Höchstes erkannt haben. Aber Nietzsche rät uns
- 1:05:38auf unserem Weg tatsächlich auch unser dionysisches Prinzip wieder zu berücksichtigen,
- 1:05:43unsere Intuition und zweitens, was ich auch eigentlich recht schön finde,
- 1:05:48dieses Bild, diesen Gedanken, dass wir vielleicht versuchen sollten,
- 1:05:53auch mal wieder zum spielenden Kind zu werden. Und so möchte ich schließen mit einem Zitat von ihm:
- 1:05:58"Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Vielen Dank.
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