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Nietzsche in 60 Minuten, Nietzsche in 60 minutes (subtitles), Nietzsche en 60 Minutes (sous-titres) — Transcript

by Dr. Walther Ziegler · 9,880 words · 689 segments · language de · Watch on YouTube

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  1. 0:08Ich begrüße Sie ganz herzlich zu Friedrich  Nietzsche, einem der ganz großen europäischen
  2. 0:14Philosophen. Wir befassen uns ja heute mit  dem berühmten ""Willen zur Macht" und seiner
  3. 0:21ganz großen Vision vom Übermenschen. Und Sie  werden sehen, Nietzsche hat zahlreiche Gedanken,
  4. 0:29die geradezu von einer brennenden Aktualität sind.  Und er hat ja bereits 1882 einen ganz kleinen Satz
  5. 0:39niedergeschrieben und formuliert, der um die  ganze Welt gegangen ist. Er ist sehr kurz. Ich
  6. 0:46habe ihn ihnen mitgebracht: "Gott ist tot". Und  diesen kleinen Satz kennt man heutzutage überall,
  7. 0:55also nicht nur in Europa, auch in Amerika. "Gott  ist tot". Da denkt jeder, den Satz habe ich schon
  8. 0:58einmal gehört. Die Wenigsten wissen zwar,  dass dieser Satz von Nietzsche stammt, aber
  9. 1:03er ist bekannt. Er ist deshalb wie ein Lauffeuer  um die ganze Welt gegangen, weil Nietzsche damit
  10. 1:08etwas auf den Punkt gebracht hat, was tatsächlich  in den nächsten Jahrhunderten der gesamten
  11. 1:14Welt, ja der gesamten westlichen Hemisphäre, also  der westlichen Welt zum Problem werden sollte. Mit
  12. 1:19Gott ist tot, da meint Nietzsche nicht irgendein  Ereignis, etwa dass Gott plötzlich gestorben ist,
  13. 1:26sondern einen Prozess. Er sagt: "Was ich erzähle,  ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte.
  14. 1:35Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders  kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus."
  15. 1:42Also was er erzählt, "Gott ist tot" bedeutet,  da geht es um die Geschichte der nächsten zwei
  16. 1:48Jahrhunderte. 1880 rum hat er das gesagt. Wenn  sie hochrechnen 1980, 2080, das ist ein Prozess,
  17. 1:54der bis in unsere Zeit geht und es ist der Prozess  des aufkommen Nihilismus und des Massenatheismus.
  18. 2:02Und wenn wir ehrlich sind, tatsächlich treten  pro Jahr bis zu einer halben Million Menschen
  19. 2:09aus den Kirchen aus. Sogar im Lutherjahr gibt es  zahlreiche Austritte und man muss davon ausgehen,
  20. 2:16dass bereits in wenigen Jahren die breite Mehrheit  der europäischen Bevölkerung nicht mehr in der
  21. 2:24Kirche ist. So gesehen war seine Vorhersage  natürlich recht präzise. Der Grund, warum
  22. 2:31das passiert, sagt er, sind zum einen natürlich  die aufkommenden Naturwissenschaften. Sie müssen
  23. 2:36bedenken, Zeitgenosse von Nietzsche war Charles  Darwin, der als erster gesagt hat, wir stammen
  24. 2:43nicht alle von Adam und Eva ab, sondern wir sind  höhere Säugetiere, die durch die Evolution über
  25. 2:50die Affen, über die Hominiden langsam entstanden  sind. Es war aber nicht nur Darwin. Zahlreiche
  26. 2:56Wissenschaftler haben das alte religiöse Weltbild,  in dem wir jahrtausendelang geborgen waren,
  27. 3:02ins Wanken und ins Zerbrechen gebracht. Es war  ein irrer Aufbruch: In der Medizin, in der Physik,
  28. 3:10in allen Bereichen. Zum Beispiel in der Medizin.  Früher dachte man noch, die Pest, die Cholera,
  29. 3:16diese schweren Krankheiten, insbesondere die  Pest, das ist Teufelswerk, beziehungsweise,
  30. 3:20das ist eine Strafe Gottes. Aber noch vor 1900 hat  ein russischer Wissenschaftler gesagt: Nein es ist
  31. 3:29einfach nur eine bakterielle Infektion und alles  wurde auf den Prüfstand gestellt. Damals war ein
  32. 3:35ganz großer Aufbruch. Immer mehr wurde gezweifelt,  nicht nur an Adam und Eva, an der jungfräulichen
  33. 3:45Empfängnis, an der ganzen Schöpfungsgeschichte  - nein, am Ende auch an Gott selbst.
  34. 3:50Und jetzt sagt Nietzsche: "Wohin ist Gott?"  Und dann kommt etwas Spannendes: "Wir haben ihn
  35. 3:59getötet, ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder!"  Und was er damit meint, ist ganz einfach: Es war
  36. 4:07nicht nur Darwin und die Naturwissenschaftler, die  Gott getötet haben mit ihren neuen welterklärenden
  37. 4:14Theorien, nein, das waren schon wir alle, weil  wir Gott die seinsstiftende Kraft entzogen haben,
  38. 4:21weil wir nicht mehr so an ihn geglaubt  haben. Nietzsche war der erste postmoderne
  39. 4:27Denker. Er schreibt sogar ein Buch, das  heißt der Antichrist. Er war Atheist,
  40. 4:32überzeugter Atheist, aber er war auch zugleich  der erste postmoderne Denker. Warum postmodern?
  41. 4:39Was heißt postmodern? Was heißt modern? Also  die Moderne, darunter verstehen wir in der
  42. 4:45Regel diesen großen Aufbruch der Aufklärung,  als die Naturwissenschaften begonnen haben, als
  43. 4:51plötzlich die französischen Aufklärer Rousseau,  Voltaire, Montesquieu Gewaltenteilung gefordert
  44. 4:58haben. Wer soll das Volk regieren, wenn nicht das  Volk und so weiter. Das war ein großer Aufbruch,
  45. 5:02die Aufklärung. Und die Aufklärung, Illumination,  sagen die Franzosen, also die Erleuchtung, die
  46. 5:09Erhellung. Das Licht der Vernunft sollte überall  hinkommen und sollte sozusagen den Aberglauben,
  47. 5:16den Glauben, den Mythos und die alten Weltbilder  erhellen und erleuchten. Das war die Moderne.
  48. 5:21Nietzsche ist der erste postmoderne Denker.  Ihm genügt es nicht mehr, das zu sagen. Die
  49. 5:27Aufklärung war ja auch sehr kritisch. Kant,  Locke, Hume und die ganzen Aufklärer waren
  50. 5:33ja auch religionskritisch, aber Nietzsche  genügt es nicht, das zu kritisieren. Er sagt,
  51. 5:38die eigentliche Frage, die sich der Mensch  in den nächsten Jahrhunderten stellen muss,
  52. 5:43ist eine ganz andere. Was passiert denn,  wenn der letzte Mensch aufgehört hat,
  53. 5:49an Gott zu glauben? Was passiert dann? Das hat  ihn interessiert. Und dann sagt er eben - Zitat:
  54. 5:59"Seitdem der Glaube aufgehört hat, dass ein  Gott die Schicksale der Welt im Großen leite,
  55. 6:05müssen die Menschen selber sich die  ganze Erde umspannende Ziele stellen.
  56. 6:11Hierin liegt die ungeheure Aufgabe."  Also wenn wir nicht mehr geborgen
  57. 6:16sind in dem religiösen Weltbild,  dass das Leben eine Aufgabe ist,
  58. 6:19die wir erfüllen müssen um ins Paradies zu  kommen , wenn uns das nicht mehr trägt, dann
  59. 6:24müssen wir selbst diese Aufgabe übernehmen. Die  Menschen selbst müssen sich jetzt die ganze Erde
  60. 6:31umspannende globale Ziele geben, um die weitere  Zukunft zu gestalten. Und jetzt sagt er - und
  61. 6:38deshalb gilt er auch als postmoderner Denker  - haben wir ein großes Problem. Er sagt,
  62. 6:42die Leute sind gar nicht reif dafür.  Weil, seine Zeitgenossen, sagt er,
  63. 6:47wenn er sich diese anschaut, kann er immer  nur den Kopf schütteln. Die verfallen, kaum
  64. 6:53dass Gott tot ist, falschen Götzen und es werden  neue Götzen aufgerichtet. Einer dieser Götzen,
  65. 7:01sagt er, ist der Nationalismus und diese ganze  Deutschtümelei. Das ging damals schon los,
  66. 7:06wissen Sie, 1870 die Reichsgründung und alles, das  war so die Zeit, da sagt er, die Deutschtümelei
  67. 7:11geht ihm dermaßen auf die Nerven und wenn es  überhaupt ein Volk gibt, das stolz sein darf,
  68. 7:16das patriotisch auf seine Kultur stolz sein darf, dann sind die Franzosen. Und dann sagt er hier:
  69. 7:23"Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem  Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte
  70. 7:31es haben, jetzt, wo Alles auf größere  und gemeinsame Interessen hinweist,
  71. 7:35diese ruppigen Selbstgefühle aufzustacheln?" Und  ihn hat es immer genervt, diese Burschenschaften,
  72. 7:41die Studentenbewegungen, diese marschierenden  Singenden, das Getue mit dem Kaiser,
  73. 7:45das ist ihm auf die Nerven gegangen. Weil er  sagt, das ist nur neuer Götze. Gott ist tot,
  74. 7:49wir haben den Sinn nicht mehr durch die  Religion. Jetzt wollen wir uns den Sinn geben,
  75. 7:54indem wir sagen, wir sind Deutsche oder  indem wir sagen, wir sind Franzosen oder
  76. 7:58Engländer. Und das ist falsch. Der nächste große  Götze, sagt er, und der ist noch schlimmer,
  77. 8:04ist, dass die Leute jetzt ihren Selbstwert nach  dem Gott tot ist, daraus bekommen wollen, dass
  78. 8:11sie höher stehen als andere und sich dadurch auch  immerhin auch im Zeitalter des Nihilismus noch
  79. 8:16ein bisschen wichtig fühlen dürfen. Und da suchen  sich die Rassisten immer irgendeine Gruppe, in dem
  80. 8:22Fall die Antisemiten. Und da sagt Nietzsche: "Die  Antisemiten vergeben es den Juden nicht, dass die
  81. 8:28Juden Geist haben - und Geld: Der Antisemitismus - ein Name der Schechtweggekommenen.
  82. 8:35Es gibt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland, als diese Antisemiten."
  83. 8:40Ich meine, der Nietzsche schimpft auf sehr Vieles,  aber die Antisemiten, die hatte er ganz dick. Er
  84. 8:48war ja mit Wagner dann eine Zeit lang befreundet,  bevor sie sich natürlich zerstritten haben. Und
  85. 8:53da schreibt er auch mal: "In letzter Zeit ist  Wagner unerträglich. Diese ständige Antisemiterei,
  86. 8:59er ist fast so schlimm wie meine Schwester."  Weil das war ihm zutiefst zuwider, weil er
  87. 9:05sagt "Gott ist tot". Jetzt müssen wir aus uns  selbst schöpfen und da kann es doch nicht sein,
  88. 9:09dass man es einen Selbstwert aus sowas herleitet.  Sie sehen schon, Nietzsche war alles andere als
  89. 9:15ein Nazi. Jede Vereinnahmung in dieser Richtung  ist nicht möglich angesichts dieser Aussagen
  90. 9:22von Nietzsche. Das einzige, was Hitler wirklich  von Nietzsche hatte und eins zu eins übernehmen
  91. 9:27konnte, war der Original-Spazierstock von  Nietzsche. Den hat ihm nämlich, nachdem Nietzsche
  92. 9:33schon tot war, die Schwester von Nietzsche  geschenkt, hat Hitler diesen Spazierstock
  93. 9:35geschenkt aber gelesen hat er ihn ziemlich  sicher überhaupt nicht. Dann sagt er:
  94. 9:42Ein anderer großer Götze ist jetzt auch noch  da, der die nächsten Jahrhunderte vielleicht
  95. 9:47eine Rolle spielt. Er war ja politisch wahnsinnig  weitsichtig und er sagt: Es ist der Sozialismus.
  96. 9:52Der Sozialismus. - Sie wissen: 1848 Karl Marx,  Kommunistisches Manifest, hat er natürlich
  97. 10:00mitbekommen, diese Bewegung, obwohl es noch  keinen einzigen sozialistischen Staat gab,
  98. 10:04aber seine Prognose war damals schon negativ. Er sagt; "Der Sozialismus begehrt eine Fülle
  99. 10:10von Staatsgewalt, wie sie nur  je der Despotismus gehabt hat,
  100. 10:16ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er  die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt
  101. 10:24und er treibt den halbgebildeten Massen das  Wort Gerechtigkeit wie einen Nagel in den Kopf,
  102. 10:29um sie ihres Verstandes völlig zu berauben." Also er hat auch den Sozialismus als neuen
  103. 10:34Götzen kritisiert, weil er sagt, die  streben eine despotische Staatsgewalt an,
  104. 10:41da regiert dann nur noch die Partei und die  Partei hat immer recht und es kommt zu einer
  105. 10:45Gleichschaltung aller Individuen. Und da sagt  er, der Sozialismus kann nicht funktionieren,
  106. 10:49weil der Mensch nicht gleich ist. Wir sind  nicht alle gleich und gerade Nietzsche war
  107. 10:55ja der Individualismus ganz wichtig.  Und er sagt, wenn wir allen gleich
  108. 10:59viel Geld geben, alle gleichschalten, das kann nicht gut gehen. Und diese
  109. 11:04Abschaffung des Individuums wird sich rächen.  Deshalb ist für ihn auch der Sozialismus eine
  110. 11:09neue Religion. Er sagt, ja gut, Gott ist  tot, jetzt glauben die Leute nicht mehr,
  111. 11:14dass sie in das Paradies kommen. Was  macht man? Man verspricht ihnen ein
  112. 11:17Arbeiterparadies und gibt ein weltliches  Heilsversprechen anstatt des metaphysischen
  113. 11:23Heilsversprechens. Aber es funktioniert auch nicht. Und er sagt, es ist auch schlecht,
  114. 11:26wenn man sich an diesen Götzen  hält. Und der vierte große Götze,
  115. 11:29meine Damen und Herren, was wird  das anderes sein? Es ist der,
  116. 11:32an den wir heute glauben. Jawohl,  der Kapitalismus. Zitat: " Der
  117. 11:39Handeltreibende fragt bei allem, was geschaffen  wird, nach Angebot und Nachfrage, um für sich
  118. 11:45den Wert einer Sache festzusetzen. Dies, zum  Charakteristikum einer ganzen Kultur gemacht,
  119. 11:51das ist es, worauf ihr Menschen des  nächsten Jahrhunderts stolz sein werdet."
  120. 11:56Das ist natürlich auch kraß, denn damals war zwar Globalisierung und Kapitalismus so in den Ansätzen
  121. 12:00schon da, aber noch nicht so entfaltet.  Aber er sagt, der Handlungstreibende,
  122. 12:05der Geschäftsmann oder der Kapitalist oder  Unternehmer, der bemisst alles nur danach,
  123. 12:11was die Ware für einen Wert hat auf dem Markt nach  Angebot und Nachfrage. Er vermietet eine Wohnung
  124. 12:16so teuer, wie es irgendwie geht, dass er  noch Mieter findet oder verkauft sie. Und
  125. 12:22alles wird nur nach Angebot und Nachfrage  bestimmt. Es gibt keine anderen Prinzipien
  126. 12:26der Gerechtigkeit mehr. Und danach  leben alle. Und es kommt zu einer
  127. 12:30neuen Götzenverehrung. Die Menschen  werden sich nur noch danach bemessen,
  128. 12:33wie viel sie erreicht haben, wie reich sie sind  und so weiter und beten den schnöden Mammon
  129. 12:39Geld an. Und es ist genauso eine Gott- oder  Götzenverehrung wie der Sozialismus und der
  130. 12:43Nationalismus. Und diese Götzen haben deshalb eine Chance, sagt Nietzsche, weil sie uns trösten,
  131. 12:49weil es nicht leicht ist, den  Nihilismus, den kalten Hauch
  132. 12:53des Nihilismus auszuhalten, nachdem Gott tot ist.
  133. 12:56Darum trösten wir uns. Und  jetzt stellt er die Frage:
  134. 12:58Wie? "Wie wie trösten wir  uns, die Mörder aller Mörder?
  135. 13:04Müssen wir nicht selbst zu  Göttern werden?" Das ist jetzt
  136. 13:08die zentrale Frage. Das ist  eine postmoderne Frage. Wie
  137. 13:11geht es denn jetzt weiter nach dem Gott  seine seinsstiftende Kraft verloren hat
  138. 13:15und immer weniger Leute in die Kirchen gehen  und ihr ganzes Weltbild daraus beziehen? Wie
  139. 13:22geht's weiter wie trösten wir uns, die  Mörder aller Mörder? Müssen wir nicht
  140. 13:27selbst zu Göttern werden? Und hier lautet  und ist seine Antwort, ein klares "Ja".
  141. 13:31Wir müssen jetzt selbst die Schicksale dieser  Welt in unsere Hand nehmen. Wir müssen jetzt
  142. 13:39diese große Aufgabe übernehmen. Nur das Problem  ist eben, darum werden ja die Götzen immer wieder
  143. 13:45hervorgezaubert, wir sind noch gar nicht in  der Lage dazu. Er sagt, es reicht noch nicht.
  144. 13:50Wir haben noch nicht die Kraft, diese Aufgabe  zu übernehmen aber wir müssen dahin kommen,
  145. 13:55denn: "Tot sind alle Götter, nun wollen wir,  dass der Übermensch lebe." Und damit werden
  146. 14:02wir uns jetzt dann befassen. Was ist denn dieser  Übermensch? Wohin sollen wir nach Nietzsche gehen?
  147. 14:07Aber sie sehen, wie aktuell das eigentlich  ist. Also, er ist schon nahe an und dran,
  148. 14:11deswegen ist er eben der postmoderne  Denker. Gut - bereits als 25-jähriger,
  149. 14:17als junger Kerl, hat Nietzsche den Schlüssel  zum Verständnis der ganzen Welt gefunden,
  150. 14:22glaubt ihn entdeckt zu haben und wissen Sie wo?  Wo er diesen Schlüssel gefunden hat? Ausgerechnet
  151. 14:28in der alten griechischen Tragödie. Er sagt, diese  alten Nummern, diese alten griechischen Tragödien,
  152. 14:34die haben erkannt, was Menschsein und was auch  die ganze Welt im Wesentlichen ausmacht. Denn
  153. 14:40in diesen alten Tragödien gibt es immer  nur zwei große Prinzipien: Also der Held,
  154. 14:45der kämpft und handelt und ist dabei immer hin  und her gerissen zwischen dem dionysischen und
  155. 14:50dem apollinischen Prinzip. Also ich habe noch ein  Zitat dabei. Da sagt er: "Es gibt zwei Zustände in
  156. 14:57denen die Kunst, also das Theater selbst wie eine  Naturgewalt im Menschen auftritt: einmal als Zwang
  157. 15:03zur Vision, andererseits als Zwang zum Orgiasmus."  Nietzsche würde sagen, in jedem von uns - jetzt
  158. 15:11nicht nur im Held in der griechischen Antike  - sondern auch in jedem von uns stecken zwei
  159. 15:18Prinzipien. Die erkläre ich kurz. Das eine ist  das apollinische Prinzip. Das nennt er hier der
  160. 15:25Zwang zur Vision. Also, wir wollen Visionen  haben. Wir wollen die Welt planen. Wir wollen
  161. 15:32die Welt gestalten. Das nennt er das  apollinische Prinzip nach dem Gott
  162. 15:37Apoll. Apollon, ein griechischer Gott, war der  Gott der Zukunftsplanung, auch der Weissagung,
  163. 15:45der Gott der Vernunft. Er war der strahlende  Gott der Städtegründung. Es war mit einem Wort
  164. 15:51ein Macher, würden wir heute sagen, aber auch ein  Denker, der geplant und strukturiert hat. Also das
  165. 15:57apollinische Prinzip steht für das vernünftig  Planende im Menschen. Aber gleichzeitig gibt
  166. 16:03es auch noch Dionysos. Es kennen wahrscheinlich  alle, den guten Gott des Rausches, also den Gott
  167. 16:10des Weines, nicht des Rausches, des Weines, ja  sekundär des Rausches, wenn man es übertreibt. und
  168. 16:16Dionysos steht natürlich auch für die Kreativität  für das Chaotische, für das rein Gefühlsmäßige,
  169. 16:26für die Leidenschaft, für das leidenschaftliche  Wissen. Auf den Abbildungen ist er ja auch immer
  170. 16:31mit Frauen und Wein. Und diese zwei Prinzipien  kämpfen in jedem Menschen gegeneinander - auch
  171. 16:37in der klassischen Tragödie. Also es ist ja  oft so, dass wir was planen und machen und im
  172. 16:43letzten Moment machen wir es dann doch anders aus  irgendeinem Grund. Wir wissen zwar, es wäre jetzt
  173. 16:49vernünftig und was wir jetzt tun, ist unvernünftig  und machen es doch und so muss man sich
  174. 16:52vorstellen, dass das Apollinische immer erst mal  versucht, die Welt zu gestalten und dann bringt
  175. 16:59das Dionysische wieder alles zum Tanzen.  Beispiel ist 'Ödipus' von Sophokles, eine ganz
  176. 17:06alte Tragödie. Der Ödipus versucht auch immer  alles richtig zu machen und kommt in die Stadt
  177. 17:12und da ist ein despotischer König und dann  kämpft er mit dem, tötet den, verliebt sich
  178. 17:17in die Königin heiratet die und irgendwann merkt  er, dass er sich in die eigene Mutter verliebt
  179. 17:22hat. Das wusste er zwar gar nicht, weil er als  Kind ausgesetzt wurde und dann ist natürlich
  180. 17:25wieder alles im Chaos. So müssen sie sich das  vorstellen und Nietzsche sagt aber, so ist das
  181. 17:31Leben. Die Griechen haben erkannt, wie unser Leben  wirklich ist. Und wir brauchen die 'amor fati',
  182. 17:35die Liebe zum Schicksal und das bedeutet, wir kommen aus dem Leiden nie ganz raus. Aber
  183. 17:41wir müssen das annehmen diese zwei Prinzipien,  das ist nun mal so, aber schon in der Antike
  184. 17:47ist jetzt ein großer Fehler gemacht worden.  Mit Euripides, das ist auch ein Dramaturg,
  185. 17:51ist plötzlich das Dionysische einfach weggefallen,  unterdrückt worden, nicht mehr beachtet worden,
  186. 17:58weil in der klassischen Tragödie, da gab es immer  so einen Chor, den Klagechor. Die haben immer die
  187. 18:03Gefühle und das Dionysische dargestellt.  Und was auf der Bühne war, war mehr das
  188. 18:07Apollinische. Und spätestens unter Euripides  wurde der Chor weggelassen das Dionysische hat
  189. 18:12immer weniger eine Rolle gespielt. Der rationale  Mensch ist in der Antike immer stärker geworden
  190. 18:17und mit Platon und seiner Hauptfigur Sokrates ging  das noch mal weiter. Da hieß es auf einmal: Das
  191. 18:24Dionysische ist schlecht und böse. Wir müssen uns  nach oben orientieren. Die Idee der Gerechtigkeit,
  192. 18:29des Wahren, des Schönen. Und da wurde plötzlich  Menschsein ganz neu definiert. "Glück", sagt
  193. 18:38Nietzsche, "heißt bloß, man muss es dem Sokrates  nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein
  194. 18:44Tageslicht herstellen, das Tageslicht der  Vernunft. Jedes Nachgeben an die Instinkte,
  195. 18:51ans Unbewusste, führt uns hinab." Und  da sagt der Nietzsche, passiert was,
  196. 18:56eine Geist-Körper-Trennung. Das Körperliche, das  Dionysische, unsere Lust, unsere Sinnlichkeit
  197. 19:01ist böse. Das führt hinab. Der Geist, die  Vernunft, der Verstand, das führt uns hoch.
  198. 19:06Und das war eine ganz schicksalhaft schlechte  Entwicklung, Weil, das formuliert er dann sogar:
  199. 19:15"Der Moralismus der griechischen Philosophen von  Plato ab ist pathologisch." Und noch kranker und
  200. 19:21pathologischer wird es dann mit der Entstehung des  Christentums, weil das Christentum hat jetzt noch
  201. 19:27eine viel größere Leibfeindlichkeit. Ich weiß  nicht, wer von ihnen katholisch erzogen wurde.
  202. 19:32Wir sind ja in Bayern. Ich habe noch gelernt in  der Pubertät: Du sollst nicht unkeusch denken,
  203. 19:39was natürlich kein Pubertierender wirklich  leisten kann. Und Nietzsche sagt, mit dem
  204. 19:45Christentum ist es dann ganz fatal geworden.  Denn in der Antike, da gab es den Waisen und
  205. 19:52den Toren. Und der Weise hat die Seele nach oben  entwickelt und der Tor ist halt seinen Gelüsten
  206. 19:56gefolgt. Und da sagt der Platon, das ist das  Dasein einer Ente. Man isst und scheidet aus
  207. 20:01und freut sich daran. Aber im Christentum, ist es  schlimmer geworden. Weil im Christentum gibt es
  208. 20:05so eine Bipolarität, da gibt es das Gute und das  Böse und da kann man ganz dem Bösen und dem Teufel
  209. 20:10verfallen ohne sich eben zu Gott entwickeln. Und  der Körper die Leiblichkeit, die Versuchung, das
  210. 20:15gehört zum Abkünftigen. Und jetzt kritisiert er das Christentum aus vier Gründen. Erstens:
  211. 20:22"Ich verurteile das Christentum, ich erhebe  gegen die christliche Kirche die furchtbarste
  212. 20:27aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund  genommen hat. Sie hat aus jedem Wert einen Unwert,
  213. 20:38aus jeder Wahrheit eine Lüge gemacht." In seinen  Ausführungen führt er auch aus: Das ganze Symbol,
  214. 20:46dieser Gott am Kreuz, also dieser Jesus, das Leidende, da ist alles verloren gegangen,
  215. 20:51was eigentlich wichtig ist für uns  Menschen, nämlich auch der Mut,
  216. 20:55das heldenhafte Kämpfen, das Einstehen. Dieses "halte die auch die Linke hin",
  217. 20:59da sagt er, das war ein Irrtum, das war  ein Irrweg. Zweitens sagt er, das Mitleid
  218. 21:06ist auch nicht gut, welches das Christentum da  sozusagen propagiert. "Das Mitleid", sagt er,
  219. 21:11"ist eine Verschwendung der Gefühle, ein der  moralischen Gesundheit schädlicher Parasit,
  220. 21:17es kann unmöglich Pflicht sein, die Übel in der  Welt zu vermehren. Denn sehr oft, sagt er, tun
  221. 21:22wir aus Mitleid zwar Almosen und alles Mögliche  geben und verlängern dadurch das Leid der Leute,
  222. 21:27die sonst vielleicht aufbegehren würden, etwas  tun, die Gesellschaft verändern würden. Aber nein,
  223. 21:31wir alimentieren alle und dieses Mitleid  löst keine Probleme. Und das Mitleid,
  224. 21:37sagt er, kann auch ein Zeichen von Verachtung  sein, wenn man von jemand bemitleidet wird.
  225. 21:41Also Mitleid ist für ihn etwas ganz  Schlimmes. Er sagt übrigens auch mal:
  226. 21:44Die Bettler sollte man abschaffen, denn man  fühlt sich immer schlecht, wenn man an dem
  227. 21:49Bettler vorbei geht. Entweder gibt man ihm  etwas, dann fühlt man sich schlecht oder man
  228. 21:52gibt ihm nichts, dann fühlt  man sich auch schlecht.
  229. 21:54Also Mitleid, das war nichts für ihn. Dann die  dritte große Kritik am Christentum, da sagt er,
  230. 22:00es wird ein ganz neuer Menschenschlag jetzt  erzeugt. Er sagt: "Vielleicht gab es bisher keine
  231. 22:07gefährlichere Ideologie, keinen größeren Unfug  in psychologicis, als diesen Willen zum Guten:
  232. 22:15man zog den widerlichsten Typus, den  unfreien Menschen groß, den Mucker,
  233. 22:20man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf  dem rechten Weg zur Gottheit." Sie wissen,
  234. 22:27im Christentum ist ja die Demut großgeschrieben  und man ist ständig dem Guten verpflichtet,
  235. 22:32weil das Leben ja eine Prüfung,  eine Aufgabe ist. Und er sagt,
  236. 22:36da kommt am Ende oft ein Mucker heraus und  es ist gilt nicht nur für das Christentum.
  237. 22:42Sie wissen, egal ob jetzt im Islam, da wird ja  auch gebetet und man verneigt sich bis zum Boden
  238. 22:48oder die Christen, die niederknien, er sagt, da  kommt ein eigenartiger Schlag von Menschen heraus.
  239. 22:55Das hält er nicht für gesund. Und das Letzte,  was er noch kritisiert, ist der Satz: "Wenn
  240. 23:01dich dein Auge ärgert, so reiße es aus.  Der Christ, der jenem Ratschlage folgt
  241. 23:07und seine Sinnlichkeit ertötet zu haben glaubt,  sich täuscht: sie lebt auf eine unheimliche
  242. 23:14vampirische Art fort und quält ihn in widerlichen  Vermummungen." Also, er sagt, es funktioniert
  243. 23:20nicht so einfach, dass wir nur apollinisch  leben und das Dionysische komplett unterdrücken,
  244. 23:25weil, und da nimmt er übrigens etwas  vorweg, was dann später Sigmund Freud,
  245. 23:31die gesamte Psychologie aber auch speziell die  Psychoanalyse grundlegend sagt: Die Wünsche,
  246. 23:39unser Begehren, unsere Triebe und auch die  großen Lebenswünsche, die wir unterdrücken,
  247. 23:44die sind nicht einfach weg, sondern die schwelen  und können sogar sich gegen uns selbst richten.
  248. 23:50Also zahlreiche neurotische Erkrankungen werden  darauf zurückgeführt, dass Menschen über zu lange
  249. 23:57Zeit hinweg zu viele ihrer Sehnsüchte, Lüste,  Lebenswünsche unterdrücken mussten. Und er sagt,
  250. 24:04das ist eben auch gefährlich an dieser  christlichen Ideologie, wie er sie nennt.
  251. 24:08Insgesamt stört ihn eben auch diese große Leinbfeindlichkeit, weil wir ja schon wissen,
  252. 24:13seit er 25 ist, weiß er: Jeder Mensch  ist auch Dionysiker und deswegen,
  253. 24:19sagt er: "Leib bin ich ganz und gar und nichts  außerdem." 'Leib bin ich', damit widerspricht
  254. 24:26er der Leibfeindlichkeit der der ganzen Tradition  auch der Philosophie. Die sagen ja auch,
  255. 24:31wir sind primär Vernunftwesen, animal rationale  und der Körper ist der Diener des Geistes,
  256. 24:37der führt nur aus, was der Geist entscheidet.  Aber so ist es nicht. Nietzsche spricht dagegen
  257. 24:41von der großen Vernunft des Leibes, weil  sagt er, es wäre auch eine völlige Illusion,
  258. 24:46zu glauben, dass unsere Vernunft uns regiert,  unser Bewusstsein. Denn es gibt - das würden
  259. 24:53übrigens heutige Wissenschaftler bestätigen - seit  einer wahnsinnig langen Zeit - wissenschaftlich
  260. 24:58müssten wir sagen, seit etwa drei  Milliarden Jahren gibt es das Leben,
  261. 25:02also drei Milliarden - kaum vorstellbar. Und  auch die Hominiden, Nietzsche spricht da von
  262. 25:09den Halbtieren, die gibt's auch schon  ewig. Aber die waren in den Wäldern in
  263. 25:14Horden als Jäger und Sammler. Die hatten auch noch  kein Bewusstsein. Und erst ganz zum Schluss in
  264. 25:20der Evolutionsgeschichte ist das Bewusstsein  überhaupt aufgekommen. Aber wir haben dieses
  265. 25:25Erbe noch immer in uns. Und deswegen ist das  auch nicht weg zu bringen. Er sagt dann auch:
  266. 25:32"Einst wart ihr Affen und auch jetzt noch ist  der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe." Das
  267. 25:40ist diese Tendenz, die er da hat. Wie ist  es aber dazu gekommen, wenn wir Milliarden
  268. 25:46Jahre nur triebhaft, instinkthaft nach  Reiz und Reaktion und Lust gelebt haben
  269. 25:52also inklusive Einzeller und der ganzen  Evolution? Wie ist es denn dazu gekommen,
  270. 25:56dass wir heute überhaupt so etwas haben wie ein  Bewusstsein? - Und noch schlimmer, ein schlechtes
  271. 26:01Gewissen? Und da hat er dieses berühmte Kapitel  in der 'Genealogie der Moral' geschrieben über
  272. 26:07die Entstehung des schlechten Gewissens. Und  zwar sagt er, das ist in dem Moment entstanden,
  273. 26:12der ganze Wahnsinn, als die Menschen aus den  Wäldern herausgegangen sind und erste Gemeinden,
  274. 26:20Dörfer, Krale gegründet haben und dann auch Staaten. Denn
  275. 26:25innerhalb dieser Gemeinschaften und Staaten  ist nämlich was Schlimmes passiert. Da gab es
  276. 26:31Gesetze und Regeln. Und jetzt dürfte  keiner mehr keinem irgendwas antun,
  277. 26:36sondern man musste die  ganzen bisherigen Instinkte,
  278. 26:40die man hatte, die Wut, die  Aufmerksamkeit, die Aggression,
  279. 26:45das Weglaufen unterdrücken. Wissen Sie, im Wald, da hat man jedes Knacken noch gehört, da hat man
  280. 26:51gerochen, da wusste man, jetzt muss ich weglaufen, wenn man bedroht war oder man hat angegriffen bei
  281. 26:55der Jagd. Da waren wir instinktsicher. Er  sagt, wir haben alle Instinkte verloren.
  282. 27:02Die ganze Entwicklung, die Evolution ist negativ.  Früher hat uns das Wasser getragen, als wir noch
  283. 27:06im Wasser waren. Jetzt müssen uns die Füße tragen.  Und auch das war ein ganz negativer Schritt,
  284. 27:11als dann plötzlich das Bewusstsein aufkam  durch die Staatengründung. Weil, sagt er:
  285. 27:17"Mit einem Male waren alle ihre Instinkte  entwertet und ausgehängt. Ich glaube, dass niemals
  286. 27:24auf Erden ein solches Elendsgefühl dagewesen ist." als plötzlich die Instinkte entwertet wurden.
  287. 27:33Und sie wissen, es ist tatsächlich so:  Die Instinkte sind entwertet - und nicht
  288. 27:37nur entwertet, sie sind tabuisiert.  Also wenn wir in der Arbeit einen
  289. 27:42cholerischen Anfall kriegen und laut brüllen, weil wir wütend sind,
  290. 27:45dann würden alle sagen: Sie sind aber  aggressiv. Klar, sagt Nietzsche, weil
  291. 27:51der Instinkt noch da ist, aber er darf nicht mehr  gelebt werden. Diese Instinkte sind ausgehängt
  292. 27:57und entwertet. Und jetzt im Staat, als wir  ihn so Großgruppen zusammengelebt haben,
  293. 28:05da ging es dann um was anderes: Diese Menschen, also sie, "sie
  294. 28:09waren jetzt auf Denken, Schließen, Berechnen,  Kombinieren von Ursachen und Wirkungen reduziert,
  295. 28:17diese Unglücklichen, auf ihr Bewusstsein,  auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes
  296. 28:24Organ!" Also auf einmal waren wir auf  unser ärmlichstes Organ angewiesen,
  297. 28:29auf unser Bewusstsein und haben nachgedacht,
  298. 28:31haben kalkuliert, haben gerechnet, während  wir früher lange Jahre, die ganze Evolution
  299. 28:37hindurch völlig instinktsicher waren. Jetzt  haben wir diesen Instinktverlust. In diesem
  300. 28:41Augenblick -- was ist da passiert?  Da sagt er: "Alle Instinkte,
  301. 28:45die sich nicht nach außen  entladen wenden sich nach
  302. 28:48innen. Jetzt wird es spannend.  Jetzt sagt er: Weil wir nicht
  303. 28:52mehr aggressiv sein dürfen  - wir dürfen nicht mal mehr,
  304. 28:54wenn wir Hunger haben, uns irgendwo ein Essen  nehmen. Kleinkinder machen es auch noch im
  305. 28:59Laden. Wenn man da den Einkaufswagen  nicht bewacht, dann greifen die rüber,
  306. 29:03holen sich die Schokolade, machen sie auf und  essen. Klar, weil sie instinktsicher sind.
  307. 29:07Später müssen sie natürlich lernen, dass das alles  nicht geht. Und wir wissen's. Wir richten unsere
  308. 29:13ganzen Instinkte nach innen. Auch die Aggression. Über Jahrtausende hat uns die Aggression gerettet,
  309. 29:20weil wir Reviere verteidigt haben, neue Dinge  erobert haben, weil wir in der Horde herumgezogen
  310. 29:25sind. Jetzt richtet sich das gegen uns selbst,  weil wir sie unterdrücken müssen. Und diese
  311. 29:30Energie, die nach Innen jetzt gerichtet wird,  führt zu Selbststrafungsimpulsen. Und das ist
  312. 29:37der Ursprung des schlechten Gewissens. Also  er sagt: "Die Feindschaft, die Grausamkeit,
  313. 29:43die Lust an der Verfolgung, am Überfall, am  Wechsel, an der Zerstörung - Alles das gegen
  314. 29:48die Inhaber solcher Instinkte sich wendend: Das  ist der Ursprung des "schlechten Gewissens". Die
  315. 29:54Strafen, sagt er, tun ein Übriges dazu, insofern  wir natürlich wissen, wenn wir uns nicht an die
  316. 29:58Regeln des Staates halten, werden wir bestraft.  Aber letztlich wird das schlechte Gewissen auch
  317. 30:03durch unsere eigene Energie gespeist, dass  wir wissen, das dürfen wir jetzt nicht und
  318. 30:07uns dabei selbst im Zaum halten durch eigene  Energie. Und die Quintessenz ist: Sowohl das
  319. 30:13Bewusstsein als auch das Gewissen sind ganz späte  Erscheinungen in der Evolution, die es die ganze
  320. 30:19Zeit überhaupt nicht gab und die letztlich auch  nicht die entscheidende Rolle in unserem Leben
  321. 30:24spielen dürfen. Sondern das Entscheidende ist,  sagt Nietzsche, dass wir immer noch - und das
  322. 30:32spüren wir in uns - einen enormen Willen haben.  Wir haben Wünsche, wir haben Sehnsüchte, wir haben
  323. 30:37Bedürfnisse und da meint er nicht nur Essen  und Trinken. Er sagt, die ganzen Bedürfnisse,
  324. 30:42Sehnsüchte, Wünsche, die wir uns haben, das  ergibt unser Wollen. Jeder Mensch hat so ein
  325. 30:46Wollen. Und jetzt sind wir schon beim Kernkapitel:  Der Wille zur Macht. Da sagt er: "Diese Welt: ein
  326. 30:56Ungeheuer ohne Anfang, ohne Ende, ist der Wille  zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr
  327. 31:02selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts  außerdem!" Wie kann er behaupten, diese Welt,
  328. 31:10ein Ungeheuer von Kraft, ist der Wille zur Macht? Ist die Welt wirklich der Wille zur Macht?
  329. 31:15Dazu sagt er: Ja, die ganze Welt ist der  Wille zur Macht und zwar deshalb, weil:
  330. 31:20Jede Pflanze wächst nach der Sonne, steckt  sich, verschattet zum Teil andere Pflanzen,
  331. 31:27die dann auch wieder sich strecken  und dasselbe machen. Aber wenn kleines
  332. 31:30Bäumchen da ist und ein großes, geht meistens  das kleine ein oder das, was schneller wächst,
  333. 31:33bleibt. Also auch da ist ein unbedingter Wille  zum Leben, zum Überleben und zur Selbststeigerung
  334. 31:40da. Auch bei den Pflanzen und sogar in der  Chemie. Er sagt, wenn sich Stoffe mischen,
  335. 31:45das wissen Sie ja noch aus dem Chemieunterricht,  dann verfärbt sich das, die Stoffe reagieren
  336. 31:49miteinander. Entweder vermischen sie sich  oder sie stoßen sich ab. Aber in jedem Fall,
  337. 31:54sagt Nietzsche, wirken Kräfte aufeinander. Also  in der ganzen Natur wirken Kräfte. Darum sagt er:
  338. 31:59ein Ungeheuer von Kraft ist die ganze Natur. Auch  die Planeten, da gibt es auch einen schönen Satz:
  339. 32:03Die vermeintlichen Naturgesetze, sind  nichts anderes als Kräfteverhältnisse. Also,
  340. 32:11dass die Planeten sich anziehen und diese  Umlaufbahnen haben, das ist genau ausgezirkelt,
  341. 32:16wie viel Anziehungskraft der eine auf  den anderen hat und so pendelt sich das
  342. 32:20aus. Da geht es auch um Kräfte und bei  Menschen sowieso. Er hat übrigens auch
  343. 32:24ein interessantes Beispiel für die  ersten Lebewesen. In der damaligen
  344. 32:28Zeit gab es ja auch dann die Mikroskope  und solche Techniken. Mit denen haben sie
  345. 32:31vergrößern können, optisch. Und  dann sagt er: Die die Amöbe,
  346. 32:34das kleinste Tierchen, hat ja auch so kleine  Härchen und wabert herum. Sobald die Amöbe auf
  347. 32:41etwas Organisches trifft, umschließt sie es. Und  wenn sie es für gut befindet, dann wird das in die
  348. 32:47Amöbe integriert, also sie isst es auf, sozusagen.  Und diese Aneignung haben wir seit Anfang an in
  349. 32:53der Natur. Also, der Wille zur Macht und auch wir  selber als Menschen, wir sind nichts anderes, als
  350. 32:58dieser Wille zur Macht. Und deswegen sagt er auch: "Alles Geschehen ist reduzierbar auf die Absicht
  351. 33:07der Mehrung von Macht." Aber das läuft jetzt so  ab, sagt er, dass wir immer auch andere tangieren.
  352. 33:16Die Steigerung unserer Macht kann auch bedeuten,  dass wir andere bei ihrer eigenen Selbststeigerung
  353. 33:25behindern. Da kommt man aber nicht darum herum.  Deswegen, sagt er: "Leben lebt immer auf Unkosten
  354. 33:32anderen Lebens. Wer das nicht begreift, hat bei  sich noch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit
  355. 33:37gemacht." Er sagt, wir können gar nicht anders.  Also wenn sie sich beispielsweise bewerben auf
  356. 33:44irgendeinen Abteilungsleiter-Job und kriegen den, dann haben x Kollegen sich beworben, die kriegen
  357. 33:49ihn nicht und sind dann traurig. Also, jeder  Erfolg geht oft auch auf Kosten des Misserfolgs
  358. 33:55von anderen. Oder der Olympiasieger, der dann auf  dem Podest oben steht, mit dem Siegerkranz, golden
  359. 34:01strahlend im Siegerglanz, der steht da oben, weil  er gleichzeitig andere verdunkelt und abschattet,
  360. 34:08die nicht da oben sind. Er sagt, wir können gar  nicht leben, ohne andere zu tangieren. Das geht
  361. 34:14nicht. Und dann hat er auch subtilere  Beispiele, die ich ganz spannend finde. Er sagt
  362. 34:21beispielsweise, wenn zwei dieselbe bezaubernde  Frau lieben und sich in sie verlieben oder sogar
  363. 34:27drei und einer bekommt sie, dann bleiben  zwei andere zurück. Oder auch eines seiner
  364. 34:33subtilsten Beispiele, er war ja auch ein großer  Psychologe: Mütter. Eine frühe frühkindliche
  365. 34:40Phase ist für ihn etwas Interessantes, denn  er sagt, Mütter, die sagen wir mal, ein Kind
  366. 34:44mehr lieben als das andere oder die anderen,  damals hatten ja alle fünf oder sechs, die
  367. 34:50machen das nicht bewusst.  Die sind gerecht. Die geben
  368. 34:54denen allen gleich viel. Aber sie  können nicht anders, das eine ist
  369. 34:58ihnen irgendwie näher. Und das schlimme ist,  sagt er, die Kinder spüren das und deswegen:
  370. 35:04Die Mutter, was sie da macht,  ist keine Schuld. Er sagt,
  371. 35:06man muss da mal endlich jenseits von Gut und  Böse denken, so heißt übrigens ein Buchtitel von
  372. 35:10ihm: Jenseits von Gut und Böse. Die Mutter,
  373. 35:13die das eine Kind halt ein  bisschen mehr unbewusst liebt,
  374. 35:16die kann ja nichts dafür - nicht wirklich,
  375. 35:18wenn sie sich Mühe gibt, immer  fair und gerecht zu sein.
  376. 35:21Aber das weniger geliebte Kind, kann sein,
  377. 35:24fühlt sich zurückgesetzt und  hat damit ganz schön zu tun.
  378. 35:26Und deswegen, wir kommen nicht umhin: Leben lebt  immer auf Unkosten anderen Lebens, das ist in der
  379. 35:33Natur so. Das ist bei uns so.  Auch ein schöner Satz von ihm:
  380. 35:36"Die Insekten stechen nicht aus  Bosheit, sondern weil sie auch
  381. 35:40leben wollen." Also die Moskitos meint er damit. Und es ist schon richtig.
  382. 35:45Man hört ja immer: Bssss! In  Wirklichkeit, was sollen sie
  383. 35:49machen? Auch wenn es für uns  Terror ist, der bösartig ist, aber
  384. 35:53die kann nicht anders. Und so können auch wir oft  nicht anders. Und keiner geht durchs Leben, ohne
  385. 35:59dass er irgendwann auch mal anderen zu schaffen  macht. Und weil es so ist, sagt er, weil wir da
  386. 36:07nicht aus können, sagt er: "Ich schätze die Macht  eines Willens danach, wie viel von Widerstand,
  387. 36:13Schmerz, Tortur er aushält und  sich zum Vorteil umzuwandeln
  388. 36:17weiß." Er sagt, wir alle  haben Widerstände im Leben.
  389. 36:20Aber wir können den Widerstand zum Anlass nehmen,
  390. 36:23daran zu wachsen und uns  den zum Vorteil umzuwandeln.
  391. 36:27Also unsere Selbstentfaltung, unser Wille  zur Macht, der geht gegen Widerstände,
  392. 36:32immer im Leben. Aber er schätzt eben ein  Individuum danach, ob das Individuum es schafft,
  393. 36:37sich die Dinge, die gegen es sind, auch zu  überwinden und zu Willen zu machen. Jetzt kann
  394. 36:43man natürlich sagen, und dafür wurde Nietzsche  auch sehr kritisiert, dass das grenzenlos ist,
  395. 36:49dass er sagt, klar! Aber wenn dann  jeder seinen Willen zur Macht lebt,
  396. 36:52dann kommt irgendwann ein riesiger Egoismus  heraus. Jeder entwickelt seinen Willen zur
  397. 36:59Macht. Welche Grenzen sollte es haben,  wenn nicht mal das Mitleid eine Grenze
  398. 37:03ist, wenn nicht mal das Mitleid unseren Egoismus  begrenzt? Wo ist die Grenze des Willens zur Macht?
  399. 37:11Darf man andere überwältigen? Darf man andere  vielleicht sogar aufgrund der Entfaltung und
  400. 37:17eines eigenen höheren Ziels töten? Und da sagt er. Es kann tatsächlich
  401. 37:24sein. Das ziemlich radikal - ein radikaler Gedanke von Nietzsche. Er sagt: Es kann sein,
  402. 37:33es kann sein, es ist für jeden von uns möglich,  "Dass irgend Etwas hundertmal wichtiger ist als
  403. 37:38die Frage, ob wir uns wohl oder schlecht befinden  und folglich auch, ob die Anderen gut oder
  404. 37:45schlecht befinden. Kurz, dass wir ein Ziel haben,  um dessentwillen man nicht zögert, Menschenopfer
  405. 37:52zu bringen." Also, es kann tatsächlich sein,  dass wir zur Entfaltung unseres höchsten Ziels
  406. 37:58und unseres Willens zur Macht wir weder auf uns  selbst noch auf andere Rücksicht nehmen dürfen und
  407. 38:03höchste Opfer bringen müssen - auch Menschenopfer.  Solche Zitate haben Nietzsche natürlich dann in
  408. 38:09die Nähe des Faschismus auch gebracht. Und sie  wissen, auch Mussolini, der er hat Nietzsche
  409. 38:15wirklich gelesen und riesige Denkmäler für Nietzsche aufstellen lassen. Und
  410. 38:20weil er natürlich da keine Grenze kennt  - erst mal. Aber, meine Damen und Herren,
  411. 38:25wir versuchen das jetzt auch mal unideologisch zu  sehen, ohne ihn gleich in irgendeine Richtung zu
  412. 38:30drücken. Und dann kann es tatsächlich sein, wenn  man ehrlich ist, dass man manchmal für ein höheres
  413. 38:37Ziel sich selbst opfert. Ob man sich selbst  dabei gut oder schlecht fühlt, das darf keine
  414. 38:44Rolle spielen und auch wie sich die Anderen fühlen. Notfalls müssen wir Menschenopfer
  415. 38:48bringen. Denken sie mal an den früheren  Bundeskanzler, den Altbundeskanzler Helmut
  416. 38:54Schmidt. Der kam mal in eine ganz schwierige,
  417. 38:58man kann sagen, tragische Situation. Denn  die Baader-Meinhof-Gruppe war inhaftiert,
  418. 39:06teilweise mehrfach schon wegen Mordes  angeklagt. Dann haben die Terroristen,
  419. 39:11die noch draußen waren, eine Lufthansa-Maschine  entführt und den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer.
  420. 39:18Und sie haben ein Verhandlungsangebot  gemacht, dass sie alle frei lassen. Es
  421. 39:25passiert niemand was, aber dafür müssen  Ulrike Meinhof, Baader und die andere in
  422. 39:31dieser Gruppe auch freigelassen werden. Und  Helmut Schmidt stand mit seinem Kabinett vor
  423. 39:36dieser schwierigen Entscheidung. Und er  hat gesagt, nein, wir lassen nicht frei,
  424. 39:40hat die Lufthansa-Maschine stürmen lassen. Und  Hanns Martin Schleyer wurde deshalb sozusagen
  425. 39:45hingerichtet, getötet von den Terroristen.  Und das irre ist, Schmidt saß dann sogar bei
  426. 39:52der Beerdigung noch neben dieser Frau  Schleyer. Das war für ihn eine ganz,
  427. 39:57ganz harte Phase. Er hat aber gesagt, er würde  dieses Opfer wieder bringen. Also er hat,
  428. 40:03wie man hier sieht, für ein höheres Ziel, also  dass wir ein Ziel haben, um dessentwillen man
  429. 40:10nicht zögert Menschenopfer zu bringen. Er hatte  dieses Ziel. Sein Ziel war die Staatsraison. Er
  430. 40:14hat gesagt es geht nicht. Der Rechtsstaat muss  seine Täter verurteilen und vor Gericht stellen.
  431. 40:20Wir können nicht, wenn Gewalt von außen kommt,  unser Rechtssystem wegschmeißen und sagen: Gut,
  432. 40:25die lassen wir frei. Sowieso wenn es Mörder sind,  die dann vielleicht sogar wieder töten. Da sagt er
  433. 40:31nein, das geht nicht. Das höhere Ziel ist in dem  Fall der Rechtsstaat. Und unsere Gerechtigkeit
  434. 40:36muss über dieser Freilassung stehen und  er würde Hanns Martin Schleyer im Grunde,
  435. 40:41also was heißt "wieder opfern"? - er wollte ihn  natürlich nicht opfern, aber er hat dieses Leben
  436. 40:46bewusst rieskiert und hat gesagt, er würde es wieder tun und übrigens hat er auch
  437. 40:49eine Note geschrieben, eine  Schriftliche, die er hinterlegt hat,
  438. 40:53dass wenn er selbst entführt wird oder die Loki  Schmidt, seine Frau, dass sie nicht ausgetauscht
  439. 40:59werden dürfen. Das hat er auch hinterlegt. Also  er hat das Opfer auch für sich selbst gebracht,
  440. 41:03was er jetzt verlangt hat. Oder er wäre bereit  gewesen, dieses Opfer zu bringen. Also Sie sehen,
  441. 41:10man kann das auch so interpretieren. Natürlich  hat Nietzsche seinen Willen zur Macht auch nicht
  442. 41:16nur auf das Individuum ausgedehnt, sondern auch  gesagt, es gilt auch natürlich für große Völker.
  443. 41:21Auch große Völker in der Geschichte  haben ihren Willen zur Macht gelebt,
  444. 41:26woran für Nietzsche nichts Schlechtes  ist. Da sagt er zum Beispiel: "Jene großen
  445. 41:32Treibhäuser für starke, für  die stärkste Art Mensch...
  446. 41:35"die stärkste Art Mensch", da kommt jetzt dieses  "stark und schwach", weshalb er eben auch viel
  447. 41:39kritisiert wird. "Jene großen Treibhäuser  für starke und für die stärkste Art Mensch,
  448. 41:44die es bisher gegeben hat, die aristokratischen  Gemeinwesen in der Art von Rom und Venedig
  449. 41:50verstandenen Freiheit genau in dem Sinne, wie ich  das Wort Freiheit verstehe: als etwas, das man
  450. 41:59hat und das man nicht hat, das man will, das man  erobert." Also da schwebt ihm Rom vor, das alte
  451. 42:08Rom und Venedig. Das waren Gemeinwesen, die ihre  Freiheit und ihre Selbstentfaltung genutzt haben,
  452. 42:16um zu erobern, um das zu behalten und dazu  zugewinnen, was sie noch nicht haben. Und
  453. 42:23deswegen hat Mussolini Nietzsche auch so toll  gefunden, weil er ja auch das alte Rom und
  454. 42:28diesen alten Glanz wieder beleben wollte. Aber  wir werden gleich sehen, dass es Nietzsche darum
  455. 42:34eigentlich gar nicht ging. Er feiert nämlich  auch Venedig. Und wenn man dann weiterliest,
  456. 42:38sagt er, auch die norditalienischen Städte haben  großartig den Willen zur Macht entfaltet. Und
  457. 42:44ich zeige ihnen jetzt gleich mal, warum. Er sagt  übrigens: In der Renaissance also zu dieser Zeit,
  458. 42:49als Venedig und später Florenz und diese  norditalienischen Städte diese irre Macht hatten,
  459. 42:55hat die Menschheit einen enormen Schritt nach  vorne gemacht. Er behauptet sogar, die Europäer
  460. 43:01von heute oder: "Der Europäer von heute bleibt in  seinem Werte unter dem Europäer der Renaissance".
  461. 43:10Also die haben in der Renaissance etwas  Großartiges geleistet. Und da ging es ihm nicht
  462. 43:16jetzt darum, dass Venedig mit seiner Handelsflotte  den ganzen Mittelmehrraum mächtig kontrolliert
  463. 43:21hat, es ging ihm auch nicht darum,  dass die Borgia da regiert haben,
  464. 43:27sondern es ging im Wesentlichen darum,  dass in der Renaissance ein enormer Akt
  465. 43:32der Selbstbefreiung des Menschen stattgefunden  hat. Erstmals sind die Wissenschaften aufgeblüht.
  466. 43:40Die Ärzte haben Leichen sezieren dürfen. Und  erstmals hat man sich auch befreit von dem
  467. 43:46Jahrtausende alten mittelalterlichen Denken.  Sie wissen, die Künstler, beispielsweise auch
  468. 43:53Leonardo da Vinci oder Michelangelo, das  waren ja zugleich Wissenschaftler. Die
  469. 43:58hatten ein ganz freies aufgeklärtes Denken. Und  erstmals wurde auch perspektivisch gemalt. Das
  470. 44:06ganze Mittelalter war nur zweidimensional.  Da hat man die Heiligenscheine gesehen,
  471. 44:12aber das hatte keine Tiefe. Da ging es los, die Perspektive
  472. 44:14kam. Dann die ganzen Wissenschaften  sind aufgeblüht. Das hat Nietzsche
  473. 44:18begeistert. Oder der Brunelleschi, der baut da  diese Riesenkuppel. In der Renaissance haben
  474. 44:25sich die Menschen befreit. Und die Künstler  übrigens haben erstmal selber ihre Werke
  475. 44:28unterschrieben. Man hat auch plötzlich nackte  schöne Körper gemalt. Das war viel dionysischer,
  476. 44:34sagt er, die Renaissance. Denn Nacktheit  war ja völlig verboten im Mittelalter.
  477. 44:39Und dann haben die natürlich, wie soll  ich sagen, etwas Spannendes gemacht. Die
  478. 44:43Rennaissance-Künstler, die haben einfach gesagt,  ja wir malen so antike Sachen, die Venus von
  479. 44:48Botticelli, und natürlich muss so eine antike  Göttin Venus nackt sein. Und dieser Aufbruch hat
  480. 44:54ihm halt gefallen. Da schreibt er zum Beispiel:  "Die italiänische", dies kein Druckfehler, früher
  481. 45:00hat man das so geschrieben, "die italienische  Renaissance barg in sich die Befreiung des
  482. 45:05Gedankens, die Missachtung der Autoritäten, den  Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft,
  483. 45:11Begeisterung für die Wissenschaft, Entfesselung  des Individuums, eine Glut der Wahrhaftigkeit."
  484. 45:18Also sie sehen, "Wille zur Macht" bedeutet bei  Nietzsche nicht unbedingt riesige Eroberungen,
  485. 45:24sondern da geht's ihm mehr um eine geistige  Entfaltung, um eine künstlerische Entfaltung.
  486. 45:30Und damit sind wir schon bei unserer Ausgangsfrage  und bei unserem letzten großen Kapitel. Wie macht
  487. 45:41man denn das? Wie können wir uns selbst  entfalten? Was ist nun dieser Übermensch,
  488. 45:47den er uns empfiehlt? "Die Götter sind tot, nun  wollen wir, dass der Übermensch lebe." Wer oder
  489. 45:55was ist nun aber dieser Übermensch? Und können  wir hier im Saal vielleicht auch Übermenschen
  490. 46:02werden? Das schauen wir uns jetzt noch an.  Zum Schluss. "Der Übermensch", sagt Nietzsche,
  491. 46:09"Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist  mein Erstes und Einziges und nicht der Mensch:
  492. 46:17nicht der Nächste, nicht der Ärmste, nicht der  Leidenste, nicht der Beste." Und das ist schon
  493. 46:25mal interessant, dass er sagt, der Übermensch  liegt mir am Herzen und nicht der Mensch. Und
  494. 46:31dieser Übermensch ist eben nicht der Nächste. Das  ist eigentlich klar, und auch nicht der Ärmste,
  495. 46:37und nicht der Leidenste, das ist wieder,  was wir schon von Nietzsche wissen, seine,
  496. 46:42wie soll ich sagen, negative Einschätzung der  christlichen Helden, also der Held am Kreuz,
  497. 46:48der Jesus am Kreuz ist der Leidenste oder auch  der Ärmste. Wie soll ich sagen? Der Übermensch
  498. 46:56der Religionen ist ja der Asket, so wie Buddha,  der sich zurückzieht oder eben wie Jesus oder
  499. 47:02auch die Franziskaner und zahlreiche Bettelorden,  die hatten ja nur einen Strick um den Bauch und
  500. 47:07hatten ihre Kutten an. Da gab es dieses Ideal  der Verweigerung von jedem Eigentum, von allem,
  501. 47:14was hießig, dieseitig war. Und das lehnte er ab.  Das ist nicht der Übermensch. Der Übermensch ist
  502. 47:18nicht der Asket. Sie wissen, Nietzsche hat sehr  viel von Schopenhauer und Schopenhauer sagt ja,
  503. 47:23man muss asketisch sich rausnehmen. Da  sagt Nietzsche: nein, nein der Übermensch
  504. 47:28ist nicht der Leidende, nicht der Ärmste, nicht  der Nächste, und - jetzt wird es spannend - nicht
  505. 47:34der Beste. Warum nicht der Beste? Man sollte  meinen, nach dem, was wir bisher von Nietzsche
  506. 47:40wissen, dass der Übermensch der Stärkste ist, der  sich entfaltet, ergo auch der Beste und so ist es
  507. 47:48aber nicht gemeint. Ihm geht es tatsächlich darum.  Es geht ihm nicht darum, dass das einer ist,
  508. 47:55ein Kapitalist, der irre erfolgreich ist, im  Unternehmen oder ein Politiker oder Alexander
  509. 48:01der Große, der ein Riesenreich erobert. Es  geht ihm nicht darum, dass der Beste der
  510. 48:05Übermensch ist. Er sagt: "Die höhere Natur des  großen Mannes liegt in der Unmitteilbarkeit",
  511. 48:13es ist interessant, in der Unmitteilbarkeit,  nicht in irgendwelchen Wirkungen, ob er auch
  512. 48:20den Erdball erschütterte." Also die höhere Natur  des großen Mannes auf dem Weg zum Übermenschen
  513. 48:27liegt nicht darin, dass er riesige Wirkungen  erzielt und den ganzen Erdball erschüttert,
  514. 48:32sondern in seiner Unmitteilbarkeit. Was  meint er damit, dass jemand unmitteilbar
  515. 48:39ist? Und wieso soll das eine Qualität sein,  dass der sich nicht verständlich machen kann?
  516. 48:45Er führt das aber ziemlich gut aus. Er sagt, es geht letztlich darum,
  517. 48:50dass wir eine eigene innere höhere Idee finden,  also unser innerstes kreatives Potenzial, unser
  518. 49:00innerstes höheres Wesen. Wenn wir das finden, dann  müssen wir das leben. Und dann ist es auch egal,
  519. 49:04ob wir verstanden werden und uns mitteilen können.  Dann müssen wir das durchziehen. Und er schreibt,
  520. 49:09viele große Schriftsteller und  auch Maler, die hatten so etwas,
  521. 49:14die haben ihr Ding gemacht, unabhängig davon,  ob sie verstanden wurden. Zum Beispiel - das
  522. 49:21ist jetzt nicht von Nietzsche selber - aber das  Beispiel finde ich, ist recht gut: Der Van Gogh,
  523. 49:26der Va Gogh, der war ja bettelarm, sein  ganzes Leben lang. Und alle haben nur den
  524. 49:34Kopf geschüttelt über seine Bilder. Keiner hat  ihn verstanden, weil er hat in einer ganz neuen
  525. 49:39Art gemalt. Er gehört ja zu den Stammvätern des  Expressionismus. Er hat, wenn er ein Kornfeld
  526. 49:48gesehen hat mit Raben darüber und Sturm kam auf,  dann hat er das gemalt. Es ist total unheimlich.
  527. 49:54Er konnte seine Stimmung, die er gespürt hat,  seine Art, wie er Wirklichkeit wahrgenommen hat,
  528. 49:59konnte der auf die Leinwand bringen und dann  war da nichts Idyllisches mehr. Und alle haben
  529. 50:03gesagt, ja so was hänge ich mir doch nicht  auf. Also der ist gegen Wände gestoßen. Niemand
  530. 50:08hat diese neue Art dieses inbrünstigen Malens  überhaupt verstanden. Oder auch die Sonnenblumen.
  531. 50:15Da sieht man diese Sonnenblumen - schon schön und  toll und kraftvoll, vital. Aber man sieht auch
  532. 50:20schon ein paar welke Blätter und man sieht diese  ganze Metamorphose, dass sie auch sterblich ist
  533. 50:25und das Leiden dieser Blume. Also da  steckt irre was drin. Aber das wurde damals
  534. 50:29überhaupt nicht verstanden, dieser neue Realismus  einerseits, und andererseits diese direkte Art,
  535. 50:35seine Gefühle nur mit diesen gestrichelten  Linien, wo er fünfmal drüber gemalt hat,
  536. 50:39festzuhalten. Und sie wissen, Van Gogh ist  bettelarm gestorben. Und heute sind diese Bilder
  537. 50:46die teuersten Gemälde auf der ganzen Welt. Nichts  erreicht solche Preise und da würde Nietzsche
  538. 50:52sagen: Klar! Es darf keine  Rolle spielen, ob wir jetzt
  539. 50:56die Anerkennung von den anderen kriegen.  Und es darf auch keine Rolle spielen,
  540. 51:02ob wir mit unseren Taten und dem was wir tun,  irgendwie mordsmäßig reich werden. Also ist es
  541. 51:07keineswegs so, dass der heute sagen würde, die  Manager und die Banker, die sind wer. Das sind
  542. 51:13alles andere als Übermenschen. Da würde er  sagen: "Seht mir doch diese Überflüssigen!
  543. 51:17Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit  - diese Unvermögenden." Sie merken was für eine
  544. 51:23schillernde Beschreibung er letztlich von seinem  Übermenschen gibt. Und er fügt auch noch hinzu:
  545. 51:29"Leidenschaftliche Menschen denken wenig an das,  was die Anderen denken. Ihr Zustand erhebt sie
  546. 51:37über die Eitelkeit." Auch das ist ihm wichtig.  Da kommt natürlich auch vieles aus ihm selbst
  547. 51:43heraus. Weil er selber, wissen Sie, der war auch, wenn man so will, bettelarm. Kein Mensch
  548. 51:50hat Nietzsche gelesen damals. Sie haben  ihn alle für einen Spinner gehalten. Und
  549. 51:55er hat seine Bücher, beziehungsweise die  Verleger haben dann seine Bücher nicht
  550. 51:59mehr angenommen. Dann hat er  sie in seiner Verzweiflung
  551. 52:02selber drucken müssen. Erst ganz gegen Ende  seines Lebens, das hat aber schon nicht mehr
  552. 52:07mitgebekommen, weil er schon erkrankt war, ist  dann tatsächlich sein Werk auf fruchtbareren
  553. 52:12Boden gefallen. Aber er selbst hat das auch  so erlebt. Aber das ist jetzt nur, sozusagen,
  554. 52:19ein Nebenschauplatz. Und er sagt eben: "Ein  jeder hat seinen guten Tag, wo er ein höheres
  555. 52:27Selbst findet." Also darum geht es ihm, dass  wir unser höheres Selbst finden. Und er sagt,
  556. 52:33jeder hat so Momente. "Man soll zum Beispiel  einen Maler nach seiner höchsten Vision,
  557. 52:38die er zu sehen und darzustellen vermochte  taxieren und verehren." Und nicht ob er
  558. 52:42erfolgreich ist oder so. Ihm war es wichtig,  die innersten kreativen Potenziale, dass wir die
  559. 52:50verwirklichen. Und da völlig frei sind und da neue  Räume beschreiten. Das ist jetzt natürlich erst
  560. 52:58einmal schwierig zu verstehen und auch obskur.  Hinzu kommt, dass er den Übermenschen in seinem
  561. 53:03Buch Zarathustra beschreibt. Und Zarathustra ist  kein herkömmliches philosophisches Werk, sondern
  562. 53:08das ist ein poetisches Werk, wo er seinen großen Propheten Zarathustra beschreibt. Am Anfang
  563. 53:15des Buches kommt er aus den Bergen herunter und  erzählt dann denen, wie die Welt aussehen soll.
  564. 53:22Also er hat einen eigenen Propheten geschaffen.  Und dieser Zarathustra sagt uns dann, wie der Weg
  565. 53:28zum neuen Menschen gehen soll. Und da gibt er uns, viele sagen auch, da ist mehr das Genie gemeint,
  566. 53:35und Sie sehen ja, es geht ihm vielleicht  mehr um Künstler, um Genies, Denker,
  567. 53:39um Philosophen etc. aber ich behaupte mal, er  hat auch einige andere Zitate, die zeigen, dass
  568. 53:46es ihm nicht nur um die Genies geht. Also hier  schreibt er ja auch: "Ein jeder hat seinen guten
  569. 53:50Tag" und was ich auch interessant finde, in dem  Zarathustra gibt er uns jetzt noch einen Hinweis,
  570. 53:55den ich ihm zum Schluss noch geben will, wie wir  auf dem Weg zum Übermenschen drei Verwandlungen
  571. 54:02durchmachen müssen. Diesen Hinweis gebe ich Ihnen  jetzt noch. "Drei Verwandlungen nenne ich euch des
  572. 54:08Geistes." Also drei Verwandlungen des Geistes muss  man durchlaufen: "Wie der Geist zum Kamele wird,
  573. 54:16und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der  Löwe." Ein ganz berühmtes Gleichnis von Nietzsche.
  574. 54:22Also der Geist wird erst zum Kamel, dann wird  das Kamel zum Löwen und am Ende wird der Löwe
  575. 54:31zum Kind. Spannend - warum zum Kind? Mit dem Kamel  meint er, dass wir alle, da geht es jetzt übrigens
  576. 54:39bei diesem Gleichnis immer um Zweierlei, um  unsere individuelle Lebensentwicklung und um die
  577. 54:44Geschichte der Menschheit, das gesellschaftliche  Moment. Individuell ist die Phase des Kamels,
  578. 54:51die wir alle durchlaufen diejenige unser  Ausbildungszeit, wo wir lernen, wo die Eltern,
  579. 54:58die Mentoren, die Lehrer immer mehr Lasten  auf uns legen. Also die Phase des Kamels ,
  580. 55:04sagt er, ist die tragsam duldsame Phase, die wir  alle durchlaufen. Wir tun immer mehr Wissen auf
  581. 55:11uns laden, immer mehr Moral, immer mehr Gesetze,  immer mehr Verhaltensmuster, Etikette, Regeln etc.
  582. 55:19Das ist die Phase des Kamels in unserer  Jugend. Dann kommt die Phase des Löwen.
  583. 55:24In der Phase des Löwen zerfetzen wir all das  das, da zerreißen wir das. Da machen wir uns
  584. 55:31frei von den alten Traumata, von den alten  Überlieferungen und Traditionen. Und dem,
  585. 55:35was die Eltern alles uns gesagt haben, das ist  die Phase des Löwens. Mit seinen Zähnen zerreißt
  586. 55:40er alles. Das wird oft so interpretiert: Bei vielen ist es die Pubertät, wo man
  587. 55:46sich befreit. Bei manchen kommt es aber auch viel  später im Erwachsenenalter. Bei manchen kommt es
  588. 55:52wirklich erst in der Midlife-Crisis. Das ist das  ist jetzt egal. Lassen wir das mal dahingestellt.
  589. 55:55Philogenetisch meint er damit: Die Phase des Löwen  ist diese Phase, wo die Menschheit.... Also fangen
  590. 56:04wir an mit dem Kamel. Am Anfang sind wir alle  gläubig. Und wir sind sozusagen in der Demut und
  591. 56:12aufgehoben im religiösen Weltbild. Diese ganze  lange Phase nennt er die Phase des Kamels. Dann
  592. 56:19aber, mit, wie soll ich sagen, mit dem Löwen, da  könnte, das hat er jetzt nicht weiter ausgeführt,
  593. 56:26die Aufklärung gemeint sein, wo wir eben  tatsächlich alles zerfetzen und zerreißen
  594. 56:30und in Frage stellen. Also der Beginn  der Naturwissenschaften und alles. Aber,
  595. 56:33sagt er, da dürfen wir nicht stehen bleiben.  Da dürfen wir nicht stehen bleiben bei der
  596. 56:37Phase des Löwen: Weder als Individuellen reicht  es, wenn wir uns befreien, noch philogenetisch,
  597. 56:44also von der gesellschaftlichen Situation her. Und  zwar, sagt er dann: Jetzt muss die Verwandlung in
  598. 56:53das spielende Kind kommen. Und da stellt er eine  interessante Frage. Er sagt in diesem leicht,
  599. 57:01wie soll ich sagen, pathetischen Ton, den der Zarathustra hat, er spricht ja zu seinen Jüngern
  600. 57:06und zu seinen Brüdern. Dieser Prophet Zarathustra  ist übrigens ein tolles Buch, also das macht schon
  601. 57:11Spaß, das mal zu lesen und da sagt er: "Aber  sagt meine Brüder, was vermag noch das Kind,
  602. 57:18das auch der Löwe nicht vermochte? Ich meine,  bisher ist es uns ja klar. Erst die Phase ist
  603. 57:24Kamels, dann der Löwe, aber warum ist diese  letzte große Verwandlung eine Verwandlung in ein
  604. 57:31spielendes Kind? Man erwartet bei Nietzsche doch  eigentlich auf dem Weg zum Übermenschen, dass die
  605. 57:36letzte Verwandlung ein riesiges Monster ist oder  ein allmächtiger Drache oder weiß der Teufel. Nein
  606. 57:43- die letzte Verwandlung, fragt er: "Was vermag  das Kind, was nicht auch der Löwe vermochte?" Und
  607. 57:49er antwortet: "Neue Werte schaffen, das vermag  auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich
  608. 57:57schaffen zu neuem Schaffen, das vermag die Macht  des Löwen". Also, der Löwe kann nur Platz machen
  609. 58:03dafür, dass wir was Neues schaffen können. Aber er  setzt noch keine neuen Werte. Das schafft er noch
  610. 58:09nicht. Und Nietzsche sagt auch, die meisten Leute  schaffen es zwar noch irgendwann in ihrem Leben,
  611. 58:17sich zu befreien von ihrer  Erziehung, ihrer Herkunft,
  612. 58:20er aus den Dingen und allen möglichen Einflüssen,  aber das Entscheidende ist jetzt: Was machen wir
  613. 58:27mit unserer Freiheit? Was machen wir damit? Und  er sagt, manchmal, er war ja nicht sehr gesellig,
  614. 58:33Nietzsche, er hat eher allein gewohnt und gelebt.  Manchmal haben ihn Freunde besucht und er schreibt
  615. 58:38einmal sehr interessant, alle erzählen ihm immer,  von was sie sich alles emanzipiert und befreit
  616. 58:44haben und was sie endlich Alles hinter sich  gelassen haben. Aber ihn interessiert eigentlich
  617. 58:49mehr, wozu? Nicht, frei wovon sie sich alles frei  gemacht haben, sondern wozu, wie sie jetzt die
  618. 58:55Freiheit ausfüllen. Und er schreibt er: "Deinen  herrschenden Gedanken will ich hören und nicht,
  619. 59:02dass du einem Joche entronnen bist. Frei wovon?  Was schert das Zarathustra! Hell aber soll mir
  620. 59:10dein Auge künden, frei wozu?" Und darum geht es,  dass wir in dieser Phase des Lebens das finden,
  621. 59:19wozu unser eigenes dionysisch kreatives Potenzial  uns sozusagen vorsehen könnte. Und da ist die
  622. 59:29Verwandlung in das Kind wichtig, in das spielende  Kind. Und jetzt können wir auch verstehen, warum.
  623. 59:34Weil in dieser Phase nach der Befreiung müssen  wir ja im Grunde bei null anfangen. Da müssen
  624. 59:41wir im Grunde unvoreingenommen nochmal auf die  Welt zu gehen. Und da sagt er: "Unschuld ist das
  625. 59:49Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel,  ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung,
  626. 59:57ein heiliges Ja-sagen. Ja zum Spiele, zum Spiele  des Schaffens." Also, er sagt hier, das Kind ist
  627. 1:00:10unschuldig, es ist unvorbelastet. Und das Kind  hat dieses heilige Ja-sagen zum Schaffen. Und
  628. 1:00:16sie wissen wie wir als Kinder uns hineinsteigern  konnten und leidenschaftlich spielen konnten. Das
  629. 1:00:21müssen wir wieder gewinnen. Und da meint er nicht  nur die ganz großen Künstler. Aber natürlich gibt
  630. 1:00:27es von Picasso auch, finde ich, ein Zitat, das  an dieser Stelle sehr gut passt. Auch Picasso
  631. 1:00:33hatte ja das große Problem. Er hat ja noch mehr,  wie soll ich sagen, die ganze Tradition verlassen
  632. 1:00:41durch seine abstrakte Malerei. 2000 Jahre lang  hat man die Dinge abgemalt und er hat auf einmal
  633. 1:00:47abstrakt gemalt. Und das hat er sich das auch  nicht gleich getraut. Und Picasso hat mal gesagt:
  634. 1:00:51"Man braucht sehr lange Zeit, um jung zu  werden." Das finde ich auch ein schönes Zitat,
  635. 1:00:58was im Grunde genau das meint, was der Nietzsche  sagt. Man braucht viel, sehr viel Zeit,
  636. 1:01:03um jung zu werden. Und jung werden hieß für  ihn einfach dann, die Dinge so zu sehen, wie
  637. 1:01:10er sie unvoreingenommen sieht. Und dann ist er in  diese Abstraktion reingekommen. Und darum geht's
  638. 1:01:16Nietzsche. Deswegen diese dritte Verwandlung in  das spielende Kind. Und manche sagen, mit dem
  639. 1:01:23Übermenschen meinte er einzelne herausragende  Persönlichkeiten, die von Zeit zu Zeit kommen.
  640. 1:01:27Aber ich denke, es ist schon erlaubt,  zu überlegen, ob das nicht auch für uns
  641. 1:01:31zutreffen kann. Und da sagt er zum Beispiel  auch in den Aphorismen: "Reife des Mannes,
  642. 1:01:38das heißt den Ernst wieder gefunden zu  haben, den man als Kind hatte, beim Spiel."
  643. 1:01:44"Reife des Mannes, das heißt den  Ernst wieder gefunden zu haben,
  644. 1:01:47den man als Kind hatte, beim Spiel."
  645. 1:01:49Gilt für die Frauen natürlich ganz genauso.  Reife der Frau würde auch heißen, dass man den
  646. 1:01:54Ernst wieder findet, sich leidenschaftlich rein  zu setzen in so ein Spiel, sich zu vertiefen,
  647. 1:02:00sich darin zu verlieren. Um diese Dinge geht  es ihm. Das sind die Schritte auf dem Weg zum
  648. 1:02:07höheren Selbst. Im Grunde, was ich da sage, ich  behaupte ist: Dieser Übermensch ist eine einzige
  649. 1:02:12große Selbstverwirklichungs-Coming-out  Geschichte, die er uns da erzählt. Gut,
  650. 1:02:19aber es gibt ein großes Hindernis, wenn wir  jetzt nachdenken, ob das auch für uns in
  651. 1:02:24Frage käme. Da schreibt Nietzsche, es gibt ein  großes Hindernis, nämlich die Zeit. Da sagt er:
  652. 1:02:31"Alle Menschen zerfallen wie zu allen Zeiten,  alle Menschen zerfallen wie zu allen Zeiten so
  653. 1:02:38auch jetzt noch, in Sklaven und Freie. Denn wer  von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat,
  654. 1:02:46ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle:  Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter."
  655. 1:02:53Also wer von seinem Tag nicht mindestens zwei  Drittel für sich hat, ist ein Sklave, ganz egal,
  656. 1:02:58ob der Minister ist oder Kaufmann, er  ist Sklave. Und ich denke es mir oft,
  657. 1:03:03meine Damen und Herren, wenn  ich abends heimkomme und bin
  658. 1:03:05erschöpft nach so einem 8-Stundentag, da kommt kein kreativer Gedanke mehr. Da macht man
  659. 1:03:10Fernseher an und aus. Und das ist im Grunde, was  er da sagt, ist fast eine Menschenrechtsforderung.
  660. 1:03:16Man sollte wirklich zwei Drittel des Tages für  sich haben. Nur dann können wir überhaupt unsere
  661. 1:03:22Potenziale schöpfen und der Gesellschaft zukommen  lassen. Das würde bedeuten, nehmen wir mal an,
  662. 1:03:27wir stehen um 9 auf, na ja sagen wir mal 8 Uhr,  und nehmen mal von 8 Uhr bis 20 Uhr, das wäre
  663. 1:03:37jetzt der Tag, den wir gestalten, wo wir fit sind,  wo wir wach sind. Und da zwei Drittel, also das
  664. 1:03:41wären jetzt zwölf Stunden. Da wären zwei Drittel,  wenn ich's richtig rechne, wir brauchen quasi,
  665. 1:03:46Wir dürften am Tag eigentlich nur vier Stunden
  666. 1:03:49arbeiten. Was er hier sagt  ist der Vier-Stunden-Tag.
  667. 1:03:55Zum Beispiel - ja, absolut. Der Kreis  wird sich auch jetzt noch mehr schließen,
  668. 1:04:04weil ich jetzt sozusagen das auch gleich beenden  möchte. Also Nietzsche sagt, ich fasse zusammen:
  669. 1:04:10Gott ist tot. Neue Götzen, Kapitalismus,  Sozialismus, Nationalismus, Rassismus, dürfen
  670. 1:04:16wir nicht anbeten. Das wäre falsch. Das machen nur  die Kleingeister, die nur fähig sind, irgendwelche
  671. 1:04:23falschen Gefühle zu entwickeln. Anstatt selbst  ihr eigenes Leben zu entfalten. Und wir müssen
  672. 1:04:30jetzt umgekehrt versuchen, uns entschlossen  nach dem Tod Gottes selbst zu entfalten,
  673. 1:04:35unser höheres inneres Wesen zu entfalten. Und  da gibt uns Nietzsche noch zwei Hinweise. Zum
  674. 1:04:41einen ist es wichtig, dass wir wieder dionysischer  werden, das heißt, dass wir lustvoll leben, dass
  675. 1:04:48wir das über Jahrhunderte unterdrückte dionysische  Prinzip, das kreativ Dionysische auch wieder mehr
  676. 1:04:54zu Wort kommen lassen. Wobei ich Ihnen sagen  muss: Er sagt ja auch, es gibt mehr Leute,
  677. 1:04:59die haben dionysisch mehr Anteile und manche,  die haben apollinisch mehr Anteile. Ich selbst
  678. 1:05:04habe jahrelang eine Filmhochschule geleitet  und die Dionysiker sind schwierige Leute -
  679. 1:05:10also meine Regie-Studenten. Weil die schöpfen  dann aus ihrem Innersten und dann sind sie
  680. 1:05:14nicht mehr kritikfähig. Weil das kommt ja aus  einer Quelle, die über jede Kritik erhaben ist.
  681. 1:05:19Mit den Apollinikern, die denken logisch, mit  denen können sie diskutieren. Da geht es um
  682. 1:05:24Argumente. Die Dionysiker sind schwierig.  Aber das ist jetzt nur ein Exkurs. Und die
  683. 1:05:29müssen natürlich auch so sein, die Kreativen,  das muss man auch wieder sagen. Die müssen
  684. 1:05:33sich auf das verlassen, was sie als Innerstes,  Höchstes erkannt haben. Aber Nietzsche rät uns
  685. 1:05:38auf unserem Weg tatsächlich auch unser  dionysisches Prinzip wieder zu berücksichtigen,
  686. 1:05:43unsere Intuition und zweitens, was  ich auch eigentlich recht schön finde,
  687. 1:05:48dieses Bild, diesen Gedanken, dass  wir vielleicht versuchen sollten,
  688. 1:05:53auch mal wieder zum spielenden Kind zu werden. Und  so möchte ich schließen mit einem Zitat von ihm:
  689. 1:05:58"Man muss noch Chaos in sich haben, um einen  tanzenden Stern gebären zu können. Vielen Dank.

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This page contains the full transcript of Nietzsche in 60 Minuten, Nietzsche in 60 minutes (subtitles), Nietzsche en 60 Minutes (sous-titres) by Dr. Walther Ziegler, generated from the public captions YouTube serves with the video. The transcript has 9,880 words across 689 segments, with the original timestamps preserved so you can click any line to jump to that moment in the embedded player.

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