Kurze Einarbeitung, große Verantwortung: Ärztin Jule (27) im Dauerstress I 37 Grad — Transcript
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- 0:07Schauen sie mir mal eben auf meine goldene Brille, ich leucht' mal eben an die Augen rein, ja.
- 0:12Mal mit den Zehnen wackeln? - Ja! - Das geht. Merken sie das, wenn ich sie anfasse ? - Ja. - Das erste Mal OP,
- 0:18der erste OP Eingriff, alles, was man zum ersten Mal macht, jetzt in den Rufdiensten,
- 0:22das erste mal irgendwie Akutoperation, das erste Mal machen, ist natürlich genau das,
- 0:26weswegen ich natürlich jetzt auch hier bin. Man kommt körperlich, als auch emotional,
- 0:31würde ich sagen, an seine Grenzen. Es geht ja hier um Menschenleben und wenn da was schief geht,
- 0:36ich glaub, das ist dann auch ein Problem, womit man dann nicht so gut umgehen kann.
- 1:01Hallo ich bin Jule. Ich bin 27 Jahre alt und Assistenzärztin in der Viszeralchirurgie.
- 1:05Ich hab ja im Winter angefangen, ganz frisch, das war anderthalb Monate nach meinem Examen, war man
- 1:12natürlich ganz aufgeregt, war ja auch noch Winter in Schwerin, da ist es duster und dunkel und mit
- 1:17Umzug und ist natürlich viel auf einem zugekommen.
- 1:25Also ich bin vor allem aufgeregt natürlich,
- 1:28zum Glück habe ich hier schon mal Praktikum gemacht, deswegen kenn ich ein paar Sachen, aber
- 1:32man ist da doch aufgeregt, wenn es jetzt endlich losgeht und der erste Tag irgendwie als Ärztin,
- 1:36man fühlt sich noch so wie im Studium, aber das wird schon. Freudig erregt, würde ich sagen!
- 1:47Guten morgen, herzlich willkommen!
- 1:53Also ich finde man wächst irgendwie gar nicht mit,
- 1:55man hat das Gefühl es ist noch genau das gleiche, wie vor einem halben oder dreiviertel Jahr
- 1:58im Praktischen Jahr. Auf einmal heißt man dann Ärztin und hat Verantwortung und muss entscheiden,
- 2:04aber eigentlich hat man das Gefühl, man ist immer noch die gleiche Studentin und weiß viel zu wenig,
- 2:09für die ganzen Aufgaben, die da so kommen. - Wie beim Öl bohren. - Ja, Öl bohren. - Da hat man Glück.
- 2:17Ich meine, es kommt ja auch immer was! - Ah, da sind sie drin! - Haben Sie gemerkt? - Ja! - Toll!
- 2:29Man hat natürlich immer Angst, dass irgendwas passiert für dass man selber verantwortlich ist,
- 2:33dass man falsch entschieden hat, so falsch, dass irgendwie ein Patient zu Schaden kommt,
- 2:39das heißt ja nicht immer was ganz schlimmes, wobei ich habe immer einen Ansprechpartner,
- 2:43wenn ich Fragen hab, hab ich immer jemanden, den ich anrufen kann, und das ist natürlich viel wert,
- 2:48weil ich dadurch immer wenn ich nicht genau weiß, fragen kann und das mache ich auch.
- 3:11Ich glaub auch im Studium ist es wahrscheinlich uns allen gemeinsam, dass man automatisch
- 3:16Verantwortung übernimmt, weil man weiß, es geht irgendwie um ein Menschenleben, das ist halt
- 3:21einfach noch mal anders als bei einem anderen Beruf. Und da finde ich es es dann auch ganz
- 3:26wichtig, dass man sich selber bewusst sein muss, was trau' ich mir zu und wo sind meine Grenzen,
- 3:32wo brauche ich Hilfe, auch im praktischen. Ich fahr sie hier schon mal ein bisschen ran.
- 3:38Mein Name ist Hatloka, ich bin ein der diensthabenden Chirurgen. Seit wann haben sie die Schmerzen?
- 3:43Seit heute kann ich gar nicht mehr gehen, also gar nicht. - Perfekt. Tut das weh? Wenn ich hier
- 3:50schiebe? Auch nicht. Hier unten? - Auch nicht. - Auch nicht. Ich bin da jetzt nicht der Profi,
- 3:55was diese ganzen Meniskuszeichen angeht. Erstmal röntgen, gut, alles klar, danke, tschüss.
- 4:01Also der Facharzt hat auch gesagt, wir röntgen das.
- 4:08Also am meisten glaube ich, hab ich Bedenken gehabt oder auch immer noch, so das Körperliche nicht so gut wegstecken
- 4:14zu können, weil die Dienste natürlich insofern erstmal anstrengend sind, dass man zum Teil wenig schläft,
- 4:19dass man dann auf der Matte steht und funktionieren muss, das Operieren sehr
- 4:24schwierig ist, gerade wenn man Assistenzarzt ist, dann hält man ja oft die Haken oder
- 4:29muss halt wirklich dann auch anfassen, und am Anfang verkrampft man total, weil man denkt, oh
- 4:34Gott, ich muss jetzt hier total dran ziehen und alles richtig halten, damit alle Leute das sehen,
- 4:38das ist schon sehr anstrengend, und ich hatte dann halt auch immer bedenken,
- 4:42dass wenn es jetzt weitergeht und man weiterkommt in seiner Ausbildung, mehr im OP steht, mehr den
- 4:47Dienst macht, dass man das irgendwie nicht wegsteckt und dann irgendwie merkt, oh Gott,
- 4:50nach dem zweiten Dienst im Monat, das war's jetzt, ich kann nichts mehr machen, außer schlafen.
- 4:56Wir machen jetzt eine Hemikolektomie auf der rechten Seite, das heißt wir schneiden ein Stück vom Dickdarm weg,
- 5:02weil die Patientin dort einen Tumor hat, einen bösartigen.
- 5:15Haben wir ein Blut aus der Vena Mesenterica.
- 5:26Mein Chef ist ja schön ruhig geblieben,
- 5:27mein Instinkt war ja, oh Gott, oh Gott, das ist ja dann die,
- 5:31die, die Kunst ruhig zu bleiben.
- 5:36Ich denke es wird irgendwann ein Patient kommen,
- 5:38der, der einen vielleicht aufgrund seines Krankheitsgeschehens total aus der Bahn wirft.
- 5:43Bisher habe ich das immer noch alles so, glaube ich, ganz gut besprechen können. Ich denke, das
- 5:48wird auf jeden Fall auf einen zukommen und dann irgendwann mal jemand, der einen nicht loslässt.
- 6:00Also ich glaube, wichtig ist, dass man das mit jemandem bespricht, bestenfalls wahrscheinlich
- 6:06mit jemandem, der auch involviert war, weil man dann bestimmte Geschehnisse auch einfach auswerten
- 6:10kann, und ich denk, da werde ich bestimmt viel mit meinem Freund, mit meiner Mutti,
- 6:15die ja auch den medizinischen Background hat, besprechen, aber ich denke, das ist wichtig,
- 6:19dass man darüber redet und dass man es nicht so in sich reinfrisst oder sich sagt,
- 6:22das muss ein jetzt kalt lassen, weil das ist ja nur menschlich, dass es das nicht tut.
- 6:31Ich hab mein Schulpraktikum bei meiner Mama gemacht und fand sie da extrem cool, wie sie so
- 6:35als Neurochirurgin da operiert hat, an den Köpfen, und das hat man natürlich vorher noch nie gesehen,
- 6:39und das hat mir extrem imponiert. und ich fand es auch schon immer spannend, mit dem menschlichen
- 6:44Körper und das zu verstehen, wie das funktioniert und wie man da Krankheiten heilen kann. Ich glaub,
- 6:50ich hab schon relativ früh gemerkt, dass ich das Operieren immer schon am spannendsten fand,
- 6:54trotzdem wusste ich halt durch meine Mutti, anstrengend wird es werden.
- 7:01Es ist ein mega toller Beruf, ich würde das jederzeit auch wieder machen, nach wie vor,
- 7:05es ist ja doch Mehrarbeit in jeglicher Hinsicht geworden, aber ich wollte,
- 7:11dass sie das gut überlegt, es sind Dienste, die man absolvieren muss und Familienplanung,
- 7:16das ist haarig, und ich weiß, dass das ganz schwierig ist und dass da nachher so ein Spagat
- 7:21ist, und da sollte sie bewusst dran gehen und das selbst für sich entscheiden. - Die Mutti ist mega stolz!
- 7:27Doch schon, und ich freue mich auch, dass die gut angenommen wird in der Klinik,
- 7:30ich wusste, dass sie da keine Probleme haben wird, und ich bin natürlich total stolz.
- 7:44So immer Kittel anziehen, wird man ernst genommen, wenn man jung ist.
- 7:54Da braucht man natürlich einen Partner, der das irgendwo versteht, da braucht man Freunde, die das verstehen,
- 7:58wobei seien wir ehrlich, Medizinstudenten haben Medizinstudenten als Freunde, aber trotzdem,
- 8:03es war halt immer das Fachgebiet, wofür man brennt, und ich wollte halt nichts wählen,
- 8:07nur weil das vielleicht bisschen angenehmer oder besser kompatibel ist, mit später Familienleben,
- 8:12was wählen, was einem nicht gefällt, das ist ja dann auch nicht die Lösung, weil auch da,
- 8:16ist denke ich, der medizinische Beruf schon anstrengend und das muss man wollen.
- 8:22Sie dürfen sich einmal hinsetzen und versuchen sie mal alle Finger, dass man mal sieht den Vergleich,
- 8:26ja, merken sie, dass wenn ich sie hier anfasse? - Ja, ja. - Das merken sie. - So ein Gefühl.
- 8:31Sind bei ihn Allergien bekannt? - Ne, nichts. - Hallo! Wissen wir schon, wann er dran kommt, weil wir laufen
- 8:37jetzt hier schon wieder voll und dann kann ich mir mal keine neuen Patienten anschauen,
- 8:40wenn ich ihn aufkläre. Okay, alles klar, danke! Nebenbei, wir sind jetzt ganz schnell hier,
- 8:48weil sie gleich in den OP dürfen. Wundinfektionen können natürlich immer auftreten, gerade weil das
- 8:52natürlich eine Wunde, sie tief in die Hand eingedrungen sind mit etwas nicht sterilem,
- 8:56ist auch klar. Spezielle Komplikation sind natürlich alles was wir versuchen heil zu machen,
- 9:01könnte man grundsätzlich natürlich auch kaputt machen in der OP, mit scharfen Instrumenten,
- 9:04das heißt Gefäße, Nerven, Muskeln. Es ist ja so ein bisschen unsere Generation, die auch so ein
- 9:09bisschen mehr darüber nachdenkt, Work-Life Balance, ich glaub, das hat eine Generation
- 9:13von meiner Mutti keiner in den Mund genommen, und als Assistenzarzt dufte das bestimmt auch niemand
- 9:18erfragen, und jetzt ist das ja immer mehr so eine Sache, berechtigterweise wie ich finde, wo man
- 9:24drüber nachdenken muss, wie viel kann ich leisten und wie viel mehr könnte ich vielleicht leisten,
- 9:28wenn ich mehr Freizeit hab, aber grundsätzlich denke ich, wird es, wird es sehr anstrengend
- 9:31werden in den nächsten Jahren, und deswegen muss das natürlich was sein, was einem Spaß macht.
- 9:43Die ersten sechs Monate war ich auf Station, da hatte ich auch noch ein bisschen Welpenschutz,
- 9:48viele Leute, die ich fragen konnte, man lernt das Team noch besser kennen.
- 10:01Und nach den ersten sechs Monaten ging's ja dann in die Notaufnahme, da bin ich derzeit auch und
- 10:06man kommt körperlich, als auch emotional, würde ich sagen, an seine Grenzen.
- 10:15Okay, geht aber so, geht gar nicht, auch nicht hier oben? Das geht auch nicht? - Ne.
- 10:22Muss versuchen, den roten Faden zu behalten, vor allem auch einen kühlen Kopf, irgendwie an alles zu denken,
- 10:28weil vieles passiert parallel. Der Stress kommt einfach durch diesen unheimlich großen Durchlauf
- 10:34an Patienten, also man hat das Gefühl, man hat für den Einzelnen keine Zeit, in der Zeit,
- 10:39wo ich mir jemanden reinhole, den untersuche, mit dem spreche,
- 10:43kommen fünf neue für die man zuständig ist, und man ist natürlich verantwortlich.
- 10:49Ca. 0,3 cm große Stichverletzung. So, jetzt müssen sie mir trotzdem noch mal erzählen, was passiert ist.
- 10:59Ich hab auf der Arbeit haben sich zwei Hunde gebissen und ich wollt halt dazwischen gehen
- 11:03und wurde dann auch gebissen. - Das ist die einzige? - Ja, das ist einzigste Wunde. - Okay.
- 11:11Und auf jeden Fall wiederkommen, ja, wenn es rot und entzündet ist, dann alles Gute für sie. - Schön. - Man kommt so
- 11:18durch den Tag, aber ich find's super anstrengend. Wenn ich nach Hause komme, ist auch alles vorbei,
- 11:21nur noch tot ins Bett halt! Notaufnahme ist nicht desto trotz total wichtig, auch anstrengend,
- 11:30bin ich trotzdem auch froh, wenn, wenn, wenn die vorbei ist, man fühlt sich irgendwie immer so
- 11:34unwissend, aber das wird ja mit der Erfahrung kommen, mit den Jahren, die man auf Station
- 11:39arbeitet, im OP arbeitet, in der Notaufnahme ist, dass man Sachen, Notfälle einschätzen kann,
- 11:44weiß wie man was behandelt, das sind glaube ich, so die Sachen die am Anfang noch fehlen,
- 11:50und natürlich irgendwie auch die Ruhe zu bewahren, ich finde das,
- 11:53das versuche ich jetzt gerade Notaufnahme ein bisschen zu üben, aber dass man weiß wann,
- 11:58wann darf man nervös sein, wann es ist brenzlich, wann nicht, und dann natürlich eigentlich in
- 12:03den brenzlichen Situationen muss man möglichst ruhig sein, weil dann ist es irgendwie wichtig,
- 12:06dann kommt's drauf an, dass man da irgendwie so ein bisschen seine innere Ruhe findet,
- 12:10ganz oft ist es aber glaube ich auch so, dass man selber total nervös sich fühlt und unsicher,
- 12:15und nach außen habe ich jetzt schon manchmal das Feedback bekommen, gar nicht so wirke und
- 12:20ich mal denke, wie kann das sein, also ich fand das diese Situation gerade extrem schrecklich,
- 12:23und ich hab mich extrem inkompetent gefühlt und nach außen muss man natürlich nicht so
- 12:27auf den Patienten wirken, das ist ja auch immer wichtig, klare Anweisung geben, also ich denke,
- 12:31das ist so ein bisschen die Erfahrung, dann halt, die mit der Zeit dann kommen wird.
- 12:39Können sie aufstehen? Okay. So und dann am besten einmal hier auf die Liege rüber. Tut das hier weh?
- 12:49Ja. - Wo? Hier vorne oder oben drauf? - Oben drauf. - Dann machen wir Röntgen von den Schultern, und wir
- 12:56machen noch mal den Unterarm, einfach weil der so dick ist, dass wir uns das alles einmal angeguckt haben.
- 13:00Ich hat doch am Anfang so gehört, auch von Kollegen, die dann irgendwie mal zusammengebrochen
- 13:05sind, weil so anstrengend war oder ich warte irgendwie so noch da drauf, dass das passiert,
- 13:09bisher bin ich ganz standhaft. Also ich finde schon die Dienste in der Notaufnahme irgendwie
- 13:16extrem ernüchtern und man ist so k.o. Aber die Notaufnahmezeit natürlich auch vieles gebracht,
- 13:20auch kollegial, und wahrscheinlich auch wie man mit Stress umgeht.
- 13:25Der, der Job macht mir super Spaß, ich bin eigentlich gerne hier, ich bin nur nicht gerne in Notaufnahme.
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