Kai Felkendorff, PHZH, kommentiert Thesen zur schulischen Inklusion — Transcript
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- 0:02Für die Pädagogische Hochschule Zürich ist
- 0:04inklusive Bildung eine wichtige Antwort
- 0:07auf gesellschaftliche Diversität.
- 0:09Ein wichtiges Ziel: Die langfristige Inklusion
- 0:13mit verschiedenen Angeboten in Lehre
- 0:15und Forschung zu unterstützen.
- 0:17Kai Felkendorff leitet das Fachteam
- 0:20Inklusive Bildung und Sonderpädagogik.
- 0:23Im Gespräch mit Steff Aellig von der
- 0:25Wissenschaftskommunikation der HfH bezieht er
- 0:28Stellung zu zentralen Thesen rund um die
- 0:31schulische Inklusion.
- 0:42Stimmt eindeutig, das ist so.
- 0:44Das zeigen unzählige Studien.
- 0:46Und auch am Beispiel Verhaltensauffälliger
- 0:48ist es ja völlig unstrittig,
- 0:50dass Verhaltensauffällige sich besser entwickeln,
- 0:55wenn sie mit vielen Prosozialen zusammen sind.
- 0:58Das heisst aber eben noch nicht,
- 1:00dass sich daraus sozusagen konkludent
- 1:04ein harter Rechtsanspruch ergibt,
- 1:07der in jedem politischen Umfeld durchsetzbar wäre
- 1:11oder auch politisch mehrheitsfähig wäre
- 1:14und gesetzlich gewährt würde,
- 1:18nur mit anderen prosozialen Schüler:innen zusammen zu sein.
- 1:22Eben genau deswegen,
- 1:23weil die anderen ihre Rechte ja auch geltend machen.
- 1:29Und nicht nur die anderen,
- 1:30sondern auch deren Eltern zum Beispiel.
- 1:32Das ist wahr, aber es ist eben im
- 1:35politischen Rahmen komplizierter.
- 1:38Da ist ganz viel dazwischen.
- 1:40Also dass eine Aussage wissenschaftlich wahr ist,
- 1:43heisst noch lange nicht, dass sie politisch
- 1:46auch Umsetzung findet und von einer Mehrheit
- 1:50mitgetragen wird, mit allen Konsequenzen.
- 2:01Nein, dafür gibt es auch keine Belege,
- 2:05in dieser Globalität nicht.
- 2:09Es ist eben ein Problem, dass hier eine Kategorie
- 2:12wie sonderpädagogischer Förderbedarf
- 2:14verwendet wird.
- 2:15Der ist gar nicht das Entscheidende
- 2:16in der Förderklasseninitiative.
- 2:18Was ist das Entscheidende dann?
- 2:19Die Förderklasseninitiative argumentiert
- 2:21mit einem spezifischen Förderklassenbedarf,
- 2:24der viel schmaler konzipiert ist als
- 2:26sonderpädagogischer Förderbedarf.
- 2:29Sonderpädagogischer Förderbedarf
- 2:30umfasst ja auch Psychomotoriktherapien,
- 2:33Psychotherapien, Logopädie, wenn
- 2:35ein Kind einmal die Woche in die Logo geht und so weiter.
- 2:41Wir haben es hier eigentlich
- 2:42mit feineren Kategorien zu tun,
- 2:44als nur sonderpädagogischer Förderbedarf,
- 2:46nicht sonderpädagogischer Förderbedarf.
- 2:55Ja, das stimmt.
- 2:56Also, ich meine, die Frage ist,
- 2:58wo man sozusagen den Nullpunkt setzt, oder?
- 3:01Aber dass wir heute um die
- 3:0530 bis 40 sonderpädagogische Maßnahmen auf
- 3:08100 Primarschulkinder haben, ist eine ganze Menge.
- 3:11Das wird niemand bestreiten können.
- 3:13Selbst im hochschwelligen Förderbedarfsbereich,
- 3:18Förderstufe drei, hat sich im Kanton Zürich
- 3:21die Fallzahl verdoppelt
- 3:22in den letzten 15 Jahren, glaube ich, was es war.
- 3:26Also natürlich nimmt es zu.
- 3:28Dazu sind noch Nachteilsausgleiche gekommen.
- 3:32Wir haben es mit einer großen Ausweitung der
- 3:35Behinderungszone zu tun, so nenne ich das.
- 3:47Tendenziell stimmt das, aber da haben wir
- 3:50natürlich wieder das Kategorienproblem:
- 3:52Was ist sonderpädagogischer Förderbedarf?
- 3:54Das kann der Psychotherapiebedarf
- 3:55der Ritzerin sein oder ein Logo,
- 3:58ich will es nicht noch mal alles wiederholen.
- 4:01Also das ist so eine weite Kategorie,
- 4:03dass man da lieber genauer schauen müsste,
- 4:06wovon genau sprechen wir.
- 4:08Häufig wird damit was gemeint,
- 4:11also so bestimmte, ganz bestimmte Probleme,
- 4:13aber dann sollte man es auch so benennen,
- 4:15und nicht so eine breite Kategorie, wie
- 4:18sonderpädagogischen Förderbedarf verwenden, der
- 4:21tatsächlich irgendwie bei um die 40% liegt.
- 4:23Im Gymnasium gibt es das auch.
- 4:35Das stimmt sehr eindeutig.
- 4:37Da gibt es unzählige Studien.
- 4:40Ich glaube, es würde heute nicht mal mehr
- 4:42wahnsinnig viel Forschungsmittel dafür geben,
- 4:45weil das so abgegrast ist, diese Frage.
- 4:48Also wenn ich vor allem aus den untersten
- 4:52und auch stigmatisierten Abteilungen komme,
- 4:55dann habe ich viel schlechtere Startchancen.
- 4:57Welche wären das?
- 4:58Das sind Sonderschulen
- 4:59für Verhaltensauffällige. Ich verwende jetzt bewusst
- 5:02den Begriff Verhaltensauffälligkeiten, weil der auch
- 5:04in der öffentlichen Debatte verwendet wird.
- 5:06Diese Sonderschulen für Verhaltensauffällige
- 5:08heissen heute nicht mehr so,
- 5:09aber jeder weiss, was sie sind.
- 5:12Das sind die Randzonen und die
- 5:14stigmatisierten Randzonen des Bildungswesens.
- 5:16Früher gab es ganz viel Forschung zu den
- 5:18Kleinklassen für Lernbehinderte, das auch.
- 5:22Bestimmte andere Sonderschulen,
- 5:24aber auch andere Sonderschulen wiederum nicht.
- 5:27Also es ist was anderes, ob ich
- 5:28aus einem Sehbehinderten-Internat
- 5:31oder einem Gehörlosen-Internat komme,
- 5:37oder aus dem Verhaltensförderzentrum Regenbogen
- 5:40im Limmattal.
- 5:42Es gibt eine ganz brutale, harte
- 5:45Hierarchie im Bildungswesen.
- 5:47Wer aus bestimmten Abteilungen kommt,
- 5:49hat es schwerer.
- 6:00Es kommt darauf an,
- 6:02wie Wirksamkeit definiert wird.
- 6:06Für sie selber kann es im Einzelfall schon
- 6:10wirksam sein, aber die Befunde
- 6:12sind insgesamt eher ernüchternd.
- 6:14Es geht ja da häufig um die Anderen.
- 6:16Und nicht, in Wirklichkeit, um die
- 6:20bessere Entwicklung der Ausgesonderten.
- 6:24Wir haben es eben wieder mit
- 6:25kollidierenden Rechten zu tun.
- 6:26Also aus Sicht derjenigen,
- 6:28die während der in vier Wochen,
- 6:30während der Benny, der vorher am Ausflippen war,
- 6:34die ganze Zeit, aus ihrer Sicht, im Time-out ist,
- 6:37ist es eine wirksame Massnahme,
- 6:39weil der Benny gerade nicht da ist.
- 6:49Ja, selbstverständlich.
- 6:51Die Frage ist auch hier wieder:
- 6:53Welches Know-how? Welches gehört dazu?
- 6:56Ich will mal ein Beispiel machen.
- 6:58Wir haben an der PH den Standard
- 7:01«Gesundbleiben», also Belastungsmanagement.
- 7:05Und in der Förderklasseninitiative
- 7:08wird mit Überlastung argumentiert.
- 7:11Das heisst also auch das Know-how
- 7:14«Wie schütze ich mich vor Überlastungsgefühlen?»,
- 7:18würde sicher davor schützen, dass Lehrpersonen
- 7:23am Ende die ganze Inklusion ablehnen,
- 7:29weil sie aus ihrer Sicht
- 7:31zu einer Überlastung ihrer Tätigkeit führt.
- 7:34Aber dafür müssten auch die Hochschulen und die Politik
- 7:38den Lehrpersonen klar mitteilen:
- 7:42Zu eurem Know-how gehört es auch,
- 7:44dass ihr euch vor Überlastung schützt.
- 7:47Und zwar, indem ihr nicht immer perfekt unterrichtet.
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