Giotto — Transcript
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- 0:00Hallo Freunde, in dieser Präsentation
- 0:03schauen wir uns den ersten
- 0:04Schwerpunkstler an. Es ist Joto die
- 0:07Bondrone. Bevor wir uns Jos Darstellung
- 0:10des menschlichen Körpers genauer
- 0:11anschauen, müssen wir uns aber erstmal
- 0:13klar machen, aus welcher Bildtradition
- 0:16er kommt. Er lebt von etwa 1267 bis 137
- 0:21und steht damit an einer kunsthistorisch
- 0:24entscheidenden Schwelle.
- 0:26Die europäische Malerei ist zu dieser
- 0:28Zeit noch stark von der
- 0:29mittelalterlichen und byzantinischen
- 0:31Bildtradition geprägt.
- 0:33Im Mittelpunkt steht nicht die möglichst
- 0:35wirklichkeitsnahungen
- 0:37der sichtbaren Welt, sondern die
- 0:39Vermittlung einer religiösen
- 0:41übergeordneten Wirklichkeit.
- 0:43Figuren erscheinen deshalb häufig
- 0:45typisiert, hierarchisch geordnet und eng
- 0:48an die Bildfläche gebunden.
- 0:51Bei Gioto beginnt sich dieses Verhältnis
- 0:53grundlegend zu verändern. Die religiösen
- 0:56Themen bleiben zwar bestehen, aber die
- 0:58Art, wie der Mensch innerhalb dieser
- 1:00Geschichten erscheint, verändert sich.
- 1:02Die Figuren gewinnen Körper, Volumen und
- 1:05Gewicht. Sie bewegen sich im Raum,
- 1:08wenden sich einander zu und reagieren
- 1:10durch Blicke, Gesten und Körperhaltungen
- 1:12aufeinander.
- 1:14Genau hier setzt auch unser Thema Figur
- 1:16im Kontext an. Wir untersuchen bei Joto
- 1:20nicht nur, wie der einzelne menschliche
- 1:22Körper dargestellt wird, sondern vor
- 1:24allem in welche Beziehungen er
- 1:26eingebunden ist. Zum Raum, zum anderen
- 1:29Figuren, zur Handlung und schließlich
- 1:31zur religiösen Zordnung des Bildes.
- 1:35Jotto wird damit für uns besonders
- 1:37interessant, weil die Figur zunehmend
- 1:39als körperlich anwesender und handelnder
- 1:41Mensch erfahrbar wird.
- 1:44Beginnen wir bei Jotto zunächst mit der
- 1:46Frage, wie sich die Figur im Kontext des
- 1:48Bildraumes verändert. Gegenüber der
- 1:51frühchristlichen und byzantinischen
- 1:53Tradition löst Jotto seine Figuren
- 1:55zunehmend aus der starren, flächigen und
- 1:57tirischen Reihung.
- 1:59Die Figur steht nicht mehr lediglich auf
- 2:01der Bildfläche, sondern beginnt sich in
- 2:03einem räumlich erfahrbaren Bildraum
- 2:05hinein zuuentwickeln.
- 2:08Damit verändert sich auch die
- 2:09Darstellung des menschlichen Körpers.
- 2:12Jod zeigt seine Figuren aus
- 2:13unterschiedlichen Ansichten von der
- 2:15Seite, von hinten oder in Verkürzungen
- 2:18und in natürlichen körperlichen
- 2:19Haltungen. Sie stehen, gehen, Knien,
- 2:22beugen oder bücken sich. Der menschliche
- 2:25Körper gewinnt dadurch Volumen, Gewicht
- 2:27und Beweglichkeit.
- 2:29Entscheidend ist, dass die Figuren nun
- 2:31zunehmend aus einer eigenen körperlichen
- 2:33Dynamik heraushandeln.
- 2:36Sie erscheinen weniger als
- 2:37entkörperlichte Träger einer religiösen
- 2:40Bedeutung. sondern als körperlich
- 2:42präsente Menschen, die innerhalb eines
- 2:45konkreten Geschehens agieren.
- 2:47Auch die Farbe unterstützt diese
- 2:49Entwicklung. Sie besitzt weiterhin
- 2:51Bedeutung. Innerhalb der religiösen
- 2:53Darstellung, gewinnt aber stärker einen
- 2:56Eigen und Darstellungswerk.
- 2:59Sie beschreibt Körper, Gewänder und
- 3:02räumliche Zusammenhänge und bindet die
- 3:03Figuren damit stärker an eine irdisch
- 3:06erfahrbare Wirklichkeit.
- 3:08Jotto schafft so etwas entscheidendes
- 3:11für unser Thema Vigoren Kontext. Der
- 3:14Kontext ist nicht bloß Hintergrund.
- 3:17Körper, Raum und Handlung beginnen eine
- 3:19gemeinsame bildnerische Einheit zu
- 3:21bilden. Schauen wir uns nun genauer
- 3:24Jottos Umgang mit der Farbe an. Hier
- 3:27vollzieht Jotto einen wichtigen Wandel.
- 3:29In der mittelalterlichen und
- 3:30byzentinischen Wildtradition begegnet
- 3:33uns häufig der Goldgrund. Er verweist
- 3:35nicht auf einen konkreten irdischen
- 3:37Raum, sondern auf eine überwältliche
- 3:39göttliche Sphäre. Bei Jojo wird die
- 3:42Farbe dagegen zunehmend an die
- 3:44dargestellten Figuren und Gegenstände
- 3:46gebunden. Besonders wichtig ist dabei
- 3:48das Verhältnis von hell und dunkel.
- 3:51Jotto verwendet unterschiedliche
- 3:52Helligkeitsstufen einer Farbe, um die
- 3:55Oberfläche eines Körpers zu modellieren.
- 3:58Helle Bereiche scheinen hervorzutreten,
- 4:01dunkle Bereiche zurückzuweichen.
- 4:03Dadurch entsteht der Eindruck von
- 4:05Volumen und Körperlichkeit.
- 4:07Ein Gewand erscheint nicht mehr nur als
- 4:09farbige Fläche, sondern legt sich um
- 4:11einen Körper, dessen plastische Form wir
- 4:13darunter wahrnehmen können. Man spricht
- 4:16bei Jotto deshalb auch von einer flach
- 4:18Reliefmodellierung.
- 4:20Seine Figuren wirken fast so, als würden
- 4:22sie sich wie ein flaches Relief aus der
- 4:25Bildfläche herausheben.
- 4:27Es handelt sich dabei noch nicht um eine
- 4:29naturalistische Lichtmalerei, bei der
- 4:31eine konkrete Lichtquelle den gesamten
- 4:33Bildraum bestimmt. Hell und dunkel
- 4:36dienen zunächst vor allem dazu, die
- 4:38Formen der einzelnen Figuren
- 4:40herauszuarbeiten.
- 4:42Damit bekommt die Farbe für unser
- 4:43Themafigur im Kontext eine entscheidende
- 4:45Funktion. Sie schmückt den Körper nicht
- 4:48nur, sondern erzeugt seine Form und
- 4:50unterstützt seine räumliche Präsenz.
- 4:53Farbe, Form, Körper und Raum beginnen
- 4:55bei Joto unmittelbar zusammenzuwirken.
- 4:59Jotos Figuren gewinnen also Raum und
- 5:01Volumen. Damit entsteht aber eine neue
- 5:04Frage. In welchem Raum können solche
- 5:06Körper überhaupt existieren? Hier
- 5:09begegnet uns der Begriff des
- 5:10Reliefraums.
- 5:12Man kann ihn sich zunächst für eine
- 5:13flache Bühne oder Nische vorstellen. Der
- 5:16Raum besitzt bereits eine erkennbare
- 5:18Tiefe, ist aber noch nicht der weit in
- 5:21die Bildtiefe geöffnete und mathematisch
- 5:23konstruierte Raum, wie wir in später in
- 5:26der Renaissance finden.
- 5:28Die Figuren befinden sich gewissermaßen
- 5:30zwischen einer vorderen Bildgrenze und
- 5:33einer rückwärtigen Begrenzung.
- 5:36Innerhalb dieses relativ flachen Raums
- 5:39können Sie jedoch bereits voreinander,
- 5:41hintereinander und nebeneinander
- 5:44angeordnet werden. Überschneidungen und
- 5:47Staffelungen verstärken den Eindruck
- 5:48räumlicher Tiefe. Architektur und
- 5:51Landschaft spielen dabei eine wichtige
- 5:53Rolle. Sie sind nicht nur dekorativer
- 5:55Hintergrund, sondern begrenzen und
- 5:57strukturieren den Raum, in dem die
- 5:59Figuren handeln. Das ist für unser Thema
- 6:02Figur im Kontext entscheidend. Der
- 6:05Körper gewinnt bei Joto nicht isoliert
- 6:07an Plastizität. Gleichzeitig entsteht
- 6:10ein Raum, der diesen Körper aufnimmt,
- 6:13positioniert und in Beziehung zu anderen
- 6:15Körpern setzt. Der Reliefraum wird damit
- 6:18zum Handlungsraum der Figur.
- 6:21An Jottus Verkündung an Anna, das
- 6:23beziehen wir hier, lässt sich diese
- 6:26Relevraum besonders gut erkennen. Der
- 6:28Innenraum wirkt wie eine flache nach
- 6:30vorne geöffnete Bühne, die durch
- 6:32Architektur nach hinten und zu den
- 6:34Seiten klar begrenzt wird. Gleichzeitig
- 6:37besitzen die Figuren darin bereits
- 6:39Volumen und einen konkreten räumlichen
- 6:41Standort. Der Raum wird damit nicht nur
- 6:43zum Hintergrund, sondern zum
- 6:45Handlungsraum der Figuren.
- 6:48Hier sehen wir die sogenannte Arila
- 6:50Kapelle oder Scrovinierkapelle in Paris.
- 6:54Bevor wir uns einzelne Fresken ansehen,
- 6:56müssen wir kurz klären, in welchem
- 6:57Kontext sie entstanden sind.
- 7:00Die Kapelle wurde zu Beginn des 14.
- 7:03Jahrhunderts errichtet und von Jotto und
- 7:05seiner Werkstatt mit einem umfangreichen
- 7:07fressigenzyklus ausgestattet.
- 7:10Ihren Namen verdankt sie ihrem Standort
- 7:12auf dem Gelände einer ehemaligen
- 7:14römischen Arena.
- 7:16Auftraggeber war Enrivin,
- 7:20der eines sehr wohlhabenden und
- 7:21einflussreichen Familieparoas
- 7:23entstammte.
- 7:25Das Vermögen der Familie war eng mit dem
- 7:27Geldverlei verbunden. Insbesondere sein
- 7:30Vater Reginaldo war für Wuchergeschäfte
- 7:32bekannt und Wucher galt nach
- 7:34mittelalterlicher
- 7:35christlicher Vorstellung als schwere
- 7:37Sünde.
- 7:39Vor diesem Hintergrund wird die Stiftung
- 7:41der Kapelle häufig auch mit Buße,
- 7:43Fremmigkeit und der Sorge um das eigene
- 7:45und familiäre Seelenheil in Verbindung
- 7:47gebracht. Die Kapelle war der Jungfrau
- 7:50Maria geweiht und besaß trotz ihrer
- 7:52privaten Stiftung zugleich. eine
- 7:54öffentliche religiöse Funktion.
- 7:57Das ist für unser Thema wichtig. Jus
- 8:00Bilder entstehen nicht als autonome
- 8:02Kunstwerke für ein Museum. Sie entstehen
- 8:05in einem ganz konkreten religiösen,
- 8:07gesellschaftlichen und räumlichen
- 8:08Zusammenhang.
- 8:10Auftraggeber, Ort und religiöse Funktion
- 8:13bestimmen mit, was dargestellt wird und
- 8:15wie die Figuren von damaligen Betrachter
- 8:17verstanden werden konnten.
- 8:20Die Ausmalungen der Arenakapelle müssen
- 8:22wir zunächst aus der Funktion verstehen,
- 8:25die Bilder im mittelalterlichen
- 8:26Kirchenraum besaßen. Der Theologe
- 8:29Bonaventura betonte im 13. Jahrhundert
- 8:32unter anderem ihre belehrende Funktion,
- 8:35das sogenannte Dockere.
- 8:37Bilder sollten religiöse Inhalte
- 8:40vermitteln und zugleich als Hilfe für
- 8:42Meditation und Andacht dienen. Das
- 8:45Sichtbare hatte dabei eine über sich hin
- 8:48selbst hinausweisende Bedeutung.
- 8:51Die sinnlich erfahrbare Welt konnte als
- 8:53Zeichen oder Symbol einer höheren
- 8:55unsichtbaren göttlichen Wirklichkeit
- 8:56verstanden werden. Deshalb musste die
- 8:59religiöse Botschaft eines Bildes für den
- 9:01Betrachter möglichst eindeutig lesbar
- 9:04bleiben.
- 9:06Besonders deutlich wird dieses Prinzip
- 9:07in der Arenakapelle bei den
- 9:09Personifikationen der Tugenden und
- 9:11Laster, die einander gegenübergestellt
- 9:13werden.
- 9:14Stlos entscheidende Neuerung besteht nun
- 9:17nicht darin, diese religiöse Funktion
- 9:19aufzugeben. Viel mehr entwickelt er eine
- 9:22neue Bildsprache, mit der er die
- 9:24überlieferten Inhalte und körperlich
- 9:27erfahrbarer macht.
- 9:29Seine Figuren gewinnen Volumen und
- 9:31Gewicht. Sie stehen auf einem festen
- 9:33Boden, bewegen sich in einem räumlichen
- 9:35Zusammenhang und reagieren durch Gesten
- 9:37und Blicke aufeinander.
- 9:40Auch Architektur, Farbe und plastische
- 9:42Modellierung tragen dazu bei, dass die
- 9:45biblischen Ereignisse nicht nur als
- 9:47abstrakte religiöse Zeichen erscheinen,
- 9:49sondern als konkrete menschliche
- 9:51Handlungen vorstandbar werden. Gerade
- 9:54darin liegt eine wesentliche Leistung
- 9:56Jotrus. Er verbindet die weiterhin
- 9:58verbindliche religiöse Botschaft mit
- 10:01einer neuen Körper,
- 10:03Wirklichkeitserfahrung.
- 10:06Die Ausmalung der Arena Kapelle besteht
- 10:09nicht aus einer zufälligen Ansammlung
- 10:11einzelner Bilder, sondern aus einem
- 10:13genau aufeinander bezogenen
- 10:15Bildprogramm.
- 10:17Die Fresken erzählen zunächst die
- 10:19Geschichte von Joachim und Anna und
- 10:21ihrer Tochter Maria.
- 10:23Anschließend das Leben der Jungfrau
- 10:25Maria und schließlich das Leben und die
- 10:27Passion Jesu Christi.
- 10:30Die einzelnen Szenen sind damit
- 10:32Bestandteile einer übergeordneten
- 10:34christlichen Halsgeschichte.
- 10:36Daneben besitzt das Bildprogramm eine
- 10:38deutlich moralisch belehrende Dimension.
- 10:43In der unteren Zone der Kapelle begegnen
- 10:46sich sieben Togenden und sieben ihnen
- 10:48entgegengesetzte Laster.
- 10:51Dazu gehören beispielsweise
- 10:53Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sowie
- 10:55Hoffnung und Verzweiflung.
- 10:57Sie konfrontieren den Betrachter mit der
- 10:59Frage nach dem eigenen moralischen
- 11:01Handeln.
- 11:03Diese moralische Dimension führt
- 11:05schließlich zum jüngsten Gericht an der
- 11:07inneren Eingangswand.
- 11:09Wer die Kapelle verlässt, wird damit
- 11:11gewissermaßen mit den Konsequenzen
- 11:13menschlichen Handelns konfrontiert.
- 11:16Heil und Verdammnis stehen einander
- 11:18gegenüber.
- 11:20Interessant ist in diesem Zusammenhang
- 11:22auch die Szene der Vertreibung der
- 11:23Händler und Geldwechsler aus dem Tempel.
- 11:27Angesichts des durchgeldgeschäfte
- 11:29erworbene Vermögens der Familie Scoven
- 11:33wurde diese Darstellung immer wieder auf
- 11:35den Auftraggeber bezogen. Eine solche
- 11:38direkte persönliche Anspielung lässt
- 11:40sich allerdings nicht eindeutig
- 11:41beweisen. Für unser Thema Figur im
- 11:44Kontext ist vor allem entscheidend.
- 11:46Keine Figur und keine Szene steht für
- 11:48sich allein. Die Figur gehört zu einer
- 11:51Handlung, die Handlung zu einer
- 11:53Bilderfolge und diese Bilderfolge
- 11:55wiederum zu einer übergeordneten
- 11:57christlichen Sinnordnung.
- 11:59Die Bedeutung entsteht also auf mehreren
- 12:02Ebenen des Kontextes.
- 12:04Figur, Szene, Bildzyklus,
- 12:06Heizgeschichte.
- 12:09Ein Höhepunkt des gesamten
- 12:10Frestenprogramms bildet das jüngste
- 12:12Gericht an der inneren Eingangswand der
- 12:14Kapelle.
- 12:16Im Zentrum erscheint Christus als
- 12:18Weltenrichter.
- 12:19Um ihn herum wird die Menschheit in zwei
- 12:21grundsätzlich verschiedene Bereiche
- 12:23geordnet. Auf der einen Seite die
- 12:25Seligen, denen das himmlische Heil
- 12:28zukommt. Auf der anderen Seite die
- 12:30Verdammten, die den Qualen der Hölle
- 12:32ausgesetzt sind.
- 12:34Der Raum besitzt damit nicht nur eine
- 12:36formale, sondern vor allem eine
- 12:37moralische und religiöse Bedeutung.
- 12:41Wo sich eine Figur befindet, zeigt
- 12:42zugleich, welchen Platz sie innerhalb
- 12:45der göttlichen Ordnung einnimmt.
- 12:48Körperraum und Bedeutung sind
- 12:50unmittelbar miteinander verbunden.
- 12:53Bemerkenswert ist dabei die Nähe zur
- 12:55Lebenswelt der damaligen Betrachter.
- 12:58Figuren erscheinen teilweise in
- 13:00zeitgymnössischer Kleidung und werden
- 13:02dadurch stärker auf die gegenwartige
- 13:05menschliche Gesellschaft bezogen.
- 13:08Das jüngste Gericht ist also nicht nur
- 13:10eine Erzählung über ein fernes Jenseits,
- 13:13sondern konfrontiert den Betrachter mit
- 13:15der Frage nach dem eigenen Verhalten und
- 13:17dem eigenen Seelenheil.
- 13:20Besonders drastisch wird dies in der
- 13:22Darstellung der Hölle. Jotto zeigt
- 13:24körperliche Qual Gewalt und monstruöse
- 13:27Wesen mit großer Anschaulichkeit.
- 13:29Der Körper wird hier zum sichtbaren
- 13:31Träger der Verdammnis.
- 13:34Das moralische Urteil wird körperlich
- 13:35erfahrbar gemacht. Gleichzeitig
- 13:38verbindet Jotto diese eindeutige
- 13:40religiöse Botschaft mit seinen neuen
- 13:42bildnerischen Mitteln.
- 13:44Die Figuren besitzen Volumen,
- 13:46körperliche Präsenz und eine größere
- 13:49Natürlichkeit.
- 13:50Die religiöse Heilsordnung bleibt also
- 13:53bestehen, wird aber durch ihr eine neue
- 13:56Körper und Raumdarstellung besonders
- 13:57anschaulich vermittelt. Besonders
- 14:00interessant ist schließlich, dass der
- 14:02Aufgabtgeber selbst Teil dieser
- 14:04Darstellung wird.
- 14:06Auf der Seite der Zeligen kniet er und
- 14:09überreicht der Jungfrau Maria ein Modell
- 14:12der von ihm gestifteten Kapelle.
- 14:15Der reale Auftraggeber tritt damit
- 14:17gewissermaßen in die von Totto
- 14:20dargestellte Halsgeschichte ein. Vor dem
- 14:23Hintergrund des durch Geldgeschäfte
- 14:25erworbene erworbenen Familienvermögens
- 14:28und der Sorge um das eigene Seelenheil
- 14:30erhält diese Darstellung eine besondere
- 14:32Bedeutung. Damit schließt sich für uns
- 14:35der Kreis. Auftraggeb Stiftung,
- 14:38Bildprogramme und größ religiöse
- 14:41Heilserfahrung greifen unmittelbar
- 14:43ineinander.
- 14:45Der historische Entstehungskontext
- 14:46befindet sich also nicht nur außerhalb
- 14:48des Kunstwerks, sondern wird in
- 14:50Gestaltes Covenies sogar selbst zum
- 14:52Bestandteil des Bildes.
- 14:55Gerade für unsere Themafigur im Kontext
- 14:57ist es besonders anschaulich. Bei Potato
- 15:00erhält die Figur ihre Bedeutung durch
- 15:02ihre Position im Raum, ihre Beziehung zu
- 15:04anderen Figuren und schließlich durch
- 15:07ihren Platz innerhalb einer
- 15:08übergeordneten religiösen und
- 15:10gesellschaftlichen Sinnordnung.
- 15:13Ein weiterer entscheidender Schritt bei
- 15:14Joto betrifft die Darstellung des
- 15:16Menschen selbst. Der Kunsthistoriker
- 15:19Jakob Burgart hat darauf hingewiesen,
- 15:21daß Chot weder eine ideale menschliche
- 15:23Schönheit nach antikemorbild anstreb
- 15:25noch versucht jede Person möglichst
- 15:28detailgetreu wiederzugeben.
- 15:30Er gestaltet Physioonomie, Kleidung,
- 15:32Haltung und Gestik viel mehr soweit aus,
- 15:34wie es für die Wirkung und
- 15:36Verständlichkeit einer Szene notwendig
- 15:38ist. Das können wir sehr gut an der
- 15:40Gefangenname Christi beobachten. Joto
- 15:43zeigt eine dicht getränkte
- 15:44Menschenmenge. Die Figuren überschneiden
- 15:47sich. Köpfe, Lanzen und Fackeln
- 15:49verdichten den Bildraum. Trotzdem bleibt
- 15:52das zentrale Geschehen klaresbar.
- 15:55Im Mittelpunkt stehen sich Christus und
- 15:56Judas unmittelbar gegenüber. Judas
- 15:59umfasst Christus mit seinem Mantel und
- 16:01zieht ihn körperlich an sich heran. Ihre
- 16:05Gesichter begegnen sich aus nächste
- 16:06Nähe.
- 16:08Christus erscheint dabei vergleichsweise
- 16:10ruhig und beherrscht, während Judas
- 16:12durch Physiognonomie Haltung und
- 16:14gestutlich negativer charakterisiert
- 16:16wird. Auch die übrigen Figuren sind
- 16:19nicht bloß dekorative Starfasche.
- 16:22Links sehen wir beispielsweise Petrus
- 16:24als Rückenfigur, der einem der Männer
- 16:27ein Ohr abschneidet. Jojo braucht dafür
- 16:30keine übertriebene Mimik.
- 16:32Körperhaltungen, Bewegung, Blickrichtung
- 16:34und Gestik erzählen das Geschehen. Genau
- 16:37darin liegt eine wichtige Neuerung.
- 16:39Innere Vorgänge werden zunehmend durch
- 16:41den sichtbaren Körpermittelt.
- 16:44Menschen wenden sich einander zu,
- 16:46berühren sich, bedrohen sich, trauern
- 16:48oder handeln gemeinsam.
- 16:51Dadurch entsteht ein Beziehungsgeflecht
- 16:53zwischen den Figuren. Auch Christus
- 16:56verändert sich gegenüber der älteren
- 16:58Vorstellung des entdrückten Pantokratus
- 17:01dessen all des allmächtigen
- 17:03Weltherrschers.
- 17:05In den erzählenden Szenen erscheint er
- 17:08zugleich als körperlich anwesender
- 17:10Mensch. Das Göttliche wird dadurch nicht
- 17:12aufgehoben, sondern für den Betrachter
- 17:14menschlich und sinnlich erfahrbar.
- 17:17Jotu versetzt die heilige Geschichte
- 17:19damit gewissermaßen in eine Welt, die
- 17:22der Betrachter körperlich körperlich
- 17:24nachvollziehen kann.
- 17:26Aus einem überlieferten religiösen
- 17:28Geschehen entsteht ein anschaulicher
- 17:31menschlicher Handlungsraum.
- 17:33Für unser Thema Figur im Kontext ist das
- 17:35entscheidend. Eine Figur läßt sich bei
- 17:38Jotto kaum isoliert verstehen. Ihre
- 17:40Haltung, ihre Gestik, ihr Blick und ihre
- 17:43Bedeutung entstehen wesentlich aus der
- 17:45ihrer Beziehung zu den anderen Figuren
- 17:47und aus ihrer Rolle innerhalb der
- 17:50Handlung.
- 17:52Schauen wir uns nun genau an, wie Joto
- 17:54die Szene der Gefangenname komprimiert.
- 17:56Obwohl sehr viele Figuren auf engem Raum
- 17:59zusammreffen, ist das Geschehen klar
- 18:01strukturiert und unser Blick wird
- 18:03unmittelbar auf das Zentrum gelenkt.
- 18:06Dort stehen sich Christus und Judas
- 18:08gegenüber.
- 18:10Judas umfasst Christus mit seinem gelben
- 18:12Mantel und zieht ihn förmlich an sich
- 18:14heran. Entscheidend ist dabei die
- 18:16intensive Blickachse zwischen den beiden
- 18:18Gesichtern.
- 18:20Christus erscheint ruhig und beherrscht
- 18:22und blickt Judas unmittelbar an. Judas
- 18:26wirkt dagegen durch seine Haltung und
- 18:28Physioökonomie drängender und
- 18:30angespannter.
- 18:31So konzentriert Jotto den entscheidenden
- 18:33Moment des Verrats auf die unmittelbare
- 18:35Begegnung zweier Menschen.
- 18:38Auch die Gegenstände über den Figuren
- 18:40unterstützen diese Konzentration.
- 18:43Lanzen, Stöcke und Fackeln ragen aus der
- 18:45dicht getränkten Menschenmenge heraus
- 18:47und scheinen sich über dem Haupt Christi
- 18:49bündeln.
- 18:51Sie besitzen zunächst eine erzählerische
- 18:53Funktion. Sie gehören zu den bewaffneten
- 18:56Männern, erhalten durch ihre Anordnung
- 18:59aber zugleich eine formale Bedeutung.
- 19:02Fast wie ein Strahlenbündeln lenken sie
- 19:04unseren Blick auf Christus und
- 19:05unterstreichen seine besondere Stellung.
- 19:08Eine zweite wichtige Struktur bildet
- 19:11eine Diagonale, die quer durch das Bild
- 19:13verläuft. Sie begingt links oben bei der
- 19:16zum Schlag erhobenen Keule, führt über
- 19:19Christus und Judas und setzt sich bis
- 19:22zur Zeigegegeste der Figur auf der
- 19:23rechten Seite fort.
- 19:26Von beiden Seiten errichten sich damit
- 19:28Kräfte auf Christus.
- 19:30Die Komposition macht sichtbar, dass er
- 19:33körperlich bedrängt und schließlich
- 19:34gefangen genommen wird. Gerade darin
- 19:37liegt jedoch ein interessanter
- 19:38Gegensatz. Christus erscheint
- 19:40gleichzeitig als Unterlegener und als
- 19:43Überlegener.
- 19:44Äußerlich ist er das Opfer. Die Menge
- 19:47umschließt ihn. Waffen bedrohen ihn und
- 19:49Judas verrätt ihn. Innerlich erscheint
- 19:52er dagegen ruhig und gefasst. Sein
- 19:55klarer Blick auf Judas vermittelt, dass
- 19:57er versteht, was geschieht.
- 19:59Toto kann dadurch in einem einzigen Bild
- 20:01zwei Ebenen gleichzeitig sichtbar
- 20:03machen. Christus als menschliches Opfer
- 20:06und Christus als Wissender Gottessohn.
- 20:10Auch die übrigen Figuren sind in dieses
- 20:12Beziehungsgefüge eingebunden. Links
- 20:14greift Petrus gewaltsam ein. Rechts wird
- 20:18auf Christus gezeigt. Andere Figuren
- 20:20drängen nach vorne. Blicke, Gesten,
- 20:23Körperbewegungen und Gegenstände
- 20:24verknüpfen die einzelnen Personen
- 20:26miteinander.
- 20:28Obwohl das Bild unbewegt ist, entsteht
- 20:30dadurch der Eindruck eines
- 20:31hochdraamatischen Augenblicks. Und genau
- 20:34hier zeigt sich wieder unser Thema Figur
- 20:36im Kontext.
- 20:38Christus erhält seine Bedeutung nicht
- 20:40allein durch seine Darstellung als
- 20:41einzelne Figur. Er ist durch die
- 20:44Blickbeziehung zu Judas die Gesten der
- 20:46umstehenden Menschen, die Waffen, die
- 20:49Bewegungsrichtungen und seine Position
- 20:51innerhalb der Menge wird seine
- 20:53Doppelrolle als Opfer und Gottes Sohn
- 20:55sichtbar.
- 20:56Joto verdichtet damit ein zeitlich
- 20:58ablaufendes Ereignis zu einem einzigen
- 21:00Bildmoment.
- 21:03Wir müssen die Geschichte nicht Schritt
- 21:04für Schritt lesen, sondern können
- 21:06verschiedene Beziehungen und
- 21:08Bedeutungsebenen gleichzeitig
- 21:09wahrnehmen.
- 21:11Form und Inhalt greifen unmittelbar
- 21:13ineinander und gerade dadurch wird für
- 21:16den Betrachter ein intensives Miterleben
- 21:18des Geschehens möglich.
- 21:21Nachdem wir bei der Gefangenname Christi
- 21:23gesehen haben, wie stark Joto seine
- 21:25Figuren durch Blicke, Gesten und
- 21:27Bewegungen miteinander verbindet, können
- 21:29wir diese Beobachtung auf den gesamten
- 21:31fräskenzyklus übertragen. Dabei hilft
- 21:34uns eine handlungsorientierte bzw.
- 21:36hermotische Betrachtung. Sie fragt nicht
- 21:39nur danach, wie ein Körper formal
- 21:41dargestellt ist, sondern danach, was
- 21:43eine Körperhaltung oder Bewegung
- 21:45innerhalb einer bestimmten Situation
- 21:47bedeutet.
- 21:49Ein besonders interessantes Beispiel ist
- 21:51der erhobene Arm Christi, der in
- 21:53verschiedenen Szenen der Arenakapelle
- 21:55immer wieder auftaucht. Die körperliche
- 21:58Grundbewegung ist ähnlich. Ihre
- 22:00Bedeutung verändert sich jedoch von
- 22:01Szene zu Szene.
- 22:04Beim zwölfjährigen Jesus im Tempel kann
- 22:07die Armbewegung als lehrende oder
- 22:09ermahnende Geste verstanden werden. Beim
- 22:12Einzug in Jerusalem erhält sie einen
- 22:14grüßenden und segnenden Charakter. Bei
- 22:17der Vertreibung der Händler aus dem
- 22:19Tempel wird aus derselben Grundbewegung
- 22:21eine energische drohende Geste.
- 22:25Bei der Auferweckung des Lazarus
- 22:27erscheint sie dagegen als auffordernde
- 22:29oder befehlende Bewegung.
- 22:31Wir erkennen daran etwas
- 22:33Grundsätzliches.
- 22:34Eine Geste besitzt keine Bedeutung für
- 22:37sich allein. Erster Zusammenhang
- 22:38entscheidet darüber, wie wir sie
- 22:40verstehen. Wer steht der Figur
- 22:42gegenüber? Was geschieht gerade? Wohin
- 22:45richtet sich die Bewegung? Wie reagieren
- 22:47die anderen Figuren darauf? Jotto kann
- 22:50also aus einer relativ einfachen
- 22:52körperlichen Grundbewegung sehr
- 22:54unterschiedliche Handlungen entwickeln.
- 22:57Christus erscheint dadurch je nach
- 22:59Situation als lehrender, segnender,
- 23:02mahner, handelnder oder befehlender.
- 23:05Das führt unmittelbar zu unserem Thema
- 23:08Figurenkontext.
- 23:09Nicht die isolierte Körperform trägt die
- 23:11vollständige Bedeutung. Bedeutung
- 23:14entsteht aus dem Zusammenspiel von
- 23:15Körperhaltung, Geste, Blick, anderen
- 23:18Figuren und Handlung. Oder noch kürzer
- 23:21formuliert, der Kontext macht aus einer
- 23:23Bewegung eine bedeutungsvolle Geste.
- 23:27Nachdem wir bereits gesehen haben, wie
- 23:29Joto durch Farbe und helldunkel
- 23:31Abstufungen Körperlichkeit erzeugt,
- 23:34schauen wir nun genauer darauf, welche
- 23:36Funktionenfarben in seinen Bildern
- 23:38übernehmen kann.
- 23:40Zunächst besitzt Farbe einen
- 23:42Darstellungswert.
- 23:44Als Lokalfarbe kennzeichnet sie
- 23:46beispielsweise die Farbe eines Gewandes
- 23:48oder eines Gegenstandes.
- 23:51Durch Abstufungen von hell und Dunkel
- 23:53kann Jotto diese Farbflächen zugleich
- 23:55modellieren.
- 23:56Dadurch entstehen Licht und
- 23:58Schattenbereiche, die den Figuren
- 24:00Volumen fleihen und ihre Körperlichkeit
- 24:02verstärken.
- 24:04Daneben besitzt Farbe einen Eigenwert.
- 24:07Das bedeutet, dass Farbe nicht nur etwas
- 24:09bezeichnet, sondern auch durch ihre
- 24:12eigene Wirkung die Bildgestaltung
- 24:14bestimmt.
- 24:16Farbkontraste können einzelne Figuren
- 24:18hervorheben, verschiedene Bereiche
- 24:20voneinander abgrenzen und unseren Blick
- 24:23durch das Bild lenken.
- 24:25Für die mittelalterliche Kunst besonders
- 24:27wichtig ist außerdem der Symbolwert
- 24:29einer Farbe.
- 24:31Farben konnten religiöse und moralische
- 24:34Bedeutungen vermitteln.
- 24:36Rot kann beispielsweise mit
- 24:38Göttlichkeit, Liebe und Macht verbunden
- 24:40werden, aber auch mit Blut und Opfer.
- 24:44Blau verweist häufig auf Himmel und
- 24:46Transzendenz.
- 24:48Gold steht aufgrund seiner besonderen
- 24:50Leuchtkraft für göttliches Licht und
- 24:52Majestät.
- 24:54Weiß für Reinheit und Wahrheit und grün
- 24:56für Leben und Hoffnung. Braun und
- 24:59schwarz können dagegen mit
- 25:00Vergänglichkeit, Trauer und Tod
- 25:02verbunden sein.
- 25:04Gelb ist besonders ambivalent und kann
- 25:06auch negative Bedeutungen haben.
- 25:09Purpor wiederum kann Würde und
- 25:12Herrschaft kennzeichnen.
- 25:14Wichtig ist dabei, Symbolfarben
- 25:16funktionieren nicht wie ein festgelegter
- 25:19Farbcode.
- 25:21Eine Farbe kann unterschiedliche
- 25:22Bedeutungen besitzen. Deshalb müssen wir
- 25:24immer prüfen, welche Bedeutung im
- 25:27Zusammenhang mit der dargestellten Figur
- 25:29der Handlung und dem historischen
- 25:31Kontext sinnvoll sind.
- 25:35Wenn ihr im Abitur also Farbe
- 25:36untersucht, solltet ihr nicht nur
- 25:38fragen, welche Farben sehe ich, sondern
- 25:40auch wie werden sie eingesetzt, wie
- 25:43wirken sie und welche symbolische
- 25:45Bedeutung können Sie im jeweiligen
- 25:46Kontext besitzen.
- 25:49Wir können uns dafür drei Begriffe
- 25:51merken. Farbe besitzt Darstellungswert,
- 25:55Eigenwert und Symbolwert.
- 25:59Wenden wir diese unterschiedliche
- 26:00Funktion der Farbe nun auf die
- 26:02Gefangenname Christian.
- 26:04Besonders auffällig ist zunächst der
- 26:06leuchtend gelbe Mantel des Judas. Er
- 26:09bildet eine große nahezu geschlossene
- 26:11Farbfläche im Zentrum der Komposition
- 26:14und hebt Judas deutlich aus der
- 26:15dichtgränkten Menschenmenge heraus.
- 26:19Gleichzeitig umschließt der Mantel
- 26:21Christus beinahe vollständig.
- 26:24Die Farbe lenkt unseren Blick damit
- 26:26unmittelbar auf den entscheidenden
- 26:28Moment des Verrats und verstärkt den
- 26:30Eindruck, dass Christus von Judas und
- 26:33der umgebenden Menge bedrängt wird.
- 26:36Neben dieser formalen Funktion kann das
- 26:38gelb auch symbolisch gelesen werden.
- 26:41Gelb konnte im mittelalterlichen Kontext
- 26:44negative Bedeutungen annehmen und mit
- 26:46Ausgrenzung verbunden sein.
- 26:49In Verbindung mit Judas unterstützt die
- 26:51Farbe daher zusätzlich seine negative
- 26:54Charakterisierung als Verräter.
- 26:57Christus trägt dagegen die traditionelle
- 26:59Verbindung von Rot und Blau. Rot kann
- 27:02auf Göttlichkeit, Liebe und Macht im
- 27:05Zusammenhang der Passion, aber auch auf
- 27:07Blut und Opfer verweisen.
- 27:10Blau besitzt eine Verbindung zur Himmel
- 27:12und Transzendenz.
- 27:14Die Verabgebung träigt damit dazu bei
- 27:17Christus nicht nur als körperlich
- 27:18anwesenden Menschen, sondern zugleich
- 27:21als Gottesdzeichnen.
- 27:24Um diese zentralen Farben herum finden
- 27:26wir dunklere blau blaubbraun und
- 27:29Grautöne
- 27:31sowie weitere rote und gelbe Akzente.
- 27:35Sie gliedern und rhythmisieren die dicht
- 27:36getränkte Menschenmenge ohne dem
- 27:38zentralen Gelb des Sodas und der
- 27:40Farbgebung Christi ihre Aufmerksamkeit
- 27:43zu nehmen.
- 27:45Gleichzeitig dürfen wir die formale
- 27:47Funktion der Farbe nicht vergessen.
- 27:49Durch hell dunkelabstimpstofungen
- 27:52modelliert Jotto die Gewände und damit
- 27:54die Körper.
- 27:55Farbe erzeugt also auch Volumen und
- 27:58körperliche Präsenz.
- 28:00An diesem Bild können wir deshalb sehr
- 28:02gut die verschiedenen Funktionen von
- 28:04Farbe zusammenführen.
- 28:06Sie besetzt Darstellungswert, Eigenwert
- 28:09und Symbolwert.
- 28:11Sie beschreibt und poliliert die
- 28:13Figuren, organisiert unsere Wahrnehmung
- 28:15und trägt gleichzeitig zur inhaltlichen
- 28:17Bedeutung der dargestellten Personen
- 28:19bei.
- 28:21Nachdem wir bei der Gefangenname Christi
- 28:23bereits gesehen haben, wie Chotto durch
- 28:25Blickrichtungen, Gesten und
- 28:26Bewegungsachsen Beziehungen zwischen
- 28:28Figuren erzeugt, können wir bei der
- 28:30Beweinung Christi noch genauer fragen,
- 28:32wo liegt eigentlich die Mitte eines
- 28:34Bildes? Rudolf Arnheim beschäftigt sich
- 28:37mit dieser Frage unter dem Begriff der
- 28:39Macht der Mitte.
- 28:41Dabei ist wichtig, die geometrische
- 28:43Bildmittte muss nicht mit dem Bereich
- 28:45übereinstimmen, auf den sich unsere
- 28:46Aufmerksamkeit richtet. Ein Bild kann
- 28:49verschiedene Arten von Mitte besitzen.
- 28:52Die geometrische Bilte können wir
- 28:54zunächst ganz einfach durch die
- 28:55horizontale und vertikale Albierung
- 28:57eines Bildes bestimmen. Sie liegt hier
- 29:00ungefähr im Bereich des Kopfes bzw. des
- 29:02Oberkörpers des sich vorbeugenden
- 29:04Johannes.
- 29:06Johannes bezitzt zugleich eine besondere
- 29:08kompositorische Funktion.
- 29:11Seine Körperhaltung fällt sofort auf. Er
- 29:14steht nicht ruhig und aufrecht, sondern
- 29:16beugt sich mit weit ausgebreiteten Armen
- 29:18nach vorne. Dadurch verbindet sein
- 29:20Körper unterschiedliche Bereiche der
- 29:22Komposition.
- 29:23Er vermittelt zwischen den stehenden
- 29:25Figuren auf der rechten Seite und der
- 29:27dicht gedrängten Gruppe der trauenden
- 29:29Linksbunden.
- 29:31Johannes ist also nicht das inhaltliche
- 29:33Zentrum des Geschehens, aber eine
- 29:35wichtige kompositorische
- 29:36Vermittlungsfigur.
- 29:39Das eigentliche inhaltliche und
- 29:41emotionale Zentrum liegt dagegen
- 29:43deutlich außerhalb der geometrischen
- 29:45Mitte bei dem Toten Christus und Maria
- 29:48links unten.
- 29:50sorgt mit verschiedenen Mitteln dafür,
- 29:52dass unsere Aufmerksamkeit genau dorthin
- 29:54gelenkt wird. Besonders auffällig ist
- 29:56die Felsdiagonale von rechts oben nach
- 29:59unten.
- 30:01Sie führt direkt auf Christus hin.
- 30:05Hinzukommen die Blickrichtungen, Gesten
- 30:08und Körperhaltungen der Figuren.
- 30:11Viele dieser Beziehungen laufen bei
- 30:12Christus zusammen. Auch die beiden
- 30:15massiven Rückenfiguren im Vordergrund
- 30:17spielen dabei eine Rolle. Sie schließen
- 30:19die Szene nach vorne ab und führen uns
- 30:21gleichzeitig sehr nahe an das Geschehen
- 30:23heran. Wir stehen als Betrachtende
- 30:26gewissermaßen unmittelbar vor der Gruppe
- 30:28der Trauenden.
- 30:30Darüber öffnet sich eine Zweitzone, die
- 30:33himmlische Sphäre mit den Engeln.
- 30:35Während die Menschen auf der Erde
- 30:37körperlich um Christus versammelt sind
- 30:39und ihn berühren, reagieren die Engel im
- 30:41Himmel ebenfalls auf seinen Tod. Die
- 30:44Trauer verbindet dadurch die irdische
- 30:46und himmlische Sphäre.
- 30:49Das Entscheidende ist also Totto muß
- 30:52Christus nicht in die geometrische
- 30:54Bildmitte setzen, um ihn zum Zentrum des
- 30:56Bildes zu machen. Landschaft,
- 30:59Figurenanordnung, Blicke, Gesten und
- 31:01Körperhaltungen lenken unsere
- 31:03Aufmerksamkeit auf ihn.
- 31:06Für unser Thema Figur im Kontext ist das
- 31:08besonders wichtig. Die Bedeutung und das
- 31:11Gewicht einer Figur entstehen nicht
- 31:12allein durch ihre Position auf der
- 31:14Bildfläche. Sie entstehen durch ihr
- 31:16Beziehungsgefüge und zu den anderen
- 31:19Figuren zum Raum und zum dargestellten
- 31:22Geschehen.
- 31:23Die Beweinung zeigt damit sehr deutlich
- 31:26geometrische Mitte, kompositorische
- 31:29Funktion und inhaltliches Zentrum müssen
- 31:32nicht identisch sein.
- 31:35Bis jetzt haben wir Jotto vor allem
- 31:36anhand der Clloveniekabelle in Parua
- 31:39betrachtet. Um einen weiteren wichtigen
- 31:41Zusammenhang seiner Kunst zu verstehen,
- 31:43wechseln wir nur nach Assisie. Dort
- 31:46befindet sich die Basilika San
- 31:48Francesco, die über dem Grab des
- 31:49Heiligen Franziskus errichtet wurde. In
- 31:53ihrer Oberkirche befindet sich ein
- 31:54umfangreicher freskenzyklus über das
- 31:57Leben des Franziskus,
- 31:59der traditionell Jotto bzw. seinem
- 32:01Umkreis zugeschrieben wird.
- 32:04Eine der bekanntesten Szenen dieses
- 32:05Zyklus ist das Grippenwunder von Greio.
- 32:09An diesem Bild können wir besonders gut
- 32:11untersuchen, wie sich franziskanische
- 32:13Glaubensvorstellungen, die Darstellung
- 32:15des Menschen und der konkrete Bildraum
- 32:17miteinander verbinden. Dafür müssen wir
- 32:20zunächst kurz klären, welche Bedeutung
- 32:22Armut für Franziskus von Asisi hatte.
- 32:25Franziskus orientierte sein Leben an
- 32:27einer möglichst unmittelbaren Nachfolge
- 32:30Christi. Eine zentrale Rolle spielte
- 32:33dabei der arme und menschliche Christus.
- 32:35Armut bedeutete deshalb nicht einfach
- 32:37nur wenig zu besitzen. Der freiwillige
- 32:40Besitzverzicht war Teil einer
- 32:42Lebensform, die von Demut, Einfachheit
- 32:45und Nähe zu den Menschen und zur
- 32:46Schöpfung geprägt sein sollte.
- 32:48Besondere besonders anschaulich wird
- 32:50diese Haltung beim Weihnachtsfest
- 32:52Franziskus 1223 in Creio Feier ließ. Er
- 32:57ließ dort eine Grippe mit Heu bereiten
- 32:59und Ochse und Esel hereinbringen.
- 33:02Die Geburt Christi sollte dadurch nicht
- 33:04nur als biblischer Text erinnert,
- 33:05sondern möglichst anschaulich
- 33:07vergegenwärtigt werden. Auch die
- 33:09überlieferte Legende Majo beschreibt,
- 33:12dass Franziskus das Gedächtnis der
- 33:13Geburt Christi darstellen ließ, um
- 33:16Andacht zu wecken.
- 33:18Dabei damit begegnet uns eine
- 33:20Vorstellung, die für unsere weitere
- 33:22Betrachtung wichtig wird. Das
- 33:24Heilsgeschehen soll nicht nur gewusst,
- 33:26sondern anschaulich und emotional
- 33:28nachvollzogen werden. Genau hier
- 33:30entsteht anschließend ein spannender
- 33:32Widerspruch. Franziskus steht für Armut,
- 33:34Einfachheit und Besitzverzicht. Die
- 33:36Basilika, die nach seinem Tod in Asisi
- 33:39zu seinen Ehren errichtet und
- 33:40ausgestattet wird, ist dagegen
- 33:42monumental und prachtvoll. Wie passt das
- 33:45zusammen?
- 33:47Jetzt ist also so, dass Franziskus
- 33:49Armut, Besitzverzicht und Einfachheit zu
- 33:52zentralen Prinzipien seiner
- 33:53Christusnachfolge gemacht hat, aber über
- 33:57seinem Grab eine monumentale Kirche, die
- 34:01aufwendig architektonisch gestaltet und
- 34:03mit umfrankreichen fresenzyklen und
- 34:05kostbarer Ausstattungen versehen wurde,
- 34:08entstand.
- 34:09Damit
- 34:11kommt natürlich die Frage auf, die
- 34:13tatsächlich auch innerhalb des
- 34:14Franziskanort Ordens zu Konflikten
- 34:16führte. Wie lässt sich denn so eine
- 34:19prachtvolle Kirche zu Ehren eines
- 34:20Heiligen rechtfertigen, der gerade für
- 34:23freiwillige Armut und Besitz verzichtig
- 34:25stand?
- 34:27Dabei sollten wir den Konflikt nicht
- 34:29einfach als Franziskus gegen die reiche
- 34:31Kirche verstehen. Auch innerhalb von dem
- 34:33Franziskaner Orten gab es verschiedene
- 34:36Vorstellungen davon, wie konsequent das
- 34:38Armutsideal umgesetzt werden sollte.
- 34:41Besonders strengere Gruppen sahen im
- 34:42Besitz und aufwendiger Ausstattung und
- 34:44im Widerspruch zum ursprünglichen Ideal
- 34:46des Franziskus.
- 34:48Gleichzeitig hatte die prachtvolle
- 34:50Basilika aus Sicht der institutionellen
- 34:52Küche eine andere Funktion. Sie war
- 34:54Grabeskirche, Wahlfahrtsort und Ort der
- 34:56Verehrung des Heiligen.
- 34:59Architektur und Bildausstattung dienten
- 35:01also auch dazu, die Bedeutung Franziskus
- 35:04und die christliche Glaubensbotschaft
- 35:06sichtbar zu machen. Genau deshalb ist
- 35:09dieser Widerspruch für unsere Bilder
- 35:10interessant, denn er bildet den
- 35:12historischen und gesellschaftlichen
- 35:14Kontext, in dem auch der
- 35:16Franziskuszyklus der Oberkirche zu
- 35:18betrachten ist.
- 35:19Das führt uns zu einer spannenden Frage.
- 35:22Was geschieht, wenn die Botschaft von
- 35:24Armut und Einfachheit innerhalb einer
- 35:26prachtvollen kirchlichen Bildverbehälter
- 35:28dargestellt wird? Und genau das können
- 35:30wir an der nächsten Darstellung, nämlich
- 35:32dem Grippenwunder von Greio untersuchen.
- 35:35Dort begegnen sich nämlich beide Seiten
- 35:37unmittelbar.
- 35:38Franziskus und die Vorstellung vom armen
- 35:41Mensch gewordenen Christus auf der einen
- 35:43Seite, der institutionelle und
- 35:46prachtvolle Kirchenraum auf der anderen.
- 35:49Damit kommen wir wieder unmittelbar zu
- 35:51unserem Thema Figur im Kontext. Wir
- 35:53werden sehen, dass wir die Figur des
- 35:54Franziskus nicht isoliert verstehen
- 35:56können. Der Raum, in dem Jotto ihn
- 35:58zeigt, ist selbst ein Bedeutungsträger.
- 36:02Schauen wir uns nun an, wie sich diese
- 36:03Spannung zwischen franziskanischem
- 36:06Armutsideal und kirchlicher Pracht im
- 36:08Bild selbst zeigt. Dargestellt ist hier
- 36:11das sogenannte Grippenwunder von Ko.
- 36:14Franziskus kniet vor der Grippe mit dem
- 36:16Christuskind. Um ihn herum befinden sich
- 36:18geistliche und weitere Teilnehmer der
- 36:20Feier. Auffällig ist aber zunächst der
- 36:23Ort. Joto bzw. Die Werkstatt zeigt das
- 36:26Ereignis nicht in einer einfachen
- 36:28ärmlichen Umgebung, sondern in einem
- 36:30deutlich ausgestatteten Kirchenraum mit
- 36:34Letner, Ambo und Ziborium.
- 36:37Damit begegnet uns der Gegensatz der
- 36:39vorherigen Folie nun innerhalb des
- 36:40Bildes. Franziskus steht für das Ideal
- 36:43der Armut und für die Nachfolge des
- 36:45armen Christus. Dargestellt wird das
- 36:48Geschehen aber im Kontext einer
- 36:50institutionellen und repräsentativen
- 36:52Kirche.
- 36:53Im Mittelpunkt steht dennoch nicht die
- 36:55Architektur, sondern die Beziehung
- 36:57zwischen den handelnden Personen.
- 37:00Franziskus wendet sich körperlich dem
- 37:02Christuskind zu. Auch der Priester
- 37:04reagiert auf das Geschehen. Blicke,
- 37:07Gesten und Körperhaltungen verbinden die
- 37:09Figuren miteinander.
- 37:11Das Wunder wird dadurch nicht als
- 37:13abstrakte Glaubenslehre dargestellt,
- 37:15sondern als ein Ereignis. dass Menschen
- 37:17sehen, körperlich erleben und auch dass
- 37:19sie reagieren.
- 37:22Damit kommen wir jetzt zu unserem Thema
- 37:25ähm Figurenkontext und können das noch
- 37:27mal erweitern.
- 37:29Bisher haben wir gesehen, dass Georges
- 37:31Figuren ihre Bedeutung durch raumgestik
- 37:34Blickerrichtungen und die Beziehungen zu
- 37:35anderen Figuren erhalten. Hier kommt
- 37:38eine weitere Ebene hinzu, der religiöse
- 37:40und gesellschaftliche Kontext.
- 37:43Franziskus ist nicht einfach ein Mann,
- 37:45der ein Kind hält. Erst durch die
- 37:47christliche Heilsgeschichte verstehen
- 37:49wir das Kind als Christus und die
- 37:51Handlung als Vergegenwärtigung seiner
- 37:53Geburt. Und erst durch die Kenntnis des
- 37:56franziskanischen Armutsgiliideals
- 37:58erkennen wir die besondere Spannung
- 38:00zwischen dieser Figur und dem
- 38:01prachtvollen kirchlichen Umfeld.
- 38:04Genau darin liegt eine wichtige
- 38:06Besonderheit von Jotus Bildwelt. Er
- 38:08schafft die religiöse Bedeutung nicht
- 38:11ab. Er macht sich viel mehr in einer
- 38:13Welt aus Körpern, Gegenständen und
- 38:15Architektur und menschlichen Beziehungen
- 38:18anschaulich erfahrbar.
- 38:20Bei George entsteht die Bedeutung der
- 38:22Figur aus mehreren Kontexten
- 38:23gleichzeitig, aus Raum, Handlung,
- 38:25anderen Menschen, Heilsgeschichte und
- 38:28gesellschaftlich religiöser Ordnung. Und
- 38:31vielleicht ist das der wichtigste
- 38:33Gedanke dieser drei Folien. Das
- 38:34Transzendente und das Sichtbare sind bei
- 38:37Jotto keine Gegensätze. Das sichtbare
- 38:39des Glaubens wird durch die sichtbare
- 38:41körperliche Welt vermittelt.
- 38:44Das führt sehr schön zurück zu dem, was
- 38:46wir am Anfang über Jotto festgestellt
- 38:48haben. Seine Figuren werden zu Menschen
- 38:50aus Fleisch und Blut, aber sie bleiben
- 38:52zugleich Akteure einer verbindlichen
- 38:55christlichen Heilsgeschichte.
- 38:57So, kehren wir nun in die Sclaviniek
- 38:59zurück. Wir befinden uns wieder
- 39:00innerhalb von der Erzählung äh vom Leben
- 39:03Christi. Genauer gesagt in der
- 39:06Kindheitsgeschichte dargestellt ist der
- 39:08betlehemitische Kindermord. Ähm Herodes
- 39:11hat ähm befohlen, die Kinder von
- 39:14Bethlehem zu töten, weil er nämlich in
- 39:16dem neugeborenen Jesus möglichen
- 39:18Konkurrenten um seine Herrschaft zieht.
- 39:21Äh erzählt das Ereignis nicht einfach
- 39:24durch einzelne Figuren, sondern ein
- 39:25organisiertes Bild als Konfrontation
- 39:27verschiedener Gruppen. Auf der einen
- 39:30Seite befindet sich Herodes. Er steht
- 39:32erhöht in einer Loder und gibt den
- 39:34Befehl zur Tötung. Auffällig ist dabei
- 39:37natürlich ähm, dass er eigentlich die
- 39:40Gewalt selbst nicht ausübt, sondern
- 39:42seine Macht darin besteht, dass andere
- 39:45seinen Befehl ausführen.
- 39:47Unterhalb von ihm befinden sich deshalb
- 39:49die Soldaten. Bei ihnen wird aus dem
- 39:51Befehl konkrete körperliche Gewalt. Ihre
- 39:54Körper bewegen sich auf die Frauen und
- 39:56Kinder zu. Sie greifen nach ihnen und
- 39:58dringen in deren Raum ein. Auf der
- 40:01gegenüberliegenden Seite stehen die
- 40:02Mütter mit ihren Kindern. Hier finden
- 40:04wir ganz andere Körperbeziehungen. Die
- 40:07Kinder suchen die Nähe ihrer Mütter. Die
- 40:09Frauen versuchen sie festzuhalten und zu
- 40:11schützen. Körperhaltung, ausgestreckte
- 40:14Arme und Gesten machen Abwehr, Angst und
- 40:16Trauer sichtbar.
- 40:17Besonders deutlich wird das an der
- 40:19Mutterkindgruppe im Vordergrund. Hier
- 40:21verdichtet Jotto den gesamten Konflikt
- 40:23auf wenige Körper. Die Mutter versucht
- 40:26zu schützen, das Kind klammert sich an
- 40:28sie. Der Soldat versucht es ihr zu
- 40:30entreen.
- 40:32Emotion entsteht also nicht allein durch
- 40:34einen Gesichtsausdruck. Sie entsteht aus
- 40:37der Beziehung der Körper zueinander. Im
- 40:39Vordergrund sehen wir außerdem bereits
- 40:41die getöteten Kinder. Dadurch verdichtet
- 40:44Goto seine verschiedenen Momente der
- 40:46Erzählungen in einem einzigen Bild.
- 40:49Wir sehen den Befehl, die Ausführung der
- 40:51Gewalt und zugleich bereitsen folgen.
- 40:55Auch die Architektur trägt zur Bedeutung
- 40:56bei. Links steht der Palast bzw. die
- 40:59Lodscher des Horodes. Rechts ein
- 41:02achteckiger Tempel. Diesen Tempel
- 41:04sollten wir nicht einfach als eine
- 41:05Kirche interpretieren, die angesichts
- 41:07der Gewalt verschlossen bleibt. Die
- 41:09offizielle Dokumentation derovini
- 41:12Kapelle deutet ihn viel mehr als Hinweis
- 41:14auf das Mertyrium und den Kult der
- 41:17Heiligen Unentschuldigen.
- 41:20Damit erhält das konkretere menschliche
- 41:22Leid gleichzeitig seinen Platz innerhalb
- 41:24der christlichen Heizgeschichte.
- 41:27Interessant ist schließlich, wie Joto
- 41:28den Raum organisiert. Die Architektur
- 41:30erzeugt keine sehr tiefe Bühne. Viel
- 41:33mehr konzentriert sie das Geschehen auf
- 41:35einen relativ flachen Handlungsraum.
- 41:37Dadurch werden die Figuren und ihre
- 41:39Beziehungen besonders deutlich. Das
- 41:42entspricht einem Prinzip, das wir bei
- 41:43Jok bereits kennengelernt haben. Der
- 41:46Raum dient der Handlung der Figuren.
- 41:49Auch in kunsthistorischen Analysen der
- 41:51Kapelle wird hervorgehoben, dass Jotos
- 41:53vereinfachte bühnenartige Architektur
- 41:56vor allem dazu dient, die Figuren und
- 41:58die Erzählungen in den Vordergrund zu
- 42:00stellen. Für unser Thema Figur im
- 42:02Kontext könnten wir deshalb noch eine
- 42:05weitere Dimension kenzen. Die Position
- 42:08einer Figur zeigt hier zugleich ihre
- 42:11Position innerhalb eines
- 42:13Machtverhältnisses.
- 42:15Herodes ist erhöht und distanziert.
- 42:18Die Soldaten vermitteln seinen Befehl
- 42:20als körperliche Gewalt. Die Mütter und
- 42:23Kinder erleben deren Folgen unmittelbar.
- 42:26Man könnte dieses Beziehungsgefüge
- 42:28deshalb sehr einfach zusammenfassen.
- 42:31Herodes befieht, Soldaten handeln,
- 42:33Mütter und Kinder erleiden und
- 42:35widersetzen sich.
- 42:37Joto macht Herrschaft damit nicht
- 42:39abstrakt sichtbar, sondern zeigt, wie
- 42:41Macht durch Beziehungen zwischen
- 42:43menschlichen Körpern wirksam wird.
- 42:47Beim Einzug Christi in Jerusalem können
- 42:49wir nun noch mal genauer untersuchen,
- 42:51wie Jotto Figur und Raum miteinander
- 42:52verbindet. Die Szene gehört zur
- 42:54Passionsgeschichte. Christus zieht nach
- 42:56Jerusalem ein. Nach dem
- 42:58Matthäusevangelium
- 43:00begrüßen ihn die Menschen, breiten ihre
- 43:02Gewänder auf dem Wege aus und schneiden
- 43:04Zweige von den Bäumen. Wenige Tage
- 43:07später wird Christus in dieser Stadt
- 43:09verhaftet und gekreuzigt. Sein Einzug
- 43:11sitzt deshalb innerhalb der
- 43:12Heilsgeschichte in besondere Bedeutung.
- 43:15Jotto organisierte die Begegnung sehr
- 43:17klar durch zweieinander
- 43:18gegenüberstehenden Figurengruppen. Von
- 43:21links bewegt sich Christus auf einem
- 43:23Esel mit seinen Jüngern in das Bild
- 43:25hinein. Von rechts kommen ihm die
- 43:27Bewohner Jerusalems entgegen.
- 43:31Christus befindet sich damit
- 43:32gewissermaßen zwischen Gefolgschaft und
- 43:35Stadtbevölkerung und wird zur
- 43:36verbindenden Schlüsselfigur beider
- 43:38Gruppen. Auch hier zeigt sich wieder,
- 43:41wie wichtig Gesten und konkrete
- 43:43menschliche Handlungen für Joto sind.
- 43:46Menschen begrüßen Christus, andere legen
- 43:49ihre Gewänder vor ihm auf dem Boden.
- 43:51Einer versucht gerade sein Gewand
- 43:53auszuziehen.
- 43:55Solche alltägliche Beobachtungen machen
- 43:57das biblische Ereignis körperlich
- 43:58nachvollziehbar. Die offizielle
- 44:00Beschreibung der Scovini Kapelle hebt
- 44:02gerade diese realistischen
- 44:04Einzelbeobachtungen besonders hervor.
- 44:08Interessant ist nun aber vor allem der
- 44:10Raum. Wie bei vielen Szenen Dottos
- 44:13spielt sich die eigentliche Handlung
- 44:14relativ weit vorne ab. Können deshalb
- 44:17wieder von einem flachen bühnenartigen
- 44:19Handlungsraum sprechen. Entscheidend ist
- 44:21aber, dass dieser Raum nicht mehr
- 44:23einfach eine neutrale Fläche hinter den
- 44:25Figuren bildet. Landschaft und
- 44:28Architektur gliedern das Geschehen. Sie
- 44:30geben den Figuren einen konkreten Ort
- 44:32und unterstützen gleichzeitig die
- 44:34Erzählung.
- 44:36Jerusalem wird zum Ziel der Bewegung
- 44:38Christi. An dieser Stelle müssen wir
- 44:41einen Begriff etwas genauer erklären.
- 44:44Bei Joto begegnen uns häufig Gebäude,
- 44:46die nicht nur frontal gezeigt werden.
- 44:48Wir sehen teilweise mehrere Seiten eines
- 44:50Baukörpers.
- 44:52Man bezeichnet das als Übereckansicht.
- 44:55Dadurch gewinnt Architektur Volumen.
- 44:58Bekommen den Eindruck, dass sich die
- 44:59Figuren tatsächlich vor, neben oder
- 45:01innerhalb räumlicher Körper befinden.
- 45:04Dabei dürfen wir Joto aber noch keine
- 45:06mathematische Zweifunktperspektive
- 45:08im modernen Sinn zuschreiben. Seine
- 45:11Raumdarstellung ist präperspektivisch,
- 45:15also vor der Perspektive.
- 45:18Die verschiedenen räumlichen Ansichten
- 45:21werden anschaulich miteinander
- 45:22verbunden, folgen aber noch nicht
- 45:24einheitlichen geometrischen System mit
- 45:27mathematisch konstruierten
- 45:28Fluchtpunkten.
- 45:30Die systematische Zentralperspektive
- 45:32entwickelt sich erst später in der
- 45:34Renaissance. Und damit kommen wir wieder
- 45:36zu unserem Thema Figurenkontext. Die
- 45:38Figuren befinden sich bei Tot nicht mehr
- 45:41nur vor einem symbolischen Hintergrund.
- 45:43Sie erhalten einen konkreten räumlichen
- 45:45Standort, bewegen sich aufeinander zu
- 45:47und reagieren aufeinander. Der Raum wird
- 45:50damit selbst zu einem Teil der Handlung.
- 45:53Der Raum ist bei Joton nicht nur
- 45:55Hintergrund, er wird zum Handlungs und
- 45:57Bewegungsraum der Figuren.
- 46:00So, nachdem wir jetzt eine Reihe von
- 46:01Werken Jotus untersucht haben, können
- 46:03wir die wichtigsten Gestaltungsmittel
- 46:05noch mal systematisch zusammenfassen.
- 46:08Diese Kategorien sind gleichzeitig eine
- 46:10Hilfestellung für eure eigene
- 46:11Werkanalyse.
- 46:13Beginnen wir mit Form und Figuren. Jotus
- 46:16Figuren besitzen deutlich Körpervolumen,
- 46:18Gewicht und Standfestigkeit.
- 46:21Durch helldunkel Abstufungen modelliert
- 46:23er die Gewände soß dem Körper darunter
- 46:25wahrnehmen können. Die Menschen scheinen
- 46:28tatsächlich auf dem Boden zu stehen, zu
- 46:30sitzen, zu knien oder sich zu bewegen.
- 46:33Genau diese Verbindung von Volumen,
- 46:35Masse und körperliche Präsenz gehört zu
- 46:38den wesentlichen Neuerungen seiner
- 46:40Malerei. Dabei verwendet Jotto
- 46:42unterschiedliche Ansichten. Wir finden
- 46:45Figuren im Profil, frontal oder in
- 46:47dreiviertelansicht, aber auch
- 46:49Rückenfiguren und Verkürzungen.
- 46:52Für eine Analyse reicht es allerdings
- 46:54nicht aus, diese Form nur aufzuzählen.
- 46:57Entscheidend ist immer die Frage, welche
- 46:59Funktion haben Sie? Eine Rückenfigur
- 47:01kann beispielsweise Raumtiefe erzeugen
- 47:04und uns als Betrachtende in eine Szene
- 47:07hineinführen.
- 47:08Eine Körperwendung kann eine Beziehung
- 47:10zu einer anderen Figur herstellen. Eine
- 47:13ausgestreckte Hand kann je nach Kontext
- 47:15lehren, segnen, befehlen oder abwehren.
- 47:19Damit sind wir wieder bei unserem
- 47:20hermineutischen Modell. Die Bedeutung
- 47:22einer Körperhaltung oder Geste entsteht
- 47:24aus ihrem Kontext. Das gleiche gilt für
- 47:27den Raum. Jotto entwickelt noch keine
- 47:29mathematisch konstruierte
- 47:31Zentralperspektive, wie es BI später in
- 47:33der Renaissance kennengelernen werden.
- 47:35Trotzdem erhalten seine Figuren einen
- 47:37konkreten räumlichen Standort. Wir haben
- 47:40dafür den Begriff Reliefraumen
- 47:42kennengelernt, einen relativ flachen und
- 47:44begrenzten Bildraum, in dem
- 47:46Überschneidungen, Staffelungen,
- 47:48Architektur, Landschaft und Verkürzungen
- 47:50räumliche Beziehungen herstellen.
- 47:53Dieser Raum funktioniert häufig wie eine
- 47:55Bühne und das ist entscheidend. Die
- 47:58Bühne ist für die Handlung da.
- 48:00Architektur und Landschaft helfen Jotto
- 48:02Beziehungen zwischen den Figuren zu
- 48:04organisieren und die Erzählung
- 48:06verständlich zu machen. Auch bei der
- 48:08Komposition sollten wir deshalb immer
- 48:10nach Beziehungen fragen. Wo befinden
- 48:12sich Figurengruppen? Welche Personen
- 48:14stehen sich gegenüber? Welche Linien und
- 48:17Blickrichtungen verbinden sie? Wo liegt
- 48:19das inhaltliche Zentrum? Und wie wir bei
- 48:22der Beweinung gesehen haben, muss diese
- 48:25inhaltliche dieses inhaltliche Zentrum
- 48:27keineswegs mit der geometrischen
- 48:29Bildmitte übereinstimmen.
- 48:32Farbe besitzt bei Joto mehrere
- 48:33Funktionen gleichzeitig. Sie bezeichnet
- 48:36zunächst Gegenstände und Gewänder. Durch
- 48:38Hell Dunkelabstufungen modelliert sie
- 48:40Körper und erzeugt Volumen.
- 48:43Farbkontraste können Figuren voneinander
- 48:45unterscheiden, Gruppen bilden oder
- 48:47unseren Blick auf bestimmte Bereiche
- 48:48lenken. Gleichzeitig kann Farbe
- 48:51symbolische Bedeutung besitzen. Dabei
- 48:53müssen wir aber vorsichtig sein. Es gibt
- 48:55keinen einfachen Farbcode, bei dem eine
- 48:58Farbe in jedem Bild automatisch dasselbe
- 49:00bedeutet.
- 49:01Symbolfarbe muss immer im jeweiligen
- 49:03religiösen und bildlichen Kontext
- 49:05untersucht werden. Damit haben wir drei
- 49:08große Kategorien. Form zeigt uns, wie
- 49:11die Figur körperlich erscheint. Raum
- 49:13zeigt uns, wo und in welchen Beziehungen
- 49:16sie handelt. Farbe modelliert, gliedert
- 49:19und vermittelt Bedeutung.
- 49:23Und genau daraus ergibt sich wieder
- 49:25unser übergeordnetes Thema. Bei Chuo
- 49:27lässt sich die Figur nicht isoliert
- 49:29verstehen. Ihre Bedeutung entsteht aus
- 49:31dem Zusammenspiel von Körper, Raum,
- 49:34Farbe, Handlung und den Beziehungen zu
- 49:36anderen Figuren.
- 49:39Schauen wir uns noch kurz an, wie Jottos
- 49:41Bilder technisch überhaupt entstanden
- 49:42sind. Jot und seine Werkstatt arbeiteten
- 49:45in der Scrovini Kapelle vor allem mit
- 49:47der Frescotechnik, genauer mit dem
- 49:49sogenannten Born Fresco. Dabei werden
- 49:53pulverförmige Pigmente mit Wasser
- 49:55angerührt und auf einen noch feuchten
- 49:57Kalkputz aufgetragen.
- 50:00Während der Putz trocknet bzw. sie
- 50:02chemisch abbindet, werden die Pigmente
- 50:05fest in die Oberfläche eingebunden.
- 50:08Die Farbe liegt deshalb nicht wie eine
- 50:10dicke Farbschicht auf der Wand, sondern
- 50:12wird gewissermaßen Bestandteil ihrer
- 50:14Oberfläche.
- 50:16Das hat natürlich auch Auswirkungen auf
- 50:18die Wahlweise. Wir finden keine
- 50:19Pastrosenfarbschichten
- 50:21und keinen stark hervortretenden
- 50:23Pinselduktus, wie wir später dann bei
- 50:26Bacon sehen.
- 50:29Eine Schwierigkeit der Fresskotechnik
- 50:30besteht darin, dass der Künstler nur so
- 50:32lange auf einer Fläche arbeiten kann,
- 50:34wie der Putz feucht ist. Deshalb wurde
- 50:37nicht eine ganze Wand gleichzeitig
- 50:39verputzt. Man bereitete jeweils nur eine
- 50:42begrenzte Fläche vor, die innerhalb
- 50:44eines Arbeitstages bemalt werden konnte.
- 50:47Solche Arbeitsabschnitte nennt man
- 50:49Journate, also Tagwerke.
- 50:53An manchen Fresten können wir die
- 50:55Grenzen dieser einzelnen
- 50:56Arbeitsabschnitte heute noch
- 50:58nachvollziehen.
- 51:00Allerdings wurde nicht jede Farbe
- 51:01ausschließlich auf feuchten Putz
- 51:03aufgetragen. Bestimmte Pigmente und
- 51:06Details konnten nachträglich als Seeko,
- 51:09also auf dem bereits trockenen Putz
- 51:11ergänzt werden.
- 51:13Ein besonderes interessantes Beispiel
- 51:15haben wir gerade beim Einzug Christi in
- 51:18Jerusalem gesehen. Das Blau des Gewandes
- 51:21Christi bestand ursprünglich aus
- 51:22kostbarem Ultramaren, das aus La
- 51:25Pislazuli
- 51:26wurde. Dieses Blau wurde auf trockenen
- 51:29Putz aufgetragen. Dadurch behielt es
- 51:32zwar seine intensive Farbwirkung,
- 51:34verband sich aber nicht so dauerhaft mit
- 51:36der Wand, wie die im feuchten Putz
- 51:38gebundenen Pigmente.
- 51:41Deshalb ist heute ein Teil dieser blauen
- 51:43Farbschicht verloren. Daraus können wir
- 51:45etwas Wichtiges erkennen.
- 51:47Nämlich, dass der heutige Zustand eines
- 51:49Kunstwerks nicht vollständig seine
- 51:52ursprünglichen Erscheinung entsprechen
- 51:54muss.
- 51:55Wenn wir als die Formen eines über 700
- 51:57100 Jahre alten Fresskurs analysieren,
- 51:59sollten wir immer berücksichtigen, das
- 52:01Material, Technik, Alterung und
- 52:04Restaurierung unsere heutige Wahrnehmung
- 52:06beeinflussen.
- 52:09Damit können wir uns jetzt
- 52:12ähm unsere abschließenden
- 52:14Zusammenfassung widmen und drei Dinge
- 52:17unter voneinander unterscheiden. Einmal
- 52:20ist es die Mahlzechnik, die erklärt uns,
- 52:23wie die Farbe auf die Wand kommt. In
- 52:25diesem Fall ist es eben diese Fresco
- 52:27Technik.
- 52:30Dann ähm
- 52:32die Farbgestaltung, die erklärt uns, wie
- 52:34Jotto mit Farbe, Körper, Raum und
- 52:37Komposition gestaltet.
- 52:39Ähm und die Farbfunktion fragt
- 52:42schließlich, welche Bewirkung und
- 52:43Bedeutung Farbe innerhalb des Bildes
- 52:45erhält.
- 52:47Wir haben jetzt die einzelnen
- 52:48Gestaltungsmittel Jotos kennengelernt.
- 52:50Deshalb möchte ich zum Abschluss noch
- 52:51mal zu unserem eigentlichen Oberthema
- 52:53zurückkehren. Was bedeutet bei Joto
- 52:56Figur im Kontext?
- 52:58Eine Figur sollten wir bei Joto
- 53:00grundsätzlich nicht isoliert betrachten.
- 53:03Wir können beispielsweise eine
- 53:05ausgestreckte Hand beschreiben, aber die
- 53:07Hand allein sagt uns noch nicht, was sie
- 53:09bedeutet.
- 53:11Erst wenn wir untersuchen, wer diese
- 53:13Bewegung ausführt, an wen sie sich
- 53:15richtet und innerhalb welcher Handlung
- 53:18sie stattfindet, können wir sie
- 53:20verstehen. Deshalb ist die erste Frage
- 53:23immer: Was geschieht?
- 53:25Dann fragen wir, von welcher Figur geht
- 53:28die Handlung aus? Wer reagiert darauf?
- 53:31Wer beobachtet?
- 53:32Dabei können wir zwischen Aktion,
- 53:34Reaktion und Beobachtung unterscheiden.
- 53:37Allerdings bedeutet eine scheinbar
- 53:39passive Figur nicht automatisch, dass
- 53:41sie unwichtig ist.
- 53:43Eine Rückenfigur kann beispielsweise
- 53:46kaum etwas zur eigentlichen Handlung
- 53:47beitragen und trotzdem kompositorisch
- 53:50sehr wichtig sein, weil sie ihr Raum
- 53:52erzeugt oder unseren Blick auf das
- 53:54Zentrum lenkt. Genau das haben wir ja
- 53:57bei der Beweinung Christi gesehen.
- 54:00Als nächstes untersuchen wir den Körper
- 54:02selbst. Haltung, Bewegung, Gestik, Mimik
- 54:05und Blickrichtung.
- 54:07Außerdem können Figuren im Profil in
- 54:10dreiviertelansicht oder mit dem Rücken
- 54:12zu uns erscheinen.
- 54:14Diese unterschiedlichen Ansichten tragen
- 54:16wesentlich dazu bei, dass wir Jotus
- 54:18Figuren als körperliche Menschen
- 54:20wahrnehmen, die tatsächlich einen Raum
- 54:22einnehmen.
- 54:24Entscheidend sind dann die Beziehungen
- 54:26zwischen den Figuren. Wer schaut wen an?
- 54:29Wer berührt wen? Wer bewegt sich auf
- 54:32eine andere Person zu? Wer wendet sich
- 54:35ab? Welche Figuren bilden Gruppen und
- 54:38welche stehen einander gegenüber?
- 54:41Denkt beispielsweise an die Gefangenerne
- 54:43Christi. Christus und Judas erhalten
- 54:46ihre Wirkung gerade durch ihr
- 54:48unmittelbares Gegenüber.
- 54:50Gleichzeitig reagieren die Menschen um
- 54:52sie herum durch Bewegungen, Gesten und
- 54:54Blicke auf das Ereignis.
- 54:57Die Figur wird also durch ein ganzes
- 54:59Beziehungsgefüge lesbar.
- 55:02Dazu kommt der Raum.
- 55:05Eine Handlung kann in einem Innenraum,
- 55:07einem öffentlichen oder städtischen Raum
- 55:09oder in einer Landschaft stattfinden.
- 55:12Dabei ist der Raum bei Toto nicht bloß
- 55:14Dekoration.
- 55:16Architektur, Landschaft,
- 55:18Überschneidungen und Staffelungen geben
- 55:21den Figuren einen konkreten Standort.
- 55:24Joto entwickelte zwar noch nicht die
- 55:26mathematische Zentralperspektive der
- 55:28Renaissance, schafft aber zunehmend
- 55:31überzeugende irdische Räume, in denen
- 55:34seine Figuren körperlich handeln können.
- 55:38Dabei müssen wir auch fragen, wo eine
- 55:40Figur innerhalb der Komposition steht.
- 55:43Eine Hauptfigur muß nicht geometrisch in
- 55:46der Bildmitte stehen. In der Beweinung
- 55:50befindet sich Christus weit links unten
- 55:53und trotzdem führen Landschaft, Körper,
- 55:55Gesten und Blicke zu ihm hin. Er bleibt
- 55:58dadurch das inhaltliche und emotionale
- 56:01Zentrum.
- 56:03Und schließlich gibt es noch eine letzte
- 56:05Ebene, den religiösen und historischen
- 56:08Kontext.
- 56:09Wir müssen wissen, welche Geschichte
- 56:11dargestellt wird, welche Rolle eine
- 56:13Figur innerhalb dieser Geschichte
- 56:15besitzt und welche religiöse Bedeutung
- 56:18das Geschehen für den damaligen
- 56:20Betrachter hatte. Damit ergibt sich für
- 56:23unsere Bildanalyse ein einfaches
- 56:25Prinzip. Wir fragen nicht nur, wie sieht
- 56:27die Figur aus? Wir fragen, was tut sie,
- 56:30auf wen reagiert sie, wo befindet sie
- 56:33sich und innerhalb welcher Geschichte
- 56:35erhält sie ihre Bedeutung.
- 56:37Und deshalb können wir Totto am Ende in
- 56:39einer Form zusammenfassen.
- 56:43Die Bedeutung einer Figur entsteht bei
- 56:45Joto nie isoliert, sondern aus ihrer
- 56:48Handlung, ihren Beziehungen zu anderen
- 56:50Figuren, ihrer Position im Raum und
- 56:53ihrer Einbindung in den religiösen und
- 56:56historischen Kontext.
- 56:58Wie Georgeo diese Halsgeschichte
- 57:00körperlich erfahrbar macht, können wir
- 57:02besonders gut erkennen, wenn wir
- 57:03unterschiedliche Szenen miteinander
- 57:04vergleichen. Seine Menschen besitzen
- 57:07Volumen und Gewicht. Sie stehen auf dem
- 57:09Boden, berühren sich, wenden sich
- 57:11einander zu und reagieren körperlich und
- 57:13emotional auf das Geschehen.
- 57:15Z.B. sehen wir hier die Gefangenname
- 57:17Christi. Hier erleben wir Konfrontation
- 57:20und Bedrohung.
- 57:22Bei der Beweinung Christi sehen wir ganz
- 57:24unterschiedliche Formen der Trauer. Beim
- 57:27Bethlehemitischen Kindermord bestimmen
- 57:29Schutz, Abwehr, Angst und Gewalt die
- 57:31Beziehung zwischen den Körpern.
- 57:34Jojo zeigt Emotionen dabei nicht allein
- 57:36durch den Gesichtsausdruck. Der gesamte
- 57:38Körper wird zum Ausdrucksträger durch
- 57:41Haltung, Bewegung, Gestik,
- 57:43Blickrichtung, Berührung sowie Nähe und
- 57:45Distanz.
- 57:46Darin können wir Ansätze einer stärkeren
- 57:48Individualisierung und psychologischen
- 57:51Differenzierung erkennen. Die Figuren
- 57:54reagieren nämlich nicht alle gleich auf
- 57:55den Ereignis. Gerade bei der Beweinung
- 57:58Christi finden wir sehr unterschiedliche
- 58:00körperliche Formen des Trauerns.
- 58:03Durch diese körperlich nachvollziehbaren
- 58:05Emotionen wird auch der Betrachterstärke
- 58:07in das Geschehen einbezogen.
- 58:10Trauer, Angst, Zuneigung oder Bedrohung
- 58:13werden nicht nur erzählt, sondern
- 58:14anschaulich und emotional miterlebbar.
- 58:19Damit zeigt sich noch einmal besonders
- 58:21deutlich, was Figur im Kontext Bjotto
- 58:23bedeutet. Die Bedeutung einer Figur
- 58:26entsteht aus ihrer Handlung, ihren
- 58:28Beziehungen zu anderen Figuren, ihrer
- 58:31Position im Raum und ihrer Einbindung in
- 58:34die übergeordnete religiöse Geschichte.
- 58:37Bei Chochu haben wir gesehen, dass eine
- 58:38Figur niemals isoliert betrachtet werden
- 58:40kann. Körper, Raum, Beziehungen, Farbe
- 58:43und Form bestimmen ihre Wirkung und
- 58:45Bedeutung. Hinzu kommt der historische
- 58:48und weltanschauliche Kontext.
- 58:50Genau diese Aspekte werden uns auch bei
- 58:52Francis Bacon beschäftigen. Allerdings
- 58:55begegnet uns dort eine völlig andere
- 58:57Darstellung des Menschen. Was sich
- 58:59verändert und warum werden wir in der
- 59:01nächsten Einheit untersuchen.
- 59:04Das war's Leute, jetzt habt ihr es
- 59:05geschafft. Ciao.
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