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Giotto — Transcript

by Dunst-Kunst · 7,373 words · 1,558 segments · language en · Watch on YouTube

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  1. 0:00Hallo Freunde, in dieser Präsentation
  2. 0:03schauen wir uns den ersten
  3. 0:04Schwerpunkstler an. Es ist Joto die
  4. 0:07Bondrone. Bevor wir uns Jos Darstellung
  5. 0:10des menschlichen Körpers genauer
  6. 0:11anschauen, müssen wir uns aber erstmal
  7. 0:13klar machen, aus welcher Bildtradition
  8. 0:16er kommt. Er lebt von etwa 1267 bis 137
  9. 0:21und steht damit an einer kunsthistorisch
  10. 0:24entscheidenden Schwelle.
  11. 0:26Die europäische Malerei ist zu dieser
  12. 0:28Zeit noch stark von der
  13. 0:29mittelalterlichen und byzantinischen
  14. 0:31Bildtradition geprägt.
  15. 0:33Im Mittelpunkt steht nicht die möglichst
  16. 0:35wirklichkeitsnahungen
  17. 0:37der sichtbaren Welt, sondern die
  18. 0:39Vermittlung einer religiösen
  19. 0:41übergeordneten Wirklichkeit.
  20. 0:43Figuren erscheinen deshalb häufig
  21. 0:45typisiert, hierarchisch geordnet und eng
  22. 0:48an die Bildfläche gebunden.
  23. 0:51Bei Gioto beginnt sich dieses Verhältnis
  24. 0:53grundlegend zu verändern. Die religiösen
  25. 0:56Themen bleiben zwar bestehen, aber die
  26. 0:58Art, wie der Mensch innerhalb dieser
  27. 1:00Geschichten erscheint, verändert sich.
  28. 1:02Die Figuren gewinnen Körper, Volumen und
  29. 1:05Gewicht. Sie bewegen sich im Raum,
  30. 1:08wenden sich einander zu und reagieren
  31. 1:10durch Blicke, Gesten und Körperhaltungen
  32. 1:12aufeinander.
  33. 1:14Genau hier setzt auch unser Thema Figur
  34. 1:16im Kontext an. Wir untersuchen bei Joto
  35. 1:20nicht nur, wie der einzelne menschliche
  36. 1:22Körper dargestellt wird, sondern vor
  37. 1:24allem in welche Beziehungen er
  38. 1:26eingebunden ist. Zum Raum, zum anderen
  39. 1:29Figuren, zur Handlung und schließlich
  40. 1:31zur religiösen Zordnung des Bildes.
  41. 1:35Jotto wird damit für uns besonders
  42. 1:37interessant, weil die Figur zunehmend
  43. 1:39als körperlich anwesender und handelnder
  44. 1:41Mensch erfahrbar wird.
  45. 1:44Beginnen wir bei Jotto zunächst mit der
  46. 1:46Frage, wie sich die Figur im Kontext des
  47. 1:48Bildraumes verändert. Gegenüber der
  48. 1:51frühchristlichen und byzantinischen
  49. 1:53Tradition löst Jotto seine Figuren
  50. 1:55zunehmend aus der starren, flächigen und
  51. 1:57tirischen Reihung.
  52. 1:59Die Figur steht nicht mehr lediglich auf
  53. 2:01der Bildfläche, sondern beginnt sich in
  54. 2:03einem räumlich erfahrbaren Bildraum
  55. 2:05hinein zuuentwickeln.
  56. 2:08Damit verändert sich auch die
  57. 2:09Darstellung des menschlichen Körpers.
  58. 2:12Jod zeigt seine Figuren aus
  59. 2:13unterschiedlichen Ansichten von der
  60. 2:15Seite, von hinten oder in Verkürzungen
  61. 2:18und in natürlichen körperlichen
  62. 2:19Haltungen. Sie stehen, gehen, Knien,
  63. 2:22beugen oder bücken sich. Der menschliche
  64. 2:25Körper gewinnt dadurch Volumen, Gewicht
  65. 2:27und Beweglichkeit.
  66. 2:29Entscheidend ist, dass die Figuren nun
  67. 2:31zunehmend aus einer eigenen körperlichen
  68. 2:33Dynamik heraushandeln.
  69. 2:36Sie erscheinen weniger als
  70. 2:37entkörperlichte Träger einer religiösen
  71. 2:40Bedeutung. sondern als körperlich
  72. 2:42präsente Menschen, die innerhalb eines
  73. 2:45konkreten Geschehens agieren.
  74. 2:47Auch die Farbe unterstützt diese
  75. 2:49Entwicklung. Sie besitzt weiterhin
  76. 2:51Bedeutung. Innerhalb der religiösen
  77. 2:53Darstellung, gewinnt aber stärker einen
  78. 2:56Eigen und Darstellungswerk.
  79. 2:59Sie beschreibt Körper, Gewänder und
  80. 3:02räumliche Zusammenhänge und bindet die
  81. 3:03Figuren damit stärker an eine irdisch
  82. 3:06erfahrbare Wirklichkeit.
  83. 3:08Jotto schafft so etwas entscheidendes
  84. 3:11für unser Thema Vigoren Kontext. Der
  85. 3:14Kontext ist nicht bloß Hintergrund.
  86. 3:17Körper, Raum und Handlung beginnen eine
  87. 3:19gemeinsame bildnerische Einheit zu
  88. 3:21bilden. Schauen wir uns nun genauer
  89. 3:24Jottos Umgang mit der Farbe an. Hier
  90. 3:27vollzieht Jotto einen wichtigen Wandel.
  91. 3:29In der mittelalterlichen und
  92. 3:30byzentinischen Wildtradition begegnet
  93. 3:33uns häufig der Goldgrund. Er verweist
  94. 3:35nicht auf einen konkreten irdischen
  95. 3:37Raum, sondern auf eine überwältliche
  96. 3:39göttliche Sphäre. Bei Jojo wird die
  97. 3:42Farbe dagegen zunehmend an die
  98. 3:44dargestellten Figuren und Gegenstände
  99. 3:46gebunden. Besonders wichtig ist dabei
  100. 3:48das Verhältnis von hell und dunkel.
  101. 3:51Jotto verwendet unterschiedliche
  102. 3:52Helligkeitsstufen einer Farbe, um die
  103. 3:55Oberfläche eines Körpers zu modellieren.
  104. 3:58Helle Bereiche scheinen hervorzutreten,
  105. 4:01dunkle Bereiche zurückzuweichen.
  106. 4:03Dadurch entsteht der Eindruck von
  107. 4:05Volumen und Körperlichkeit.
  108. 4:07Ein Gewand erscheint nicht mehr nur als
  109. 4:09farbige Fläche, sondern legt sich um
  110. 4:11einen Körper, dessen plastische Form wir
  111. 4:13darunter wahrnehmen können. Man spricht
  112. 4:16bei Jotto deshalb auch von einer flach
  113. 4:18Reliefmodellierung.
  114. 4:20Seine Figuren wirken fast so, als würden
  115. 4:22sie sich wie ein flaches Relief aus der
  116. 4:25Bildfläche herausheben.
  117. 4:27Es handelt sich dabei noch nicht um eine
  118. 4:29naturalistische Lichtmalerei, bei der
  119. 4:31eine konkrete Lichtquelle den gesamten
  120. 4:33Bildraum bestimmt. Hell und dunkel
  121. 4:36dienen zunächst vor allem dazu, die
  122. 4:38Formen der einzelnen Figuren
  123. 4:40herauszuarbeiten.
  124. 4:42Damit bekommt die Farbe für unser
  125. 4:43Themafigur im Kontext eine entscheidende
  126. 4:45Funktion. Sie schmückt den Körper nicht
  127. 4:48nur, sondern erzeugt seine Form und
  128. 4:50unterstützt seine räumliche Präsenz.
  129. 4:53Farbe, Form, Körper und Raum beginnen
  130. 4:55bei Joto unmittelbar zusammenzuwirken.
  131. 4:59Jotos Figuren gewinnen also Raum und
  132. 5:01Volumen. Damit entsteht aber eine neue
  133. 5:04Frage. In welchem Raum können solche
  134. 5:06Körper überhaupt existieren? Hier
  135. 5:09begegnet uns der Begriff des
  136. 5:10Reliefraums.
  137. 5:12Man kann ihn sich zunächst für eine
  138. 5:13flache Bühne oder Nische vorstellen. Der
  139. 5:16Raum besitzt bereits eine erkennbare
  140. 5:18Tiefe, ist aber noch nicht der weit in
  141. 5:21die Bildtiefe geöffnete und mathematisch
  142. 5:23konstruierte Raum, wie wir in später in
  143. 5:26der Renaissance finden.
  144. 5:28Die Figuren befinden sich gewissermaßen
  145. 5:30zwischen einer vorderen Bildgrenze und
  146. 5:33einer rückwärtigen Begrenzung.
  147. 5:36Innerhalb dieses relativ flachen Raums
  148. 5:39können Sie jedoch bereits voreinander,
  149. 5:41hintereinander und nebeneinander
  150. 5:44angeordnet werden. Überschneidungen und
  151. 5:47Staffelungen verstärken den Eindruck
  152. 5:48räumlicher Tiefe. Architektur und
  153. 5:51Landschaft spielen dabei eine wichtige
  154. 5:53Rolle. Sie sind nicht nur dekorativer
  155. 5:55Hintergrund, sondern begrenzen und
  156. 5:57strukturieren den Raum, in dem die
  157. 5:59Figuren handeln. Das ist für unser Thema
  158. 6:02Figur im Kontext entscheidend. Der
  159. 6:05Körper gewinnt bei Joto nicht isoliert
  160. 6:07an Plastizität. Gleichzeitig entsteht
  161. 6:10ein Raum, der diesen Körper aufnimmt,
  162. 6:13positioniert und in Beziehung zu anderen
  163. 6:15Körpern setzt. Der Reliefraum wird damit
  164. 6:18zum Handlungsraum der Figur.
  165. 6:21An Jottus Verkündung an Anna, das
  166. 6:23beziehen wir hier, lässt sich diese
  167. 6:26Relevraum besonders gut erkennen. Der
  168. 6:28Innenraum wirkt wie eine flache nach
  169. 6:30vorne geöffnete Bühne, die durch
  170. 6:32Architektur nach hinten und zu den
  171. 6:34Seiten klar begrenzt wird. Gleichzeitig
  172. 6:37besitzen die Figuren darin bereits
  173. 6:39Volumen und einen konkreten räumlichen
  174. 6:41Standort. Der Raum wird damit nicht nur
  175. 6:43zum Hintergrund, sondern zum
  176. 6:45Handlungsraum der Figuren.
  177. 6:48Hier sehen wir die sogenannte Arila
  178. 6:50Kapelle oder Scrovinierkapelle in Paris.
  179. 6:54Bevor wir uns einzelne Fresken ansehen,
  180. 6:56müssen wir kurz klären, in welchem
  181. 6:57Kontext sie entstanden sind.
  182. 7:00Die Kapelle wurde zu Beginn des 14.
  183. 7:03Jahrhunderts errichtet und von Jotto und
  184. 7:05seiner Werkstatt mit einem umfangreichen
  185. 7:07fressigenzyklus ausgestattet.
  186. 7:10Ihren Namen verdankt sie ihrem Standort
  187. 7:12auf dem Gelände einer ehemaligen
  188. 7:14römischen Arena.
  189. 7:16Auftraggeber war Enrivin,
  190. 7:20der eines sehr wohlhabenden und
  191. 7:21einflussreichen Familieparoas
  192. 7:23entstammte.
  193. 7:25Das Vermögen der Familie war eng mit dem
  194. 7:27Geldverlei verbunden. Insbesondere sein
  195. 7:30Vater Reginaldo war für Wuchergeschäfte
  196. 7:32bekannt und Wucher galt nach
  197. 7:34mittelalterlicher
  198. 7:35christlicher Vorstellung als schwere
  199. 7:37Sünde.
  200. 7:39Vor diesem Hintergrund wird die Stiftung
  201. 7:41der Kapelle häufig auch mit Buße,
  202. 7:43Fremmigkeit und der Sorge um das eigene
  203. 7:45und familiäre Seelenheil in Verbindung
  204. 7:47gebracht. Die Kapelle war der Jungfrau
  205. 7:50Maria geweiht und besaß trotz ihrer
  206. 7:52privaten Stiftung zugleich. eine
  207. 7:54öffentliche religiöse Funktion.
  208. 7:57Das ist für unser Thema wichtig. Jus
  209. 8:00Bilder entstehen nicht als autonome
  210. 8:02Kunstwerke für ein Museum. Sie entstehen
  211. 8:05in einem ganz konkreten religiösen,
  212. 8:07gesellschaftlichen und räumlichen
  213. 8:08Zusammenhang.
  214. 8:10Auftraggeber, Ort und religiöse Funktion
  215. 8:13bestimmen mit, was dargestellt wird und
  216. 8:15wie die Figuren von damaligen Betrachter
  217. 8:17verstanden werden konnten.
  218. 8:20Die Ausmalungen der Arenakapelle müssen
  219. 8:22wir zunächst aus der Funktion verstehen,
  220. 8:25die Bilder im mittelalterlichen
  221. 8:26Kirchenraum besaßen. Der Theologe
  222. 8:29Bonaventura betonte im 13. Jahrhundert
  223. 8:32unter anderem ihre belehrende Funktion,
  224. 8:35das sogenannte Dockere.
  225. 8:37Bilder sollten religiöse Inhalte
  226. 8:40vermitteln und zugleich als Hilfe für
  227. 8:42Meditation und Andacht dienen. Das
  228. 8:45Sichtbare hatte dabei eine über sich hin
  229. 8:48selbst hinausweisende Bedeutung.
  230. 8:51Die sinnlich erfahrbare Welt konnte als
  231. 8:53Zeichen oder Symbol einer höheren
  232. 8:55unsichtbaren göttlichen Wirklichkeit
  233. 8:56verstanden werden. Deshalb musste die
  234. 8:59religiöse Botschaft eines Bildes für den
  235. 9:01Betrachter möglichst eindeutig lesbar
  236. 9:04bleiben.
  237. 9:06Besonders deutlich wird dieses Prinzip
  238. 9:07in der Arenakapelle bei den
  239. 9:09Personifikationen der Tugenden und
  240. 9:11Laster, die einander gegenübergestellt
  241. 9:13werden.
  242. 9:14Stlos entscheidende Neuerung besteht nun
  243. 9:17nicht darin, diese religiöse Funktion
  244. 9:19aufzugeben. Viel mehr entwickelt er eine
  245. 9:22neue Bildsprache, mit der er die
  246. 9:24überlieferten Inhalte und körperlich
  247. 9:27erfahrbarer macht.
  248. 9:29Seine Figuren gewinnen Volumen und
  249. 9:31Gewicht. Sie stehen auf einem festen
  250. 9:33Boden, bewegen sich in einem räumlichen
  251. 9:35Zusammenhang und reagieren durch Gesten
  252. 9:37und Blicke aufeinander.
  253. 9:40Auch Architektur, Farbe und plastische
  254. 9:42Modellierung tragen dazu bei, dass die
  255. 9:45biblischen Ereignisse nicht nur als
  256. 9:47abstrakte religiöse Zeichen erscheinen,
  257. 9:49sondern als konkrete menschliche
  258. 9:51Handlungen vorstandbar werden. Gerade
  259. 9:54darin liegt eine wesentliche Leistung
  260. 9:56Jotrus. Er verbindet die weiterhin
  261. 9:58verbindliche religiöse Botschaft mit
  262. 10:01einer neuen Körper,
  263. 10:03Wirklichkeitserfahrung.
  264. 10:06Die Ausmalung der Arena Kapelle besteht
  265. 10:09nicht aus einer zufälligen Ansammlung
  266. 10:11einzelner Bilder, sondern aus einem
  267. 10:13genau aufeinander bezogenen
  268. 10:15Bildprogramm.
  269. 10:17Die Fresken erzählen zunächst die
  270. 10:19Geschichte von Joachim und Anna und
  271. 10:21ihrer Tochter Maria.
  272. 10:23Anschließend das Leben der Jungfrau
  273. 10:25Maria und schließlich das Leben und die
  274. 10:27Passion Jesu Christi.
  275. 10:30Die einzelnen Szenen sind damit
  276. 10:32Bestandteile einer übergeordneten
  277. 10:34christlichen Halsgeschichte.
  278. 10:36Daneben besitzt das Bildprogramm eine
  279. 10:38deutlich moralisch belehrende Dimension.
  280. 10:43In der unteren Zone der Kapelle begegnen
  281. 10:46sich sieben Togenden und sieben ihnen
  282. 10:48entgegengesetzte Laster.
  283. 10:51Dazu gehören beispielsweise
  284. 10:53Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sowie
  285. 10:55Hoffnung und Verzweiflung.
  286. 10:57Sie konfrontieren den Betrachter mit der
  287. 10:59Frage nach dem eigenen moralischen
  288. 11:01Handeln.
  289. 11:03Diese moralische Dimension führt
  290. 11:05schließlich zum jüngsten Gericht an der
  291. 11:07inneren Eingangswand.
  292. 11:09Wer die Kapelle verlässt, wird damit
  293. 11:11gewissermaßen mit den Konsequenzen
  294. 11:13menschlichen Handelns konfrontiert.
  295. 11:16Heil und Verdammnis stehen einander
  296. 11:18gegenüber.
  297. 11:20Interessant ist in diesem Zusammenhang
  298. 11:22auch die Szene der Vertreibung der
  299. 11:23Händler und Geldwechsler aus dem Tempel.
  300. 11:27Angesichts des durchgeldgeschäfte
  301. 11:29erworbene Vermögens der Familie Scoven
  302. 11:33wurde diese Darstellung immer wieder auf
  303. 11:35den Auftraggeber bezogen. Eine solche
  304. 11:38direkte persönliche Anspielung lässt
  305. 11:40sich allerdings nicht eindeutig
  306. 11:41beweisen. Für unser Thema Figur im
  307. 11:44Kontext ist vor allem entscheidend.
  308. 11:46Keine Figur und keine Szene steht für
  309. 11:48sich allein. Die Figur gehört zu einer
  310. 11:51Handlung, die Handlung zu einer
  311. 11:53Bilderfolge und diese Bilderfolge
  312. 11:55wiederum zu einer übergeordneten
  313. 11:57christlichen Sinnordnung.
  314. 11:59Die Bedeutung entsteht also auf mehreren
  315. 12:02Ebenen des Kontextes.
  316. 12:04Figur, Szene, Bildzyklus,
  317. 12:06Heizgeschichte.
  318. 12:09Ein Höhepunkt des gesamten
  319. 12:10Frestenprogramms bildet das jüngste
  320. 12:12Gericht an der inneren Eingangswand der
  321. 12:14Kapelle.
  322. 12:16Im Zentrum erscheint Christus als
  323. 12:18Weltenrichter.
  324. 12:19Um ihn herum wird die Menschheit in zwei
  325. 12:21grundsätzlich verschiedene Bereiche
  326. 12:23geordnet. Auf der einen Seite die
  327. 12:25Seligen, denen das himmlische Heil
  328. 12:28zukommt. Auf der anderen Seite die
  329. 12:30Verdammten, die den Qualen der Hölle
  330. 12:32ausgesetzt sind.
  331. 12:34Der Raum besitzt damit nicht nur eine
  332. 12:36formale, sondern vor allem eine
  333. 12:37moralische und religiöse Bedeutung.
  334. 12:41Wo sich eine Figur befindet, zeigt
  335. 12:42zugleich, welchen Platz sie innerhalb
  336. 12:45der göttlichen Ordnung einnimmt.
  337. 12:48Körperraum und Bedeutung sind
  338. 12:50unmittelbar miteinander verbunden.
  339. 12:53Bemerkenswert ist dabei die Nähe zur
  340. 12:55Lebenswelt der damaligen Betrachter.
  341. 12:58Figuren erscheinen teilweise in
  342. 13:00zeitgymnössischer Kleidung und werden
  343. 13:02dadurch stärker auf die gegenwartige
  344. 13:05menschliche Gesellschaft bezogen.
  345. 13:08Das jüngste Gericht ist also nicht nur
  346. 13:10eine Erzählung über ein fernes Jenseits,
  347. 13:13sondern konfrontiert den Betrachter mit
  348. 13:15der Frage nach dem eigenen Verhalten und
  349. 13:17dem eigenen Seelenheil.
  350. 13:20Besonders drastisch wird dies in der
  351. 13:22Darstellung der Hölle. Jotto zeigt
  352. 13:24körperliche Qual Gewalt und monstruöse
  353. 13:27Wesen mit großer Anschaulichkeit.
  354. 13:29Der Körper wird hier zum sichtbaren
  355. 13:31Träger der Verdammnis.
  356. 13:34Das moralische Urteil wird körperlich
  357. 13:35erfahrbar gemacht. Gleichzeitig
  358. 13:38verbindet Jotto diese eindeutige
  359. 13:40religiöse Botschaft mit seinen neuen
  360. 13:42bildnerischen Mitteln.
  361. 13:44Die Figuren besitzen Volumen,
  362. 13:46körperliche Präsenz und eine größere
  363. 13:49Natürlichkeit.
  364. 13:50Die religiöse Heilsordnung bleibt also
  365. 13:53bestehen, wird aber durch ihr eine neue
  366. 13:56Körper und Raumdarstellung besonders
  367. 13:57anschaulich vermittelt. Besonders
  368. 14:00interessant ist schließlich, dass der
  369. 14:02Aufgabtgeber selbst Teil dieser
  370. 14:04Darstellung wird.
  371. 14:06Auf der Seite der Zeligen kniet er und
  372. 14:09überreicht der Jungfrau Maria ein Modell
  373. 14:12der von ihm gestifteten Kapelle.
  374. 14:15Der reale Auftraggeber tritt damit
  375. 14:17gewissermaßen in die von Totto
  376. 14:20dargestellte Halsgeschichte ein. Vor dem
  377. 14:23Hintergrund des durch Geldgeschäfte
  378. 14:25erworbene erworbenen Familienvermögens
  379. 14:28und der Sorge um das eigene Seelenheil
  380. 14:30erhält diese Darstellung eine besondere
  381. 14:32Bedeutung. Damit schließt sich für uns
  382. 14:35der Kreis. Auftraggeb Stiftung,
  383. 14:38Bildprogramme und größ religiöse
  384. 14:41Heilserfahrung greifen unmittelbar
  385. 14:43ineinander.
  386. 14:45Der historische Entstehungskontext
  387. 14:46befindet sich also nicht nur außerhalb
  388. 14:48des Kunstwerks, sondern wird in
  389. 14:50Gestaltes Covenies sogar selbst zum
  390. 14:52Bestandteil des Bildes.
  391. 14:55Gerade für unsere Themafigur im Kontext
  392. 14:57ist es besonders anschaulich. Bei Potato
  393. 15:00erhält die Figur ihre Bedeutung durch
  394. 15:02ihre Position im Raum, ihre Beziehung zu
  395. 15:04anderen Figuren und schließlich durch
  396. 15:07ihren Platz innerhalb einer
  397. 15:08übergeordneten religiösen und
  398. 15:10gesellschaftlichen Sinnordnung.
  399. 15:13Ein weiterer entscheidender Schritt bei
  400. 15:14Joto betrifft die Darstellung des
  401. 15:16Menschen selbst. Der Kunsthistoriker
  402. 15:19Jakob Burgart hat darauf hingewiesen,
  403. 15:21daß Chot weder eine ideale menschliche
  404. 15:23Schönheit nach antikemorbild anstreb
  405. 15:25noch versucht jede Person möglichst
  406. 15:28detailgetreu wiederzugeben.
  407. 15:30Er gestaltet Physioonomie, Kleidung,
  408. 15:32Haltung und Gestik viel mehr soweit aus,
  409. 15:34wie es für die Wirkung und
  410. 15:36Verständlichkeit einer Szene notwendig
  411. 15:38ist. Das können wir sehr gut an der
  412. 15:40Gefangenname Christi beobachten. Joto
  413. 15:43zeigt eine dicht getränkte
  414. 15:44Menschenmenge. Die Figuren überschneiden
  415. 15:47sich. Köpfe, Lanzen und Fackeln
  416. 15:49verdichten den Bildraum. Trotzdem bleibt
  417. 15:52das zentrale Geschehen klaresbar.
  418. 15:55Im Mittelpunkt stehen sich Christus und
  419. 15:56Judas unmittelbar gegenüber. Judas
  420. 15:59umfasst Christus mit seinem Mantel und
  421. 16:01zieht ihn körperlich an sich heran. Ihre
  422. 16:05Gesichter begegnen sich aus nächste
  423. 16:06Nähe.
  424. 16:08Christus erscheint dabei vergleichsweise
  425. 16:10ruhig und beherrscht, während Judas
  426. 16:12durch Physiognonomie Haltung und
  427. 16:14gestutlich negativer charakterisiert
  428. 16:16wird. Auch die übrigen Figuren sind
  429. 16:19nicht bloß dekorative Starfasche.
  430. 16:22Links sehen wir beispielsweise Petrus
  431. 16:24als Rückenfigur, der einem der Männer
  432. 16:27ein Ohr abschneidet. Jojo braucht dafür
  433. 16:30keine übertriebene Mimik.
  434. 16:32Körperhaltungen, Bewegung, Blickrichtung
  435. 16:34und Gestik erzählen das Geschehen. Genau
  436. 16:37darin liegt eine wichtige Neuerung.
  437. 16:39Innere Vorgänge werden zunehmend durch
  438. 16:41den sichtbaren Körpermittelt.
  439. 16:44Menschen wenden sich einander zu,
  440. 16:46berühren sich, bedrohen sich, trauern
  441. 16:48oder handeln gemeinsam.
  442. 16:51Dadurch entsteht ein Beziehungsgeflecht
  443. 16:53zwischen den Figuren. Auch Christus
  444. 16:56verändert sich gegenüber der älteren
  445. 16:58Vorstellung des entdrückten Pantokratus
  446. 17:01dessen all des allmächtigen
  447. 17:03Weltherrschers.
  448. 17:05In den erzählenden Szenen erscheint er
  449. 17:08zugleich als körperlich anwesender
  450. 17:10Mensch. Das Göttliche wird dadurch nicht
  451. 17:12aufgehoben, sondern für den Betrachter
  452. 17:14menschlich und sinnlich erfahrbar.
  453. 17:17Jotu versetzt die heilige Geschichte
  454. 17:19damit gewissermaßen in eine Welt, die
  455. 17:22der Betrachter körperlich körperlich
  456. 17:24nachvollziehen kann.
  457. 17:26Aus einem überlieferten religiösen
  458. 17:28Geschehen entsteht ein anschaulicher
  459. 17:31menschlicher Handlungsraum.
  460. 17:33Für unser Thema Figur im Kontext ist das
  461. 17:35entscheidend. Eine Figur läßt sich bei
  462. 17:38Jotto kaum isoliert verstehen. Ihre
  463. 17:40Haltung, ihre Gestik, ihr Blick und ihre
  464. 17:43Bedeutung entstehen wesentlich aus der
  465. 17:45ihrer Beziehung zu den anderen Figuren
  466. 17:47und aus ihrer Rolle innerhalb der
  467. 17:50Handlung.
  468. 17:52Schauen wir uns nun genau an, wie Joto
  469. 17:54die Szene der Gefangenname komprimiert.
  470. 17:56Obwohl sehr viele Figuren auf engem Raum
  471. 17:59zusammreffen, ist das Geschehen klar
  472. 18:01strukturiert und unser Blick wird
  473. 18:03unmittelbar auf das Zentrum gelenkt.
  474. 18:06Dort stehen sich Christus und Judas
  475. 18:08gegenüber.
  476. 18:10Judas umfasst Christus mit seinem gelben
  477. 18:12Mantel und zieht ihn förmlich an sich
  478. 18:14heran. Entscheidend ist dabei die
  479. 18:16intensive Blickachse zwischen den beiden
  480. 18:18Gesichtern.
  481. 18:20Christus erscheint ruhig und beherrscht
  482. 18:22und blickt Judas unmittelbar an. Judas
  483. 18:26wirkt dagegen durch seine Haltung und
  484. 18:28Physioökonomie drängender und
  485. 18:30angespannter.
  486. 18:31So konzentriert Jotto den entscheidenden
  487. 18:33Moment des Verrats auf die unmittelbare
  488. 18:35Begegnung zweier Menschen.
  489. 18:38Auch die Gegenstände über den Figuren
  490. 18:40unterstützen diese Konzentration.
  491. 18:43Lanzen, Stöcke und Fackeln ragen aus der
  492. 18:45dicht getränkten Menschenmenge heraus
  493. 18:47und scheinen sich über dem Haupt Christi
  494. 18:49bündeln.
  495. 18:51Sie besitzen zunächst eine erzählerische
  496. 18:53Funktion. Sie gehören zu den bewaffneten
  497. 18:56Männern, erhalten durch ihre Anordnung
  498. 18:59aber zugleich eine formale Bedeutung.
  499. 19:02Fast wie ein Strahlenbündeln lenken sie
  500. 19:04unseren Blick auf Christus und
  501. 19:05unterstreichen seine besondere Stellung.
  502. 19:08Eine zweite wichtige Struktur bildet
  503. 19:11eine Diagonale, die quer durch das Bild
  504. 19:13verläuft. Sie begingt links oben bei der
  505. 19:16zum Schlag erhobenen Keule, führt über
  506. 19:19Christus und Judas und setzt sich bis
  507. 19:22zur Zeigegegeste der Figur auf der
  508. 19:23rechten Seite fort.
  509. 19:26Von beiden Seiten errichten sich damit
  510. 19:28Kräfte auf Christus.
  511. 19:30Die Komposition macht sichtbar, dass er
  512. 19:33körperlich bedrängt und schließlich
  513. 19:34gefangen genommen wird. Gerade darin
  514. 19:37liegt jedoch ein interessanter
  515. 19:38Gegensatz. Christus erscheint
  516. 19:40gleichzeitig als Unterlegener und als
  517. 19:43Überlegener.
  518. 19:44Äußerlich ist er das Opfer. Die Menge
  519. 19:47umschließt ihn. Waffen bedrohen ihn und
  520. 19:49Judas verrätt ihn. Innerlich erscheint
  521. 19:52er dagegen ruhig und gefasst. Sein
  522. 19:55klarer Blick auf Judas vermittelt, dass
  523. 19:57er versteht, was geschieht.
  524. 19:59Toto kann dadurch in einem einzigen Bild
  525. 20:01zwei Ebenen gleichzeitig sichtbar
  526. 20:03machen. Christus als menschliches Opfer
  527. 20:06und Christus als Wissender Gottessohn.
  528. 20:10Auch die übrigen Figuren sind in dieses
  529. 20:12Beziehungsgefüge eingebunden. Links
  530. 20:14greift Petrus gewaltsam ein. Rechts wird
  531. 20:18auf Christus gezeigt. Andere Figuren
  532. 20:20drängen nach vorne. Blicke, Gesten,
  533. 20:23Körperbewegungen und Gegenstände
  534. 20:24verknüpfen die einzelnen Personen
  535. 20:26miteinander.
  536. 20:28Obwohl das Bild unbewegt ist, entsteht
  537. 20:30dadurch der Eindruck eines
  538. 20:31hochdraamatischen Augenblicks. Und genau
  539. 20:34hier zeigt sich wieder unser Thema Figur
  540. 20:36im Kontext.
  541. 20:38Christus erhält seine Bedeutung nicht
  542. 20:40allein durch seine Darstellung als
  543. 20:41einzelne Figur. Er ist durch die
  544. 20:44Blickbeziehung zu Judas die Gesten der
  545. 20:46umstehenden Menschen, die Waffen, die
  546. 20:49Bewegungsrichtungen und seine Position
  547. 20:51innerhalb der Menge wird seine
  548. 20:53Doppelrolle als Opfer und Gottes Sohn
  549. 20:55sichtbar.
  550. 20:56Joto verdichtet damit ein zeitlich
  551. 20:58ablaufendes Ereignis zu einem einzigen
  552. 21:00Bildmoment.
  553. 21:03Wir müssen die Geschichte nicht Schritt
  554. 21:04für Schritt lesen, sondern können
  555. 21:06verschiedene Beziehungen und
  556. 21:08Bedeutungsebenen gleichzeitig
  557. 21:09wahrnehmen.
  558. 21:11Form und Inhalt greifen unmittelbar
  559. 21:13ineinander und gerade dadurch wird für
  560. 21:16den Betrachter ein intensives Miterleben
  561. 21:18des Geschehens möglich.
  562. 21:21Nachdem wir bei der Gefangenname Christi
  563. 21:23gesehen haben, wie stark Joto seine
  564. 21:25Figuren durch Blicke, Gesten und
  565. 21:27Bewegungen miteinander verbindet, können
  566. 21:29wir diese Beobachtung auf den gesamten
  567. 21:31fräskenzyklus übertragen. Dabei hilft
  568. 21:34uns eine handlungsorientierte bzw.
  569. 21:36hermotische Betrachtung. Sie fragt nicht
  570. 21:39nur danach, wie ein Körper formal
  571. 21:41dargestellt ist, sondern danach, was
  572. 21:43eine Körperhaltung oder Bewegung
  573. 21:45innerhalb einer bestimmten Situation
  574. 21:47bedeutet.
  575. 21:49Ein besonders interessantes Beispiel ist
  576. 21:51der erhobene Arm Christi, der in
  577. 21:53verschiedenen Szenen der Arenakapelle
  578. 21:55immer wieder auftaucht. Die körperliche
  579. 21:58Grundbewegung ist ähnlich. Ihre
  580. 22:00Bedeutung verändert sich jedoch von
  581. 22:01Szene zu Szene.
  582. 22:04Beim zwölfjährigen Jesus im Tempel kann
  583. 22:07die Armbewegung als lehrende oder
  584. 22:09ermahnende Geste verstanden werden. Beim
  585. 22:12Einzug in Jerusalem erhält sie einen
  586. 22:14grüßenden und segnenden Charakter. Bei
  587. 22:17der Vertreibung der Händler aus dem
  588. 22:19Tempel wird aus derselben Grundbewegung
  589. 22:21eine energische drohende Geste.
  590. 22:25Bei der Auferweckung des Lazarus
  591. 22:27erscheint sie dagegen als auffordernde
  592. 22:29oder befehlende Bewegung.
  593. 22:31Wir erkennen daran etwas
  594. 22:33Grundsätzliches.
  595. 22:34Eine Geste besitzt keine Bedeutung für
  596. 22:37sich allein. Erster Zusammenhang
  597. 22:38entscheidet darüber, wie wir sie
  598. 22:40verstehen. Wer steht der Figur
  599. 22:42gegenüber? Was geschieht gerade? Wohin
  600. 22:45richtet sich die Bewegung? Wie reagieren
  601. 22:47die anderen Figuren darauf? Jotto kann
  602. 22:50also aus einer relativ einfachen
  603. 22:52körperlichen Grundbewegung sehr
  604. 22:54unterschiedliche Handlungen entwickeln.
  605. 22:57Christus erscheint dadurch je nach
  606. 22:59Situation als lehrender, segnender,
  607. 23:02mahner, handelnder oder befehlender.
  608. 23:05Das führt unmittelbar zu unserem Thema
  609. 23:08Figurenkontext.
  610. 23:09Nicht die isolierte Körperform trägt die
  611. 23:11vollständige Bedeutung. Bedeutung
  612. 23:14entsteht aus dem Zusammenspiel von
  613. 23:15Körperhaltung, Geste, Blick, anderen
  614. 23:18Figuren und Handlung. Oder noch kürzer
  615. 23:21formuliert, der Kontext macht aus einer
  616. 23:23Bewegung eine bedeutungsvolle Geste.
  617. 23:27Nachdem wir bereits gesehen haben, wie
  618. 23:29Joto durch Farbe und helldunkel
  619. 23:31Abstufungen Körperlichkeit erzeugt,
  620. 23:34schauen wir nun genauer darauf, welche
  621. 23:36Funktionenfarben in seinen Bildern
  622. 23:38übernehmen kann.
  623. 23:40Zunächst besitzt Farbe einen
  624. 23:42Darstellungswert.
  625. 23:44Als Lokalfarbe kennzeichnet sie
  626. 23:46beispielsweise die Farbe eines Gewandes
  627. 23:48oder eines Gegenstandes.
  628. 23:51Durch Abstufungen von hell und Dunkel
  629. 23:53kann Jotto diese Farbflächen zugleich
  630. 23:55modellieren.
  631. 23:56Dadurch entstehen Licht und
  632. 23:58Schattenbereiche, die den Figuren
  633. 24:00Volumen fleihen und ihre Körperlichkeit
  634. 24:02verstärken.
  635. 24:04Daneben besitzt Farbe einen Eigenwert.
  636. 24:07Das bedeutet, dass Farbe nicht nur etwas
  637. 24:09bezeichnet, sondern auch durch ihre
  638. 24:12eigene Wirkung die Bildgestaltung
  639. 24:14bestimmt.
  640. 24:16Farbkontraste können einzelne Figuren
  641. 24:18hervorheben, verschiedene Bereiche
  642. 24:20voneinander abgrenzen und unseren Blick
  643. 24:23durch das Bild lenken.
  644. 24:25Für die mittelalterliche Kunst besonders
  645. 24:27wichtig ist außerdem der Symbolwert
  646. 24:29einer Farbe.
  647. 24:31Farben konnten religiöse und moralische
  648. 24:34Bedeutungen vermitteln.
  649. 24:36Rot kann beispielsweise mit
  650. 24:38Göttlichkeit, Liebe und Macht verbunden
  651. 24:40werden, aber auch mit Blut und Opfer.
  652. 24:44Blau verweist häufig auf Himmel und
  653. 24:46Transzendenz.
  654. 24:48Gold steht aufgrund seiner besonderen
  655. 24:50Leuchtkraft für göttliches Licht und
  656. 24:52Majestät.
  657. 24:54Weiß für Reinheit und Wahrheit und grün
  658. 24:56für Leben und Hoffnung. Braun und
  659. 24:59schwarz können dagegen mit
  660. 25:00Vergänglichkeit, Trauer und Tod
  661. 25:02verbunden sein.
  662. 25:04Gelb ist besonders ambivalent und kann
  663. 25:06auch negative Bedeutungen haben.
  664. 25:09Purpor wiederum kann Würde und
  665. 25:12Herrschaft kennzeichnen.
  666. 25:14Wichtig ist dabei, Symbolfarben
  667. 25:16funktionieren nicht wie ein festgelegter
  668. 25:19Farbcode.
  669. 25:21Eine Farbe kann unterschiedliche
  670. 25:22Bedeutungen besitzen. Deshalb müssen wir
  671. 25:24immer prüfen, welche Bedeutung im
  672. 25:27Zusammenhang mit der dargestellten Figur
  673. 25:29der Handlung und dem historischen
  674. 25:31Kontext sinnvoll sind.
  675. 25:35Wenn ihr im Abitur also Farbe
  676. 25:36untersucht, solltet ihr nicht nur
  677. 25:38fragen, welche Farben sehe ich, sondern
  678. 25:40auch wie werden sie eingesetzt, wie
  679. 25:43wirken sie und welche symbolische
  680. 25:45Bedeutung können Sie im jeweiligen
  681. 25:46Kontext besitzen.
  682. 25:49Wir können uns dafür drei Begriffe
  683. 25:51merken. Farbe besitzt Darstellungswert,
  684. 25:55Eigenwert und Symbolwert.
  685. 25:59Wenden wir diese unterschiedliche
  686. 26:00Funktion der Farbe nun auf die
  687. 26:02Gefangenname Christian.
  688. 26:04Besonders auffällig ist zunächst der
  689. 26:06leuchtend gelbe Mantel des Judas. Er
  690. 26:09bildet eine große nahezu geschlossene
  691. 26:11Farbfläche im Zentrum der Komposition
  692. 26:14und hebt Judas deutlich aus der
  693. 26:15dichtgränkten Menschenmenge heraus.
  694. 26:19Gleichzeitig umschließt der Mantel
  695. 26:21Christus beinahe vollständig.
  696. 26:24Die Farbe lenkt unseren Blick damit
  697. 26:26unmittelbar auf den entscheidenden
  698. 26:28Moment des Verrats und verstärkt den
  699. 26:30Eindruck, dass Christus von Judas und
  700. 26:33der umgebenden Menge bedrängt wird.
  701. 26:36Neben dieser formalen Funktion kann das
  702. 26:38gelb auch symbolisch gelesen werden.
  703. 26:41Gelb konnte im mittelalterlichen Kontext
  704. 26:44negative Bedeutungen annehmen und mit
  705. 26:46Ausgrenzung verbunden sein.
  706. 26:49In Verbindung mit Judas unterstützt die
  707. 26:51Farbe daher zusätzlich seine negative
  708. 26:54Charakterisierung als Verräter.
  709. 26:57Christus trägt dagegen die traditionelle
  710. 26:59Verbindung von Rot und Blau. Rot kann
  711. 27:02auf Göttlichkeit, Liebe und Macht im
  712. 27:05Zusammenhang der Passion, aber auch auf
  713. 27:07Blut und Opfer verweisen.
  714. 27:10Blau besitzt eine Verbindung zur Himmel
  715. 27:12und Transzendenz.
  716. 27:14Die Verabgebung träigt damit dazu bei
  717. 27:17Christus nicht nur als körperlich
  718. 27:18anwesenden Menschen, sondern zugleich
  719. 27:21als Gottesdzeichnen.
  720. 27:24Um diese zentralen Farben herum finden
  721. 27:26wir dunklere blau blaubbraun und
  722. 27:29Grautöne
  723. 27:31sowie weitere rote und gelbe Akzente.
  724. 27:35Sie gliedern und rhythmisieren die dicht
  725. 27:36getränkte Menschenmenge ohne dem
  726. 27:38zentralen Gelb des Sodas und der
  727. 27:40Farbgebung Christi ihre Aufmerksamkeit
  728. 27:43zu nehmen.
  729. 27:45Gleichzeitig dürfen wir die formale
  730. 27:47Funktion der Farbe nicht vergessen.
  731. 27:49Durch hell dunkelabstimpstofungen
  732. 27:52modelliert Jotto die Gewände und damit
  733. 27:54die Körper.
  734. 27:55Farbe erzeugt also auch Volumen und
  735. 27:58körperliche Präsenz.
  736. 28:00An diesem Bild können wir deshalb sehr
  737. 28:02gut die verschiedenen Funktionen von
  738. 28:04Farbe zusammenführen.
  739. 28:06Sie besetzt Darstellungswert, Eigenwert
  740. 28:09und Symbolwert.
  741. 28:11Sie beschreibt und poliliert die
  742. 28:13Figuren, organisiert unsere Wahrnehmung
  743. 28:15und trägt gleichzeitig zur inhaltlichen
  744. 28:17Bedeutung der dargestellten Personen
  745. 28:19bei.
  746. 28:21Nachdem wir bei der Gefangenname Christi
  747. 28:23bereits gesehen haben, wie Chotto durch
  748. 28:25Blickrichtungen, Gesten und
  749. 28:26Bewegungsachsen Beziehungen zwischen
  750. 28:28Figuren erzeugt, können wir bei der
  751. 28:30Beweinung Christi noch genauer fragen,
  752. 28:32wo liegt eigentlich die Mitte eines
  753. 28:34Bildes? Rudolf Arnheim beschäftigt sich
  754. 28:37mit dieser Frage unter dem Begriff der
  755. 28:39Macht der Mitte.
  756. 28:41Dabei ist wichtig, die geometrische
  757. 28:43Bildmittte muss nicht mit dem Bereich
  758. 28:45übereinstimmen, auf den sich unsere
  759. 28:46Aufmerksamkeit richtet. Ein Bild kann
  760. 28:49verschiedene Arten von Mitte besitzen.
  761. 28:52Die geometrische Bilte können wir
  762. 28:54zunächst ganz einfach durch die
  763. 28:55horizontale und vertikale Albierung
  764. 28:57eines Bildes bestimmen. Sie liegt hier
  765. 29:00ungefähr im Bereich des Kopfes bzw. des
  766. 29:02Oberkörpers des sich vorbeugenden
  767. 29:04Johannes.
  768. 29:06Johannes bezitzt zugleich eine besondere
  769. 29:08kompositorische Funktion.
  770. 29:11Seine Körperhaltung fällt sofort auf. Er
  771. 29:14steht nicht ruhig und aufrecht, sondern
  772. 29:16beugt sich mit weit ausgebreiteten Armen
  773. 29:18nach vorne. Dadurch verbindet sein
  774. 29:20Körper unterschiedliche Bereiche der
  775. 29:22Komposition.
  776. 29:23Er vermittelt zwischen den stehenden
  777. 29:25Figuren auf der rechten Seite und der
  778. 29:27dicht gedrängten Gruppe der trauenden
  779. 29:29Linksbunden.
  780. 29:31Johannes ist also nicht das inhaltliche
  781. 29:33Zentrum des Geschehens, aber eine
  782. 29:35wichtige kompositorische
  783. 29:36Vermittlungsfigur.
  784. 29:39Das eigentliche inhaltliche und
  785. 29:41emotionale Zentrum liegt dagegen
  786. 29:43deutlich außerhalb der geometrischen
  787. 29:45Mitte bei dem Toten Christus und Maria
  788. 29:48links unten.
  789. 29:50sorgt mit verschiedenen Mitteln dafür,
  790. 29:52dass unsere Aufmerksamkeit genau dorthin
  791. 29:54gelenkt wird. Besonders auffällig ist
  792. 29:56die Felsdiagonale von rechts oben nach
  793. 29:59unten.
  794. 30:01Sie führt direkt auf Christus hin.
  795. 30:05Hinzukommen die Blickrichtungen, Gesten
  796. 30:08und Körperhaltungen der Figuren.
  797. 30:11Viele dieser Beziehungen laufen bei
  798. 30:12Christus zusammen. Auch die beiden
  799. 30:15massiven Rückenfiguren im Vordergrund
  800. 30:17spielen dabei eine Rolle. Sie schließen
  801. 30:19die Szene nach vorne ab und führen uns
  802. 30:21gleichzeitig sehr nahe an das Geschehen
  803. 30:23heran. Wir stehen als Betrachtende
  804. 30:26gewissermaßen unmittelbar vor der Gruppe
  805. 30:28der Trauenden.
  806. 30:30Darüber öffnet sich eine Zweitzone, die
  807. 30:33himmlische Sphäre mit den Engeln.
  808. 30:35Während die Menschen auf der Erde
  809. 30:37körperlich um Christus versammelt sind
  810. 30:39und ihn berühren, reagieren die Engel im
  811. 30:41Himmel ebenfalls auf seinen Tod. Die
  812. 30:44Trauer verbindet dadurch die irdische
  813. 30:46und himmlische Sphäre.
  814. 30:49Das Entscheidende ist also Totto muß
  815. 30:52Christus nicht in die geometrische
  816. 30:54Bildmitte setzen, um ihn zum Zentrum des
  817. 30:56Bildes zu machen. Landschaft,
  818. 30:59Figurenanordnung, Blicke, Gesten und
  819. 31:01Körperhaltungen lenken unsere
  820. 31:03Aufmerksamkeit auf ihn.
  821. 31:06Für unser Thema Figur im Kontext ist das
  822. 31:08besonders wichtig. Die Bedeutung und das
  823. 31:11Gewicht einer Figur entstehen nicht
  824. 31:12allein durch ihre Position auf der
  825. 31:14Bildfläche. Sie entstehen durch ihr
  826. 31:16Beziehungsgefüge und zu den anderen
  827. 31:19Figuren zum Raum und zum dargestellten
  828. 31:22Geschehen.
  829. 31:23Die Beweinung zeigt damit sehr deutlich
  830. 31:26geometrische Mitte, kompositorische
  831. 31:29Funktion und inhaltliches Zentrum müssen
  832. 31:32nicht identisch sein.
  833. 31:35Bis jetzt haben wir Jotto vor allem
  834. 31:36anhand der Clloveniekabelle in Parua
  835. 31:39betrachtet. Um einen weiteren wichtigen
  836. 31:41Zusammenhang seiner Kunst zu verstehen,
  837. 31:43wechseln wir nur nach Assisie. Dort
  838. 31:46befindet sich die Basilika San
  839. 31:48Francesco, die über dem Grab des
  840. 31:49Heiligen Franziskus errichtet wurde. In
  841. 31:53ihrer Oberkirche befindet sich ein
  842. 31:54umfangreicher freskenzyklus über das
  843. 31:57Leben des Franziskus,
  844. 31:59der traditionell Jotto bzw. seinem
  845. 32:01Umkreis zugeschrieben wird.
  846. 32:04Eine der bekanntesten Szenen dieses
  847. 32:05Zyklus ist das Grippenwunder von Greio.
  848. 32:09An diesem Bild können wir besonders gut
  849. 32:11untersuchen, wie sich franziskanische
  850. 32:13Glaubensvorstellungen, die Darstellung
  851. 32:15des Menschen und der konkrete Bildraum
  852. 32:17miteinander verbinden. Dafür müssen wir
  853. 32:20zunächst kurz klären, welche Bedeutung
  854. 32:22Armut für Franziskus von Asisi hatte.
  855. 32:25Franziskus orientierte sein Leben an
  856. 32:27einer möglichst unmittelbaren Nachfolge
  857. 32:30Christi. Eine zentrale Rolle spielte
  858. 32:33dabei der arme und menschliche Christus.
  859. 32:35Armut bedeutete deshalb nicht einfach
  860. 32:37nur wenig zu besitzen. Der freiwillige
  861. 32:40Besitzverzicht war Teil einer
  862. 32:42Lebensform, die von Demut, Einfachheit
  863. 32:45und Nähe zu den Menschen und zur
  864. 32:46Schöpfung geprägt sein sollte.
  865. 32:48Besondere besonders anschaulich wird
  866. 32:50diese Haltung beim Weihnachtsfest
  867. 32:52Franziskus 1223 in Creio Feier ließ. Er
  868. 32:57ließ dort eine Grippe mit Heu bereiten
  869. 32:59und Ochse und Esel hereinbringen.
  870. 33:02Die Geburt Christi sollte dadurch nicht
  871. 33:04nur als biblischer Text erinnert,
  872. 33:05sondern möglichst anschaulich
  873. 33:07vergegenwärtigt werden. Auch die
  874. 33:09überlieferte Legende Majo beschreibt,
  875. 33:12dass Franziskus das Gedächtnis der
  876. 33:13Geburt Christi darstellen ließ, um
  877. 33:16Andacht zu wecken.
  878. 33:18Dabei damit begegnet uns eine
  879. 33:20Vorstellung, die für unsere weitere
  880. 33:22Betrachtung wichtig wird. Das
  881. 33:24Heilsgeschehen soll nicht nur gewusst,
  882. 33:26sondern anschaulich und emotional
  883. 33:28nachvollzogen werden. Genau hier
  884. 33:30entsteht anschließend ein spannender
  885. 33:32Widerspruch. Franziskus steht für Armut,
  886. 33:34Einfachheit und Besitzverzicht. Die
  887. 33:36Basilika, die nach seinem Tod in Asisi
  888. 33:39zu seinen Ehren errichtet und
  889. 33:40ausgestattet wird, ist dagegen
  890. 33:42monumental und prachtvoll. Wie passt das
  891. 33:45zusammen?
  892. 33:47Jetzt ist also so, dass Franziskus
  893. 33:49Armut, Besitzverzicht und Einfachheit zu
  894. 33:52zentralen Prinzipien seiner
  895. 33:53Christusnachfolge gemacht hat, aber über
  896. 33:57seinem Grab eine monumentale Kirche, die
  897. 34:01aufwendig architektonisch gestaltet und
  898. 34:03mit umfrankreichen fresenzyklen und
  899. 34:05kostbarer Ausstattungen versehen wurde,
  900. 34:08entstand.
  901. 34:09Damit
  902. 34:11kommt natürlich die Frage auf, die
  903. 34:13tatsächlich auch innerhalb des
  904. 34:14Franziskanort Ordens zu Konflikten
  905. 34:16führte. Wie lässt sich denn so eine
  906. 34:19prachtvolle Kirche zu Ehren eines
  907. 34:20Heiligen rechtfertigen, der gerade für
  908. 34:23freiwillige Armut und Besitz verzichtig
  909. 34:25stand?
  910. 34:27Dabei sollten wir den Konflikt nicht
  911. 34:29einfach als Franziskus gegen die reiche
  912. 34:31Kirche verstehen. Auch innerhalb von dem
  913. 34:33Franziskaner Orten gab es verschiedene
  914. 34:36Vorstellungen davon, wie konsequent das
  915. 34:38Armutsideal umgesetzt werden sollte.
  916. 34:41Besonders strengere Gruppen sahen im
  917. 34:42Besitz und aufwendiger Ausstattung und
  918. 34:44im Widerspruch zum ursprünglichen Ideal
  919. 34:46des Franziskus.
  920. 34:48Gleichzeitig hatte die prachtvolle
  921. 34:50Basilika aus Sicht der institutionellen
  922. 34:52Küche eine andere Funktion. Sie war
  923. 34:54Grabeskirche, Wahlfahrtsort und Ort der
  924. 34:56Verehrung des Heiligen.
  925. 34:59Architektur und Bildausstattung dienten
  926. 35:01also auch dazu, die Bedeutung Franziskus
  927. 35:04und die christliche Glaubensbotschaft
  928. 35:06sichtbar zu machen. Genau deshalb ist
  929. 35:09dieser Widerspruch für unsere Bilder
  930. 35:10interessant, denn er bildet den
  931. 35:12historischen und gesellschaftlichen
  932. 35:14Kontext, in dem auch der
  933. 35:16Franziskuszyklus der Oberkirche zu
  934. 35:18betrachten ist.
  935. 35:19Das führt uns zu einer spannenden Frage.
  936. 35:22Was geschieht, wenn die Botschaft von
  937. 35:24Armut und Einfachheit innerhalb einer
  938. 35:26prachtvollen kirchlichen Bildverbehälter
  939. 35:28dargestellt wird? Und genau das können
  940. 35:30wir an der nächsten Darstellung, nämlich
  941. 35:32dem Grippenwunder von Greio untersuchen.
  942. 35:35Dort begegnen sich nämlich beide Seiten
  943. 35:37unmittelbar.
  944. 35:38Franziskus und die Vorstellung vom armen
  945. 35:41Mensch gewordenen Christus auf der einen
  946. 35:43Seite, der institutionelle und
  947. 35:46prachtvolle Kirchenraum auf der anderen.
  948. 35:49Damit kommen wir wieder unmittelbar zu
  949. 35:51unserem Thema Figur im Kontext. Wir
  950. 35:53werden sehen, dass wir die Figur des
  951. 35:54Franziskus nicht isoliert verstehen
  952. 35:56können. Der Raum, in dem Jotto ihn
  953. 35:58zeigt, ist selbst ein Bedeutungsträger.
  954. 36:02Schauen wir uns nun an, wie sich diese
  955. 36:03Spannung zwischen franziskanischem
  956. 36:06Armutsideal und kirchlicher Pracht im
  957. 36:08Bild selbst zeigt. Dargestellt ist hier
  958. 36:11das sogenannte Grippenwunder von Ko.
  959. 36:14Franziskus kniet vor der Grippe mit dem
  960. 36:16Christuskind. Um ihn herum befinden sich
  961. 36:18geistliche und weitere Teilnehmer der
  962. 36:20Feier. Auffällig ist aber zunächst der
  963. 36:23Ort. Joto bzw. Die Werkstatt zeigt das
  964. 36:26Ereignis nicht in einer einfachen
  965. 36:28ärmlichen Umgebung, sondern in einem
  966. 36:30deutlich ausgestatteten Kirchenraum mit
  967. 36:34Letner, Ambo und Ziborium.
  968. 36:37Damit begegnet uns der Gegensatz der
  969. 36:39vorherigen Folie nun innerhalb des
  970. 36:40Bildes. Franziskus steht für das Ideal
  971. 36:43der Armut und für die Nachfolge des
  972. 36:45armen Christus. Dargestellt wird das
  973. 36:48Geschehen aber im Kontext einer
  974. 36:50institutionellen und repräsentativen
  975. 36:52Kirche.
  976. 36:53Im Mittelpunkt steht dennoch nicht die
  977. 36:55Architektur, sondern die Beziehung
  978. 36:57zwischen den handelnden Personen.
  979. 37:00Franziskus wendet sich körperlich dem
  980. 37:02Christuskind zu. Auch der Priester
  981. 37:04reagiert auf das Geschehen. Blicke,
  982. 37:07Gesten und Körperhaltungen verbinden die
  983. 37:09Figuren miteinander.
  984. 37:11Das Wunder wird dadurch nicht als
  985. 37:13abstrakte Glaubenslehre dargestellt,
  986. 37:15sondern als ein Ereignis. dass Menschen
  987. 37:17sehen, körperlich erleben und auch dass
  988. 37:19sie reagieren.
  989. 37:22Damit kommen wir jetzt zu unserem Thema
  990. 37:25ähm Figurenkontext und können das noch
  991. 37:27mal erweitern.
  992. 37:29Bisher haben wir gesehen, dass Georges
  993. 37:31Figuren ihre Bedeutung durch raumgestik
  994. 37:34Blickerrichtungen und die Beziehungen zu
  995. 37:35anderen Figuren erhalten. Hier kommt
  996. 37:38eine weitere Ebene hinzu, der religiöse
  997. 37:40und gesellschaftliche Kontext.
  998. 37:43Franziskus ist nicht einfach ein Mann,
  999. 37:45der ein Kind hält. Erst durch die
  1000. 37:47christliche Heilsgeschichte verstehen
  1001. 37:49wir das Kind als Christus und die
  1002. 37:51Handlung als Vergegenwärtigung seiner
  1003. 37:53Geburt. Und erst durch die Kenntnis des
  1004. 37:56franziskanischen Armutsgiliideals
  1005. 37:58erkennen wir die besondere Spannung
  1006. 38:00zwischen dieser Figur und dem
  1007. 38:01prachtvollen kirchlichen Umfeld.
  1008. 38:04Genau darin liegt eine wichtige
  1009. 38:06Besonderheit von Jotus Bildwelt. Er
  1010. 38:08schafft die religiöse Bedeutung nicht
  1011. 38:11ab. Er macht sich viel mehr in einer
  1012. 38:13Welt aus Körpern, Gegenständen und
  1013. 38:15Architektur und menschlichen Beziehungen
  1014. 38:18anschaulich erfahrbar.
  1015. 38:20Bei George entsteht die Bedeutung der
  1016. 38:22Figur aus mehreren Kontexten
  1017. 38:23gleichzeitig, aus Raum, Handlung,
  1018. 38:25anderen Menschen, Heilsgeschichte und
  1019. 38:28gesellschaftlich religiöser Ordnung. Und
  1020. 38:31vielleicht ist das der wichtigste
  1021. 38:33Gedanke dieser drei Folien. Das
  1022. 38:34Transzendente und das Sichtbare sind bei
  1023. 38:37Jotto keine Gegensätze. Das sichtbare
  1024. 38:39des Glaubens wird durch die sichtbare
  1025. 38:41körperliche Welt vermittelt.
  1026. 38:44Das führt sehr schön zurück zu dem, was
  1027. 38:46wir am Anfang über Jotto festgestellt
  1028. 38:48haben. Seine Figuren werden zu Menschen
  1029. 38:50aus Fleisch und Blut, aber sie bleiben
  1030. 38:52zugleich Akteure einer verbindlichen
  1031. 38:55christlichen Heilsgeschichte.
  1032. 38:57So, kehren wir nun in die Sclaviniek
  1033. 38:59zurück. Wir befinden uns wieder
  1034. 39:00innerhalb von der Erzählung äh vom Leben
  1035. 39:03Christi. Genauer gesagt in der
  1036. 39:06Kindheitsgeschichte dargestellt ist der
  1037. 39:08betlehemitische Kindermord. Ähm Herodes
  1038. 39:11hat ähm befohlen, die Kinder von
  1039. 39:14Bethlehem zu töten, weil er nämlich in
  1040. 39:16dem neugeborenen Jesus möglichen
  1041. 39:18Konkurrenten um seine Herrschaft zieht.
  1042. 39:21Äh erzählt das Ereignis nicht einfach
  1043. 39:24durch einzelne Figuren, sondern ein
  1044. 39:25organisiertes Bild als Konfrontation
  1045. 39:27verschiedener Gruppen. Auf der einen
  1046. 39:30Seite befindet sich Herodes. Er steht
  1047. 39:32erhöht in einer Loder und gibt den
  1048. 39:34Befehl zur Tötung. Auffällig ist dabei
  1049. 39:37natürlich ähm, dass er eigentlich die
  1050. 39:40Gewalt selbst nicht ausübt, sondern
  1051. 39:42seine Macht darin besteht, dass andere
  1052. 39:45seinen Befehl ausführen.
  1053. 39:47Unterhalb von ihm befinden sich deshalb
  1054. 39:49die Soldaten. Bei ihnen wird aus dem
  1055. 39:51Befehl konkrete körperliche Gewalt. Ihre
  1056. 39:54Körper bewegen sich auf die Frauen und
  1057. 39:56Kinder zu. Sie greifen nach ihnen und
  1058. 39:58dringen in deren Raum ein. Auf der
  1059. 40:01gegenüberliegenden Seite stehen die
  1060. 40:02Mütter mit ihren Kindern. Hier finden
  1061. 40:04wir ganz andere Körperbeziehungen. Die
  1062. 40:07Kinder suchen die Nähe ihrer Mütter. Die
  1063. 40:09Frauen versuchen sie festzuhalten und zu
  1064. 40:11schützen. Körperhaltung, ausgestreckte
  1065. 40:14Arme und Gesten machen Abwehr, Angst und
  1066. 40:16Trauer sichtbar.
  1067. 40:17Besonders deutlich wird das an der
  1068. 40:19Mutterkindgruppe im Vordergrund. Hier
  1069. 40:21verdichtet Jotto den gesamten Konflikt
  1070. 40:23auf wenige Körper. Die Mutter versucht
  1071. 40:26zu schützen, das Kind klammert sich an
  1072. 40:28sie. Der Soldat versucht es ihr zu
  1073. 40:30entreen.
  1074. 40:32Emotion entsteht also nicht allein durch
  1075. 40:34einen Gesichtsausdruck. Sie entsteht aus
  1076. 40:37der Beziehung der Körper zueinander. Im
  1077. 40:39Vordergrund sehen wir außerdem bereits
  1078. 40:41die getöteten Kinder. Dadurch verdichtet
  1079. 40:44Goto seine verschiedenen Momente der
  1080. 40:46Erzählungen in einem einzigen Bild.
  1081. 40:49Wir sehen den Befehl, die Ausführung der
  1082. 40:51Gewalt und zugleich bereitsen folgen.
  1083. 40:55Auch die Architektur trägt zur Bedeutung
  1084. 40:56bei. Links steht der Palast bzw. die
  1085. 40:59Lodscher des Horodes. Rechts ein
  1086. 41:02achteckiger Tempel. Diesen Tempel
  1087. 41:04sollten wir nicht einfach als eine
  1088. 41:05Kirche interpretieren, die angesichts
  1089. 41:07der Gewalt verschlossen bleibt. Die
  1090. 41:09offizielle Dokumentation derovini
  1091. 41:12Kapelle deutet ihn viel mehr als Hinweis
  1092. 41:14auf das Mertyrium und den Kult der
  1093. 41:17Heiligen Unentschuldigen.
  1094. 41:20Damit erhält das konkretere menschliche
  1095. 41:22Leid gleichzeitig seinen Platz innerhalb
  1096. 41:24der christlichen Heizgeschichte.
  1097. 41:27Interessant ist schließlich, wie Joto
  1098. 41:28den Raum organisiert. Die Architektur
  1099. 41:30erzeugt keine sehr tiefe Bühne. Viel
  1100. 41:33mehr konzentriert sie das Geschehen auf
  1101. 41:35einen relativ flachen Handlungsraum.
  1102. 41:37Dadurch werden die Figuren und ihre
  1103. 41:39Beziehungen besonders deutlich. Das
  1104. 41:42entspricht einem Prinzip, das wir bei
  1105. 41:43Jok bereits kennengelernt haben. Der
  1106. 41:46Raum dient der Handlung der Figuren.
  1107. 41:49Auch in kunsthistorischen Analysen der
  1108. 41:51Kapelle wird hervorgehoben, dass Jotos
  1109. 41:53vereinfachte bühnenartige Architektur
  1110. 41:56vor allem dazu dient, die Figuren und
  1111. 41:58die Erzählungen in den Vordergrund zu
  1112. 42:00stellen. Für unser Thema Figur im
  1113. 42:02Kontext könnten wir deshalb noch eine
  1114. 42:05weitere Dimension kenzen. Die Position
  1115. 42:08einer Figur zeigt hier zugleich ihre
  1116. 42:11Position innerhalb eines
  1117. 42:13Machtverhältnisses.
  1118. 42:15Herodes ist erhöht und distanziert.
  1119. 42:18Die Soldaten vermitteln seinen Befehl
  1120. 42:20als körperliche Gewalt. Die Mütter und
  1121. 42:23Kinder erleben deren Folgen unmittelbar.
  1122. 42:26Man könnte dieses Beziehungsgefüge
  1123. 42:28deshalb sehr einfach zusammenfassen.
  1124. 42:31Herodes befieht, Soldaten handeln,
  1125. 42:33Mütter und Kinder erleiden und
  1126. 42:35widersetzen sich.
  1127. 42:37Joto macht Herrschaft damit nicht
  1128. 42:39abstrakt sichtbar, sondern zeigt, wie
  1129. 42:41Macht durch Beziehungen zwischen
  1130. 42:43menschlichen Körpern wirksam wird.
  1131. 42:47Beim Einzug Christi in Jerusalem können
  1132. 42:49wir nun noch mal genauer untersuchen,
  1133. 42:51wie Jotto Figur und Raum miteinander
  1134. 42:52verbindet. Die Szene gehört zur
  1135. 42:54Passionsgeschichte. Christus zieht nach
  1136. 42:56Jerusalem ein. Nach dem
  1137. 42:58Matthäusevangelium
  1138. 43:00begrüßen ihn die Menschen, breiten ihre
  1139. 43:02Gewänder auf dem Wege aus und schneiden
  1140. 43:04Zweige von den Bäumen. Wenige Tage
  1141. 43:07später wird Christus in dieser Stadt
  1142. 43:09verhaftet und gekreuzigt. Sein Einzug
  1143. 43:11sitzt deshalb innerhalb der
  1144. 43:12Heilsgeschichte in besondere Bedeutung.
  1145. 43:15Jotto organisierte die Begegnung sehr
  1146. 43:17klar durch zweieinander
  1147. 43:18gegenüberstehenden Figurengruppen. Von
  1148. 43:21links bewegt sich Christus auf einem
  1149. 43:23Esel mit seinen Jüngern in das Bild
  1150. 43:25hinein. Von rechts kommen ihm die
  1151. 43:27Bewohner Jerusalems entgegen.
  1152. 43:31Christus befindet sich damit
  1153. 43:32gewissermaßen zwischen Gefolgschaft und
  1154. 43:35Stadtbevölkerung und wird zur
  1155. 43:36verbindenden Schlüsselfigur beider
  1156. 43:38Gruppen. Auch hier zeigt sich wieder,
  1157. 43:41wie wichtig Gesten und konkrete
  1158. 43:43menschliche Handlungen für Joto sind.
  1159. 43:46Menschen begrüßen Christus, andere legen
  1160. 43:49ihre Gewänder vor ihm auf dem Boden.
  1161. 43:51Einer versucht gerade sein Gewand
  1162. 43:53auszuziehen.
  1163. 43:55Solche alltägliche Beobachtungen machen
  1164. 43:57das biblische Ereignis körperlich
  1165. 43:58nachvollziehbar. Die offizielle
  1166. 44:00Beschreibung der Scovini Kapelle hebt
  1167. 44:02gerade diese realistischen
  1168. 44:04Einzelbeobachtungen besonders hervor.
  1169. 44:08Interessant ist nun aber vor allem der
  1170. 44:10Raum. Wie bei vielen Szenen Dottos
  1171. 44:13spielt sich die eigentliche Handlung
  1172. 44:14relativ weit vorne ab. Können deshalb
  1173. 44:17wieder von einem flachen bühnenartigen
  1174. 44:19Handlungsraum sprechen. Entscheidend ist
  1175. 44:21aber, dass dieser Raum nicht mehr
  1176. 44:23einfach eine neutrale Fläche hinter den
  1177. 44:25Figuren bildet. Landschaft und
  1178. 44:28Architektur gliedern das Geschehen. Sie
  1179. 44:30geben den Figuren einen konkreten Ort
  1180. 44:32und unterstützen gleichzeitig die
  1181. 44:34Erzählung.
  1182. 44:36Jerusalem wird zum Ziel der Bewegung
  1183. 44:38Christi. An dieser Stelle müssen wir
  1184. 44:41einen Begriff etwas genauer erklären.
  1185. 44:44Bei Joto begegnen uns häufig Gebäude,
  1186. 44:46die nicht nur frontal gezeigt werden.
  1187. 44:48Wir sehen teilweise mehrere Seiten eines
  1188. 44:50Baukörpers.
  1189. 44:52Man bezeichnet das als Übereckansicht.
  1190. 44:55Dadurch gewinnt Architektur Volumen.
  1191. 44:58Bekommen den Eindruck, dass sich die
  1192. 44:59Figuren tatsächlich vor, neben oder
  1193. 45:01innerhalb räumlicher Körper befinden.
  1194. 45:04Dabei dürfen wir Joto aber noch keine
  1195. 45:06mathematische Zweifunktperspektive
  1196. 45:08im modernen Sinn zuschreiben. Seine
  1197. 45:11Raumdarstellung ist präperspektivisch,
  1198. 45:15also vor der Perspektive.
  1199. 45:18Die verschiedenen räumlichen Ansichten
  1200. 45:21werden anschaulich miteinander
  1201. 45:22verbunden, folgen aber noch nicht
  1202. 45:24einheitlichen geometrischen System mit
  1203. 45:27mathematisch konstruierten
  1204. 45:28Fluchtpunkten.
  1205. 45:30Die systematische Zentralperspektive
  1206. 45:32entwickelt sich erst später in der
  1207. 45:34Renaissance. Und damit kommen wir wieder
  1208. 45:36zu unserem Thema Figurenkontext. Die
  1209. 45:38Figuren befinden sich bei Tot nicht mehr
  1210. 45:41nur vor einem symbolischen Hintergrund.
  1211. 45:43Sie erhalten einen konkreten räumlichen
  1212. 45:45Standort, bewegen sich aufeinander zu
  1213. 45:47und reagieren aufeinander. Der Raum wird
  1214. 45:50damit selbst zu einem Teil der Handlung.
  1215. 45:53Der Raum ist bei Joton nicht nur
  1216. 45:55Hintergrund, er wird zum Handlungs und
  1217. 45:57Bewegungsraum der Figuren.
  1218. 46:00So, nachdem wir jetzt eine Reihe von
  1219. 46:01Werken Jotus untersucht haben, können
  1220. 46:03wir die wichtigsten Gestaltungsmittel
  1221. 46:05noch mal systematisch zusammenfassen.
  1222. 46:08Diese Kategorien sind gleichzeitig eine
  1223. 46:10Hilfestellung für eure eigene
  1224. 46:11Werkanalyse.
  1225. 46:13Beginnen wir mit Form und Figuren. Jotus
  1226. 46:16Figuren besitzen deutlich Körpervolumen,
  1227. 46:18Gewicht und Standfestigkeit.
  1228. 46:21Durch helldunkel Abstufungen modelliert
  1229. 46:23er die Gewände soß dem Körper darunter
  1230. 46:25wahrnehmen können. Die Menschen scheinen
  1231. 46:28tatsächlich auf dem Boden zu stehen, zu
  1232. 46:30sitzen, zu knien oder sich zu bewegen.
  1233. 46:33Genau diese Verbindung von Volumen,
  1234. 46:35Masse und körperliche Präsenz gehört zu
  1235. 46:38den wesentlichen Neuerungen seiner
  1236. 46:40Malerei. Dabei verwendet Jotto
  1237. 46:42unterschiedliche Ansichten. Wir finden
  1238. 46:45Figuren im Profil, frontal oder in
  1239. 46:47dreiviertelansicht, aber auch
  1240. 46:49Rückenfiguren und Verkürzungen.
  1241. 46:52Für eine Analyse reicht es allerdings
  1242. 46:54nicht aus, diese Form nur aufzuzählen.
  1243. 46:57Entscheidend ist immer die Frage, welche
  1244. 46:59Funktion haben Sie? Eine Rückenfigur
  1245. 47:01kann beispielsweise Raumtiefe erzeugen
  1246. 47:04und uns als Betrachtende in eine Szene
  1247. 47:07hineinführen.
  1248. 47:08Eine Körperwendung kann eine Beziehung
  1249. 47:10zu einer anderen Figur herstellen. Eine
  1250. 47:13ausgestreckte Hand kann je nach Kontext
  1251. 47:15lehren, segnen, befehlen oder abwehren.
  1252. 47:19Damit sind wir wieder bei unserem
  1253. 47:20hermineutischen Modell. Die Bedeutung
  1254. 47:22einer Körperhaltung oder Geste entsteht
  1255. 47:24aus ihrem Kontext. Das gleiche gilt für
  1256. 47:27den Raum. Jotto entwickelt noch keine
  1257. 47:29mathematisch konstruierte
  1258. 47:31Zentralperspektive, wie es BI später in
  1259. 47:33der Renaissance kennengelernen werden.
  1260. 47:35Trotzdem erhalten seine Figuren einen
  1261. 47:37konkreten räumlichen Standort. Wir haben
  1262. 47:40dafür den Begriff Reliefraumen
  1263. 47:42kennengelernt, einen relativ flachen und
  1264. 47:44begrenzten Bildraum, in dem
  1265. 47:46Überschneidungen, Staffelungen,
  1266. 47:48Architektur, Landschaft und Verkürzungen
  1267. 47:50räumliche Beziehungen herstellen.
  1268. 47:53Dieser Raum funktioniert häufig wie eine
  1269. 47:55Bühne und das ist entscheidend. Die
  1270. 47:58Bühne ist für die Handlung da.
  1271. 48:00Architektur und Landschaft helfen Jotto
  1272. 48:02Beziehungen zwischen den Figuren zu
  1273. 48:04organisieren und die Erzählung
  1274. 48:06verständlich zu machen. Auch bei der
  1275. 48:08Komposition sollten wir deshalb immer
  1276. 48:10nach Beziehungen fragen. Wo befinden
  1277. 48:12sich Figurengruppen? Welche Personen
  1278. 48:14stehen sich gegenüber? Welche Linien und
  1279. 48:17Blickrichtungen verbinden sie? Wo liegt
  1280. 48:19das inhaltliche Zentrum? Und wie wir bei
  1281. 48:22der Beweinung gesehen haben, muss diese
  1282. 48:25inhaltliche dieses inhaltliche Zentrum
  1283. 48:27keineswegs mit der geometrischen
  1284. 48:29Bildmitte übereinstimmen.
  1285. 48:32Farbe besitzt bei Joto mehrere
  1286. 48:33Funktionen gleichzeitig. Sie bezeichnet
  1287. 48:36zunächst Gegenstände und Gewänder. Durch
  1288. 48:38Hell Dunkelabstufungen modelliert sie
  1289. 48:40Körper und erzeugt Volumen.
  1290. 48:43Farbkontraste können Figuren voneinander
  1291. 48:45unterscheiden, Gruppen bilden oder
  1292. 48:47unseren Blick auf bestimmte Bereiche
  1293. 48:48lenken. Gleichzeitig kann Farbe
  1294. 48:51symbolische Bedeutung besitzen. Dabei
  1295. 48:53müssen wir aber vorsichtig sein. Es gibt
  1296. 48:55keinen einfachen Farbcode, bei dem eine
  1297. 48:58Farbe in jedem Bild automatisch dasselbe
  1298. 49:00bedeutet.
  1299. 49:01Symbolfarbe muss immer im jeweiligen
  1300. 49:03religiösen und bildlichen Kontext
  1301. 49:05untersucht werden. Damit haben wir drei
  1302. 49:08große Kategorien. Form zeigt uns, wie
  1303. 49:11die Figur körperlich erscheint. Raum
  1304. 49:13zeigt uns, wo und in welchen Beziehungen
  1305. 49:16sie handelt. Farbe modelliert, gliedert
  1306. 49:19und vermittelt Bedeutung.
  1307. 49:23Und genau daraus ergibt sich wieder
  1308. 49:25unser übergeordnetes Thema. Bei Chuo
  1309. 49:27lässt sich die Figur nicht isoliert
  1310. 49:29verstehen. Ihre Bedeutung entsteht aus
  1311. 49:31dem Zusammenspiel von Körper, Raum,
  1312. 49:34Farbe, Handlung und den Beziehungen zu
  1313. 49:36anderen Figuren.
  1314. 49:39Schauen wir uns noch kurz an, wie Jottos
  1315. 49:41Bilder technisch überhaupt entstanden
  1316. 49:42sind. Jot und seine Werkstatt arbeiteten
  1317. 49:45in der Scrovini Kapelle vor allem mit
  1318. 49:47der Frescotechnik, genauer mit dem
  1319. 49:49sogenannten Born Fresco. Dabei werden
  1320. 49:53pulverförmige Pigmente mit Wasser
  1321. 49:55angerührt und auf einen noch feuchten
  1322. 49:57Kalkputz aufgetragen.
  1323. 50:00Während der Putz trocknet bzw. sie
  1324. 50:02chemisch abbindet, werden die Pigmente
  1325. 50:05fest in die Oberfläche eingebunden.
  1326. 50:08Die Farbe liegt deshalb nicht wie eine
  1327. 50:10dicke Farbschicht auf der Wand, sondern
  1328. 50:12wird gewissermaßen Bestandteil ihrer
  1329. 50:14Oberfläche.
  1330. 50:16Das hat natürlich auch Auswirkungen auf
  1331. 50:18die Wahlweise. Wir finden keine
  1332. 50:19Pastrosenfarbschichten
  1333. 50:21und keinen stark hervortretenden
  1334. 50:23Pinselduktus, wie wir später dann bei
  1335. 50:26Bacon sehen.
  1336. 50:29Eine Schwierigkeit der Fresskotechnik
  1337. 50:30besteht darin, dass der Künstler nur so
  1338. 50:32lange auf einer Fläche arbeiten kann,
  1339. 50:34wie der Putz feucht ist. Deshalb wurde
  1340. 50:37nicht eine ganze Wand gleichzeitig
  1341. 50:39verputzt. Man bereitete jeweils nur eine
  1342. 50:42begrenzte Fläche vor, die innerhalb
  1343. 50:44eines Arbeitstages bemalt werden konnte.
  1344. 50:47Solche Arbeitsabschnitte nennt man
  1345. 50:49Journate, also Tagwerke.
  1346. 50:53An manchen Fresten können wir die
  1347. 50:55Grenzen dieser einzelnen
  1348. 50:56Arbeitsabschnitte heute noch
  1349. 50:58nachvollziehen.
  1350. 51:00Allerdings wurde nicht jede Farbe
  1351. 51:01ausschließlich auf feuchten Putz
  1352. 51:03aufgetragen. Bestimmte Pigmente und
  1353. 51:06Details konnten nachträglich als Seeko,
  1354. 51:09also auf dem bereits trockenen Putz
  1355. 51:11ergänzt werden.
  1356. 51:13Ein besonderes interessantes Beispiel
  1357. 51:15haben wir gerade beim Einzug Christi in
  1358. 51:18Jerusalem gesehen. Das Blau des Gewandes
  1359. 51:21Christi bestand ursprünglich aus
  1360. 51:22kostbarem Ultramaren, das aus La
  1361. 51:25Pislazuli
  1362. 51:26wurde. Dieses Blau wurde auf trockenen
  1363. 51:29Putz aufgetragen. Dadurch behielt es
  1364. 51:32zwar seine intensive Farbwirkung,
  1365. 51:34verband sich aber nicht so dauerhaft mit
  1366. 51:36der Wand, wie die im feuchten Putz
  1367. 51:38gebundenen Pigmente.
  1368. 51:41Deshalb ist heute ein Teil dieser blauen
  1369. 51:43Farbschicht verloren. Daraus können wir
  1370. 51:45etwas Wichtiges erkennen.
  1371. 51:47Nämlich, dass der heutige Zustand eines
  1372. 51:49Kunstwerks nicht vollständig seine
  1373. 51:52ursprünglichen Erscheinung entsprechen
  1374. 51:54muss.
  1375. 51:55Wenn wir als die Formen eines über 700
  1376. 51:57100 Jahre alten Fresskurs analysieren,
  1377. 51:59sollten wir immer berücksichtigen, das
  1378. 52:01Material, Technik, Alterung und
  1379. 52:04Restaurierung unsere heutige Wahrnehmung
  1380. 52:06beeinflussen.
  1381. 52:09Damit können wir uns jetzt
  1382. 52:12ähm unsere abschließenden
  1383. 52:14Zusammenfassung widmen und drei Dinge
  1384. 52:17unter voneinander unterscheiden. Einmal
  1385. 52:20ist es die Mahlzechnik, die erklärt uns,
  1386. 52:23wie die Farbe auf die Wand kommt. In
  1387. 52:25diesem Fall ist es eben diese Fresco
  1388. 52:27Technik.
  1389. 52:30Dann ähm
  1390. 52:32die Farbgestaltung, die erklärt uns, wie
  1391. 52:34Jotto mit Farbe, Körper, Raum und
  1392. 52:37Komposition gestaltet.
  1393. 52:39Ähm und die Farbfunktion fragt
  1394. 52:42schließlich, welche Bewirkung und
  1395. 52:43Bedeutung Farbe innerhalb des Bildes
  1396. 52:45erhält.
  1397. 52:47Wir haben jetzt die einzelnen
  1398. 52:48Gestaltungsmittel Jotos kennengelernt.
  1399. 52:50Deshalb möchte ich zum Abschluss noch
  1400. 52:51mal zu unserem eigentlichen Oberthema
  1401. 52:53zurückkehren. Was bedeutet bei Joto
  1402. 52:56Figur im Kontext?
  1403. 52:58Eine Figur sollten wir bei Joto
  1404. 53:00grundsätzlich nicht isoliert betrachten.
  1405. 53:03Wir können beispielsweise eine
  1406. 53:05ausgestreckte Hand beschreiben, aber die
  1407. 53:07Hand allein sagt uns noch nicht, was sie
  1408. 53:09bedeutet.
  1409. 53:11Erst wenn wir untersuchen, wer diese
  1410. 53:13Bewegung ausführt, an wen sie sich
  1411. 53:15richtet und innerhalb welcher Handlung
  1412. 53:18sie stattfindet, können wir sie
  1413. 53:20verstehen. Deshalb ist die erste Frage
  1414. 53:23immer: Was geschieht?
  1415. 53:25Dann fragen wir, von welcher Figur geht
  1416. 53:28die Handlung aus? Wer reagiert darauf?
  1417. 53:31Wer beobachtet?
  1418. 53:32Dabei können wir zwischen Aktion,
  1419. 53:34Reaktion und Beobachtung unterscheiden.
  1420. 53:37Allerdings bedeutet eine scheinbar
  1421. 53:39passive Figur nicht automatisch, dass
  1422. 53:41sie unwichtig ist.
  1423. 53:43Eine Rückenfigur kann beispielsweise
  1424. 53:46kaum etwas zur eigentlichen Handlung
  1425. 53:47beitragen und trotzdem kompositorisch
  1426. 53:50sehr wichtig sein, weil sie ihr Raum
  1427. 53:52erzeugt oder unseren Blick auf das
  1428. 53:54Zentrum lenkt. Genau das haben wir ja
  1429. 53:57bei der Beweinung Christi gesehen.
  1430. 54:00Als nächstes untersuchen wir den Körper
  1431. 54:02selbst. Haltung, Bewegung, Gestik, Mimik
  1432. 54:05und Blickrichtung.
  1433. 54:07Außerdem können Figuren im Profil in
  1434. 54:10dreiviertelansicht oder mit dem Rücken
  1435. 54:12zu uns erscheinen.
  1436. 54:14Diese unterschiedlichen Ansichten tragen
  1437. 54:16wesentlich dazu bei, dass wir Jotus
  1438. 54:18Figuren als körperliche Menschen
  1439. 54:20wahrnehmen, die tatsächlich einen Raum
  1440. 54:22einnehmen.
  1441. 54:24Entscheidend sind dann die Beziehungen
  1442. 54:26zwischen den Figuren. Wer schaut wen an?
  1443. 54:29Wer berührt wen? Wer bewegt sich auf
  1444. 54:32eine andere Person zu? Wer wendet sich
  1445. 54:35ab? Welche Figuren bilden Gruppen und
  1446. 54:38welche stehen einander gegenüber?
  1447. 54:41Denkt beispielsweise an die Gefangenerne
  1448. 54:43Christi. Christus und Judas erhalten
  1449. 54:46ihre Wirkung gerade durch ihr
  1450. 54:48unmittelbares Gegenüber.
  1451. 54:50Gleichzeitig reagieren die Menschen um
  1452. 54:52sie herum durch Bewegungen, Gesten und
  1453. 54:54Blicke auf das Ereignis.
  1454. 54:57Die Figur wird also durch ein ganzes
  1455. 54:59Beziehungsgefüge lesbar.
  1456. 55:02Dazu kommt der Raum.
  1457. 55:05Eine Handlung kann in einem Innenraum,
  1458. 55:07einem öffentlichen oder städtischen Raum
  1459. 55:09oder in einer Landschaft stattfinden.
  1460. 55:12Dabei ist der Raum bei Toto nicht bloß
  1461. 55:14Dekoration.
  1462. 55:16Architektur, Landschaft,
  1463. 55:18Überschneidungen und Staffelungen geben
  1464. 55:21den Figuren einen konkreten Standort.
  1465. 55:24Joto entwickelte zwar noch nicht die
  1466. 55:26mathematische Zentralperspektive der
  1467. 55:28Renaissance, schafft aber zunehmend
  1468. 55:31überzeugende irdische Räume, in denen
  1469. 55:34seine Figuren körperlich handeln können.
  1470. 55:38Dabei müssen wir auch fragen, wo eine
  1471. 55:40Figur innerhalb der Komposition steht.
  1472. 55:43Eine Hauptfigur muß nicht geometrisch in
  1473. 55:46der Bildmitte stehen. In der Beweinung
  1474. 55:50befindet sich Christus weit links unten
  1475. 55:53und trotzdem führen Landschaft, Körper,
  1476. 55:55Gesten und Blicke zu ihm hin. Er bleibt
  1477. 55:58dadurch das inhaltliche und emotionale
  1478. 56:01Zentrum.
  1479. 56:03Und schließlich gibt es noch eine letzte
  1480. 56:05Ebene, den religiösen und historischen
  1481. 56:08Kontext.
  1482. 56:09Wir müssen wissen, welche Geschichte
  1483. 56:11dargestellt wird, welche Rolle eine
  1484. 56:13Figur innerhalb dieser Geschichte
  1485. 56:15besitzt und welche religiöse Bedeutung
  1486. 56:18das Geschehen für den damaligen
  1487. 56:20Betrachter hatte. Damit ergibt sich für
  1488. 56:23unsere Bildanalyse ein einfaches
  1489. 56:25Prinzip. Wir fragen nicht nur, wie sieht
  1490. 56:27die Figur aus? Wir fragen, was tut sie,
  1491. 56:30auf wen reagiert sie, wo befindet sie
  1492. 56:33sich und innerhalb welcher Geschichte
  1493. 56:35erhält sie ihre Bedeutung.
  1494. 56:37Und deshalb können wir Totto am Ende in
  1495. 56:39einer Form zusammenfassen.
  1496. 56:43Die Bedeutung einer Figur entsteht bei
  1497. 56:45Joto nie isoliert, sondern aus ihrer
  1498. 56:48Handlung, ihren Beziehungen zu anderen
  1499. 56:50Figuren, ihrer Position im Raum und
  1500. 56:53ihrer Einbindung in den religiösen und
  1501. 56:56historischen Kontext.
  1502. 56:58Wie Georgeo diese Halsgeschichte
  1503. 57:00körperlich erfahrbar macht, können wir
  1504. 57:02besonders gut erkennen, wenn wir
  1505. 57:03unterschiedliche Szenen miteinander
  1506. 57:04vergleichen. Seine Menschen besitzen
  1507. 57:07Volumen und Gewicht. Sie stehen auf dem
  1508. 57:09Boden, berühren sich, wenden sich
  1509. 57:11einander zu und reagieren körperlich und
  1510. 57:13emotional auf das Geschehen.
  1511. 57:15Z.B. sehen wir hier die Gefangenname
  1512. 57:17Christi. Hier erleben wir Konfrontation
  1513. 57:20und Bedrohung.
  1514. 57:22Bei der Beweinung Christi sehen wir ganz
  1515. 57:24unterschiedliche Formen der Trauer. Beim
  1516. 57:27Bethlehemitischen Kindermord bestimmen
  1517. 57:29Schutz, Abwehr, Angst und Gewalt die
  1518. 57:31Beziehung zwischen den Körpern.
  1519. 57:34Jojo zeigt Emotionen dabei nicht allein
  1520. 57:36durch den Gesichtsausdruck. Der gesamte
  1521. 57:38Körper wird zum Ausdrucksträger durch
  1522. 57:41Haltung, Bewegung, Gestik,
  1523. 57:43Blickrichtung, Berührung sowie Nähe und
  1524. 57:45Distanz.
  1525. 57:46Darin können wir Ansätze einer stärkeren
  1526. 57:48Individualisierung und psychologischen
  1527. 57:51Differenzierung erkennen. Die Figuren
  1528. 57:54reagieren nämlich nicht alle gleich auf
  1529. 57:55den Ereignis. Gerade bei der Beweinung
  1530. 57:58Christi finden wir sehr unterschiedliche
  1531. 58:00körperliche Formen des Trauerns.
  1532. 58:03Durch diese körperlich nachvollziehbaren
  1533. 58:05Emotionen wird auch der Betrachterstärke
  1534. 58:07in das Geschehen einbezogen.
  1535. 58:10Trauer, Angst, Zuneigung oder Bedrohung
  1536. 58:13werden nicht nur erzählt, sondern
  1537. 58:14anschaulich und emotional miterlebbar.
  1538. 58:19Damit zeigt sich noch einmal besonders
  1539. 58:21deutlich, was Figur im Kontext Bjotto
  1540. 58:23bedeutet. Die Bedeutung einer Figur
  1541. 58:26entsteht aus ihrer Handlung, ihren
  1542. 58:28Beziehungen zu anderen Figuren, ihrer
  1543. 58:31Position im Raum und ihrer Einbindung in
  1544. 58:34die übergeordnete religiöse Geschichte.
  1545. 58:37Bei Chochu haben wir gesehen, dass eine
  1546. 58:38Figur niemals isoliert betrachtet werden
  1547. 58:40kann. Körper, Raum, Beziehungen, Farbe
  1548. 58:43und Form bestimmen ihre Wirkung und
  1549. 58:45Bedeutung. Hinzu kommt der historische
  1550. 58:48und weltanschauliche Kontext.
  1551. 58:50Genau diese Aspekte werden uns auch bei
  1552. 58:52Francis Bacon beschäftigen. Allerdings
  1553. 58:55begegnet uns dort eine völlig andere
  1554. 58:57Darstellung des Menschen. Was sich
  1555. 58:59verändert und warum werden wir in der
  1556. 59:01nächsten Einheit untersuchen.
  1557. 59:04Das war's Leute, jetzt habt ihr es
  1558. 59:05geschafft. Ciao.

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