Frankfurt am Limit? Die reiche Mainmetropole und ihre Drogenszene | DW Reporter — Transcript
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- 0:01Eine offene Drogenszene neben Banken und
- 0:03Hochhäusern. In einer der reichsten
- 0:05Städte Deutschlands liegen die
- 0:07Gegensätze dicht beieinander. Frankfurt
- 0:09galt lange als Vorreiter in der
- 0:11Drogenhilfe, doch die Szene verändert
- 0:13sich.
- 0:14Es ist Fender dazu gekommen, die
- 0:15Menschen werden immer jünger.
- 0:17Während die Stadt auf professionelle
- 0:19Suchthilfe setzt, versuchen Menschen wie
- 0:21Mo auf eigene Weise zu helfen.
- 0:23Mo ist für mich. Doch Mo hat hier lange
- 0:26selbst Drogen vertickt. Er nimmt uns mit
- 0:29ins Frankfurter Bahnhofsviertel.
- 0:42Ich sag mal viele die
- 0:45Mohammed Bussaidi läuft durch sein
- 0:47Revier, das Frankfurter Bahnhofsviertel.
- 0:51Jeden Tag kommt er her, um seine
- 0:53Schützlänge zu besuchen, wie er die
- 0:55suchtkranken Menschen hier nennt. Mit
- 0:57seinem Verein will er ihnen aus der
- 0:59Sucht helfen. Eddie kennt er schon
- 1:01einige Jahre.
- 1:11Nacht, ich das war die schlimmste lang.
- 1:14Ich wollte dich umbringen.
- 1:16Wollen es wieder versuchen ein Versuch.
- 1:18Du bist es doch wert. Denkst du, ich
- 1:20habe sofort aufgehört damals? Ich habe
- 1:21auch meine Zeit gebraucht. Ich habe 100
- 1:23Anläufe gebraucht, bis ich es geschafft
- 1:24habe. Ich
- 1:25weiß ich meine und du schaffst du auch,
- 1:27mein Bruder.
- 1:28Mo versucht ihn zu einem weiteren Entzug
- 1:30zu motivieren. Eddie ist seit 37 Jahren
- 1:33im Frankfurter Bahnhofsviertel.
- 1:36Meine Leibchen Eltermann auch abroger
- 1:39damit heimgekommen z Jahre lang. Die hat
- 1:42uns Schlaftabletten und Alkohol gegeben.
- 1:45Kindern.
- 1:48Er ist nur einer von vielen suchtkranken
- 1:50Menschen hier im Viertel.
- 1:53Ja, ich komme.
- 1:57Mo sagt, die Szene werde jünger. Diese
- 2:00Minderjährige habe er bereits sieben mal
- 2:02der Polizei übergeben.
- 2:03Ich bin seit zwei Tagen. Ich habe es
- 2:05richtig gut gesch
- 2:07und ich habe mit dir halt gemacht, ich
- 2:08werde die Polizei nicht mehr rufen, wenn
- 2:10sie immer zu mir kommt, mit mir ehrlich
- 2:12ist und sich auch helfen lässt. Und wie
- 2:15alt bist du? 14
- 2:1814 Jahre alt und raucht schon Quick. Wir
- 2:21sind da und sagen, wenn du es
- 2:23rausschaffen möchtest, würden wir dich
- 2:24in der Entgiftung anmelden, sich dich
- 2:26über die Therapien begleiten und das
- 2:28Wichtigste nach der Therapie für dich da
- 2:29zu sein.
- 2:32Heute hilft Mo den Menschen hier. Früher
- 2:35verkaufte er ihnen Drogen, sagt er, als
- 2:37Dealer. Davor war er spielsüchtig, hatte
- 2:41zu viele Schulden. Dann habe ich mich in
- 2:43Frankf Bahnhoftel dann komplett
- 2:44versteckt und dann halt die Drogen
- 2:46verkauft.
- 2:48Mo wird verhaftet, das ändert sein
- 2:50Leben, erzählt er. Was ihn angetrieben
- 2:52hat, waren Menschen, die ihn unterstützt
- 2:54haben.
- 2:56Und so kam ich auf die Idee für [musik]
- 2:58die Menschen eine Familie aufzubauen,
- 2:59weil ich es in meiner
- 3:01Sucht gesehen habe, [musik] dass es mir
- 3:03geholfen hat.
- 3:08Moos Team M069 besteht mittlerweile aus
- 3:11rund 100 ehrenamtlichen Helfern. Heute
- 3:14verteilen sie Kleiderspenden.
- 3:17Ja, guck mal, eine geile Jeans mit
- 3:19Schild sogar.
- 3:20Ja, da die ist geil oder
- 3:24sowas. Wir versuchen hier eine Beziehung
- 3:26zu den Konsumenten aufzubauen. Die
- 3:27brauchen Vertrauen, weil die haben jetzt
- 3:30ganz viele Jahre hier auf der Straße nur
- 3:32Luk und Betrug und Clown und ganz
- 3:35schlimme Sachen erlebt.
- 3:37Laura ist selbst Frankfurterin und hilft
- 3:39mit, weil sie die Situation für die
- 3:41Stadt verbessern will. Für andere
- 3:43Frankfurter ist das Viertel Tabuzone,
- 3:45erzählt sie.
- 3:47Ich
- 3:49kann das verstehen. Es ist ein
- 3:51erschreckendes Bild, wenn man hier
- 3:52durchläuft, aber dennoch darf man nie
- 3:54vergessen, dass es sich hier um Menschen
- 3:56handelt und die sind irgendwann mal
- 3:58falsch abgebogen und das kann jedem von
- 4:01uns passieren.
- 4:02Mo setzt bei seinem Team auf
- 4:04ehrenamtliche, teils mit eigener
- 4:06Drogenerfahrung. Sein Projekt versteht
- 4:08er als Ergänzung zur professionellen
- 4:10Suchthilfe. Die hält er manchmal für
- 4:13unflexibel.
- 4:14Wir haben keine Regeln. Wir dürfen so
- 4:16weit gehen, wie wir es auch für richtig
- 4:17finden und wie auch der Mensch, der
- 4:19gegenüber uns ist, auch es auch erlaubt.
- 4:22Die Stadt sieht das eher kritisch.
- 4:24Ersetzen könne Modi professionelle Hilfe
- 4:26nicht. Anika Funke leitet das
- 4:28Frankfurter Drogenreferat. Die Situation
- 4:31im Bahnussviertel ist sehr komplex und
- 4:34letztendlich kann ehrenamtliches
- 4:36Engagement an der Stelle nicht das
- 4:39leisten oder auffangen, was
- 4:41professionelle Hilfe am Ende des Tages
- 4:43leisten kann, weil professionelle Hilfe
- 4:45bedeutet, dass jemand fachlich
- 4:46qualifiziert ist, dass er nach Standards
- 4:49arbeitet und dass die Person auch eine
- 4:51ganz andere Kontinuität in der Betreuung
- 4:53sicherstellen kann.
- 4:56Frankfurt ist bekannt für seinen
- 4:57besonders liberalen Umgang mit Drogen.
- 5:00Der Frankfurter Weg. Anfang der 1990er
- 5:03Jahre erreichte die Zahl der Drogentoten
- 5:05einen Höhepunkt mit 147 Menschen. Die
- 5:09Stadt reagierte mit einem Kurswechsel.
- 5:11Der Frankfurter Weg setzte auf Hilfe
- 5:14statt alleiniger Repression. Die Zahl
- 5:16der Drogentoten sank deutlich auf 20 bis
- 5:1830 im Jahr. Diesen Kurs verfolgt die
- 5:21Stadt bis heute.
- 5:25Andreas Jeremia arbeitet seit 29 Jahren
- 5:29in der Drogenhilfe und leitet einen
- 5:31Konsumraum.
- 5:33Seit letzten November in Betrieb. Einmal
- 5:35ist es schlicht und einfach
- 5:36Überlebenshilfe. Das heißt, hier können
- 5:38schwerstabhängige Untersicht
- 5:41konsumieren. Das heißt, wir können bei
- 5:43etweigen Überdosierung sofort adäquat
- 5:46erste Hilfemaßnahmen einleiten. Es ist
- 5:48Gesundheitsprohylaxe. Die Konsumentinnen
- 5:50bekommen sauberes Spritzbesteck.
- 5:53Ähm, sie werden beraten. Ähm, natürlich
- 5:57hat das Ganze auch eine
- 5:58sozialarbeitische Komponente.
- 6:00Täglich betreuen Sie hier 2 bis
- 6:03Konsumvorgänge und entlasten so auch den
- 6:05öffentlichen Raum. Zutritt haben nur
- 6:07Volljährige mit einer Abhängigkeit.
- 6:10Die Leute kommen ja hier nicht her
- 6:12irgendwie, weil so lustig ist, sondern
- 6:13die Leute müssen wieder irgendwie
- 6:15funktionieren und die Szene draußen ist
- 6:17sehr stressig. Das Bahnhofviertel ist
- 6:19natürlich das Viertel mit der höchsten
- 6:21Polizeidichte. Das ist natürlich auch
- 6:23ein Rückzugsraum.
- 6:24Gleichzeitig soll der Konsumraum den Weg
- 6:26zu weiterer Hilfe öffnen.
- 6:28Wir holen erstmal die Leute in der
- 6:30Situation ab, in der sie sich befinden,
- 6:32aber das kann natürlich hier auch ein
- 6:33Einstieg in den Ausstieg sein.
- 6:36Ausstieg aus den Drogen. So weit ist
- 6:38Eddie noch nicht. Immerhin hat er ein
- 6:40Dach über dem Kopf.
- 6:42Das ist Weit.
- 6:44Die Stadt hat ihn in einem einfachen
- 6:46Hotel im Viertel untergebracht. damit er
- 6:48nicht mehr auf der Straße schlafen muss.
- 6:52Das ist mein Mitbewohner,
- 6:54das ist auch mein Bruder.
- 6:57Wow. Wer hat dir gegeben
- 7:00hier? Du du trägst den rechten Schlag
- 7:02link
- 7:07keine 50 m entfernt.
- 7:11Jutta Even schneidet Fleischkäse auf.
- 7:13Ihre Metzgerei führt sie in dritter
- 7:15Generation. Für sie bedeutet der
- 7:17liberale Umgang mit den Drogen, der
- 7:19Frankfurter Weg Probleme fürs Geschäft.
- 7:23Die Kundschaft, die aus der Richtung
- 7:25kommt, da kommt keiner mehr, weil er
- 7:27keinen Bock hat, ich schon mittags da
- 7:30den ganzen Menschen anzutrunen. Das kann
- 7:32ich voll und ganz verstehen, ne?
- 7:34Entschuldigung, ich vielleicht eine
- 7:36oder?
- 7:37Nein,
- 7:39das ist eine Begegnung, die oft
- 7:40passiert. Ja, wir kriegen viel
- 7:42angeboten, was irgendwo mitgenommen
- 7:44worden ist, um es halt zu verkaufen, um
- 7:49Geld zu haben, um dich die Drogen haufen
- 7:52zu können.
- 7:53Drogen und Beschaffungskriminalität
- 7:55gehören zu ihrem Alltag. Sie lebt über
- 7:58der Metzkerei und sieht oft vom
- 8:00Wohnzimmerfenster aus, was auf der
- 8:02Straße passiert. Ich habe das also jeden
- 8:04Tag. Ich habe das 24 Stunden. Ich habe
- 8:06die Musik von Clubs, ich habe die
- 8:09Schreierei, ich habe den Dreck. Das
- 8:12heißt, wenn jemand dringend der Notdruft
- 8:14hinterher muss, dann gießen die bei uns
- 8:17hiers Haus.
- 8:18Jutta Even hat Mitgefühl mit den
- 8:20Menschen auf der Straße, doch viele von
- 8:22ihnen bräuchten aus ihrer Sicht eine
- 8:24intensivere Betreuung.
- 8:26Die bräuchten eine stationäre Aufnahme
- 8:28in dem Krankenhaus oder in der größeren
- 8:31Hilfestation. Was mir am meisten mit äh
- 8:33mich stört, ist eigentlich, dass diese
- 8:35Hilfeangebote, die es ja im
- 8:37Bahnhofsviertel ausreichend gibt, die
- 8:39sind alle so verteilt. Ja, man hat immer
- 8:42so einen Wandel, die laufen immer von
- 8:43einer Ecke in die andere.
- 8:49Die Zahl der Schwerstabhängigen in der
- 8:51Drogenszene schwankt seit einigen Jahren
- 8:53zwischen 2 und 300. Gleichzeitig hat
- 8:56Crack die Szene verändert. Die kurze
- 8:59anregende Wirkung macht den Konsum
- 9:01hektischer und das Verhalten
- 9:03auffälliger. Ist der Frankfurter Weg
- 9:05gescheitert? Das Missverständnis, das
- 9:07häufig besteht, ist, dass der
- 9:09Frankfurter Weg kein starres System ist.
- 9:11Seit Beginn ist der Frankfurter Weg
- 9:13eigentlich immer auf Grundlage von
- 9:15wissenschaftlichen Erkenntnissen ähm und
- 9:17anhand der aktuellen Bedarfslage
- 9:19angepasst worden und letztendlich sind
- 9:21wir jetzt wieder an dem Punkt, an dem es
- 9:23einfach andere Antworten braucht.
- 9:27Eine der Antworten: Crack Konsumierende
- 9:29sollen ein neues Hilfszentrum bekommen.
- 9:32Dort stehen bald Konsumplätze,
- 9:34medizinische Hilfe und Betten bereit.
- 9:37Eine Droge, die in Frankfurt gerade noch
- 9:39im Kommen sei, Fentanl. Es wird vor
- 9:41allem über medizinische Schmerzpflaster
- 9:43konsumiert, die aufgekocht werden.
- 9:46Aktuell entfallen 3,7%
- 9:49auf Pentanyl. Wir haben aber Hinweise
- 9:51darauf, dass es außerhalb der
- 9:52Konsumräume häufiger zum Konsum von
- 9:56Fentanlpflastern kommt. Das heißt, wir
- 9:58stellen uns natürlich auf eine weitere
- 10:01Verbreitung von Fentanyl und anderen
- 10:03synthetischen Opioiden ein.
- 10:09Freitagabend im Bahnhofsviertel.
- 10:18Mo und sein Team bereiten sich auf ihre
- 10:21nächste Aktion vor. Sie wollen
- 10:23drogenkranke Frauen schützen, die sich
- 10:25prostituieren. Ihr Ziel: Die Kunden zur
- 10:27Rede stellen. Das ganze live auf TikTok.
- 10:30Eine Frau, der Sie helfen wollen, ist
- 10:33Jasmina.
- 10:35Keine Ahnung, wie mein Tag heute
- 10:37weitergeht, aber
- 10:40ich ich werde erst zur Ruhe kommen, wenn
- 10:43ich alles habe, was brauche.
- 10:47Kurz darauf entdecken Mo und seine
- 10:49Kollegin einen mutmaßlichen Freier mit
- 10:51einer Frau auf dem Weg in ein Gebüsch.
- 10:54Die sind daneben eben da sicher. Ja.
- 11:00Na
- 11:01ja.
- 11:01Und was machst du hier? Ich
- 11:03ja mit der Dame, mit der suchtkranken
- 11:05Frau. Es ist eine suchtkranke Frau, die
- 11:07hier von dir ausgenutzt wird. Es ist
- 11:08alles andere als scheißegal. Das
- 11:11Problem, Moil die Frauen schützen, nimmt
- 11:13Ihnen damit aber auch eine
- 11:14Einnahmequelle. Die Polizei ist nicht
- 11:16eingebunden.
- 11:21Ich bin wenigstens noch anständig.
- 11:23Nein, du bist [gelächter] nicht. Er
- 11:24macht immer weiter und weiter. Mehr
- 11:25können wir leider nicht machen.
- 11:27Der Freier und die Frau ziehen weiter.
- 11:38Eddie will Mo etwas Wichtiges sagen.
- 11:40[musik] Er will jetzt endlich weg von
- 11:41den Drogen. Das Hotelzimmer aufgeben,
- 11:44raus aus dem Viertel.
- 11:46Wenn Schnitt machen.
- 11:48So. So hast du immer die Möglichkeit
- 11:50zurückzugehen.
- 11:51Ich verstehe.
- 11:51Und das will ich nicht.
- 11:52Das verstehe ich. Okay,
- 11:53wenn ich das auf und er auch gibt keine
- 11:56Möglichkeit mehr vorne.
- 11:57Geht schon nur nach vorne, weil du auch
- 11:59gesagt hast, du brauchst.
- 12:01Auch nach unserem Dreh kümmert sich Mo
- 12:04weiter um Eddie. Er versucht ihm einen
- 12:06Platz für die Entgiftung zu vermitteln.
- 12:08Ob es diesmal klappt, ist ungewiss. Es
- 12:10wäre ein erster Schritt raus aus einem
- 12:13Leben bestimmt durch die Drogen. M.
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