Flex: Die Marke aus Stuttgart, die zum deutschen Wort fürs Schleifen wurde und Geschichte schrieb — Transcript
Full transcript
- 0:00Es gibt ein deutsches Wort, das
- 0:02Millionen Menschen jeden Tag benutzen,
- 0:04ohne zu ahnen, dass sie damit den Namen
- 0:07einer Firma aussprechen. Das Wort heißt
- 0:10Flexen. Wer eine Wand aufschneidet, eine
- 0:13Fliese kürzt, eine Schweißnaht glättet
- 0:16oder einen rostigen Bolzen durchtrennt,
- 0:18der flext, so selbstverständlich, als
- 0:21hätte es dieses Wort schon immer
- 0:23gegeben. Doch Flexen ist kein
- 0:25gewöhnliches Verb. Es ist der Name einer
- 0:28kleinen Firma aus Stuttgart, die vor
- 0:30mehr als hundert Jahren ein Werkzeug
- 0:32erfand, das die Welt für immer verändern
- 0:35sollte, den handgeführten Schleifer, aus
- 0:38dem später der Winkelschleifer wurde,
- 0:41Flex, ein Name, so tief in die deutsche
- 0:44Sprache eingebrannt, dass kaum jemand
- 0:47ihn noch als Marke erkennt. ist der
- 0:50seltene, fast magische Fall, in dem ein
- 0:53Produkt so gut, so allgegenwärtig,
- 0:56so unentbehrlich wird, dass sein Name
- 0:59das Ding selbst ersetzt. Jeder
- 1:01Handwerker auf diesem Planeten hatte
- 1:03eine Flex schon in der Hand. Und doch
- 1:05kennt fast niemand die dramatische
- 1:07Geschichte der beiden Männer, die
- 1:09dahinter standen, die Geschichte einer
- 1:12Erfindung, die ganze Berufe umkrempelte
- 1:15und die Geschichte einer Marke, die
- 1:17zwischen den Giganten der
- 1:18Werkzeugindustrie beinahe verloren ging
- 1:21und am Ende in fremde Hände fiel. Dies
- 1:24ist die Geschichte von Flex, der Marke,
- 1:27die zum deutschen Wort fürs Schleifen
- 1:29wurde. Um zu verstehen, wie ein
- 1:31Firmenname zu einem Ferb werden kann,
- 1:34muss man zurück ins Stuttgart der frühen
- 1:3620er Jahre. Deutschland lag am Boden.
- 1:40Der Erste Weltkrieg war verloren. Die
- 1:42Wirtschaft ruiniert. Die Inflation fras
- 1:45sich durch das Ersparte ganzer
- 1:47Generationen. Und doch war gerade diese
- 1:50Zeit auch eine Zeit der Erfinder, der
- 1:52Tüftler, der kleinen Werkstätten, in
- 1:55denen Männer mit Öl an den Händen an
- 1:58einer besseren Zukunft schraubten.
- 2:00Stuttgart, das Herz des schwäbischen
- 2:03Erfindergeistes, war voll von solchen
- 2:05Werkstätten. Hier, wo schon Daimler das
- 2:08Automobil erdacht und Robert Bosch seine
- 2:11Zündkerzen zur Weltmarke gemacht hatte,
- 2:14wo der schwäbische Tüftlergeist geradezu
- 2:16in der Luft lag, taten sich im Jahr 1922
- 2:20zwei Männer zusammen, deren Namen heute
- 2:23fast niemand mehr kennt. Hermann
- 2:25Ackermann und Hermann Schmidt. Es war
- 2:28ein Landstrich, dessen Menschen
- 2:30sprichwörtlich waren für ihren Fleiß,
- 2:33ihre Sparsamkeit und ihre Fähigkeit aus
- 2:36wenig etwas Bleibendes zu schaffen. Wer
- 2:38hier eine Firma gründete, tat es nicht
- 2:41mit großen Worten, sondern mit einer
- 2:43guten Idee, geschickten Händen und der
- 2:46schwäbischen Beharlichkeit, nicht
- 2:48aufzugeben, ehe die Sache lief. Genau
- 2:51dieser Geist sollte über der neuen Firma
- 2:53stehen, bescheiden im Auftreten,
- 2:55kompromisslos in der Sache. Zwei
- 2:58Techniker, zwei Handwerker, zwei Träume,
- 3:01die eine gemeinsame Idee verband. Sie
- 3:03gründeten eine kleine Firma, schlicht
- 3:06nach ihren Nachnamen benannt und machten
- 3:08sich an ein Problem, das damals jede
- 3:10Werkstatt, jede Fabrik, jede Baustelle
- 3:13plagte. Denn das Schleifen von Metall,
- 3:16das Glätten von Kanten, das Entfernen
- 3:19von Rost und Grad war eine schwere,
- 3:22umständliche Arbeit. Es gab große
- 3:25feststehende Schleifmaschinen, massive
- 3:27Ungetüme, die fest im Boden verankert
- 3:30waren. Man musste das Werkstück zur
- 3:32Maschine bringen, nicht die Maschine zum
- 3:34Werkstück. Ein schweres Bauteil, ein
- 3:37verschweißter Träger, eine montierte
- 3:39Konstruktion. All das ließ sich nicht
- 3:42einfach zur Schleifscheibe tragen. Der
- 3:45Handwerker war gefesselt an den Standort
- 3:47seiner Maschine. Ackermann und Schmidt
- 3:49stellten sich eine einfache, aber
- 3:52revolutionäre Frage. Was, wenn man das
- 3:55Schleifen zum Werkstück bringen könnte?
- 3:57Was, wenn ein Mann die Kraft einer
- 4:00schweren Maschine in der eigenen Hand
- 4:01halten könnte? beweglich, frei, überall
- 4:05hin. Es war eine Idee, die verrückt
- 4:07klang in einer Zeit, in der
- 4:09Elektromotoren noch groß und schwer
- 4:11waren. Man muss sich die Werkstätten
- 4:13jener Jahre vorstellen. Öl und
- 4:16Metallstaub in der Luft, das Kreischen
- 4:18der Standschleifmaschinen,
- 4:20Männer in ledernen Schürzen, die schwere
- 4:22Werkstücke über den Boden zur Maschine
- 4:24wuchteten. Jede Bewegung kostete Kraft,
- 4:28jede Arbeit kostete Zeit. Und Zeit war
- 4:31in diesen mageren Jahren bares Geld, das
- 4:34kaum jemand hatte. Wer eine schnellere,
- 4:37leichtere Art zu arbeiten erfand, der
- 4:39schenkte dem Handwerker nicht nur
- 4:41Bequemlichkeit, sondern schlicht die
- 4:43Möglichkeit, mehr Aufträge zu schaffen
- 4:46und seine Familie zu ernähren. Genau
- 4:49hier setzten die beiden Tüftler an,
- 4:51getrieben nicht von großen Visionen,
- 4:54sondern von der ganz konkreten Not des
- 4:56Alltags. Doch die beiden Schwaben ließen
- 4:59nicht locker. In ihrer kleinen
- 5:01Stuttgarter Werkstatt zwischen
- 5:03Drehbänken und Pfeilen begannen sie an
- 5:05einer Lösung zu arbeiten, die nicht nur
- 5:07ihr eigenes Schicksal, sondern das
- 5:09Handwerk der ganzen Welt verändern
- 5:11sollte. Sie ahnten nicht, daß sie am
- 5:14Beginn einer Legende standen. Die
- 5:16Lösung, die Ackermann und Schmidt
- 5:17fanden, war so genial wie einfach, und
- 5:20sie steckt bis heute im Namen der Marke.
- 5:23Ihr Gedanke war, die Kraft des Motors
- 5:26nicht direkt auf die Schleifscheibe zu
- 5:28übertragen, sondern über eine biegsame
- 5:30Welle, eine flexible Verbindung, die
- 5:33sich krümmen und winden ließ wie ein
- 5:35Seil. Der Motor konnte schwer und
- 5:38stationär bleiben, doch am Ende der
- 5:40biegsamen Welle saß ein kleiner leichter
- 5:43Handgriff mit einem Schleifkopf, den der
- 5:46Handwerker frei bewegen konnte, in jede
- 5:49Ecke, um jede Kante, an jede noch so
- 5:51unzugängliche Stelle. Zum ersten Mal war
- 5:54das Schleifen nicht mehr an einen festen
- 5:56Ort gebunden. Zum ersten Mal führte die
- 5:59Hand des Menschen die rotierende Kraft
- 6:02nicht umgekehrt. Und aus dieser
- 6:04flexiblen Welle, aus diesem beweglichen,
- 6:07biegsamen Kern der Erfindung entstand
- 6:10der Name, der Geschichte schreiben
- 6:12sollte. Flex, kurz, prägnant,
- 6:17einprägsam.
- 6:19Ein Name, der genau das beschrieb, was
- 6:21die Maschine so besonders machte.
- 6:23ihre Beweglichkeit, ihre Flexibilität,
- 6:27ihre Freiheit. Die ersten Geräte waren
- 6:29noch klobig nach heutigen Maßstäben,
- 6:32doch für die Handwerker jener Zeit waren
- 6:34sie eine Offenbarung. Die biegsame Welle
- 6:37selbst war ein technisches Kunststück,
- 6:40ein Bündel aus mehreren Lagen federnden
- 6:42Stahrahts, das die Drehbewegung des
- 6:44Motors auch über Krümmungen hinweg
- 6:46übertrug, ohne zu brechen und ohne allzu
- 6:50viel Kraft zu verlieren. Was in der
- 6:52Zahnmedizin im Kleinen längst bekannt
- 6:54war, übertrugen Ackermann und Schmidt
- 6:57auf die grobe, kraftraubende Welt der
- 7:00Metallbearbeitung.
- 7:01Und sie dachten weiter. Verschiedene
- 7:04Schleifköpfe ließen sich an die Welle
- 7:05stecken für unterschiedliche Aufgaben,
- 7:08sodass aus einem Antrieb als ganzes
- 7:10System von Werkzeugen wurde. Das war der
- 7:13zweite geniale Gedanke, nicht nur ein
- 7:16einzelnes Gerät, sondern eine Plattform,
- 7:19die mitwuchs mit den Bedürfnissen der
- 7:22Kundschaft. Plötzlich konnte ein
- 7:24Schlosser einen verschweißen Rahmen
- 7:26glätten, ohne ihn zu zerlegen. Plötzlich
- 7:28konnte ein Monteur direkt an der
- 7:30Maschine arbeiten, an der er stand. Die
- 7:33Arbeit, die früher Stunden gedauert
- 7:35hatte, war in Minuten getan. Es sprach
- 7:38sich herum, wie es sich unter
- 7:40Handwerkern immer herumspricht, von
- 7:42Werkstatt zu Werkstatt, von Meister zu
- 7:45Geselle. Wer einmal mit einer Flex
- 7:47gearbeitet hatte, wollte nie wieder
- 7:49zurück zur alten schweren
- 7:51Standschleifmaschine. Die kleine
- 7:53Stuttgarter Firma Wuchs, langsam, aber
- 7:56stetig, getragen von der schlichten
- 7:58Tatsache, dass ihr Werkzeug einfach
- 8:01besser war, praktischer, näher am echten
- 8:04Bedürfnis des arbeitenden Menschen.
- 8:06und Schmidt hatten nicht nur eine
- 8:08Maschine gebaut, sie hatten das
- 8:10Verhältnis zwischen Mensch und Werkzeug
- 8:13neu erfunden und die biegsame Welle,
- 8:16dieser einfache technische Kniff war
- 8:19erst der Anfang, denn die eigentliche
- 8:21Revolution, jenes Werkzeug, das den
- 8:24Namen Flex unsterblich machen sollte,
- 8:27lag noch vor ihnen. Die biegsame Welle
- 8:29hatte das Schleifen befreit, doch die
- 8:32wahre Ikone, das Werkzeug, das jeder
- 8:35heute vor Augen hat, wenn er das Wort
- 8:37Flex hört, kam erst mit der
- 8:39Elektrifizierung.
- 8:41Mit der Zeit wurden Elektromotoren
- 8:43kleiner, leichter, stärker. Und was lag
- 8:46näher als den Motor gleich in die Hand
- 8:48des Handwerkers zu legen, direkt hinter
- 8:51die Schleifscheibe. So entstand jenes
- 8:53kompakte kraftvolle Werkzeug, das die
- 8:56Welt als Winkelschleifer kennen sollte.
- 8:59Ein Elektromotor in einem handlichen
- 9:01Gehäuse, an dessen Kopf im rechten
- 9:04Winkel eine rotierende Scheibe saß,
- 9:06klein genug, um es mit einer Hand zu
- 9:09führen, stark genug, um Stahl zu
- 9:11durchtrennen. Der Winkelschleifer war
- 9:13die vollendete Form jener Idee, mit der
- 9:16alles begonnen hatte. die Kraft einer
- 9:18Maschine gebändigt in der Hand eines
- 9:21Menschen und Flex war ganz vorne dabei
- 9:24als Pionier dieses Werkzeugs, das bald
- 9:27in keiner Werkstatt mehr fehlen durfte.
- 9:29Was diese Maschine so unwiderstehlich
- 9:31machte, war ihre Vielseitigkeit. Mit der
- 9:35richtigen Scheibe konnte sie schleifen,
- 9:37trennen, entrosten, entgraten, polieren.
- 9:42Für jede Aufgabe gab es das passende
- 9:44Blatt. Dünne Trennscheiben, die durch
- 9:46Stahl schnitten wie durch Butter, grobe
- 9:49Schrubscheiben, die Schweißnähte
- 9:51glätteten, Diamantscheiben [räuspern]
- 9:53für Stein und Beton, Fächerscheiben,
- 9:55Drahtbürsten, Polieraufsätze, einziges
- 9:59Werkzeug ersetzte ein halbes Dutzend
- 10:01anderer. Man musste nur die Scheibe
- 10:03wechseln. Und aus dem Trenngerät wurde
- 10:06ein Schleifgerät, aus dem Schleifgerät
- 10:09ein Polierer. Diese Wandelbarkeit machte
- 10:11die Flex zum wohl vielseitigsten
- 10:13Werkzeug. dass je in eine Werkzeugkiste
- 10:16pasß und erklärt, warum sie in so vielen
- 10:19verschiedenen Berufen zugleich
- 10:21unentbehrlich wurde. Der Schlosser
- 10:23brauchte sie, der Schweißer, der
- 10:25Metallbauer, der Fliesenleger, der
- 10:28Steinmetz, der Automechaniker. Auf dem
- 10:30Bau, in der Fabrik, in der kleinen
- 10:33Hinterhofwerkstatt.
- 10:35Überall fand der Winkelschleifer seinen
- 10:37Platz. Er war laut, er sprühte funken,
- 10:40er war gefährlich in ungeübten Händen,
- 10:42und genau das machte auch seinen rauen,
- 10:45ehrlichen Scharm aus. Der schrille,
- 10:47ansteigende Ton, mit dem die Scheibe auf
- 10:50Drehzahl kam, der Funkenregen, der bei
- 10:52jedem Schnitt in hohem Bogen durch die
- 10:54Werkstatt sprühte, der Geruch von heißem
- 10:57Metall, all gehörte zur Flex, wie zu
- 11:00keinem anderen Werkzeug. Wer damit
- 11:03umging, brauchte Respekt, ein sicheres
- 11:05Handgelenk und Erfahrung. Denn eine
- 11:07verkantete Scheibe konnte zurückschlagen
- 11:10und eine berstende Trendscheibe war eine
- 11:12ernste Gefahr. Doch gerade diese rohe
- 11:15Kraft, dieses Gefühl, eine kleine
- 11:18gebendigte Naturgewalt in der Hand zu
- 11:20führen, machte die Faszination aus, eine
- 11:23Flex zu beherrschen, sauber und sicher
- 11:26zu trennen, wo andere nur gerad und
- 11:28Funken produzierten. Das war ein Stück
- 11:30handwerklicher Stolz, den man sich
- 11:32erarbeiten musste. Eine Flex in der Hand
- 11:35zu halten, hieß echte Arbeit zu
- 11:37verrichten mit Kraft und Präzision. Kein
- 11:40anderes Elektrozeug verkörperte das
- 11:42Handwerk so sehr wie dieses. Und weil
- 11:45Flex den Winkelschleifer so früh, so
- 11:48konsequent und so gut baute,
- 11:50verschmolzen Marke und Produkte in den
- 11:52Köpfen der Menschen zu einer Einheit.
- 11:55Man kaufte keinen Winkelschleifer, man
- 11:57kaufte eine Flex. Man arbeitete nicht
- 12:00mit einem Trennschleifer, man arbeitete
- 12:02mit der Flex. Das kleine schwäbische
- 12:04Unternehmen hatte ein Werkzeug
- 12:06geschaffen, das so grundlegend, so
- 12:09unentbehrlich war, dass sein Name
- 12:11begann, sich von der Firma zu lösen und
- 12:13sein Eigenleben zu entwickeln. Ein
- 12:15Eigenleben, das bald jede Grenze
- 12:17sprengen sollte. Man kann die Bedeutung
- 12:19der Flex für das Handwerk kaum
- 12:21überschätzen. Vor ihr war vieles
- 12:24langsam, mühsam, an schwere Maschinen
- 12:26gebunden. Nach ihr war das Arbeiten mit
- 12:29Metall, Stein und Beton ein anderes
- 12:32geworden. Schneller, beweglicher,
- 12:35direkter. Der Winkelschleifer wurde zum
- 12:37verlängerten Arm des Handwerkers, zum
- 12:39Werkzeug, das man griff, wenn es hart
- 12:42auf hart kam. Auf den Baustellen des
- 12:44Wiederaufbaus nach dem Zweiten
- 12:46Weltkrieg, als ganz Deutschland aus
- 12:48Trümmern neu erst, war die Flex
- 12:51allgegenwärtig. Betonstahl wurde
- 12:53durchtrennt, Träger zugeschnitten, Rohre
- 12:57gekürzt, unzählige Male am Tag, auf
- 13:00tausenden Baustellen zugleich. Ohne
- 13:02dieses Werkzeug wäre der rasante
- 13:04Wiederaufbau kaum denkbar gewesen. In
- 13:07den Jahren des Wirtschaftswunders, als
- 13:09aus Trümmerfeldern binnen weniger Jahre
- 13:12moderne Städte, Fabriken und Autobahnen
- 13:15wuchsen, war das Land eine einzige
- 13:17gigantische Baustelle und über allem lag
- 13:21wie eine ständige Begleitmusik, das
- 13:23Kreischen der Trennscheiben, jeder
- 13:25Stahlträger, der verbaut wurde, jedes
- 13:28Geländer, jede Treppe, jede Rohrleitung
- 13:31ging irgendwann durch die Hände eines
- 13:33Mannes mit einer Flex. Das Werkzeug
- 13:36wuchs mit dem Wohlstand des Landes und
- 13:39der Wohlstand des Landes wuchs mit dem
- 13:41Werkzeug. Doch die Flex blieb nicht auf
- 13:43der Baustelle. Sie zog ein in die
- 13:45Fabrikhallen, wo sie im Karosseriebau,
- 13:48im Maschinenbau, im Schiffbau ihren
- 13:51festen Platz fand. Sie fand ihren Weg in
- 13:53die KFZ. Werkstätten, wo Mechaniker
- 13:57festgerostete Auspuffe und verzogene
- 14:00Bleche bearbeiteten. Sie landete beim
- 14:02Fliesenleger, der damit Steinzeug auf
- 14:04Maß brachte, beim Steinmetz, beim
- 14:07Gärtner, beim Zaunbauer und schließlich
- 14:10mit der Zeit fand sie ihren Weg auch in
- 14:12die Garagen und Keller der Privatleute,
- 14:15der Heimwerker, der Bastler. Jeder, der
- 14:18jemals etwas selbst repariert, gebaut
- 14:20oder zerlegt hat, kam irgendwann an den
- 14:23Punkt, an dem noch eines half. Die Flex.
- 14:26Sie war das Werkzeug für die groben,
- 14:28entscheidenden Momente, für den Schnitt,
- 14:31der sitzen musste, für die Kante, die
- 14:33weg musste, wenn eine festgerostete
- 14:35Schraube sich nicht mehr lösen ließ,
- 14:37wenn ein Schloss aufgeschnitten, ein
- 14:39verzogenes Blech getrennt, ein
- 14:42Betonpfeiler eingekürzt werden musste,
- 14:44dann kam der Moment, der Flex.
- 14:47Sie war die letzte Instanz, das
- 14:49Werkzeug, das dort ansetzte, wo Zange,
- 14:53Säge und Pfeile längst aufgegeben
- 14:55hatten. In diesem Sinne war sie nicht
- 14:57nur ein Gerät, sondern ein Versprechen,
- 15:00dass es fast nichts gab, das sich nicht
- 15:03doch noch bezwingen ließ, wenn man nur
- 15:05die richtige Scheibe aufsetzte und die
- 15:08Maschine hochdrehen ließ. Sie hatte
- 15:10etwas endgültiges, etwas
- 15:12Kompromissloses. Wo die Flex ansetzte,
- 15:15gab es kein zurück. Diese Allgegenwart,
- 15:18diese schiere Masse an Menschen, die
- 15:19tagtäglich mit einer Flex arbeiteten,
- 15:22schuf etwas, das keine Werbung der Welt
- 15:24hätte kaufen können. Eine Vertrautheit,
- 15:27eine Selbstverständlichkeit,
- 15:30eine emotionale Nähe zwischen dem
- 15:31Menschen und seinem Werkzeug. Die Flex
- 15:34war kein anonymes Gerät. Sie war ein
- 15:37Begleiter, ein verlässliches Stück
- 15:39Handwerk, das man kannte, dem man
- 15:41vertraute. Und aus dieser tiefen
- 15:43alltäglichen Vertrautheit herausgeschah
- 15:46etwas, das nur ganz ganz wenigen Marken
- 15:49in der Geschichte je gelungen ist. Es
- 15:51ist der Traum jeder Marke und zugleich
- 15:54ihr größtes Risiko, so berühmt zu
- 15:57werden, dass der eigene Name das Produkt
- 15:59selbst bezeichnet. Nur eine Handvoll
- 16:02Marken hat das je erreicht. Man sagt:
- 16:05"Tempo statt Papiertaschentuch, Tesa
- 16:08statt Klebeband, Cever statt
- 16:10Küchenrolle, Fönh statt Haartrockner."
- 16:13Sprachforscher nennen dieses Phänomen
- 16:16einen Gattungsnamen, der aus einer Marke
- 16:18entsteht. Ein Zeichen dafür, dass ein
- 16:21Produkt eine ganze Kategorie so
- 16:23vollständig geprägt hat, dass sein Name
- 16:26stellvertretend für alle steht. Es ist
- 16:28die höchste Auszeichnung, die der Markt
- 16:30zu vergeben hat und zugleich die
- 16:32trügerischste und man sagt Flex statt
- 16:35Winkelschleifer hinan geh und flexen
- 16:39statt schleifen oder trennen.
- 16:42Irgendwann, niemand kann genau sagen
- 16:44wann, hörte die Flex auf nur ein
- 16:46Markenname zu sein. Sie wurde zum Wort.
- 16:50Der Handwerker sagte nicht mehr, er
- 16:52schleife etwas mit dem Winkelschleifer.
- 16:54Er sagte, er flex eben schnell weg. Der
- 16:57Meister rief dem Lehrling zu, er solle
- 16:59die Flex holen und meinte irgendein
- 17:01Gerät dieser Art, egal von welchem
- 17:04Hersteller. Das Werb Flexen wanderte aus
- 17:07den Werkstätten hinaus in die
- 17:08Alltagssprache,
- 17:10tauchte in Baumärkten auf, in
- 17:12Anleitungen, in Gesprächen von Menschen,
- 17:15die noch nie in ihrem Leben von einer
- 17:17Firma namens Flex gehört hatten. Der
- 17:20Name hatte sich vollständig von seiner
- 17:22Herkunft gelöst. Für die Marke war das
- 17:24ein Triumph und eine Gefahr zugleich.
- 17:27Denn ein Markenname, der zum
- 17:29Gattungsbegriff wird, droht seinen
- 17:31rechtlichen Schutz zu verlieren. Wenn
- 17:33jeder jede beliebige Maschine eine Flex
- 17:36nennt, dann verwässert sich das, was die
- 17:39Marke eigentlich ausmacht. Ihre
- 17:41Einzigartigkeit,
- 17:43ihr Alleinstellungsmerkmal,
- 17:45das Unternehmen musste die Kämpfen, um
- 17:47seine Marke zu verteidigen, musste immer
- 17:49wieder darauf pochen, dass Flex eben
- 17:51nicht irgendein Winkelschleifer ist,
- 17:54sondern ein geschützter Name. Ihr Name.
- 17:56Es ist ein Kampf, den viele berühmte
- 17:59Marken führen mussten und den manche
- 18:01verloren haben. Wörter wie Grammophon
- 18:04oder Waschbenzin waren einst geschützte
- 18:06Marken, ehe sie zu bloßen
- 18:08Gattungsbegriffen zerfielen und ihren
- 18:10Eigentümern verloren gingen. Ein Name,
- 18:12den alle benutzen, gehört am Ende
- 18:14niemandem mehr. Flex musste also die
- 18:17schwierige Gradwanderung meistern.
- 18:19einerseits stolz auf die ungeheure
- 18:21Bekanntheit zu sein und andererseits
- 18:23juristisch wie ein Löwe darüber zu
- 18:26wachen, das aus dem berühmten Namen kein
- 18:28herrenloses aller Weltswort wurde. Es
- 18:31ist die bittere Ironie des ganz großen
- 18:33Erfolgs. Je berühmter der Name wurde,
- 18:36desto schwerer wurde es, ihn zu
- 18:38besitzen. Millionen Menschen benutzten
- 18:41das Wort und schenkten der Firma
- 18:43dahinter keinen einzigen Gedanken. Die
- 18:45kleine Stuttgarter Erfindung war zur
- 18:47Sprache geworden und doch drohte gerade
- 18:50in diesem Ruhma selbst unsichtbar zu
- 18:53werden, verschluckt von ihrem eigenen
- 18:55allzu großen Erfolg. Während das Wort
- 18:59Flexen unsterblich wurde, begann für die
- 19:01Marke Flex ein ganz anderer härterer
- 19:04Kampf. Denn während der Name Flex zum
- 19:07Allgemeinut wurde, veränderte sich die
- 19:09Welt der Elektowerzeuge dramatisch.
- 19:12Aus dem beschaulichen Markt der frühen
- 19:14Jahre, in dem findige Erfinder wie
- 19:17Ackermann und Schmidt die Regeln
- 19:18bestimmten, war ein gnadenloser globaler
- 19:21Wettbewerb geworden. Riesige Konzerne
- 19:24beherrschten nun das Feld. Da war Bosch,
- 19:27der schwäbische Nachbar aus Stuttgart,
- 19:29zu einem der größten Technologiekonzerne
- 19:31der Welt herangewachsen. Da war Metabo,
- 19:35da war Hilti aus Lichtenstein mit seinen
- 19:37leuchtend roten Maschinen und seinem
- 19:40legendären Direktvertrieb. Und aus
- 19:42Fernost drängten mächtige Hersteller wie
- 19:45Makita und Hitachi auf den Markt mit
- 19:48gewaltigen Stückzahlen und aggressiven
- 19:51Preisen. Diese Konzerne konnten
- 19:53Winkelschleifer in Millionen Auflage
- 19:55produzieren in Werken, die größer waren
- 19:58als die ganze Stadt in der Flex zu Hause
- 20:01war. Sie hatten die Mittel, um mit
- 20:03gewaltigen Werbebudgets die Regale der
- 20:06Baumärkte zu erobern und sie hatten die
- 20:08Größe, um jeden Preiskampf länger
- 20:10durchzuhalten als ein Spezialist. Für
- 20:13den Kunden im Baumarkt zählte oft nur
- 20:15eines. Der Preis auf dem Schild, dass
- 20:19die kleine Firma aus dem Schwabenland
- 20:21das Werkzeug überhaupt erst erfunden
- 20:23hatte, wusste dort kaum jemand. Und wen
- 20:26es wusste, den interessierte es beim
- 20:28Griff ins Regal meist wenig. In diesem
- 20:31Feld der Giganten war Flex plötzlich
- 20:33das, was es einst am Anfang gewesen war.
- 20:36Ein vergleichsweise kleiner Spezialist.
- 20:39Der Erfinder des Winkelschleifers musste
- 20:41nun mit Konzernen konkurrieren, die ein
- 20:43Vielfaches an Forschung, an Werbung, an
- 20:46Produktionskapazität
- 20:48aufbieten konnten. Die Giganten bauten
- 20:50längst ihre eigenen Winkelschleifer in
- 20:53allen Größen und Preisklassen und viele
- 20:56Kunden griffen zu den bekannten Namen
- 20:58der Großkonzerne oder zu den billigen
- 21:00Angeboten aus dem Baumarkt. Flex, der
- 21:03Pionier, der das Werkzeug einst erfunden
- 21:06hatte, drohte in der schieren Masse der
- 21:08Anbieter unterzugehen. Es ist eine
- 21:10grausame Wahrheit der Wirtschaft, dass
- 21:13der Erfinder einer Sache selten
- 21:14derjenige ist, der am meisten daran
- 21:17verdient. Wer die Idee hat, ist oft zu
- 21:20klein, um sie gegen die Großen zu
- 21:22verteidigen. Flex stand vor genau dieser
- 21:25Herausforderung.
- 21:26Wie überlebt ein kleiner
- 21:28traditionsreicher Spezialist in einer
- 21:31Welt, die von Milliarden Konzernen
- 21:33beherrscht wird? Die Antwort, die das
- 21:36Unternehmen fand, war zugleich seine
- 21:38Rettung und der Beginn einer neuen,
- 21:41unsicheren Zeit.
- 21:43Flex entschied sich nicht den
- 21:44billigsten, sondern den besten Weg zu
- 21:47gehen, sich nicht im Preiskampf mit den
- 21:49Massenherstellern zu verschleißen,
- 21:52sondern die Marke dorthinzuführen, wo
- 21:54ihre Geschichte sie hintrug. An die
- 21:56Spitze zum Profi, zum anspruchsvollsten
- 21:59Handwerker. Doch dieser Weg war schmal
- 22:03und die Kräfte, die an der kleinen
- 22:04schwäbischen Firma zerrten, waren
- 22:06gewaltig. Wer nicht der größte sein
- 22:09kann, muss der Beste sein. Das wurde zur
- 22:12Überlebensstrategie von Flex. Statt sich
- 22:15im ruinösen Preiskampf mit den
- 22:17Baumarktgeräten aufzureiben, besann sich
- 22:20das Unternehmen auf das, was es von
- 22:22Anfang an ausgezeichnet hatte.
- 22:24Kompromisslose Qualität, robuste
- 22:27Technik, Werkzeuge für Menschen, die ihr
- 22:29Handwerk ernst nehmen. Flex wurde zur
- 22:32Marke der Profis, der Handwerker, die
- 22:35sich auf Ihr Werkzeug verlassen müssen,
- 22:37weil ihr Lebensunterhalt davon abhängt.
- 22:39Wer den ganzen Tag, jeden Tag mit einem
- 22:43Winkelschleifer arbeitet, der greift
- 22:45nicht zum billigsten Gerät, das nach
- 22:47einem halben Jahr den Geist aufgibt. Er
- 22:50greift zu einer Maschine, die hält, die
- 22:53durchzieht, die auch nach 10 Jahren noch
- 22:55läuft. Genau diese Kundschaft eroberte
- 22:58sich Flex vom Firmensitz in Steinheim an
- 23:01der Mor, einem kleinen Ort in
- 23:03Badenwürtemberg. Ausbaute das
- 23:06Unternehmen weiter an seinem Ruf als
- 23:07Spezialist. Man entwickelte Werkzeuge,
- 23:10die andere nicht hatten, für den
- 23:12Trockenbau, für die Sanierung, für die
- 23:15Steinbearbeitung, für die
- 23:16Oberflächenbearbeitung,
- 23:18für Aufgaben, die spezielle Lösungen
- 23:20verlangten, wo die großen Hersteller die
- 23:23breite Masse bedienten, suchte Flex die
- 23:25anspruchsvollen Ränder, die
- 23:27Spezialdisziplinen, in denen es auf
- 23:29jedes Detail ankam, der Handwerker, der
- 23:33Betonsanierte, der Restaurator, der
- 23:36Natursteinbauer, der Profi im Metallbau.
- 23:39Sie fanden bei Flexmaschinen, die für
- 23:41genau ihre Arbeit gemacht waren,
- 23:44durchdacht bis ins Kleinste, robust bis
- 23:47an die Grenze des Machbaren. Diese
- 23:49Konzentration auf Qualität statt
- 23:52Quantität wurde zum Markenkern. Eine
- 23:55Flex kaufte man nicht, weil sie billig
- 23:57war. Man kaufte sie, weil man sich auf
- 23:59sie verlassen konnte. Tag für Tag, Jahr
- 24:03für Jahr. Flex wurde zum Namen für
- 24:05Nischen, in denen Qualität wichtiger war
- 24:08als der Preis und der Export trug die
- 24:10schwäbischen Maschinen in die ganze
- 24:12Welt. Wo immer anspruchsvoll gearbeitet
- 24:15wurde, fand sich eine Flex. In den
- 24:17Werkstätten Europas, auf den Baustellen
- 24:20ferner Länder, in den Händen von Profis,
- 24:22die den Namen vielleicht nicht einmal
- 24:24aussprechen konnten, verrichteten die
- 24:26Maschinen aus Steinheim ihren Dienst.
- 24:29Der Ruf, unverwüstlich und präzise zu
- 24:31sein, reiste ihnen voraus. Ein
- 24:34Handwerker, der auf Qualität setzte,
- 24:37erkannte eine gute Flex am Klang, am
- 24:39Gewicht, am Lauf der Maschine und blieb
- 24:42ihr oft ein Berufsleben lang treu. Diese
- 24:45stille Loyalität einer weltweiten
- 24:47Gemeinde von Fachleuten war das
- 24:49eigentliche Kapital der Marke wertvoller
- 24:52als jede Werbekampagne. Doch Loyalität
- 24:55allein füllt keine Kriegskasse. Das
- 24:57Unternehmen überlebte, wo viele andere
- 25:00kleine Hersteller längst von den
- 25:01Konzernen geschluckt oder vom Markt
- 25:04gedrängt worden waren. Es war ein
- 25:06stiller zäher Erfolg. Kein lauter Flex
- 25:10machte keine Schlagzeilen, es machte
- 25:12Werkzeuge, doch dieser Erfolg hatte
- 25:14seinen Preis. Ein Spezialist zu sein
- 25:17bedeutet klein zu bleiben und klein zu
- 25:20bleiben bedeutet verwundbar zu sein. In
- 25:23einer Welt, in der die großen Konzerne
- 25:25immer größer wurden, in der ganze
- 25:27Branchen sich in den Händen weniger
- 25:29Riesen konzentrierten, war ein
- 25:31unabhängiges Familienunternehmen
- 25:33mittlerer Größe eine seltene, fast schon
- 25:36anachronistische Erscheinung. Über der
- 25:38stolzen, traditionsreichen Marke aus dem
- 25:41Schwabenland begann eine Frage zu
- 25:43schweben, die früher oder später über
- 25:46jedem solchen Unternehmen aufzieht. Wie
- 25:49lange noch kann es allein bleiben? Wie
- 25:51lange, bevor eine größere Hand nach ihm
- 25:53greift? Die Geschichte mittelständischer
- 25:56Traditionsunternehmen
- 25:57im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert
- 26:02ist oft eine Geschichte des langsamen
- 26:04Verlusts der Unabhängigkeit.
- 26:06der globale Wettbewerb, der
- 26:08Kapitalbedarf für Forschung und
- 26:10Entwicklung, der Druck der
- 26:12Handelsketten, die immer größer und
- 26:14mächtiger wurden. All das machte es für
- 26:17ein Unternehmen wie Flex zunehmend
- 26:19schwer, aus eigener Kraft zu bestehen,
- 26:22um in der obersten Liga der
- 26:23Werkzeughersteller mitzuspielen,
- 26:25brauchte es Investitionen, die ein
- 26:27Betrieb dieser Größe kaum allein stemmen
- 26:30konnte. Es brauchte globale
- 26:31Vertriebsnetze. Es brauchte die
- 26:33Fähigkeit, in immer kürzeren Abständen
- 26:36neue Produkte zu entwickeln. Es brauchte
- 26:39den Sprung in die Welt der
- 26:40Akkuwerkzeuge, die die Branche gerade
- 26:43umzuwälzen begann, und all das brauchte
- 26:46schlicht Geld, sehr viel Geld. Ein
- 26:49mittelständischer Betrieb, so stolz und
- 26:52traditionsreich er auch sein mochte,
- 26:54konnte solche Summen kaum aus eigener
- 26:56Kraft aufbringen. Die Wahl war hart und
- 26:59für viele deutsche Familienunternehmen
- 27:01dieselbe.
- 27:03weder langsam zurückfallen und
- 27:05riskieren, von den Giganten überrollt zu
- 27:08werden oder sich einem größeren Partner
- 27:11anschließen, der das Kapital mitbrachte,
- 27:13das für die Zukunft nötig war, um den
- 27:16Preis der eigenen Unabhängigkeit und so
- 27:19geriet Flex, wie so viele deutsche
- 27:21Traditionsmarken, in den Sog einer
- 27:23Entwicklung, die weit über die kleine
- 27:26schwäbische Firma hinausging. Die Marke
- 27:28wechselte im Laufe der Jahre die
- 27:30Eigentümer, wurde Teil größerer
- 27:33Unternehmensverbünde, wurde
- 27:34umstrukturiert, neu ausgerichtet, wieder
- 27:37verkauft. Jedesmal ging es um dieselbe
- 27:40Grundfrage. Wie sichert man die Zukunft
- 27:43einer Marke, deren Name jeder kennt,
- 27:46deren Firma aber im Konzert der
- 27:48Milliardenkonzerne allein zu klein ist.
- 27:50Für die Menschen in Steinheim, für die
- 27:53Ingenieure und Arbeiter, die flex mit
- 27:55ihrem Können am Leben hielten, war das
- 27:57eine Zeit der Unsicherheit. Jeder
- 28:00Eigentümerwechsel brachte neue Chefs,
- 28:02neue Strategien, neue Fragen über
- 28:05Standorte und Arbeitsplätze. Man
- 28:07arbeitete weiter, entwickelte weiter,
- 28:10baute weiter die besten Winkelschleifer,
- 28:12die man konnte und wusste doch nie
- 28:14genau, wem die Früchte dieser Arbeit am
- 28:17Ende gehören würden. Es ist ein Gefühl,
- 28:20dass viele Beschäftigte deutscher
- 28:22Traditionsunternehmen
- 28:23in diesen Jahrzehnten teilten, stolz auf
- 28:26das Produkt, treu der Marke und zugleich
- 28:29ausgeliefert an Entscheidungen, die weit
- 28:31wegfielen, in Vorstandsetagen
- 28:34und Verhandlungsräumen, in denen es
- 28:36nicht um Werkzeuge ging, sondern um
- 28:39Zahlen. Die Traditionsmarke, der
- 28:41Erfinder des Winkelschleifers, das
- 28:44Unternehmen, dessen Name zum deutschen
- 28:46Wort fürs Schleifen geworden war. Es
- 28:48kämpfte nicht mehr nur um Marktanteile,
- 28:51sondern um seine eigene
- 28:52Selbstständigkeit,
- 28:54um seine Seele. Es ist das
- 28:55wiederkehrende Muster der deutschen
- 28:57Markengeschichte, ein Produkt, das
- 29:00Millionen lieben und benutzen. Eine
- 29:02Marke voller Geschichte und können. Ein
- 29:05Name, der ein Stück deutscher
- 29:06Alltagskultur geworden ist und doch
- 29:09hinter der vertrauten Fassade ein
- 29:11Unternehmen, das um sein Überleben
- 29:13ringt, das der unerbittlichen Logik des
- 29:16globalen Kapitals ausgeliefert ist und
- 29:19wie bei so vielen deutschen Marken vor
- 29:22ihr, endete auch der Weg von Flex
- 29:24schließlich dort, wo die großen Ströme
- 29:27des Weltmarkts hinführten, in fremden
- 29:29Händen. Im Jahr 2013 fiel die
- 29:32Entscheidung, die den Charakter der
- 29:34Marke Flex für immer verändern sollte.
- 29:36Das Unternehmen ging in den Besitz eines
- 29:39chinesischen Konzerns über, der
- 29:41aufstrebenden Chervonruppe aus Nanjink.
- 29:44Ein Stück schwäbischer
- 29:46Erfindergeschichte. Geboren 1922
- 29:50in einer kleinen Stuttgarter Werkstatt
- 29:52gehörte nun einem Weltkonzern aus
- 29:55Fernost. Es ist eine Wendung, die sich
- 29:57in diesen Jahren bei erstaunlich vielen
- 30:00deutschen Traditionsmarken wiederholte
- 30:02und sie trifft einen empfindlichen Nerv.
- 30:05Die deutsche Marke, das deutsche Können,
- 30:08die deutsche Geschichte verkauft an
- 30:11ausländische Eigentümer, weil die Kräfte
- 30:13des Weltmarkts so wollten. Für viele
- 30:16fühlte es sich an wie ein Verlust, wie
- 30:18das Ende einer Eha, in der deutsche
- 30:21Wertarbeit noch in deutscher Hand blieb.
- 30:24Und doch ist die Geschichte von Flex
- 30:27keine reine Verlustgeschichte,
- 30:29denn anders als so manche Marke, die
- 30:32nach dem Verkauf verblasste oder ganz
- 30:34verschwand, lebte flex weiter und in
- 30:37mancher Hinsicht sogar gestärkt. Der
- 30:40neue Eigentümer investierte, die Marke
- 30:43blieb im Premiumsegment,
- 30:45blieb der Name für professionelle
- 30:47hochwertige Elektzeuge. Mit dem Kapital
- 30:50aus Fernost konnte Flex endlich den
- 30:53Anschluss an die große Umwälzung der
- 30:55Branche halten. Die Welt der
- 30:57leistungsstarken Akkuwerkzeuge, die das
- 31:00Kabel nach und nach von der Baustelle
- 31:02verdrängten. Was als Verlust der
- 31:04deutschen Selbstständigkeit begann,
- 31:06sicherte paradoxerweise das Überleben
- 31:09der Marke in einer Zeit, in der ohne
- 31:11globale Größe kein Werkzeughersteller
- 31:14mehr bestehen konnte. Es ist die
- 31:16zwiespältige Wahrheit dieser
- 31:18Geschichten. Der Preis für das
- 31:20Weiterleben war die Unabhängigkeit.
- 31:23Und doch war es besser in fremder Hand
- 31:25weiterzuleben, als in stolzer Einsamkeit
- 31:28unterzugehen. Der Firmensitz in
- 31:31Steinheim an der Morr blieb bestehen.
- 31:34Die Entwicklung deutscher
- 31:35Ingenieurskunst ging weiter. Nun unter
- 31:38globalem Dach. Flex ist heute wieder
- 31:41das, was es immer sein wollte. Eine
- 31:44stolze Spezialistenmarke für die
- 31:46anspruchsvollsten Handwerker der Welt.
- 31:49Doch die eigentliche Ironie dieser
- 31:51Geschichte liegt woanders. Während sich
- 31:53in den Chefetagen die Eigentümer
- 31:55änderten, während die Marke gekauft und
- 31:58verkauft wurde, blieb draußen in den
- 32:01Werkstätten und auf den Baustellen alles
- 32:03beim Alten. Dort flexen die Menschen
- 32:06weiter, jeden Tag millionenfach, ganz
- 32:09gleich wem die Firma gerade gehört. Der
- 32:12Name Flex ist längst größer als das
- 32:15Unternehmen, das ihn trägt. Er hat sich
- 32:17in die Sprache eingebrannt,
- 32:19unauslöschlich, unabhängig von Besitzern
- 32:22und Bilanzen. Kein Wechsel im
- 32:24Handelsregister, kein neuer Eigentümer,
- 32:27keine Verlagerung von Kapital kann
- 32:30diesem Wort etwas anhaben, denn es lebt
- 32:32nicht in den Büchern einer Firma,
- 32:34sondern im Mund der Menschen. Solange
- 32:37irgendwo auf der Welt ein Funkenregen
- 32:39aus einer Trennscheibe sprüht, solange
- 32:42ein Meister seinem Lehrling zuruft, er
- 32:44solle das eben wegflexen. Solange lebt
- 32:47das Erbe jener zwei Männer aus Stuttgart
- 32:50weiter. Sie wollten nur die Arbeit ein
- 32:52wenig leichter machen. Am Ende schenkten
- 32:54sie der deutschen Sprache ein Wort und
- 32:57der Welt ein Werkzeug, das aus keiner
- 33:00Werkstatt mehr wegzudenken ist. Und so
- 33:02lebt das Erbe von Hermann Ackermann und
- 33:05Hermann Schmidt weiter nicht als
- 33:07Firmenlogo, sondern als ein Wort, das
- 33:10Millionen Menschen benutzen, ohne je zu
- 33:13wissen, dass sie damit zwei Stuttgarter
- 33:16erfindern ein tägliches unsterbliches
- 33:18Denkmal setzen. M.
About this transcript
This page contains the full transcript of Flex: Die Marke aus Stuttgart, die zum deutschen Wort fürs Schleifen wurde und Geschichte schrieb by Markenruinen, generated from the public captions YouTube serves with the video. The transcript has 4,410 words across 805 segments, with the original timestamps preserved so you can click any line to jump to that moment in the embedded player.
What you can do with it
Use the transcript to take notes, quote the speaker, build a study guide, generate a summary with ChatGPT or Claude via the YouTube Summary tool, or export it as a timed subtitle file with YouTube to SRT. You can also re-open it in the transcriber to translate the transcript into 100+ languages.
Free YouTube transcript tool
YouTube2Text is a free YouTube transcript generator — no signup, no daily limit. Paste any YouTube link and get the full transcript instantly, with timestamps, click-to-jump, translation to 100+ languages, AI prompts for ChatGPT, Claude, and Gemini, and exports to TXT, SRT, VTT, or Markdown.