YouTube2Text

Erika Mann Lecture mit Gabriele von Arnim | response-ability oder die Kunst der Verantwortung — Transcript

by Holtzbrinck Berlin · 6,240 words · 1,226 segments · language en · Watch on YouTube

Full transcript

  1. 0:00[applaus]
  2. 0:05[applaus]
  3. 0:09[applaus]
  4. 0:16Herzlichen Dank. Wenn ich ein bisschen
  5. 0:18rot bin, dann liegt es nicht an der
  6. 0:21Hitze, sondern an den Lobesworten. Frau
  7. 0:23Olk, vielen Dank. Manchmal habe ich mich
  8. 0:26gar nicht wieder erkannt und habe
  9. 0:27gedacht, was ich alles schon erlebt habe
  10. 0:29offenbar und [schnauben] gemacht habe.
  11. 0:32Herzlichen Dank für die Einladung. Ähm,
  12. 0:36das ist wirklich ähm ein sehr schönes
  13. 0:38Gefühl, hier sitzen zu dürfen
  14. 0:40und auch aufregend natürlich.
  15. 0:44Mein Thema heute Abend heißt
  16. 0:48Responsibility,
  17. 0:50die Kunst der Verantwortung.
  18. 0:56Der Barbar wartet und wir werden stetig
  19. 1:00schwächer in der Sicherheit unserer
  20. 1:02Vergnügungen und unserer Bequemlichkeit.
  21. 1:07Das lässt der amerikanische Autor John
  22. 1:09Williams in seinem Roman Augustis den
  23. 1:12Kaiser sagen, der von 31 vor Christus
  24. 1:15bis 14 nach Christus regierte.
  25. 1:18Der Barbar wartet und wir werden stetig
  26. 1:21schwächer in der Sicherheit unserer
  27. 1:22Vergnügungen und Bequemlichkeit.
  28. 1:26Williams hätte diese Zeilen auch für uns
  29. 1:28im heute schreiben können, denn es ist
  30. 1:31wieder einmal an der Zeit, uns zu
  31. 1:32erheben aus unserer Couchnamens
  32. 1:34Bequemlichkeit, uns zu befreien aus den
  33. 1:37verlockenden Armen des flauen Vergnügens
  34. 1:40und in die Welt hineinzuhören,
  35. 1:42Entwicklungen wahr und Forderungen
  36. 1:44anzunehmen, die die Zeit an uns stellt,
  37. 1:47für das Leben in Freiheit sich zu
  38. 1:50entscheiden und nicht für den Käfig der
  39. 1:52Autokratie.
  40. 1:53Es ist nicht die Zeit, es ist wohl nie
  41. 1:55die Zeit für wohlige
  42. 1:58Verantwortungslosigkeit,
  43. 2:00wie Kamühe zu treffen nannte.
  44. 2:02Man kann nicht länger als
  45. 2:04Demokratiedöser durch die Tage
  46. 2:06schruffen, sondern muss sich als
  47. 2:08partizipatorischer Bürger einbringen ins
  48. 2:11Geschehen
  49. 2:13muss. Du musst nur sterben, pflegte mein
  50. 2:16Mann zu sagen. Und ich bin vorsichtig
  51. 2:19geworden mit dem Wort. Aber hier wir
  52. 2:21müssen nicht, wir wollen sagt ein
  53. 2:23Freund. Es liege doch in unserem
  54. 2:24ureigensten Interesse als Bürger sich
  55. 2:27einzumischen.
  56. 2:28Das klingt her und das ist her gedacht.
  57. 2:31Aber handeln wir auch her? Begreifen wir
  58. 2:34uns als Wächter der Demokratie und
  59. 2:36zeigen engagiert: Repression gebiert
  60. 2:39Widerschwänzigkeit,
  61. 2:41kulturelle Einengung schürt Widerspruch,
  62. 2:44Beschränkung von Meinungsfreiheit
  63. 2:46rüttelt auf zur Einübung in
  64. 2:48Zivilcourage.
  65. 2:50Oder genießen wir nur unsere Rechte und
  66. 2:52vernachlässigen unsere Pflichten, unsere
  67. 2:55Selbstverantwortung?
  68. 2:57Verantwortung nämlich kostet Nerven,
  69. 3:00kostet Mühe und Bemühen, kostet Kraft
  70. 3:02und setzt voraus zu verstehen, dass
  71. 3:06alles was in der Welt passiert mit uns
  72. 3:08zu tun hat, dass wir hier
  73. 3:11mitverantwortlich sind für das, was dort
  74. 3:13geschieht. Denn allein, dass wir sind,
  75. 3:16dass wir atmen, leben, lieben, denken
  76. 3:20wollen, verändert die Welt.
  77. 3:23Navid Kmani schreibt schon: "Wenn du
  78. 3:25einatmest, bist du verbunden mit der
  79. 3:26ganzen Welt und jedes Mal, wenn du
  80. 3:29ausatmest, nimmt die Welt Anteil an
  81. 3:31dir."
  82. 3:34Wir sind also da.
  83. 3:36Aber wer wir sind und wie wir sind, das
  84. 3:39können wir selbst bestimmen, können
  85. 3:41entscheiden, was wir wahrnehmen,
  86. 3:43erkennen, wissen, lernen, begreifen.
  87. 3:47Es ist wahrlich nicht leicht, sich zu
  88. 3:49orientieren in dieser Zeit des
  89. 3:51Wahnsinns, wobei ich immer noch nicht
  90. 3:53weiß, welcher Sinn denn nun im Wahnen
  91. 3:55liegt. Aber vielleicht ist es der
  92. 3:57endlich zu erkennen, wie ernst es um uns
  93. 4:00steht, wie dringlich es ist zu sein, wer
  94. 4:04wir sein könnten, um couragiert den
  95. 4:06Aufbruch in Abschiede von Gewissheiten
  96. 4:08anzugehen und daran zu glauben, dass
  97. 4:11nach jedem Ende ein Anfang kommt, nach
  98. 4:14der Angst vor dem Vergehen alter
  99. 4:16Ordnungen, die Lust auf die Freiheit der
  100. 4:19Ungewissheit in der Hoffnungsmut
  101. 4:22gedeihen kann und Zukunftsfantasien
  102. 4:24locken.
  103. 4:26Wenn wir denn dem Wollen ein Tun folgen
  104. 4:29lassen,
  105. 4:31wie Erika Mannes tat, diese so charmante
  106. 4:33wie sperrige, kluge, witzige,
  107. 4:35vielgestaltige, eigenwillige,
  108. 4:37kämpferische und dann doch auch
  109. 4:39zerbrechende Figur in dieser so
  110. 4:42komplizierten Familie in einer so
  111. 4:44unheilvollen Zeit.
  112. 4:47Früh hat Erika Mann Gefahren erkannt und
  113. 4:50benannt. Schon Ende August 1933 schrieb
  114. 4:53sie Zitat: "Ich wäre so eine gute Kraft
  115. 4:56für große Machenschaften. Man müsste
  116. 4:58mich nur anstellen davor. Und mir
  117. 5:00scheint, wir müssen uns alle ganz der
  118. 5:03Politik weinen."
  119. 5:06Worte einer Frau, die sich zunächst
  120. 5:08nicht für Politik interessiert hatte.
  121. 5:10Die Schauspielerin war Rallyfahrerin,
  122. 5:11bevor sie eine scharfzüngige
  123. 5:13Kabarettistin wurde, Schriftstellerin,
  124. 5:15Kriegsberichterstatterin, Rednerin und
  125. 5:17vieles mehr, die so eloquent und
  126. 5:20beharrlich wannte vor dem Verlust der
  127. 5:22Menschenrechte, der Moral, der
  128. 5:24Demokratie in diesem Deutschland des
  129. 5:26Anstand und Freiheit verschlingenden
  130. 5:28Nationalsozialismus.
  131. 5:31Ich war der irrigen Auffassung schrieb
  132. 5:34sie Ende der 30er Jahre, dass Politik
  133. 5:36Sache der Politiker wäre und dass ich
  134. 5:38mich nicht in fremde Angeleut Leute
  135. 5:41Angelegenheiten mischen sollte. So haben
  136. 5:44wir uns viele gedacht und so kam Hitler
  137. 5:47zur Macht.
  138. 5:49Mischen wir uns also ein. Nehmen wir
  139. 5:51Erik Manns Warnung vor der
  140. 5:53Verantwortungslosigkeit
  141. 5:54ernst? Nehmen wir uns ein Beispiel an
  142. 5:57ihrem konsequenten Weg vom unpolitischen
  143. 6:00Sein zur politischen Aktivistin,
  144. 6:02versuchen wir mit Werwe schon erwähnten
  145. 6:05Demokratiedöser aufzustören,
  146. 6:08denn noch sind sie die Mehrheit.
  147. 6:12Wie oft sitzt man zusammen mit politisch
  148. 6:14besorgten Menschen und hört sie sagen
  149. 6:16und sagt es womöglich selbst, ich kann
  150. 6:18ja doch nichts tun.
  151. 6:20Man wisse nicht, wo man anfangen könne.
  152. 6:22Obgleich man so gern anfangen würde,
  153. 6:24aber stimmt das? Oder machen wir es uns
  154. 6:27sanftzend in unserer Ratlosigkeit allzu
  155. 6:30bequem? Scheuen die Belastung des
  156. 6:33Engagements
  157. 6:34sind auch anmaßend. Wenn wir nicht
  158. 6:37gleich die Welt verändern können,
  159. 6:39kümmert uns nicht der kleine einzelne
  160. 6:41Schritt.
  161. 6:42sehen wir nicht, dass jeder Schritt von
  162. 6:45jedem Menschen zählt. Denn wenn wir alle
  163. 6:47Wege suchen, trampeln wir gemeinsam fade
  164. 6:50ins verschlungene Dickicht des Lebens
  165. 6:52und der Gesellschaft.
  166. 6:54Etwas tun zu wollen heißt, sich einer
  167. 6:57präzisen Lebensbesichtigung seiner
  168. 6:59Möglichkeiten zu stellen. Die eigene
  169. 7:01Unabhängigkeit, ein selbständiges Denken
  170. 7:04und ein freies Fühlen in sich zu finden.
  171. 7:09Und das sage keiner, er nichts zu
  172. 7:11bieten. Jeder kann sich Freunden und
  173. 7:13Hausbew Bewohnern zuwenden, kann mit den
  174. 7:16anderen zusammen Müll im Park
  175. 7:18aufsammeln, kann der Krankenachbarin
  176. 7:20Medikamente aus der Apotheke holen, kann
  177. 7:22den anderen wahrnehmend präsent sein,
  178. 7:26kann zuhören auch und gerade anderen
  179. 7:28Meinungen, kann auf die Straße gehen und
  180. 7:30mit anderen plaudern oder kann auf die
  181. 7:32Straße gehen und mit anderen
  182. 7:34protestieren.
  183. 7:36Demokratie ist nicht nur
  184. 7:38Meinungsfreiheit, Rechtsstaat und
  185. 7:40Vielfalt. Demokratie heißt auch
  186. 7:43Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Zuwendung.
  187. 7:53We can contribute every one of us, sagt
  188. 7:56die Rocksängerin und Aktivistin Patty
  189. 7:58Smith, die ich übrigens andauernd am
  190. 8:00liebsten andauernd zitieren würde, weil
  191. 8:02ich sie so großartig finde.
  192. 8:04Also, wir können was tun, sagt sie,
  193. 8:06indem wir aufmerksam sind bei being
  194. 8:09aware, bei being good people und fährt
  195. 8:12fort: "Radiating good is its own action,
  196. 8:15also schon das eigene gute tun strahlt
  197. 8:18aus in die Welt.
  198. 8:19[schnauben][japst]
  199. 8:20Das klingt nach kleiner Münze, klingt
  200. 8:23bescheiden, wo wir doch die Welt
  201. 8:25verändern wollen.
  202. 8:27Aber die Welt ist eben dort, wo wir
  203. 8:30sind. Wir sind die Welt. Jeder und jede
  204. 8:33von uns
  205. 8:36muss noch mal was trinken.
  206. 8:40Die Hitze.
  207. 8:44Jeder große Strom hat eine kleine Quelle
  208. 8:46und jeder einzelne lebendige Mensch ist
  209. 8:49eine Quelle der Möglichkeiten und der
  210. 8:52Hoffnung.
  211. 8:55It's hard to hope hat Barack Obama beim
  212. 8:57Trauergottesdienst für Reverend Jessie
  213. 8:59Jackson gesagt. In times like these hard
  214. 9:02to hope. Und wir kennen doch alle dieses
  215. 9:04lauernde Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
  216. 9:07kennen Menschen, die das Sein kaum
  217. 9:09aushalten können in diesen Zeiten des
  218. 9:11Verlusts, der Rückschritte, der
  219. 9:12Abschiede von Demokratie und
  220. 9:14Friedensgewissheit, der Enttäuschungen,
  221. 9:17der Gewalt, der obseren Macht von
  222. 9:18Techmilliardären, der Kriege und
  223. 9:20klimatischen Katastrophen, der misogynen
  224. 9:23und fremden feindlichen
  225. 9:24gesellschaftlichen Entwicklungen.
  226. 9:27Menschen, die resignieren, sich
  227. 9:29verabschieden davon zuständig zu sein
  228. 9:32für den Zustand der Welt und dabei
  229. 9:35verdrängen, dass es doch ihre Welt ist.
  230. 9:38Andere gehen jenen auf den Leim, die
  231. 9:40einfache Antworten geben, die uns mit
  232. 9:42langen Hexenfingern in ihr scheinbar
  233. 9:44krisensicheres Haus der Gewissheit
  234. 9:46locken. Hänsel ist schon drin und viele
  235. 9:50andere auch spazierten hinein und kommen
  236. 9:52nicht wieder raus, weil sie zu spät
  237. 9:55begreifen, sie werden gemestet, um
  238. 9:57gebraten zu werden.
  239. 10:00Aber zu hoffen, so fuhr Obama fort in
  240. 10:03seiner Rede, sei heute unsere Aufgabe.
  241. 10:07Wir alle müssten Botschafter der
  242. 10:09Hoffnung sein, Messengers of Hope.
  243. 10:12Selbst wenn vielleicht erst einmal ohne
  244. 10:14spürbaren Erfolg, so gebäbe es doch
  245. 10:16unserem Leben eine Richtung, ein Sinn, a
  246. 10:19purpose.
  247. 10:21Als hier in München vor kurzem der Grüne
  248. 10:23Dominik Krause zum Oberbürgermeister
  249. 10:25gewählt wurde, hieß es, die Leute hätten
  250. 10:26einfach mal Lust gehabt auf was
  251. 10:28Positives.
  252. 10:31Keine Ahnung, ob Dominik Krause eine
  253. 10:32positive Geschichte ist, aber dass wir
  254. 10:35auf Aufbruchgeschichten brauchen, spüren
  255. 10:38wir überall.
  256. 10:40Kennen Sie Tullen?
  257. 10:42Tol, die österreichische Gartenstadt an
  258. 10:43der Donau, die sich Stadt des
  259. 10:45Miteinanders nennt und deren
  260. 10:47Bürgermeister sagt, es sei die urignste
  261. 10:49Aufgabe der Politik, das Miteinander zu
  262. 10:52fördern.
  263. 10:54Zusammenhalt mache eine Gemeinschaft
  264. 10:56stark und gesund und Helfer auch der
  265. 10:58wirtschaftlichen Prosperität.
  266. 11:01Sicho so einen Namen zu geben und
  267. 11:04Politik so zu definieren, veränderte
  268. 11:07offenbar das Verhalten der Bürger, die
  269. 11:10mittun wollen beim Miteinander, sich
  270. 11:13verantwortlich fühlen für ihre Stadt.
  271. 11:16Es ist das Tun.
  272. 11:19Der syrische Anwalt Anwar Albunni nach
  273. 11:21Gefängnis und Folter geflüchtet aus
  274. 11:23seinem Land hat viele Jahre lang in
  275. 11:26Europa ein großes Netz von Anwälten und
  276. 11:28Rechercheuren aufgebaut. um die
  277. 11:31Verbrechen der Folterer in Syrien zu
  278. 11:33dokumentieren.
  279. 11:35Bei den Prozessen, die nach dem
  280. 11:36Weltrechtsprinzip auch bei uns schon
  281. 11:38geführt wurden in Koblens und in
  282. 11:40Frankfurt, hat Albuni aus seinem
  283. 11:43umfangreichen Archiv entscheidende
  284. 11:45Informationen geben können und dieser
  285. 11:47Mann hat Hoffnung und Verantwortung für
  286. 11:50mich auf den Punkt gebracht, als er
  287. 11:51sagte: "Ich hoffe nicht auf eine bessere
  288. 11:54Zukunft, ich tue alles, damit es eine
  289. 11:57bessere Zukunft geben kann.
  290. 12:00Er hat nicht gehofft, er hat gehandelt
  291. 12:03und war immer wieder zuversichtlich,
  292. 12:05dass das, was er tat, ein sinnvolles
  293. 12:07Zukunftstun sei.
  294. 12:11Das Prinzip Zuversicht scheint mir
  295. 12:13ohnehin verlässlicher zu sein, als die
  296. 12:15so oft mit uns tendelnde Hoffnung. Ernst
  297. 12:19Bloch schrieb: "Es liegt im Wesen der
  298. 12:22Hoffnung, dass sie enttäuscht werden
  299. 12:24kann, sonst wäre sie ja Zuversicht."
  300. 12:28Zuversicht ist ein innerer Kompass, eine
  301. 12:31Kraftquelle, ein Antrieb führt hinein
  302. 12:33ins Tun. Ich übe die Kunst der
  303. 12:36Zuversicht übrigens täglich und finde es
  304. 12:38gar nicht so einfach, aber wichtig.
  305. 12:41Auch die Demokratie braucht Zuversicht
  306. 12:43braucht Bürger die Freiheit wertschätzen
  307. 12:45und Rechtssicherheit, das Glück
  308. 12:46kultureller und sexueller
  309. 12:48Selbstbestimmung, der Vielfalt und der
  310. 12:50Gleichberechtigung.
  311. 12:52Auch Demokratie gilt es zu üben.
  312. 12:57Die Demokratie, schrieb Heinrich Mann
  313. 12:591932, ist eine Schule mit so vielen
  314. 13:02Prüfungen wie das Leben selbst. Und
  315. 13:04innerhalb des einzelnen Volkes sind
  316. 13:06immer eine gewisse Anzahl Schüler
  317. 13:08ausgesprochen schlecht und möchten
  318. 13:09gleich die Schule in Brand stecken. So
  319. 13:12ist es heute in Deutschland. Sie möchten
  320. 13:14Brandstiften, aber die vernünftigen und
  321. 13:16brauchbaren Lebensschüler werden dafür
  322. 13:18sorgen, dass uns das Schlimmste erspart
  323. 13:21bleibt.
  324. 13:231932
  325. 13:24schrieb Heinrichmann diese Zeilen. Ein
  326. 13:27Jahr später wurde das erste
  327. 13:28Konzentrationslager
  328. 13:30hier gegründet in Dachau.
  329. 13:3426 ist nicht 1932,
  330. 13:38aber die Zeiten sind gefährlich und ich
  331. 13:40staune immer wieder ob der
  332. 13:42Realitätsflüchtlinge, die mir immer noch
  333. 13:44sagen, es geht dir doch gut, warum regst
  334. 13:45du dich so auf?
  335. 13:48Menschen, die nicht begreifen, dass wir
  336. 13:49alle zusammen unsere Gesellschaft
  337. 13:51bilden, alle zusammen das Leben sind in
  338. 13:54einem freien Land. Menschen, die zu
  339. 13:57furchtsam sind hinzuschauen auf die
  340. 13:59Krisen der Gegenwart, die immer noch
  341. 14:00denken, Demokratie sei ein Zustand.
  342. 14:02Danke, dass Sie das zitiert haben. Indem
  343. 14:05man sich nur um sich kümmern könnte,
  344. 14:06während Demokratie tatsächlich eben ein
  345. 14:08Prozess ist, indem man sich uminander
  346. 14:11kümmern sollte. Demokratie ist kein mir
  347. 14:15geht's gut, was schondern
  348. 14:18ein wie geht es uns?
  349. 14:21Wir haben eine Welt und wir sind die
  350. 14:23Welt. Wir haben eine Demokratie und wir
  351. 14:27sind die Demokratie. oder um noch einmal
  352. 14:29Kamü zu zitieren, die Wirklichkeit der
  353. 14:32Welt ist unsere gemeinsame Heimat.
  354. 14:36Als Zizidanger, Filmgemacherin und
  355. 14:38Schriftstellerin aus Zimbabwe 2021 in
  356. 14:41der Frankfurter Paulskirche mit dem
  357. 14:43Friedenspreis des deutschen Buchhandels
  358. 14:45ausgezeichnet wurde, sprach sie in ihrer
  359. 14:47Dankesrede auch über den Weg vom Ich zum
  360. 14:51Wir und sagte:
  361. 14:54"In meinem Teil der Welt war der Kern
  362. 14:56unserer Lebensphilosophie Ich bin, weil
  363. 14:59du bist."
  364. 15:00Diese Philosophie, so fuhr sie fort,
  365. 15:02werde noch heute immer in Begrüßungen
  366. 15:04ausgedrückt, wie mir geht es gut, wenn
  367. 15:07es dir gut geht. Zitat Ende. Und dieser
  368. 15:11Satz gilt für jeden, nicht nur die
  369. 15:13eigenen Liebsten, nicht nur für die,
  370. 15:16denen man zugetan ist. Er gilt für
  371. 15:18Gesellschaft, Menschen und Tier und
  372. 15:22Baum, denn wir alle gehören zusammen.
  373. 15:24Wir existieren, gedeihen und verlöschen
  374. 15:26gemeinsam.
  375. 15:29Die albanische Philosophin Lea Ipi sagt,
  376. 15:31sie könnte sich nur in einer
  377. 15:32Gesellschaft wirklich frei fühlen, in
  378. 15:35der alle frei sein.
  379. 15:38Neu ist das Wissen nicht um das
  380. 15:39gemeinsame Wohl, ein Gemeinwohl.
  381. 15:42Es wird immer wieder vergessen.
  382. 15:45Als Hanna Arend am 28. September 1959 in
  383. 15:50Hamburg ihre Dankesrede hielt für den
  384. 15:51Läsingpreis mit dem schönen Titel von
  385. 15:55Mensch von der Menschlichkeit in
  386. 15:56finsteren Zeiten. Zitierte die
  387. 15:59Philosophin Aristoteles für den,
  388. 16:01nämlich, so sagte sie, die Freundschaft
  389. 16:04zwischen den Bürgern eines der
  390. 16:05Grunderfordernisse des gesunden
  391. 16:07Gemeinwesens gewesen sei. Erst das
  392. 16:10dauernde Miteinandersprechen vereinige
  393. 16:13die Bürger zu einer Polis.
  394. 16:16Wie passend. dass Ministerin Pren
  395. 16:18neulich erklärt hat: "Vielfall sehe ich
  396. 16:21nicht als staatliches Förderziel.
  397. 16:25Dabei wäre doch gerade das diverse Wires
  398. 16:28der vorrangigsten Ziele für die
  399. 16:30Demokratie eines Einwanderungslandes.
  400. 16:33Denn wir sind wie gesagt nur Mensch mit
  401. 16:36anderen Menschen werden, wer [räuspern]
  402. 16:38wir sind, weil wir in Beziehung
  403. 16:39zueinander leben, weil wir üben, den
  404. 16:41Menschen als Menschen als Nächsten zu
  405. 16:43lieben.
  406. 16:45The only thing more powerful than hate
  407. 16:48is love. prankte auf einem riesigen
  408. 16:50Billboard bei dieser grandiosen Show von
  409. 16:53Bad Bunny beim Super Bowl. Ich weiß
  410. 16:55nicht, ob sie das gesehen haben. Es war
  411. 16:57toll. Ähm in der er das miteinander
  412. 16:59wirklich leidenschaftlich gefeiert hat.
  413. 17:02Wenn Sie den Mut haben, Liebe zu denken,
  414. 17:07Liebe als politische Haltung zu denken,
  415. 17:10dann lesen Sie auch bitte Daniel
  416. 17:11Schreiber, der genau dazu ein wichtiges
  417. 17:14Buch und kluges Buch geschrieben hat.
  418. 17:17Im Moment in der Tat es weh, genau
  419. 17:20wahrzunehmen, was wo geschieht, wie es
  420. 17:23wem wo geht. Im Moment wollen wir uns am
  421. 17:26liebsten einkapseln. Je grausamer die
  422. 17:28Welt wird, desto weniger wollen wir
  423. 17:30hinschauen, wollen uns lieber schützen
  424. 17:31vor dem Entsetzen.
  425. 17:33Eine kurzfristig verständliche
  426. 17:35Entscheidung und langfristig von für
  427. 17:38jeden von uns ungüstiös.
  428. 17:40Denn wie hat es der Psychoanalytiker
  429. 17:42Arno Grohen gesagt mit dem Satz lebe
  430. 17:45ich? Wer Schmerz nicht fühlen will, kann
  431. 17:48auch wahre Freude nicht empfinden. In
  432. 17:51anderen Worten, wir bleiben durchlässig
  433. 17:55oder verstumpfen in jede Richtung.
  434. 17:58Erik Mann hat die Kälte der
  435. 18:00Gleichgültigkeit einmal dies kühlste
  436. 18:02aller Ruhe Kissen genannt, das sehr
  437. 18:05gefragt und allgemein beliebt sei.
  438. 18:09Gleichgültigkeit
  439. 18:10mag verlockend sein als Fluchtweg aus
  440. 18:13dem Weltenschmerz.
  441. 18:15Aber wenn wir wegschauen, überlassen wir
  442. 18:17leichtfertig denen das Feld, die die
  443. 18:20Welt vergiften, statt dass wir selber
  444. 18:22Mixturen brauen aus Hoffnung und
  445. 18:25Zuversicht und Wohlwollen.
  446. 18:28Übrigens ist Wohlwollen nicht nur ein
  447. 18:30schönes Wort, es ist auch ein schönes
  448. 18:32Gefühl, dem anderen und sich wohl
  449. 18:35wollen. Viele merken, wenn sie anderen
  450. 18:38Gutes tun, geht es ihnen selber besser.
  451. 18:41Nicht nur die Wissenschaft, auch der
  452. 18:43eigene Menschenverstand bestätigt das.
  453. 18:45Und immer wieder leben wir das
  454. 18:47Gegenteil. Fördern wir Selbstsucht,
  455. 18:49feiern die skrupellosen Gewinner, finden
  456. 18:52Freundlichkeit, was für Weicheier.
  457. 18:55Denn Zuwendung, Fürsorge und
  458. 18:58Aufmerksamkeit gelten gemäß im Credo der
  459. 19:01kapitalistischen Jetztzeit als Tugend
  460. 19:03der Versager.
  461. 19:05Einfühlung schwächt und so bleibt als
  462. 19:07Tropf auf der Strecke, der sich nicht
  463. 19:10der Selbstsucht verschreibt. Darauf
  464. 19:12kommen wir nachher noch mal. Tatsächlich
  465. 19:14aber geschieht nämlich wirklich das
  466. 19:15Gegenteil, wenn wir anfangen uns
  467. 19:17verantwortlich zu fühlen für die Welt um
  468. 19:19uns herum und uns darin, wenn wir
  469. 19:22anfangen zu handeln, geht es uns besser.
  470. 19:26Viele stöhen auf, wenn sie das Wort
  471. 19:28Verantwortung hören, winken abdenken,
  472. 19:30wie Erika Mandnes schrieb: "Polik sei
  473. 19:33Sache der Politiker. Sie hören Last und
  474. 19:35Pflicht hören auferlegte Bürde, die sie
  475. 19:37zum ohnehin schon bedrängenden Alltag
  476. 19:39voller Aufgaben und Verpflichtungen
  477. 19:41nicht auch noch auf sich laden möchten.
  478. 19:44Ich kann das gut verstehen. Nachdem ich
  479. 19:4610 Jahre lang meinen sehr kranken Mann
  480. 19:48gepflegt hatte, der zwar hell wach war
  481. 19:51im Kopf, aber nicht so sprechen konnte,
  482. 19:52dass andere ihn verstanden, der nicht
  483. 19:55schreiben, nicht gehen und nicht lesen
  484. 19:57konnte, stellte sich nach seinem Tod
  485. 20:00alles in mir auf Abwehr, wenn ich
  486. 20:03irgendwo für irgendjemanden
  487. 20:04Verantwortung übernehmen sollte. Das
  488. 20:07hatte ich nun so viele Jahre in Extenso
  489. 20:09getan, bis ins kleinste Detail,
  490. 20:13bis in die größten Fragen über Leben und
  491. 20:16Tod. Ich bestand darauf, unbehellig zu
  492. 20:19bleiben, nicht antworten zu müssen auf
  493. 20:21Fragen des Miteinanders, des
  494. 20:22demokratischen Zusammenlebens.
  495. 20:26In dem Wort Verantwortung steckt
  496. 20:29Antwort.
  497. 20:30Verantwortung ist also Erwiderung auf
  498. 20:33eine Frage.
  499. 20:35Nehmen wir doch einmal das englische
  500. 20:36Wort Responsibility und nehmen es
  501. 20:38auseinander.
  502. 20:40Responsibility,
  503. 20:42das heißt also die Fähigkeit zu haben zu
  504. 20:45antworten auf Fragen, die man hört und
  505. 20:49wirken lässt auf Sicht.
  506. 20:51Es geht also auch um die eigene
  507. 20:53Empfindsamkeit,
  508. 20:54die Courage, die Fragen zu hören, die
  509. 20:57die Zeit, unser Gewissen, die
  510. 21:00Gesellschaft uns stellen. [schnauben]
  511. 21:03Im Englischen unterscheidet man zwischen
  512. 21:05React and respond. Wenn ich reagiere,
  513. 21:08lasse ich mich triggern und lege los.
  514. 21:10Wenn ich antworte, habe ich hingedacht
  515. 21:12und hingefühlt, abgewogen und
  516. 21:15eingeordnet.
  517. 21:18Ausgesucht hat man sich die Situation
  518. 21:20meist nicht, in der man ist, kann sie
  519. 21:22nicht kontrollieren. Kontrollieren kann
  520. 21:25man allein seine Entgegnung, seine
  521. 21:27Einwilligung oder Abwehr, seine Antwort.
  522. 21:32Wenn das Schicksal, wer immer dieses
  523. 21:34ominöse Nichtwesen sein mag, wenn das
  524. 21:37Schicksal mit Blitzkrach und
  525. 21:39Donnergetöse über uns herfällt, wenn
  526. 21:41dieses Monster brüllt, das den freien
  527. 21:44Willen in uns demütigen vielleicht gar
  528. 21:46auslöschen will, könnten können wir
  529. 21:50immer noch auf unsere Weise antworten.
  530. 21:53Und genau in dem Moment, der scheinbar
  531. 21:55aussichtslos ist, werden wir
  532. 21:57aufgefordert zur Response Ability, den
  533. 22:01Raum des Entweder oder zu begreifen,
  534. 22:04indem wir entscheiden, wer wir sind.
  535. 22:08In diesem Raum wohnt die Möglichkeit
  536. 22:10selber zu denken, abzuwägen,
  537. 22:13wahrzunehmen.
  538. 22:14Hier wartet unsere Selbstbestimmung.
  539. 22:19Ausgerechnet ein Überlebender des
  540. 22:21Vernichtungslagers Auschwitz lehrt uns
  541. 22:24was Responability ist. Zitat: "Uns
  542. 22:28Macht, unsere Antwort zu wählen."
  543. 22:32Victor Frankel, Sie erinnern sich,
  544. 22:34österreichischer Neurologe und
  545. 22:36Psychiater, Begründer der sogenannten
  546. 22:38Logotherapie und Existenzanalyse,
  547. 22:41hat Responability zur existentiellen
  548. 22:44Lebenswirksamkeit erklärt. Wenn Sie
  549. 22:47einem wohl berühmtesten Buch trotz dem
  550. 22:50Jahr zum Leben ja sagen, das übrigens
  551. 22:52schon 1946 erschienen ist, schreibt er:
  552. 22:57"Wir müssen lernen und die verzweifelten
  553. 22:59Menschen lehren, dass es eigentlich nie
  554. 23:01und nimmer darauf ankommt, was wir vom
  555. 23:04Leben zu erwarten haben." viel mir
  556. 23:06lediglich darauf, wie wir die Fragen
  557. 23:09beantworten, indem wir nicht durch ein
  558. 23:12Grübeln oder reden, sondern nur durch
  559. 23:13ein Handeln, ein richtiges Verhalten,
  560. 23:15die rechte Antwort geben. Leben heißt
  561. 23:19letztlich eben nichts anderes als
  562. 23:20Verantwortung tragen für die rechte
  563. 23:22Beantwortung der Lebensfragen,
  564. 23:25für die Erfüllung der Aufgaben, die
  565. 23:27jedem einzelnen das Leben stellt, für
  566. 23:30die Erfüllung der Forderung der Stunde.
  567. 23:35ist seine Lektion aus Auschwitz.
  568. 23:38Nicht mit dem Leben hadern, wenn es uns
  569. 23:40belagert und quält, sondern dem Leben
  570. 23:43antworten.
  571. 23:45Eine eigene Haltung finden, auch
  572. 23:47angesichts von Gefahr und größter Not,
  573. 23:51Verantwortung für sich zu übernehmen.
  574. 23:55Heute lebt die belarussische Künstlerin
  575. 23:57Maria Kalechniker über diese Botschaft
  576. 23:59von September 2020 bis Dezember 2025.
  577. 24:04Also mehr als fünf Jahre war sie in
  578. 24:06Haft, teilweise in Einzelhaft und
  579. 24:09schreibt:
  580. 24:11"Wahre Freiheit beginnt dort, wo es
  581. 24:13gelingt, das Böse im eigenen Innern
  582. 24:15nicht wachsen zu lassen. Weder
  583. 24:18Gefängnisse noch Ketten können den Geist
  584. 24:20der Freiheit aufhalten.
  585. 24:22Freiheit beginnt dort, wo wir uns
  586. 24:25entscheiden, Mensch zu bleiben." Zitat
  587. 24:28Ende.
  588. 24:32in lebensbedrohender Lage. Was für ein
  589. 24:35Anspruch, was für eine Größe, wenn das
  590. 24:38gelingt. Ich lese Sätze die von Frankel
  591. 24:41oder Kalesver mit staunen, nein, mit
  592. 24:44Ehrfurcht
  593. 24:46und Dankbarkeit nie in solcher Weise
  594. 24:49geprüft und getestet worden zu sein.
  595. 25:00Victor Frankel, 1905 in Wien geboren,
  596. 25:031942 nach Theresienstadt und 44 nach
  597. 25:06Auschwitz deportiert.
  598. 25:08Seine Eltern und seine Frau wurden
  599. 25:10ermordet. Erik Mann, 1905 in München
  600. 25:13geboren, 1935 ausgebürgert und 1937 in
  601. 25:18die Vereinigten Staaten immigriert.
  602. 25:20Gekannt haben sie sich wohl nicht, aber
  603. 25:23Erika Mann hat gelebt, was Frankel
  604. 25:25beschreibt. Hat sich wie gesagt als
  605. 25:28Schauspielerin, Abenteurerin,
  606. 25:29Schreiberin immer wieder aufgerufen
  607. 25:31gefühlt, sich einzumischen in
  608. 25:33gesellschaftliche Belange. Hat immer
  609. 25:35wieder Stellung bezogen, um zu
  610. 25:37bekämpfen, was sie politisch entsetzte.
  611. 25:41Hat ihren Beruf als Schauspielerin mehr
  612. 25:43oder weniger aufgegeben und politisches
  613. 25:45Kabarett gemacht. hat ihr Land verloren
  614. 25:47und für lange Zeit auch ihre Sprache,
  615. 25:49hat im amerikanischen Exil ihre
  616. 25:51Responseility mit Leidenschaft
  617. 25:54wahrgenommen. Sie hat Geschichten der
  618. 25:56Entrechtung recherchiert und
  619. 25:57geschrieben, wenn die Lichter ausgehen.
  620. 25:59Heißt eines ihrer Bücher ein so
  621. 26:01sprechender Titel, der uns gleich
  622. 26:03vermittelt und spüren lässt die
  623. 26:06Dunkelheit eines faschistischen Regimes.
  624. 26:09Sie hat geschrieben über die Erziehung
  625. 26:10der Jugend im Dritten Reich.
  626. 26:12Zitat: "Zu sehen, mit welch scheußlichem
  627. 26:15Gift man die Kinder dort spreist, ist
  628. 26:16wirklich eine Qual."
  629. 26:19Sie hat Kinderbücher geschrieben über
  630. 26:21Mut und Abenteuer und zusammen mit ihrem
  631. 26:23Bruder Klaus ein fulminantes Kompendium
  632. 26:25über Exilanten. [räuspern] Escape to
  633. 26:28Life heißt es, deutsche Kultur im Exil
  634. 26:30und ist schon 1938 in New York
  635. 26:33erschienen und wurde ein großer Erfolg.
  636. 26:36Sie Zitat jetzt machen zehn mal mehr
  637. 26:39gegen die Barberei als wir alle
  638. 26:40Schriftsteller zusammen schrieb Josef
  639. 26:43Rot schon 1935 an Amerika an Erika Mann
  640. 26:48und sie selbst sagte in der Einleitung
  641. 26:49zu den Fragmenten ihrer Autobiografie:
  642. 26:52"Es ist etwas paradox, dass meine
  643. 26:54persönliche Geschichte sich vor allem
  644. 26:55mit Politik befassen wird, obwohl die
  645. 26:58Politik keinesfalls mein Hauptinteresse
  646. 27:00ist." Im Gegenteil sagt sie, Parteien
  647. 27:02und abstrakte Prinzipien hätten sie nie
  648. 27:04besonders interessiert. Zitat: "Das
  649. 27:07einzige Prinzip, an das ich mich halte,
  650. 27:09ist mein hartnäckiger Glaube an einige
  651. 27:12grundlegende moralische Ideale.
  652. 27:14Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit,
  653. 27:18Toleranz.
  654. 27:21Ob wir heute diesem Anspruch gerecht
  655. 27:23werden? Würde sie sich wohlfühlen in
  656. 27:26unserer Gesellschaft, in unserer
  657. 27:28Sprache? Ich
  658. 27:31habe neulich in meinen Notizen diese
  659. 27:33Nachricht gefunden vom 3. März 2026 und
  660. 27:37leider die Quelle nicht mit mitnotiert.
  661. 27:40Zitat:
  662. 27:43"Meine Kollegen im Newsroom berichten,
  663. 27:45dass an diesem Dienstag nun auch das
  664. 27:46Gebäude des iranischen Expertenrats
  665. 27:49getroffen wurde. Dabei seien etliche
  666. 27:51Mitglieder des Gremiums ausgeschaltet
  667. 27:53worden, das eigentlich zusammengekommen
  668. 27:55war, um den Nachfolger des getöteten
  669. 27:56Ayatoli Alchemeni zu wählen.
  670. 28:00Ausgeschaltet.
  671. 28:01Menschen wurden ausgeschaltet, so wie
  672. 28:03man ein Radio ausschaltet oder das
  673. 28:05Licht.
  674. 28:07Aber wir reden ja auch von Humankapital,
  675. 28:09wenn wir Menschen meinen, nennen,
  676. 28:12Gesetze zur Begrenzung der Migration zu
  677. 28:14Strombegrenzungsgesetz.
  678. 28:17Sprache verrot, wenn man sich selbst
  679. 28:20nicht im anderen sieht, keine Empathie
  680. 28:23kennt.
  681. 28:24Empathie ist ja ein leider oft
  682. 28:26abgenudeltes, kaltschneuzig
  683. 28:27ausgebeutetes Wort und kann leicht
  684. 28:30abgleiten in den Kitschschlund.
  685. 28:32Wir könnten deshalb auch von
  686. 28:34gegenseitiger Wahrnehmung sprechen oder
  687. 28:36von Aufmerksamkeit oder Anteilnahme eben
  688. 28:39vom Miteinander.
  689. 28:41Wir können uns aber auch einfach lösen
  690. 28:43von dem Wortverschleiß und Empathie für
  691. 28:46uns zurückgewinnen als Ausdruck dieses
  692. 28:49wunderbaren Menschensatzes von Tab
  693. 28:51George Tabori jeder ist jemand.
  694. 28:56Ein Satz, der die Anerkennung des
  695. 28:58anderen verlangt. Respekt vor seinem
  696. 29:01Sein, vor seiner Art des Seins.
  697. 29:05Florence Gaub, Politikwissenschaftlerin,
  698. 29:08Militärstrategin und Zukunftsforscherin,
  699. 29:10hat gesagt, die Kompetenz
  700. 29:13der Zukunft ist Empathie.
  701. 29:17Und wieder. Es beginnt mit uns, jedem
  702. 29:21einzelnen von uns.
  703. 29:2410 Jahre lang habe ich meinen nach zwei
  704. 29:26Schlaganfällen sehr kranken Mann
  705. 29:27gepflegt, der ich erwähnte es schon
  706. 29:29nicht richtig sprechen, nicht gehen,
  707. 29:31nicht lesen und nicht schreiben konnte,
  708. 29:32aber hell wach war im Kopf. Fast jeden
  709. 29:35Tag kam ein Vorleser oder eine
  710. 29:37Vorleserin zu ihm. 17 hatte ich
  711. 29:39irgendwann zusammengesammelt und am Ende
  712. 29:41eine Warteliste.
  713. 29:44Für uns waren sie immer wieder die
  714. 29:46Rettung, weil sie Lebendigkeits ins Haus
  715. 29:48brachten. Ab Abwechslung, Lachen, Nähe.
  716. 29:53Es waren Menschen, die es ausgehalten
  717. 29:55haben, neben einem Mann zu sitzen, den
  718. 29:57sie meist nicht verstanden, wenn er
  719. 29:59versuchte ihnen etwas zu sagen, die es
  720. 30:02gelernt haben, diese bedrückende
  721. 30:04Situation zu ertragen.
  722. 30:06Oft ging sie traurig nach Hause und kam
  723. 30:09immer wieder, weil sie gespürt haben,
  724. 30:12wie sehr er sie brauchte, weil sie ihre
  725. 30:14Responsaility wahrgenommen und ihre
  726. 30:17Empathie gelebt und sich selbst dabei
  727. 30:20übrigens neu kennengelernt haben. Denn
  728. 30:22Voraussetzung für Empathie ist
  729. 30:24Selbstwahrnehmung.
  730. 30:26Und ja, wir können eher in jedem
  731. 30:29Menschen jemanden sehen, wenn wir selbst
  732. 30:31ganz bewusst ein jemand sind.
  733. 30:34Werte, der du bist, heißt es bei dem
  734. 30:36griechischen Lyriker Pinda, der etwa 500
  735. 30:38vor Christus gelebt hat.
  736. 30:42Als ich kürzlich Empathie auf meinem
  737. 30:45Laptop bei Tesaurus eingab, kam die
  738. 30:47Antwort: Es wurden keine Ergebnisse
  739. 30:49gefunden.
  740. 30:51Vielleicht hatte Elon Mask den Antrag
  741. 30:54gelöscht,
  742. 30:55denn er sagt, Empathie sei die
  743. 30:58grundlegende Schwäche der westlichen
  744. 31:00Zivilisationen.
  745. 31:02Er muss es sagen, denn er und seines
  746. 31:04Gleichen müssen Empathie zurecht
  747. 31:06fürchten, weil sie Bürger stark macht,
  748. 31:09eigenwillig.
  749. 31:11Weil empathische Menschen eigene Gefühle
  750. 31:13haben, die sie befähigen, die
  751. 31:15Empfindungen anderer Geschöpfe zu
  752. 31:16spüren, Verbindungen zu leben, sich
  753. 31:19innerlich gefestigt der
  754. 31:21antidemokratischen Einverleibung zu
  755. 31:23widersetzen,
  756. 31:24weil sie den Mut haben, sich freiwillig
  757. 31:27mit anderen zusammen zu tun, all das,
  758. 31:30was Autokraten verhindern wollen. Sie
  759. 31:33wollen uns als vereinzelte, als
  760. 31:35verunsicherte Figuren, als
  761. 31:37manipulierbare leicht in ihre Welt
  762. 31:39hineinzuködernde Wesen lernen wir
  763. 31:43einander kennen.
  764. 31:46Der amische Historiker Tommy Timothy
  765. 31:48Schneider hat in seinem klugen kleinen
  766. 31:50Buch über Tyrannei 20 Lektionen für den
  767. 31:53Widerstand aufgeschrieben. Übrigens eine
  768. 31:56Pflichtlektüre.
  769. 31:58In Lektion 12 gerät er uns: "Nimm
  770. 32:01Blickkontakt auf und unterhalte dich mit
  771. 32:04anderen." Denn schreibt er, wenn wir in
  772. 32:07eine Kultur der Denunziation geraten
  773. 32:10sollten, wirst du über die
  774. 32:12psychologische Landschaft deiner
  775. 32:14Alltagsumgebung Bescheid wissen wollen.
  776. 32:18Es ist gut, sich vorzubereiten auf
  777. 32:20schwierige Zeiten, in denen eine Kultur
  778. 32:22der Denunziation uns bedrohen könnte,
  779. 32:25eine Atmosphäre des Misstrauens. eine
  780. 32:28Einengung der Kunst und der Gefühle, der
  781. 32:30Fantasie, des Humors, ein zensierter
  782. 32:33Gebrauch von Worten, eine Verarmung der
  783. 32:35Sprache.
  784. 32:38Um uns zu wehren gegen die Bedrängnisse
  785. 32:40der heutigen Welt, brauchen wir
  786. 32:42Empathie, den Widerstand, die
  787. 32:44Verantwortung, brauchen das Zusammensein
  788. 32:46mit anderen, brauchen Augen, Stimmen,
  789. 32:49Ideen, Körper von anderen, brauchen
  790. 32:51Zusammenhalt. Psychologen sprechen von
  791. 32:53Kohenzsinn, den wir empfinden, wenn wir
  792. 32:55Teil einer Gruppe sind.
  793. 32:58Wenn ein Wissen voneinander entsteht,
  794. 33:00ein Vertrauen in eine gegenseitige
  795. 33:03Verlässlichkeit,
  796. 33:04eine Nähe, ein Halt, ein gemeinsamer
  797. 33:08Wut,
  798. 33:10etwas, das da muss man bitte genau
  799. 33:12hinschauen, auch rechte Gruppen
  800. 33:14scheinbar anbieten, Nähegefühle,
  801. 33:18Gemeinschaft.
  802. 33:19Nur beruht das Zusammensein bei ihnen
  803. 33:22nicht auf Individualität,
  804. 33:25einem eigenen Sein im Zusammensein,
  805. 33:28sondern dort geht es um Verschmelzung
  806. 33:30aller zu einem Gemeinschaftskörper.
  807. 33:32Man tut, was alle tun, denkt was alle
  808. 33:36denken. Die Perfindie dieses Konzept
  809. 33:39lässt sich vielleicht nirgends so gut
  810. 33:40nachlesen wie in Sebastian Haftners Buch
  811. 33:43Geschichte eines Deutschen.
  812. 33:45Kameradschaft schreibt er, nehme den
  813. 33:47Menschen auch die Verantwortung für sich
  814. 33:49selbst ab. Zitat: "Sein Gewissen sind
  815. 33:53die Kameraden und es erteilt ihm
  816. 33:56Absolution für alles, solange er tut,
  817. 33:59was alle tun."
  818. 34:01In der Kameradschaft gedeihen keine
  819. 34:03Gedanken, sondern nur
  820. 34:05Massenvorstellungen.
  821. 34:07Zitatende.
  822. 34:08Und wenn Menschen erst einmal
  823. 34:10verkameradet sind, so Hafner, sind sie
  824. 34:14verloren und hochgefährlich,
  825. 34:17so stolz und so überaus gemein und
  826. 34:20untermenschlich. Zitat Ende.
  827. 34:23Denn dort schützt man nicht die
  828. 34:25Menschenwürde für andere und für sich,
  829. 34:27wie es das oberste Ziel an der
  830. 34:29Demokratie ist. Da tut man sich zusammen
  831. 34:32nicht in kritischer Lust, sondern in
  832. 34:35Unterwerfung und Selbstaufgabe.
  833. 34:40Erik Mann verstand ihre moralischen
  834. 34:42Werte Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit,
  835. 34:44Toleranz als unpolitisch, bevor sie
  836. 34:47politisiert wurde durch Machtmissbrauch
  837. 34:49und Menschenverachtung der
  838. 34:50Nationalsozialisten.
  839. 34:52Dabei sind sie Voraussetzung für ein
  840. 34:54freiheitliches Miteinander, für Taboris
  841. 34:57Diktum: Jeder ist jemand.
  842. 35:02Einer, der sich auch klar entschieden
  843. 35:04hat für eine Responseility und dieses
  844. 35:07Deutschland verließ, indem das Juden
  845. 35:08Blut vom Messer spritzen sollte, war
  846. 35:11Albert Wigulis Telen.
  847. 35:13Er kommt in dem Kompendium des Exils von
  848. 35:16Erika und Klausmann nicht vor. Die
  849. 35:18Geschwistermann haben ihn damals von
  850. 35:20noch nicht gekannt.
  851. 35:22Telen kein Holländer wie Thomasmann, der
  852. 35:25ihn später bewunderte, zunächst
  853. 35:27fälschlich vermutete, sondern geborenen
  854. 35:30Süchteln am Niederin am 28. September
  855. 35:331903,
  856. 35:342 Jahre vor Erikmann,
  857. 35:37geboren als Sohn eines bedächtigen
  858. 35:40Buchhalters, einem Seelenkärkling
  859. 35:43laut Wigulais und einer frommen
  860. 35:45Katholikin, die später neben ihrem
  861. 35:47Heiland auch ihren Führer einschließen
  862. 35:49wird in ihr Gebet.
  863. 35:51Wigulis, der präzise Wortschwelger,
  864. 35:54verachtet die Zitat konstituierende
  865. 35:57Reichsenthirnung durch den Rangkühne
  866. 35:59Proleten Hitler und seine durchflaserten
  867. 36:02Dünklinge der Bewegung.
  868. 36:04Er ist nach Mallorca ausgewandert, von
  869. 36:07wo er unter dem Pseudonym Leopold
  870. 36:09Fabrizius bitterböse Artikel
  871. 36:12verfasst gegen das Verderben in seinem
  872. 36:14Land.
  873. 36:16Anfang der 50er Jahre dann schreibt er
  874. 36:19einen großartigen Roman, die Insel des
  875. 36:21zweiten Gesichts heißt das dickbäuchige
  876. 36:24Rö von über 900 Seiten, indem er uns
  877. 36:27mitnimmt in die Welt der
  878. 36:28philosophierenden Bäcker, der geilen
  879. 36:31Schindkracken und schreitenden
  880. 36:32Liegelaster und zugleich glasklar
  881. 36:35analysiert, was dort passiert, von wo er
  882. 36:38gegangen ist. Meine Heimat, schreibt er,
  883. 36:40war gleichgeschaltet. Über Nacht war die
  884. 36:42Bewegung in Bewegung gekommen. Es
  885. 36:44wimmelte in meiner Vaterstadt.
  886. 36:47Das Rezept ist jedem bekannt. Als Junge
  887. 36:49habe ich es oft ausgeführt. Ein Glas
  888. 36:51Wasser, eine Hand voll Heu, man stellt
  889. 36:52die Brühe in die Sonne, bis sich die
  890. 36:54Jauche gebildet hat, dann ein Tropfen
  891. 36:56und das Mikrosform Mikroskop. Es wimmelt
  892. 37:00von hin und her schießenden Lebewesen,
  893. 37:02den Aufgustierchen.
  894. 37:04Und wenn ein ganzes Volk in Feuendes
  895. 37:06übergeht, entstehen auch Aufgustiere,
  896. 37:09die der Bewegung. Mit bloßem Auge
  897. 37:12entdessen sind sie erkennbar. Und wenn
  898. 37:14sie auf dich zuwimmeln und du hebst den
  899. 37:16Arm nicht, dann heben sie ihn und
  900. 37:18schlagen dich tot. Zitat Ende.
  901. 37:23Als Telen nach dem Krieg einen Antrag
  902. 37:26stellte auf Wiedergutmachung und von
  903. 37:28einem deutschen Gutachter befragt wurde
  904. 37:30nach den Weggründen für seine
  905. 37:33Immigration, ob er denn jüdisch versibt
  906. 37:36gewesen sei.
  907. 37:38Nein täälählen und erklärt, lieber Herr
  908. 37:39Professor, ich habe das Dritte Reich aus
  909. 37:43Gründen reiner Menschlichkeit bekämpft,
  910. 37:46worauf der Professor ihn mitleidig
  911. 37:48ansieht und sagt, aber ich bitte Sie
  912. 37:51Menschlichkeit, was ist das schon?
  913. 37:56Kleiner Sprung heute. Als die Bischöfin
  914. 37:59Marian Edgar Buddy in ihrer Rede zu
  915. 38:02Trumps Amtseinsetzung angesichts seiner
  916. 38:04schon angekündigten Abschieberadikalität
  917. 38:07an seine Barmherzigkeit appellierte,
  918. 38:10forderte prompt ein Magerabgeordneter
  919. 38:13die Beschöpfend auf eine Abschiebeliste
  920. 38:14zu setzen.
  921. 38:17Tun wir was zusammen. Tun wir uns
  922. 38:20zusammen.
  923. 38:22bilden kleine Kreise, reden miteinander,
  924. 38:25bauen ein Netz aus Verlässlichkeit.
  925. 38:29Die Harvard Universität hat eine
  926. 38:30Initiative ins Leben gerufen, die Love
  927. 38:32of Neighbors heißt die Liebe,
  928. 38:35Nachbarschaftsliebe.
  929. 38:37Vermutlich sowas ähnliches wie Nächsten
  930. 38:39Liebe soll in Communities etabliert
  931. 38:42werden. Liebe, soagen die Initiatoren,
  932. 38:45sei eine Voraussetzung für ein ein
  933. 38:47gutes, ein gesundes Leben und so sollen
  934. 38:50auch die WHO und die American
  935. 38:52Psychiatric Association eingebunden
  936. 38:54werden in das Experiment.
  937. 38:57Die Stichworte, Nähe, Mitgefühl,
  938. 39:00Versöhnung, Wohlwollen, Freundschaft,
  939. 39:03denn so die Erklärung, diese Werte sein
  940. 39:06zu lange übersehen worden.
  941. 39:09Neulich übrigens hat mir jemand erzählt
  942. 39:10von einem Tratspankel,
  943. 39:12äh, das irgendwo ins Süddeutschland
  944. 39:14eingerichtet worden sei und auf dem auch
  945. 39:16der Pfarrer einmal in der Woche sitze
  946. 39:18und irgendwie da mit Menschen dann reden
  947. 39:21wolle. Gefällt mir übrigens viel besser
  948. 39:23als Beichtstuhl, das Tratsbanker.
  949. 39:28Responsibility ist ein weites Feld ohne
  950. 39:30klar abgesteckte Grenzen, ohne
  951. 39:32Bestimmung des Anfangs und des Endes.
  952. 39:35Erik Mann, Albert Wigolis Telen, wir
  953. 39:38könnten hier auch noch die Geschichten
  954. 39:39von vielen anderen Exilanten erzählen,
  955. 39:41die gegangen sind, um von außen zu
  956. 39:43bekämpfen, was innen verfaulte.
  957. 39:46Und wir behaupten nichts tun zu können,
  958. 39:49statt alles zu tun, um Verhältnisse zu
  959. 39:52verhindern, die diese Menschen
  960. 39:53vertrieben haben.
  961. 39:55Noch können wir aufbegehren,
  962. 39:58noch können wir wachleben.
  963. 40:02Be aware, wie Patty Smith sagt, sein wir
  964. 40:05aufmerksam.
  965. 40:08Der österreichische Schriftsteller Hugo
  966. 40:10Betteruer war es. Schon 1922 erschien
  967. 40:13sein Buch Die Stadt ohne Juden ein Roman
  968. 40:16von Übermorgen. Ja, noch ein Roman, aber
  969. 40:19es lohnt sich wirklich ihn zu kennen.
  970. 40:21Betuer erzählt nämlich so satirisch wie
  971. 40:23prophetisch, wie ein antisemitischer
  972. 40:25österreichischer Kanzler sich zum Ziel
  973. 40:27gesetzt hat, Wien Juden freiumachen. Er
  974. 40:30sei auf die Idee gekommen, hat Per
  975. 40:31Bertauer damals erzählt, weil er in
  976. 40:33einer öffentlichen Toilette gesehen
  977. 40:35hätte Juden raus und dann gedacht hat,
  978. 40:38ach, das kann ich doch mal durchspielen.
  979. 40:41alle Juden raus. Heißt also die Parole,
  980. 40:43denn die Juden so der Kanzler seien, dem
  981. 40:45treuherzigen Bergvolk überlegen und
  982. 40:48hätten die arische Bevölkerung
  983. 40:49überwältigt und beherrschten sie alle
  984. 40:52Juden raus.
  985. 40:54Aber dann läuft es doch nicht so wie
  986. 40:55gehofft. Es sind sehr viel mehr der
  987. 40:57angeblichen Christen vom Judentum
  988. 40:59durchdrängt und müssen auch ausgewiesen
  989. 41:01werden. Die übrig gebliebenen
  990. 41:04Österreicher sind zu blöd. Die
  991. 41:06Geschäfte, die Banken, die großen
  992. 41:08Konzerne zu übernehmen, da haben dann
  993. 41:09Engländer, Franzosen und Italiener
  994. 41:11schnell zugegriffen.
  995. 41:13Es gibt Arbeitslosigkeit, Bankrotte,
  996. 41:15auch die Operettenhäuser gehen Pleite.
  997. 41:18Es gibt keine guten Läden mehr, keine
  998. 41:19Eleganz. Die Mode ist Tracht und Loden
  999. 41:22und sonst nichts. Wien verdorft.
  1000. 41:27Missmut
  1001. 41:28greift [räuspern] um sich. Allgemeine
  1002. 41:30Vereländung droht,
  1003. 41:32bis ein eleganter Herr aus dem Ausland,
  1004. 41:35ein Jude Incognito, zurückkehrt, sich
  1005. 41:39alles dreht und der Roman mit den Worten
  1006. 41:42endet. Zitat: "Von Fahenklänge,
  1007. 41:45Trompetentöne. Der Bürgermeister von
  1008. 41:47Wien, Herr Karl Maria Labelle, betrat
  1009. 41:51den Balkon, steckte segnen streckt
  1010. 41:54segnen seine Arme aus und hielt eine
  1011. 41:56zündende Ansprache, die mit den Worten
  1012. 41:59begann: "Mein lieber Jude,
  1013. 42:03ein verteufelt bitter komischer Roman,
  1014. 42:05der in seiner Prophetie weit hinter dem
  1015. 42:07zurückblieb, was dann wirklich geschehen
  1016. 42:09sollte.
  1017. 42:10Und doch wurde Betuer, er war gerade mal
  1018. 42:1352 Jahre alt, 1925,
  1019. 42:16für diesen Roman mit fünf Schüssen von
  1020. 42:19einem sehr frühen Mitglied der NSDP
  1021. 42:21ermordet.
  1022. 42:242026
  1023. 42:25ist nicht 1925,
  1024. 42:28aber die FPÖ wirbt für sich mit
  1025. 42:31Werbesprüchen wie Heimatliebe statt
  1026. 42:34Marokkanerdiebe
  1027. 42:36oder mehr Blut für unser Wiener mehr Mut
  1028. 42:39für unser Wiener Blut, zu viel Fremdes
  1029. 42:42tut niemandem gut.
  1030. 42:44Responsibility
  1031. 42:4600
  1032. 42:48und als gesichert rechtsextrem
  1033. 42:50eingestufte Landesverband der AfD
  1034. 42:52Sachsen Anhalt will kein Zitat
  1035. 42:54Staatsgeld ausgeben für antideutsche
  1036. 42:57Kunst und Kultur, sondern für Kunst, die
  1037. 42:59einen Beitrag zu deutscher
  1038. 43:02Identitätsfindung
  1039. 43:03leistet.
  1040. 43:05Unser Kulturstaatsminister Weimer
  1041. 43:07bezeichnet seinen Kulturental im letzten
  1042. 43:10Jahr als Zitat Bekenntnis zur inneren
  1043. 43:13Größe unserer Kulturntion, unserer
  1044. 43:16Herkunft.
  1045. 43:18Be aware.
  1046. 43:21Vor einigen Jahren hat mein Enkel mich
  1047. 43:23gefragt, was ich meinem früheren Ich
  1048. 43:25gerne sagen würde und ich habe ohne zu
  1049. 43:27zögern geantwortet: Aufwachen. aufwachen
  1050. 43:30für sich, für die Welt, für sich in der
  1051. 43:32Welt, für die eigenen Gefühle, die
  1052. 43:34eigenen Bedürfnisse, die Mängel und die
  1053. 43:35Fülle in sich und die Möglichkeit etwas
  1054. 43:38zu tun, was vielleicht hoffentlich Sinn
  1055. 43:40macht und Freude, seinen Platz zu finden
  1056. 43:44in der Welt, einen Sinn zu finden in
  1057. 43:46sich, alles sehen, nicht nur was
  1058. 43:49erschreckt und Innengrim weckt, sondern
  1059. 43:51auch alle gloriose Schönheit, Fantasie,
  1060. 43:53Hilfsbereitschaft, Zuneigung und all den
  1061. 43:56klugen Erfindungsreichtum, der uns ja
  1062. 43:58auch umgibt.
  1063. 44:01wie man als Großmutter halt so spricht
  1064. 44:04zum Enkel und nicht nur leise denkt,
  1065. 44:07sondern es dann irgendwann auch laut
  1066. 44:08sagt, wie oft man selber gefehlt hat und
  1067. 44:11immer wieder versagt. vor über 30
  1068. 44:14Jahren. Im Jahre 1992
  1069. 44:17habe ich genau hier schon einmal
  1070. 44:19gestanden. Das heißt damals gestanden,
  1071. 44:21heute nicht mehr, weil ich die Laudio
  1072. 44:24auf die Geschwister Schollpreisträger
  1073. 44:26Barbara Diestel und Wolfgang Benz halten
  1074. 44:28durfte. Ich habe die Brede kürzlich noch
  1075. 44:31mal gelesen und festgestellt, Teile
  1076. 44:34könnte ich heute wieder so halten. Und
  1077. 44:37die Gefahr über die Gefahr von Rechts,
  1078. 44:39über die Gefährdung unserer Demokratie,
  1079. 44:41über die es nützt ja doch nichts
  1080. 44:43Engagementverweiger
  1081. 44:45über den gratis Mut als Privileg der
  1082. 44:47Demokratie.
  1083. 44:49Zivilcourage sei nicht nur das Gegenteil
  1084. 44:51von Feigheit schriebig, sondern auch das
  1085. 44:53Gegenteil von Lithargie und Schweigen
  1086. 44:56und so weiter. Wie deprimierend.
  1087. 45:00Alles haben wir damals schon gewusst.
  1088. 45:02Alles haben wir schon gesagt und
  1089. 45:04offenbar wenig verstanden. Nach einer
  1090. 45:06aktuellen Umfrage würden heute
  1091. 45:09Rechtsextremisten 27,3%
  1092. 45:12der Stimmen bekommen und damit die
  1093. 45:14stärkste Partei werden. Und im
  1094. 45:17Buchenwald gibt es immer wieder grölende
  1095. 45:19junge Menschen, die sich grinsend am Ort
  1096. 45:21des Mordens fotografieren lassen, um die
  1097. 45:23Bilder zu posten.
  1098. 45:26Wie konnte es dazu kommen? Was haben wir
  1099. 45:29übersehen? Was nicht wahrgenommen?
  1100. 45:32Sind wir zu sehr in der Theorie
  1101. 45:33geblieben und haben zu wenig hingeschaut
  1102. 45:35in die Lebenswirklichkeit dieser
  1103. 45:37Menschen, die jetzt abdriften oder schon
  1104. 45:39abgedriftet sind, haben wir eine
  1105. 45:42Sehnsucht nach Geborgenheit übersehen,
  1106. 45:44die jetzt so viele finden, dem schon
  1107. 45:46genannten Hexenhaus der Gewissheit.
  1108. 45:49Menschen, die Heimat finden im Haus der
  1109. 45:53Nation, statt im Haus der Demokratie.
  1110. 45:56Warum ist Demokratie nicht Heimat
  1111. 45:59geworden?
  1112. 46:01Wir haben unter anderem die strukturelle
  1113. 46:03Ungleichheit nicht bekämpft. Im
  1114. 46:04Gegenteil, die Schere zwischen arm und
  1115. 46:06Reich und zwischen gebildet und
  1116. 46:07ungebildet wird immer größer.
  1117. 46:10Wir haben uns gescheut, die Fäden vom
  1118. 46:12dort zum hier zu erkennen, wie Sal
  1119. 46:14Dardan sie so klarsichtig in ihrem Buch
  1120. 46:17Traumaland aufdeckt.
  1121. 46:20Warum? Das noch kamer zwischendrin
  1122. 46:21gefragt. haben wir eigentlich nicht seit
  1123. 46:23langem in jeder deutschen Schule, in
  1124. 46:25jedem deutschen Amt eine Landkarte
  1125. 46:29eine Landkarte Europas, auf der alle
  1126. 46:32Schutzhaftlager, Konzentrationslager,
  1127. 46:34Vernichtungslager, Sammellager
  1128. 46:36eingezeichnet sind. Laut einer Studie
  1129. 46:38des United States Holocaust Memorial
  1130. 46:41Museum in Washington aus dem Jahre 2013
  1131. 46:43beläuft sich die Gesamtzahl aller
  1132. 46:45derartigen Einrichtungen von den ersten
  1133. 46:48Schutzhaftlagern
  1134. 46:50des Jahres 1933 bis zum größten Ghetto
  1135. 46:53Ghetto demjenigen von Warschau und
  1136. 46:56einschließlich aller Konzentrationslager
  1137. 46:58auf 42500
  1138. 47:00stellen.
  1139. 47:02Stellen Sie sich 42500
  1140. 47:04Fähnchen auf einer Karte Europas vor
  1141. 47:08und heute 27% für eine rechtsextreme
  1142. 47:12Partei in diesem Land.
  1143. 47:15Ich glaube, wir meine Generation konnten
  1144. 47:18uns einfach nicht vorstellen, obwohl wir
  1145. 47:20so viel gesehen haben, dass in diesem
  1146. 47:23Land in diesem Land mit dieser
  1147. 47:25Geschichte noch einmal ein
  1148. 47:26faschistisches Gedankengut relevant
  1149. 47:28werden könnte. 27%.
  1150. 47:32Was nun?
  1151. 47:34Aufgeben, resignieren. Es nützt ja doch
  1152. 47:38nichts. Klein laut auch selber sagen
  1153. 47:40oder entscheiden, was tun. Nun ist
  1154. 47:44recht, denn es gibt immer wieder ein
  1155. 47:46Morgen, immer wieder ein Anfangen, immer
  1156. 47:49wieder ein Versuchen, immer wieder ein
  1157. 47:51Wollen, immer wieder ein Hinschauen,
  1158. 47:53immer wieder ein Handeln.
  1159. 47:57Be aware.
  1160. 47:59Vor einer Weile hat Caroline Emke, die
  1161. 48:01ja auch schon hier gesprochen hat, mich
  1162. 48:02aufmerksam gemacht auf das Fotobuch The
  1163. 48:04Jste Project der amerikanischen
  1164. 48:06Künstlerin Susan Hiller. Eine Arbeit,
  1165. 48:09die begann, als Hiller 2002 in Berlin
  1166. 48:11eine Jüdenstraße entdeckte und sich
  1167. 48:14erschreckt und verwirrt, ja, geschockt
  1168. 48:16fragte, was es bedeute, hier
  1169. 48:17Straßennamen zu haben, die von Menschen
  1170. 48:20sprechen, die man ausgerottet hatte.
  1171. 48:23Hiller reiste von 2002 bis 2005 durch
  1172. 48:26deutsche Städte, Gemeinden und Dörfer
  1173. 48:27von Achen oder Arolsen bis Zeit oder
  1174. 48:30Zerbst und hat Straßenschilder
  1175. 48:32fotografiert. Judenberg, Judengasse, im
  1176. 48:35Judenbad, am Judenteich, am Judenpfad,
  1177. 48:38Judenhein, Judentour, am Jüenhügel,
  1178. 48:41Judenallee, Schwiefenstraße hier in
  1179. 48:44München, um nur einige zu nennen. 303
  1180. 48:47Bilder sind in dem Mann
  1181. 48:48zusammengestellt.
  1182. 48:51Sie sind sichtbar. Und niemand sieht
  1183. 48:52sie, hat Susan Hiller in einem Interview
  1184. 48:55gesagt. Sie habe einer Abwesenheit
  1185. 48:58gedenken, habe meditieren wollen über
  1186. 49:00eine Lehre.
  1187. 49:03Be aware. Die helldenkende und
  1188. 49:06klarsichtig formulierende amerikanische
  1189. 49:08Historiker Heather Cox Richardson, die
  1190. 49:11fast jeden Tag die gegenwärtige
  1191. 49:13amerikanische Politik zu einem Bild
  1192. 49:15ordnet, einem Schreckensbild,
  1193. 49:17sucht wir alle nach wegen aus der
  1194. 49:20Heimsicherung Heimsuchung.
  1195. 49:22Kürzlich hat sie einen Mönch zitiert,
  1196. 49:24der gesagt habe: "Each and everyone of
  1197. 49:28us has to pick up a torch and carry it
  1198. 49:32through life."
  1199. 49:34Kennen Sie ihre Fackel, ihre eigene
  1200. 49:37Fackel, mit der Sie ein bisschen Licht
  1201. 49:40ins Dunkel bringen könnten, die Sie bis
  1202. 49:43heute schon getragen haben oder ab heute
  1203. 49:46tragen werden? Pick up your Porch.
  1204. 49:49Torch, pick up your Porch. auch was
  1205. 49:51schönes. Pick up your torch. Statt in
  1206. 49:54Detergie und Hoffnungslosigkeit zu
  1207. 49:56versinken, sich zu verkriechen in die
  1208. 49:58finstere Kammer der Verzweifelung oder
  1209. 50:00in den grellen Schein des Eskapismus.
  1210. 50:04Es gehört für mich zur Responsibility zu
  1211. 50:08versuchen, das allumfassende
  1212. 50:11Gleichgewicht des Universums
  1213. 50:12wiederherzustellen,
  1214. 50:14damit die kosmische Waage nicht nur
  1215. 50:17Unheil und Unglück wiegt, sondern sich
  1216. 50:20in der zweiten Wagschale auch Freude,
  1217. 50:23Heiterkeit und Lebensmut häufeln,
  1218. 50:26Hoffnung und Handeln, Zuversicht und
  1219. 50:29Zuwendung.
  1220. 50:30Pick up your torch.
  1221. 50:33Carry through life.
  1222. 50:35Erika Mann hat es getan und jetzt sind
  1223. 50:38wir dran. Danke schön.
  1224. 50:42[applaus]
  1225. 50:50เฮ [applaus]
  1226. 50:57[applaus]

About this transcript

This page contains the full transcript of Erika Mann Lecture mit Gabriele von Arnim | response-ability oder die Kunst der Verantwortung by Holtzbrinck Berlin, generated from the public captions YouTube serves with the video. The transcript has 6,240 words across 1,226 segments, with the original timestamps preserved so you can click any line to jump to that moment in the embedded player.

What you can do with it

Use the transcript to take notes, quote the speaker, build a study guide, generate a summary with ChatGPT or Claude via the YouTube Summary tool, or export it as a timed subtitle file with YouTube to SRT. You can also re-open it in the transcriber to translate the transcript into 100+ languages.

Free YouTube transcript tool

YouTube2Text is a free YouTube transcript generator — no signup, no daily limit. Paste any YouTube link and get the full transcript instantly, with timestamps, click-to-jump, translation to 100+ languages, AI prompts for ChatGPT, Claude, and Gemini, and exports to TXT, SRT, VTT, or Markdown.