Erika Mann Lecture mit Gabriele von Arnim | response-ability oder die Kunst der Verantwortung — Transcript
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- 0:00[applaus]
- 0:05[applaus]
- 0:09[applaus]
- 0:16Herzlichen Dank. Wenn ich ein bisschen
- 0:18rot bin, dann liegt es nicht an der
- 0:21Hitze, sondern an den Lobesworten. Frau
- 0:23Olk, vielen Dank. Manchmal habe ich mich
- 0:26gar nicht wieder erkannt und habe
- 0:27gedacht, was ich alles schon erlebt habe
- 0:29offenbar und [schnauben] gemacht habe.
- 0:32Herzlichen Dank für die Einladung. Ähm,
- 0:36das ist wirklich ähm ein sehr schönes
- 0:38Gefühl, hier sitzen zu dürfen
- 0:40und auch aufregend natürlich.
- 0:44Mein Thema heute Abend heißt
- 0:48Responsibility,
- 0:50die Kunst der Verantwortung.
- 0:56Der Barbar wartet und wir werden stetig
- 1:00schwächer in der Sicherheit unserer
- 1:02Vergnügungen und unserer Bequemlichkeit.
- 1:07Das lässt der amerikanische Autor John
- 1:09Williams in seinem Roman Augustis den
- 1:12Kaiser sagen, der von 31 vor Christus
- 1:15bis 14 nach Christus regierte.
- 1:18Der Barbar wartet und wir werden stetig
- 1:21schwächer in der Sicherheit unserer
- 1:22Vergnügungen und Bequemlichkeit.
- 1:26Williams hätte diese Zeilen auch für uns
- 1:28im heute schreiben können, denn es ist
- 1:31wieder einmal an der Zeit, uns zu
- 1:32erheben aus unserer Couchnamens
- 1:34Bequemlichkeit, uns zu befreien aus den
- 1:37verlockenden Armen des flauen Vergnügens
- 1:40und in die Welt hineinzuhören,
- 1:42Entwicklungen wahr und Forderungen
- 1:44anzunehmen, die die Zeit an uns stellt,
- 1:47für das Leben in Freiheit sich zu
- 1:50entscheiden und nicht für den Käfig der
- 1:52Autokratie.
- 1:53Es ist nicht die Zeit, es ist wohl nie
- 1:55die Zeit für wohlige
- 1:58Verantwortungslosigkeit,
- 2:00wie Kamühe zu treffen nannte.
- 2:02Man kann nicht länger als
- 2:04Demokratiedöser durch die Tage
- 2:06schruffen, sondern muss sich als
- 2:08partizipatorischer Bürger einbringen ins
- 2:11Geschehen
- 2:13muss. Du musst nur sterben, pflegte mein
- 2:16Mann zu sagen. Und ich bin vorsichtig
- 2:19geworden mit dem Wort. Aber hier wir
- 2:21müssen nicht, wir wollen sagt ein
- 2:23Freund. Es liege doch in unserem
- 2:24ureigensten Interesse als Bürger sich
- 2:27einzumischen.
- 2:28Das klingt her und das ist her gedacht.
- 2:31Aber handeln wir auch her? Begreifen wir
- 2:34uns als Wächter der Demokratie und
- 2:36zeigen engagiert: Repression gebiert
- 2:39Widerschwänzigkeit,
- 2:41kulturelle Einengung schürt Widerspruch,
- 2:44Beschränkung von Meinungsfreiheit
- 2:46rüttelt auf zur Einübung in
- 2:48Zivilcourage.
- 2:50Oder genießen wir nur unsere Rechte und
- 2:52vernachlässigen unsere Pflichten, unsere
- 2:55Selbstverantwortung?
- 2:57Verantwortung nämlich kostet Nerven,
- 3:00kostet Mühe und Bemühen, kostet Kraft
- 3:02und setzt voraus zu verstehen, dass
- 3:06alles was in der Welt passiert mit uns
- 3:08zu tun hat, dass wir hier
- 3:11mitverantwortlich sind für das, was dort
- 3:13geschieht. Denn allein, dass wir sind,
- 3:16dass wir atmen, leben, lieben, denken
- 3:20wollen, verändert die Welt.
- 3:23Navid Kmani schreibt schon: "Wenn du
- 3:25einatmest, bist du verbunden mit der
- 3:26ganzen Welt und jedes Mal, wenn du
- 3:29ausatmest, nimmt die Welt Anteil an
- 3:31dir."
- 3:34Wir sind also da.
- 3:36Aber wer wir sind und wie wir sind, das
- 3:39können wir selbst bestimmen, können
- 3:41entscheiden, was wir wahrnehmen,
- 3:43erkennen, wissen, lernen, begreifen.
- 3:47Es ist wahrlich nicht leicht, sich zu
- 3:49orientieren in dieser Zeit des
- 3:51Wahnsinns, wobei ich immer noch nicht
- 3:53weiß, welcher Sinn denn nun im Wahnen
- 3:55liegt. Aber vielleicht ist es der
- 3:57endlich zu erkennen, wie ernst es um uns
- 4:00steht, wie dringlich es ist zu sein, wer
- 4:04wir sein könnten, um couragiert den
- 4:06Aufbruch in Abschiede von Gewissheiten
- 4:08anzugehen und daran zu glauben, dass
- 4:11nach jedem Ende ein Anfang kommt, nach
- 4:14der Angst vor dem Vergehen alter
- 4:16Ordnungen, die Lust auf die Freiheit der
- 4:19Ungewissheit in der Hoffnungsmut
- 4:22gedeihen kann und Zukunftsfantasien
- 4:24locken.
- 4:26Wenn wir denn dem Wollen ein Tun folgen
- 4:29lassen,
- 4:31wie Erika Mannes tat, diese so charmante
- 4:33wie sperrige, kluge, witzige,
- 4:35vielgestaltige, eigenwillige,
- 4:37kämpferische und dann doch auch
- 4:39zerbrechende Figur in dieser so
- 4:42komplizierten Familie in einer so
- 4:44unheilvollen Zeit.
- 4:47Früh hat Erika Mann Gefahren erkannt und
- 4:50benannt. Schon Ende August 1933 schrieb
- 4:53sie Zitat: "Ich wäre so eine gute Kraft
- 4:56für große Machenschaften. Man müsste
- 4:58mich nur anstellen davor. Und mir
- 5:00scheint, wir müssen uns alle ganz der
- 5:03Politik weinen."
- 5:06Worte einer Frau, die sich zunächst
- 5:08nicht für Politik interessiert hatte.
- 5:10Die Schauspielerin war Rallyfahrerin,
- 5:11bevor sie eine scharfzüngige
- 5:13Kabarettistin wurde, Schriftstellerin,
- 5:15Kriegsberichterstatterin, Rednerin und
- 5:17vieles mehr, die so eloquent und
- 5:20beharrlich wannte vor dem Verlust der
- 5:22Menschenrechte, der Moral, der
- 5:24Demokratie in diesem Deutschland des
- 5:26Anstand und Freiheit verschlingenden
- 5:28Nationalsozialismus.
- 5:31Ich war der irrigen Auffassung schrieb
- 5:34sie Ende der 30er Jahre, dass Politik
- 5:36Sache der Politiker wäre und dass ich
- 5:38mich nicht in fremde Angeleut Leute
- 5:41Angelegenheiten mischen sollte. So haben
- 5:44wir uns viele gedacht und so kam Hitler
- 5:47zur Macht.
- 5:49Mischen wir uns also ein. Nehmen wir
- 5:51Erik Manns Warnung vor der
- 5:53Verantwortungslosigkeit
- 5:54ernst? Nehmen wir uns ein Beispiel an
- 5:57ihrem konsequenten Weg vom unpolitischen
- 6:00Sein zur politischen Aktivistin,
- 6:02versuchen wir mit Werwe schon erwähnten
- 6:05Demokratiedöser aufzustören,
- 6:08denn noch sind sie die Mehrheit.
- 6:12Wie oft sitzt man zusammen mit politisch
- 6:14besorgten Menschen und hört sie sagen
- 6:16und sagt es womöglich selbst, ich kann
- 6:18ja doch nichts tun.
- 6:20Man wisse nicht, wo man anfangen könne.
- 6:22Obgleich man so gern anfangen würde,
- 6:24aber stimmt das? Oder machen wir es uns
- 6:27sanftzend in unserer Ratlosigkeit allzu
- 6:30bequem? Scheuen die Belastung des
- 6:33Engagements
- 6:34sind auch anmaßend. Wenn wir nicht
- 6:37gleich die Welt verändern können,
- 6:39kümmert uns nicht der kleine einzelne
- 6:41Schritt.
- 6:42sehen wir nicht, dass jeder Schritt von
- 6:45jedem Menschen zählt. Denn wenn wir alle
- 6:47Wege suchen, trampeln wir gemeinsam fade
- 6:50ins verschlungene Dickicht des Lebens
- 6:52und der Gesellschaft.
- 6:54Etwas tun zu wollen heißt, sich einer
- 6:57präzisen Lebensbesichtigung seiner
- 6:59Möglichkeiten zu stellen. Die eigene
- 7:01Unabhängigkeit, ein selbständiges Denken
- 7:04und ein freies Fühlen in sich zu finden.
- 7:09Und das sage keiner, er nichts zu
- 7:11bieten. Jeder kann sich Freunden und
- 7:13Hausbew Bewohnern zuwenden, kann mit den
- 7:16anderen zusammen Müll im Park
- 7:18aufsammeln, kann der Krankenachbarin
- 7:20Medikamente aus der Apotheke holen, kann
- 7:22den anderen wahrnehmend präsent sein,
- 7:26kann zuhören auch und gerade anderen
- 7:28Meinungen, kann auf die Straße gehen und
- 7:30mit anderen plaudern oder kann auf die
- 7:32Straße gehen und mit anderen
- 7:34protestieren.
- 7:36Demokratie ist nicht nur
- 7:38Meinungsfreiheit, Rechtsstaat und
- 7:40Vielfalt. Demokratie heißt auch
- 7:43Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Zuwendung.
- 7:53We can contribute every one of us, sagt
- 7:56die Rocksängerin und Aktivistin Patty
- 7:58Smith, die ich übrigens andauernd am
- 8:00liebsten andauernd zitieren würde, weil
- 8:02ich sie so großartig finde.
- 8:04Also, wir können was tun, sagt sie,
- 8:06indem wir aufmerksam sind bei being
- 8:09aware, bei being good people und fährt
- 8:12fort: "Radiating good is its own action,
- 8:15also schon das eigene gute tun strahlt
- 8:18aus in die Welt.
- 8:19[schnauben][japst]
- 8:20Das klingt nach kleiner Münze, klingt
- 8:23bescheiden, wo wir doch die Welt
- 8:25verändern wollen.
- 8:27Aber die Welt ist eben dort, wo wir
- 8:30sind. Wir sind die Welt. Jeder und jede
- 8:33von uns
- 8:36muss noch mal was trinken.
- 8:40Die Hitze.
- 8:44Jeder große Strom hat eine kleine Quelle
- 8:46und jeder einzelne lebendige Mensch ist
- 8:49eine Quelle der Möglichkeiten und der
- 8:52Hoffnung.
- 8:55It's hard to hope hat Barack Obama beim
- 8:57Trauergottesdienst für Reverend Jessie
- 8:59Jackson gesagt. In times like these hard
- 9:02to hope. Und wir kennen doch alle dieses
- 9:04lauernde Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
- 9:07kennen Menschen, die das Sein kaum
- 9:09aushalten können in diesen Zeiten des
- 9:11Verlusts, der Rückschritte, der
- 9:12Abschiede von Demokratie und
- 9:14Friedensgewissheit, der Enttäuschungen,
- 9:17der Gewalt, der obseren Macht von
- 9:18Techmilliardären, der Kriege und
- 9:20klimatischen Katastrophen, der misogynen
- 9:23und fremden feindlichen
- 9:24gesellschaftlichen Entwicklungen.
- 9:27Menschen, die resignieren, sich
- 9:29verabschieden davon zuständig zu sein
- 9:32für den Zustand der Welt und dabei
- 9:35verdrängen, dass es doch ihre Welt ist.
- 9:38Andere gehen jenen auf den Leim, die
- 9:40einfache Antworten geben, die uns mit
- 9:42langen Hexenfingern in ihr scheinbar
- 9:44krisensicheres Haus der Gewissheit
- 9:46locken. Hänsel ist schon drin und viele
- 9:50andere auch spazierten hinein und kommen
- 9:52nicht wieder raus, weil sie zu spät
- 9:55begreifen, sie werden gemestet, um
- 9:57gebraten zu werden.
- 10:00Aber zu hoffen, so fuhr Obama fort in
- 10:03seiner Rede, sei heute unsere Aufgabe.
- 10:07Wir alle müssten Botschafter der
- 10:09Hoffnung sein, Messengers of Hope.
- 10:12Selbst wenn vielleicht erst einmal ohne
- 10:14spürbaren Erfolg, so gebäbe es doch
- 10:16unserem Leben eine Richtung, ein Sinn, a
- 10:19purpose.
- 10:21Als hier in München vor kurzem der Grüne
- 10:23Dominik Krause zum Oberbürgermeister
- 10:25gewählt wurde, hieß es, die Leute hätten
- 10:26einfach mal Lust gehabt auf was
- 10:28Positives.
- 10:31Keine Ahnung, ob Dominik Krause eine
- 10:32positive Geschichte ist, aber dass wir
- 10:35auf Aufbruchgeschichten brauchen, spüren
- 10:38wir überall.
- 10:40Kennen Sie Tullen?
- 10:42Tol, die österreichische Gartenstadt an
- 10:43der Donau, die sich Stadt des
- 10:45Miteinanders nennt und deren
- 10:47Bürgermeister sagt, es sei die urignste
- 10:49Aufgabe der Politik, das Miteinander zu
- 10:52fördern.
- 10:54Zusammenhalt mache eine Gemeinschaft
- 10:56stark und gesund und Helfer auch der
- 10:58wirtschaftlichen Prosperität.
- 11:01Sicho so einen Namen zu geben und
- 11:04Politik so zu definieren, veränderte
- 11:07offenbar das Verhalten der Bürger, die
- 11:10mittun wollen beim Miteinander, sich
- 11:13verantwortlich fühlen für ihre Stadt.
- 11:16Es ist das Tun.
- 11:19Der syrische Anwalt Anwar Albunni nach
- 11:21Gefängnis und Folter geflüchtet aus
- 11:23seinem Land hat viele Jahre lang in
- 11:26Europa ein großes Netz von Anwälten und
- 11:28Rechercheuren aufgebaut. um die
- 11:31Verbrechen der Folterer in Syrien zu
- 11:33dokumentieren.
- 11:35Bei den Prozessen, die nach dem
- 11:36Weltrechtsprinzip auch bei uns schon
- 11:38geführt wurden in Koblens und in
- 11:40Frankfurt, hat Albuni aus seinem
- 11:43umfangreichen Archiv entscheidende
- 11:45Informationen geben können und dieser
- 11:47Mann hat Hoffnung und Verantwortung für
- 11:50mich auf den Punkt gebracht, als er
- 11:51sagte: "Ich hoffe nicht auf eine bessere
- 11:54Zukunft, ich tue alles, damit es eine
- 11:57bessere Zukunft geben kann.
- 12:00Er hat nicht gehofft, er hat gehandelt
- 12:03und war immer wieder zuversichtlich,
- 12:05dass das, was er tat, ein sinnvolles
- 12:07Zukunftstun sei.
- 12:11Das Prinzip Zuversicht scheint mir
- 12:13ohnehin verlässlicher zu sein, als die
- 12:15so oft mit uns tendelnde Hoffnung. Ernst
- 12:19Bloch schrieb: "Es liegt im Wesen der
- 12:22Hoffnung, dass sie enttäuscht werden
- 12:24kann, sonst wäre sie ja Zuversicht."
- 12:28Zuversicht ist ein innerer Kompass, eine
- 12:31Kraftquelle, ein Antrieb führt hinein
- 12:33ins Tun. Ich übe die Kunst der
- 12:36Zuversicht übrigens täglich und finde es
- 12:38gar nicht so einfach, aber wichtig.
- 12:41Auch die Demokratie braucht Zuversicht
- 12:43braucht Bürger die Freiheit wertschätzen
- 12:45und Rechtssicherheit, das Glück
- 12:46kultureller und sexueller
- 12:48Selbstbestimmung, der Vielfalt und der
- 12:50Gleichberechtigung.
- 12:52Auch Demokratie gilt es zu üben.
- 12:57Die Demokratie, schrieb Heinrich Mann
- 12:591932, ist eine Schule mit so vielen
- 13:02Prüfungen wie das Leben selbst. Und
- 13:04innerhalb des einzelnen Volkes sind
- 13:06immer eine gewisse Anzahl Schüler
- 13:08ausgesprochen schlecht und möchten
- 13:09gleich die Schule in Brand stecken. So
- 13:12ist es heute in Deutschland. Sie möchten
- 13:14Brandstiften, aber die vernünftigen und
- 13:16brauchbaren Lebensschüler werden dafür
- 13:18sorgen, dass uns das Schlimmste erspart
- 13:21bleibt.
- 13:231932
- 13:24schrieb Heinrichmann diese Zeilen. Ein
- 13:27Jahr später wurde das erste
- 13:28Konzentrationslager
- 13:30hier gegründet in Dachau.
- 13:3426 ist nicht 1932,
- 13:38aber die Zeiten sind gefährlich und ich
- 13:40staune immer wieder ob der
- 13:42Realitätsflüchtlinge, die mir immer noch
- 13:44sagen, es geht dir doch gut, warum regst
- 13:45du dich so auf?
- 13:48Menschen, die nicht begreifen, dass wir
- 13:49alle zusammen unsere Gesellschaft
- 13:51bilden, alle zusammen das Leben sind in
- 13:54einem freien Land. Menschen, die zu
- 13:57furchtsam sind hinzuschauen auf die
- 13:59Krisen der Gegenwart, die immer noch
- 14:00denken, Demokratie sei ein Zustand.
- 14:02Danke, dass Sie das zitiert haben. Indem
- 14:05man sich nur um sich kümmern könnte,
- 14:06während Demokratie tatsächlich eben ein
- 14:08Prozess ist, indem man sich uminander
- 14:11kümmern sollte. Demokratie ist kein mir
- 14:15geht's gut, was schondern
- 14:18ein wie geht es uns?
- 14:21Wir haben eine Welt und wir sind die
- 14:23Welt. Wir haben eine Demokratie und wir
- 14:27sind die Demokratie. oder um noch einmal
- 14:29Kamü zu zitieren, die Wirklichkeit der
- 14:32Welt ist unsere gemeinsame Heimat.
- 14:36Als Zizidanger, Filmgemacherin und
- 14:38Schriftstellerin aus Zimbabwe 2021 in
- 14:41der Frankfurter Paulskirche mit dem
- 14:43Friedenspreis des deutschen Buchhandels
- 14:45ausgezeichnet wurde, sprach sie in ihrer
- 14:47Dankesrede auch über den Weg vom Ich zum
- 14:51Wir und sagte:
- 14:54"In meinem Teil der Welt war der Kern
- 14:56unserer Lebensphilosophie Ich bin, weil
- 14:59du bist."
- 15:00Diese Philosophie, so fuhr sie fort,
- 15:02werde noch heute immer in Begrüßungen
- 15:04ausgedrückt, wie mir geht es gut, wenn
- 15:07es dir gut geht. Zitat Ende. Und dieser
- 15:11Satz gilt für jeden, nicht nur die
- 15:13eigenen Liebsten, nicht nur für die,
- 15:16denen man zugetan ist. Er gilt für
- 15:18Gesellschaft, Menschen und Tier und
- 15:22Baum, denn wir alle gehören zusammen.
- 15:24Wir existieren, gedeihen und verlöschen
- 15:26gemeinsam.
- 15:29Die albanische Philosophin Lea Ipi sagt,
- 15:31sie könnte sich nur in einer
- 15:32Gesellschaft wirklich frei fühlen, in
- 15:35der alle frei sein.
- 15:38Neu ist das Wissen nicht um das
- 15:39gemeinsame Wohl, ein Gemeinwohl.
- 15:42Es wird immer wieder vergessen.
- 15:45Als Hanna Arend am 28. September 1959 in
- 15:50Hamburg ihre Dankesrede hielt für den
- 15:51Läsingpreis mit dem schönen Titel von
- 15:55Mensch von der Menschlichkeit in
- 15:56finsteren Zeiten. Zitierte die
- 15:59Philosophin Aristoteles für den,
- 16:01nämlich, so sagte sie, die Freundschaft
- 16:04zwischen den Bürgern eines der
- 16:05Grunderfordernisse des gesunden
- 16:07Gemeinwesens gewesen sei. Erst das
- 16:10dauernde Miteinandersprechen vereinige
- 16:13die Bürger zu einer Polis.
- 16:16Wie passend. dass Ministerin Pren
- 16:18neulich erklärt hat: "Vielfall sehe ich
- 16:21nicht als staatliches Förderziel.
- 16:25Dabei wäre doch gerade das diverse Wires
- 16:28der vorrangigsten Ziele für die
- 16:30Demokratie eines Einwanderungslandes.
- 16:33Denn wir sind wie gesagt nur Mensch mit
- 16:36anderen Menschen werden, wer [räuspern]
- 16:38wir sind, weil wir in Beziehung
- 16:39zueinander leben, weil wir üben, den
- 16:41Menschen als Menschen als Nächsten zu
- 16:43lieben.
- 16:45The only thing more powerful than hate
- 16:48is love. prankte auf einem riesigen
- 16:50Billboard bei dieser grandiosen Show von
- 16:53Bad Bunny beim Super Bowl. Ich weiß
- 16:55nicht, ob sie das gesehen haben. Es war
- 16:57toll. Ähm in der er das miteinander
- 16:59wirklich leidenschaftlich gefeiert hat.
- 17:02Wenn Sie den Mut haben, Liebe zu denken,
- 17:07Liebe als politische Haltung zu denken,
- 17:10dann lesen Sie auch bitte Daniel
- 17:11Schreiber, der genau dazu ein wichtiges
- 17:14Buch und kluges Buch geschrieben hat.
- 17:17Im Moment in der Tat es weh, genau
- 17:20wahrzunehmen, was wo geschieht, wie es
- 17:23wem wo geht. Im Moment wollen wir uns am
- 17:26liebsten einkapseln. Je grausamer die
- 17:28Welt wird, desto weniger wollen wir
- 17:30hinschauen, wollen uns lieber schützen
- 17:31vor dem Entsetzen.
- 17:33Eine kurzfristig verständliche
- 17:35Entscheidung und langfristig von für
- 17:38jeden von uns ungüstiös.
- 17:40Denn wie hat es der Psychoanalytiker
- 17:42Arno Grohen gesagt mit dem Satz lebe
- 17:45ich? Wer Schmerz nicht fühlen will, kann
- 17:48auch wahre Freude nicht empfinden. In
- 17:51anderen Worten, wir bleiben durchlässig
- 17:55oder verstumpfen in jede Richtung.
- 17:58Erik Mann hat die Kälte der
- 18:00Gleichgültigkeit einmal dies kühlste
- 18:02aller Ruhe Kissen genannt, das sehr
- 18:05gefragt und allgemein beliebt sei.
- 18:09Gleichgültigkeit
- 18:10mag verlockend sein als Fluchtweg aus
- 18:13dem Weltenschmerz.
- 18:15Aber wenn wir wegschauen, überlassen wir
- 18:17leichtfertig denen das Feld, die die
- 18:20Welt vergiften, statt dass wir selber
- 18:22Mixturen brauen aus Hoffnung und
- 18:25Zuversicht und Wohlwollen.
- 18:28Übrigens ist Wohlwollen nicht nur ein
- 18:30schönes Wort, es ist auch ein schönes
- 18:32Gefühl, dem anderen und sich wohl
- 18:35wollen. Viele merken, wenn sie anderen
- 18:38Gutes tun, geht es ihnen selber besser.
- 18:41Nicht nur die Wissenschaft, auch der
- 18:43eigene Menschenverstand bestätigt das.
- 18:45Und immer wieder leben wir das
- 18:47Gegenteil. Fördern wir Selbstsucht,
- 18:49feiern die skrupellosen Gewinner, finden
- 18:52Freundlichkeit, was für Weicheier.
- 18:55Denn Zuwendung, Fürsorge und
- 18:58Aufmerksamkeit gelten gemäß im Credo der
- 19:01kapitalistischen Jetztzeit als Tugend
- 19:03der Versager.
- 19:05Einfühlung schwächt und so bleibt als
- 19:07Tropf auf der Strecke, der sich nicht
- 19:10der Selbstsucht verschreibt. Darauf
- 19:12kommen wir nachher noch mal. Tatsächlich
- 19:14aber geschieht nämlich wirklich das
- 19:15Gegenteil, wenn wir anfangen uns
- 19:17verantwortlich zu fühlen für die Welt um
- 19:19uns herum und uns darin, wenn wir
- 19:22anfangen zu handeln, geht es uns besser.
- 19:26Viele stöhen auf, wenn sie das Wort
- 19:28Verantwortung hören, winken abdenken,
- 19:30wie Erika Mandnes schrieb: "Polik sei
- 19:33Sache der Politiker. Sie hören Last und
- 19:35Pflicht hören auferlegte Bürde, die sie
- 19:37zum ohnehin schon bedrängenden Alltag
- 19:39voller Aufgaben und Verpflichtungen
- 19:41nicht auch noch auf sich laden möchten.
- 19:44Ich kann das gut verstehen. Nachdem ich
- 19:4610 Jahre lang meinen sehr kranken Mann
- 19:48gepflegt hatte, der zwar hell wach war
- 19:51im Kopf, aber nicht so sprechen konnte,
- 19:52dass andere ihn verstanden, der nicht
- 19:55schreiben, nicht gehen und nicht lesen
- 19:57konnte, stellte sich nach seinem Tod
- 20:00alles in mir auf Abwehr, wenn ich
- 20:03irgendwo für irgendjemanden
- 20:04Verantwortung übernehmen sollte. Das
- 20:07hatte ich nun so viele Jahre in Extenso
- 20:09getan, bis ins kleinste Detail,
- 20:13bis in die größten Fragen über Leben und
- 20:16Tod. Ich bestand darauf, unbehellig zu
- 20:19bleiben, nicht antworten zu müssen auf
- 20:21Fragen des Miteinanders, des
- 20:22demokratischen Zusammenlebens.
- 20:26In dem Wort Verantwortung steckt
- 20:29Antwort.
- 20:30Verantwortung ist also Erwiderung auf
- 20:33eine Frage.
- 20:35Nehmen wir doch einmal das englische
- 20:36Wort Responsibility und nehmen es
- 20:38auseinander.
- 20:40Responsibility,
- 20:42das heißt also die Fähigkeit zu haben zu
- 20:45antworten auf Fragen, die man hört und
- 20:49wirken lässt auf Sicht.
- 20:51Es geht also auch um die eigene
- 20:53Empfindsamkeit,
- 20:54die Courage, die Fragen zu hören, die
- 20:57die Zeit, unser Gewissen, die
- 21:00Gesellschaft uns stellen. [schnauben]
- 21:03Im Englischen unterscheidet man zwischen
- 21:05React and respond. Wenn ich reagiere,
- 21:08lasse ich mich triggern und lege los.
- 21:10Wenn ich antworte, habe ich hingedacht
- 21:12und hingefühlt, abgewogen und
- 21:15eingeordnet.
- 21:18Ausgesucht hat man sich die Situation
- 21:20meist nicht, in der man ist, kann sie
- 21:22nicht kontrollieren. Kontrollieren kann
- 21:25man allein seine Entgegnung, seine
- 21:27Einwilligung oder Abwehr, seine Antwort.
- 21:32Wenn das Schicksal, wer immer dieses
- 21:34ominöse Nichtwesen sein mag, wenn das
- 21:37Schicksal mit Blitzkrach und
- 21:39Donnergetöse über uns herfällt, wenn
- 21:41dieses Monster brüllt, das den freien
- 21:44Willen in uns demütigen vielleicht gar
- 21:46auslöschen will, könnten können wir
- 21:50immer noch auf unsere Weise antworten.
- 21:53Und genau in dem Moment, der scheinbar
- 21:55aussichtslos ist, werden wir
- 21:57aufgefordert zur Response Ability, den
- 22:01Raum des Entweder oder zu begreifen,
- 22:04indem wir entscheiden, wer wir sind.
- 22:08In diesem Raum wohnt die Möglichkeit
- 22:10selber zu denken, abzuwägen,
- 22:13wahrzunehmen.
- 22:14Hier wartet unsere Selbstbestimmung.
- 22:19Ausgerechnet ein Überlebender des
- 22:21Vernichtungslagers Auschwitz lehrt uns
- 22:24was Responability ist. Zitat: "Uns
- 22:28Macht, unsere Antwort zu wählen."
- 22:32Victor Frankel, Sie erinnern sich,
- 22:34österreichischer Neurologe und
- 22:36Psychiater, Begründer der sogenannten
- 22:38Logotherapie und Existenzanalyse,
- 22:41hat Responability zur existentiellen
- 22:44Lebenswirksamkeit erklärt. Wenn Sie
- 22:47einem wohl berühmtesten Buch trotz dem
- 22:50Jahr zum Leben ja sagen, das übrigens
- 22:52schon 1946 erschienen ist, schreibt er:
- 22:57"Wir müssen lernen und die verzweifelten
- 22:59Menschen lehren, dass es eigentlich nie
- 23:01und nimmer darauf ankommt, was wir vom
- 23:04Leben zu erwarten haben." viel mir
- 23:06lediglich darauf, wie wir die Fragen
- 23:09beantworten, indem wir nicht durch ein
- 23:12Grübeln oder reden, sondern nur durch
- 23:13ein Handeln, ein richtiges Verhalten,
- 23:15die rechte Antwort geben. Leben heißt
- 23:19letztlich eben nichts anderes als
- 23:20Verantwortung tragen für die rechte
- 23:22Beantwortung der Lebensfragen,
- 23:25für die Erfüllung der Aufgaben, die
- 23:27jedem einzelnen das Leben stellt, für
- 23:30die Erfüllung der Forderung der Stunde.
- 23:35ist seine Lektion aus Auschwitz.
- 23:38Nicht mit dem Leben hadern, wenn es uns
- 23:40belagert und quält, sondern dem Leben
- 23:43antworten.
- 23:45Eine eigene Haltung finden, auch
- 23:47angesichts von Gefahr und größter Not,
- 23:51Verantwortung für sich zu übernehmen.
- 23:55Heute lebt die belarussische Künstlerin
- 23:57Maria Kalechniker über diese Botschaft
- 23:59von September 2020 bis Dezember 2025.
- 24:04Also mehr als fünf Jahre war sie in
- 24:06Haft, teilweise in Einzelhaft und
- 24:09schreibt:
- 24:11"Wahre Freiheit beginnt dort, wo es
- 24:13gelingt, das Böse im eigenen Innern
- 24:15nicht wachsen zu lassen. Weder
- 24:18Gefängnisse noch Ketten können den Geist
- 24:20der Freiheit aufhalten.
- 24:22Freiheit beginnt dort, wo wir uns
- 24:25entscheiden, Mensch zu bleiben." Zitat
- 24:28Ende.
- 24:32in lebensbedrohender Lage. Was für ein
- 24:35Anspruch, was für eine Größe, wenn das
- 24:38gelingt. Ich lese Sätze die von Frankel
- 24:41oder Kalesver mit staunen, nein, mit
- 24:44Ehrfurcht
- 24:46und Dankbarkeit nie in solcher Weise
- 24:49geprüft und getestet worden zu sein.
- 25:00Victor Frankel, 1905 in Wien geboren,
- 25:031942 nach Theresienstadt und 44 nach
- 25:06Auschwitz deportiert.
- 25:08Seine Eltern und seine Frau wurden
- 25:10ermordet. Erik Mann, 1905 in München
- 25:13geboren, 1935 ausgebürgert und 1937 in
- 25:18die Vereinigten Staaten immigriert.
- 25:20Gekannt haben sie sich wohl nicht, aber
- 25:23Erika Mann hat gelebt, was Frankel
- 25:25beschreibt. Hat sich wie gesagt als
- 25:28Schauspielerin, Abenteurerin,
- 25:29Schreiberin immer wieder aufgerufen
- 25:31gefühlt, sich einzumischen in
- 25:33gesellschaftliche Belange. Hat immer
- 25:35wieder Stellung bezogen, um zu
- 25:37bekämpfen, was sie politisch entsetzte.
- 25:41Hat ihren Beruf als Schauspielerin mehr
- 25:43oder weniger aufgegeben und politisches
- 25:45Kabarett gemacht. hat ihr Land verloren
- 25:47und für lange Zeit auch ihre Sprache,
- 25:49hat im amerikanischen Exil ihre
- 25:51Responseility mit Leidenschaft
- 25:54wahrgenommen. Sie hat Geschichten der
- 25:56Entrechtung recherchiert und
- 25:57geschrieben, wenn die Lichter ausgehen.
- 25:59Heißt eines ihrer Bücher ein so
- 26:01sprechender Titel, der uns gleich
- 26:03vermittelt und spüren lässt die
- 26:06Dunkelheit eines faschistischen Regimes.
- 26:09Sie hat geschrieben über die Erziehung
- 26:10der Jugend im Dritten Reich.
- 26:12Zitat: "Zu sehen, mit welch scheußlichem
- 26:15Gift man die Kinder dort spreist, ist
- 26:16wirklich eine Qual."
- 26:19Sie hat Kinderbücher geschrieben über
- 26:21Mut und Abenteuer und zusammen mit ihrem
- 26:23Bruder Klaus ein fulminantes Kompendium
- 26:25über Exilanten. [räuspern] Escape to
- 26:28Life heißt es, deutsche Kultur im Exil
- 26:30und ist schon 1938 in New York
- 26:33erschienen und wurde ein großer Erfolg.
- 26:36Sie Zitat jetzt machen zehn mal mehr
- 26:39gegen die Barberei als wir alle
- 26:40Schriftsteller zusammen schrieb Josef
- 26:43Rot schon 1935 an Amerika an Erika Mann
- 26:48und sie selbst sagte in der Einleitung
- 26:49zu den Fragmenten ihrer Autobiografie:
- 26:52"Es ist etwas paradox, dass meine
- 26:54persönliche Geschichte sich vor allem
- 26:55mit Politik befassen wird, obwohl die
- 26:58Politik keinesfalls mein Hauptinteresse
- 27:00ist." Im Gegenteil sagt sie, Parteien
- 27:02und abstrakte Prinzipien hätten sie nie
- 27:04besonders interessiert. Zitat: "Das
- 27:07einzige Prinzip, an das ich mich halte,
- 27:09ist mein hartnäckiger Glaube an einige
- 27:12grundlegende moralische Ideale.
- 27:14Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit,
- 27:18Toleranz.
- 27:21Ob wir heute diesem Anspruch gerecht
- 27:23werden? Würde sie sich wohlfühlen in
- 27:26unserer Gesellschaft, in unserer
- 27:28Sprache? Ich
- 27:31habe neulich in meinen Notizen diese
- 27:33Nachricht gefunden vom 3. März 2026 und
- 27:37leider die Quelle nicht mit mitnotiert.
- 27:40Zitat:
- 27:43"Meine Kollegen im Newsroom berichten,
- 27:45dass an diesem Dienstag nun auch das
- 27:46Gebäude des iranischen Expertenrats
- 27:49getroffen wurde. Dabei seien etliche
- 27:51Mitglieder des Gremiums ausgeschaltet
- 27:53worden, das eigentlich zusammengekommen
- 27:55war, um den Nachfolger des getöteten
- 27:56Ayatoli Alchemeni zu wählen.
- 28:00Ausgeschaltet.
- 28:01Menschen wurden ausgeschaltet, so wie
- 28:03man ein Radio ausschaltet oder das
- 28:05Licht.
- 28:07Aber wir reden ja auch von Humankapital,
- 28:09wenn wir Menschen meinen, nennen,
- 28:12Gesetze zur Begrenzung der Migration zu
- 28:14Strombegrenzungsgesetz.
- 28:17Sprache verrot, wenn man sich selbst
- 28:20nicht im anderen sieht, keine Empathie
- 28:23kennt.
- 28:24Empathie ist ja ein leider oft
- 28:26abgenudeltes, kaltschneuzig
- 28:27ausgebeutetes Wort und kann leicht
- 28:30abgleiten in den Kitschschlund.
- 28:32Wir könnten deshalb auch von
- 28:34gegenseitiger Wahrnehmung sprechen oder
- 28:36von Aufmerksamkeit oder Anteilnahme eben
- 28:39vom Miteinander.
- 28:41Wir können uns aber auch einfach lösen
- 28:43von dem Wortverschleiß und Empathie für
- 28:46uns zurückgewinnen als Ausdruck dieses
- 28:49wunderbaren Menschensatzes von Tab
- 28:51George Tabori jeder ist jemand.
- 28:56Ein Satz, der die Anerkennung des
- 28:58anderen verlangt. Respekt vor seinem
- 29:01Sein, vor seiner Art des Seins.
- 29:05Florence Gaub, Politikwissenschaftlerin,
- 29:08Militärstrategin und Zukunftsforscherin,
- 29:10hat gesagt, die Kompetenz
- 29:13der Zukunft ist Empathie.
- 29:17Und wieder. Es beginnt mit uns, jedem
- 29:21einzelnen von uns.
- 29:2410 Jahre lang habe ich meinen nach zwei
- 29:26Schlaganfällen sehr kranken Mann
- 29:27gepflegt, der ich erwähnte es schon
- 29:29nicht richtig sprechen, nicht gehen,
- 29:31nicht lesen und nicht schreiben konnte,
- 29:32aber hell wach war im Kopf. Fast jeden
- 29:35Tag kam ein Vorleser oder eine
- 29:37Vorleserin zu ihm. 17 hatte ich
- 29:39irgendwann zusammengesammelt und am Ende
- 29:41eine Warteliste.
- 29:44Für uns waren sie immer wieder die
- 29:46Rettung, weil sie Lebendigkeits ins Haus
- 29:48brachten. Ab Abwechslung, Lachen, Nähe.
- 29:53Es waren Menschen, die es ausgehalten
- 29:55haben, neben einem Mann zu sitzen, den
- 29:57sie meist nicht verstanden, wenn er
- 29:59versuchte ihnen etwas zu sagen, die es
- 30:02gelernt haben, diese bedrückende
- 30:04Situation zu ertragen.
- 30:06Oft ging sie traurig nach Hause und kam
- 30:09immer wieder, weil sie gespürt haben,
- 30:12wie sehr er sie brauchte, weil sie ihre
- 30:14Responsaility wahrgenommen und ihre
- 30:17Empathie gelebt und sich selbst dabei
- 30:20übrigens neu kennengelernt haben. Denn
- 30:22Voraussetzung für Empathie ist
- 30:24Selbstwahrnehmung.
- 30:26Und ja, wir können eher in jedem
- 30:29Menschen jemanden sehen, wenn wir selbst
- 30:31ganz bewusst ein jemand sind.
- 30:34Werte, der du bist, heißt es bei dem
- 30:36griechischen Lyriker Pinda, der etwa 500
- 30:38vor Christus gelebt hat.
- 30:42Als ich kürzlich Empathie auf meinem
- 30:45Laptop bei Tesaurus eingab, kam die
- 30:47Antwort: Es wurden keine Ergebnisse
- 30:49gefunden.
- 30:51Vielleicht hatte Elon Mask den Antrag
- 30:54gelöscht,
- 30:55denn er sagt, Empathie sei die
- 30:58grundlegende Schwäche der westlichen
- 31:00Zivilisationen.
- 31:02Er muss es sagen, denn er und seines
- 31:04Gleichen müssen Empathie zurecht
- 31:06fürchten, weil sie Bürger stark macht,
- 31:09eigenwillig.
- 31:11Weil empathische Menschen eigene Gefühle
- 31:13haben, die sie befähigen, die
- 31:15Empfindungen anderer Geschöpfe zu
- 31:16spüren, Verbindungen zu leben, sich
- 31:19innerlich gefestigt der
- 31:21antidemokratischen Einverleibung zu
- 31:23widersetzen,
- 31:24weil sie den Mut haben, sich freiwillig
- 31:27mit anderen zusammen zu tun, all das,
- 31:30was Autokraten verhindern wollen. Sie
- 31:33wollen uns als vereinzelte, als
- 31:35verunsicherte Figuren, als
- 31:37manipulierbare leicht in ihre Welt
- 31:39hineinzuködernde Wesen lernen wir
- 31:43einander kennen.
- 31:46Der amische Historiker Tommy Timothy
- 31:48Schneider hat in seinem klugen kleinen
- 31:50Buch über Tyrannei 20 Lektionen für den
- 31:53Widerstand aufgeschrieben. Übrigens eine
- 31:56Pflichtlektüre.
- 31:58In Lektion 12 gerät er uns: "Nimm
- 32:01Blickkontakt auf und unterhalte dich mit
- 32:04anderen." Denn schreibt er, wenn wir in
- 32:07eine Kultur der Denunziation geraten
- 32:10sollten, wirst du über die
- 32:12psychologische Landschaft deiner
- 32:14Alltagsumgebung Bescheid wissen wollen.
- 32:18Es ist gut, sich vorzubereiten auf
- 32:20schwierige Zeiten, in denen eine Kultur
- 32:22der Denunziation uns bedrohen könnte,
- 32:25eine Atmosphäre des Misstrauens. eine
- 32:28Einengung der Kunst und der Gefühle, der
- 32:30Fantasie, des Humors, ein zensierter
- 32:33Gebrauch von Worten, eine Verarmung der
- 32:35Sprache.
- 32:38Um uns zu wehren gegen die Bedrängnisse
- 32:40der heutigen Welt, brauchen wir
- 32:42Empathie, den Widerstand, die
- 32:44Verantwortung, brauchen das Zusammensein
- 32:46mit anderen, brauchen Augen, Stimmen,
- 32:49Ideen, Körper von anderen, brauchen
- 32:51Zusammenhalt. Psychologen sprechen von
- 32:53Kohenzsinn, den wir empfinden, wenn wir
- 32:55Teil einer Gruppe sind.
- 32:58Wenn ein Wissen voneinander entsteht,
- 33:00ein Vertrauen in eine gegenseitige
- 33:03Verlässlichkeit,
- 33:04eine Nähe, ein Halt, ein gemeinsamer
- 33:08Wut,
- 33:10etwas, das da muss man bitte genau
- 33:12hinschauen, auch rechte Gruppen
- 33:14scheinbar anbieten, Nähegefühle,
- 33:18Gemeinschaft.
- 33:19Nur beruht das Zusammensein bei ihnen
- 33:22nicht auf Individualität,
- 33:25einem eigenen Sein im Zusammensein,
- 33:28sondern dort geht es um Verschmelzung
- 33:30aller zu einem Gemeinschaftskörper.
- 33:32Man tut, was alle tun, denkt was alle
- 33:36denken. Die Perfindie dieses Konzept
- 33:39lässt sich vielleicht nirgends so gut
- 33:40nachlesen wie in Sebastian Haftners Buch
- 33:43Geschichte eines Deutschen.
- 33:45Kameradschaft schreibt er, nehme den
- 33:47Menschen auch die Verantwortung für sich
- 33:49selbst ab. Zitat: "Sein Gewissen sind
- 33:53die Kameraden und es erteilt ihm
- 33:56Absolution für alles, solange er tut,
- 33:59was alle tun."
- 34:01In der Kameradschaft gedeihen keine
- 34:03Gedanken, sondern nur
- 34:05Massenvorstellungen.
- 34:07Zitatende.
- 34:08Und wenn Menschen erst einmal
- 34:10verkameradet sind, so Hafner, sind sie
- 34:14verloren und hochgefährlich,
- 34:17so stolz und so überaus gemein und
- 34:20untermenschlich. Zitat Ende.
- 34:23Denn dort schützt man nicht die
- 34:25Menschenwürde für andere und für sich,
- 34:27wie es das oberste Ziel an der
- 34:29Demokratie ist. Da tut man sich zusammen
- 34:32nicht in kritischer Lust, sondern in
- 34:35Unterwerfung und Selbstaufgabe.
- 34:40Erik Mann verstand ihre moralischen
- 34:42Werte Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit,
- 34:44Toleranz als unpolitisch, bevor sie
- 34:47politisiert wurde durch Machtmissbrauch
- 34:49und Menschenverachtung der
- 34:50Nationalsozialisten.
- 34:52Dabei sind sie Voraussetzung für ein
- 34:54freiheitliches Miteinander, für Taboris
- 34:57Diktum: Jeder ist jemand.
- 35:02Einer, der sich auch klar entschieden
- 35:04hat für eine Responseility und dieses
- 35:07Deutschland verließ, indem das Juden
- 35:08Blut vom Messer spritzen sollte, war
- 35:11Albert Wigulis Telen.
- 35:13Er kommt in dem Kompendium des Exils von
- 35:16Erika und Klausmann nicht vor. Die
- 35:18Geschwistermann haben ihn damals von
- 35:20noch nicht gekannt.
- 35:22Telen kein Holländer wie Thomasmann, der
- 35:25ihn später bewunderte, zunächst
- 35:27fälschlich vermutete, sondern geborenen
- 35:30Süchteln am Niederin am 28. September
- 35:331903,
- 35:342 Jahre vor Erikmann,
- 35:37geboren als Sohn eines bedächtigen
- 35:40Buchhalters, einem Seelenkärkling
- 35:43laut Wigulais und einer frommen
- 35:45Katholikin, die später neben ihrem
- 35:47Heiland auch ihren Führer einschließen
- 35:49wird in ihr Gebet.
- 35:51Wigulis, der präzise Wortschwelger,
- 35:54verachtet die Zitat konstituierende
- 35:57Reichsenthirnung durch den Rangkühne
- 35:59Proleten Hitler und seine durchflaserten
- 36:02Dünklinge der Bewegung.
- 36:04Er ist nach Mallorca ausgewandert, von
- 36:07wo er unter dem Pseudonym Leopold
- 36:09Fabrizius bitterböse Artikel
- 36:12verfasst gegen das Verderben in seinem
- 36:14Land.
- 36:16Anfang der 50er Jahre dann schreibt er
- 36:19einen großartigen Roman, die Insel des
- 36:21zweiten Gesichts heißt das dickbäuchige
- 36:24Rö von über 900 Seiten, indem er uns
- 36:27mitnimmt in die Welt der
- 36:28philosophierenden Bäcker, der geilen
- 36:31Schindkracken und schreitenden
- 36:32Liegelaster und zugleich glasklar
- 36:35analysiert, was dort passiert, von wo er
- 36:38gegangen ist. Meine Heimat, schreibt er,
- 36:40war gleichgeschaltet. Über Nacht war die
- 36:42Bewegung in Bewegung gekommen. Es
- 36:44wimmelte in meiner Vaterstadt.
- 36:47Das Rezept ist jedem bekannt. Als Junge
- 36:49habe ich es oft ausgeführt. Ein Glas
- 36:51Wasser, eine Hand voll Heu, man stellt
- 36:52die Brühe in die Sonne, bis sich die
- 36:54Jauche gebildet hat, dann ein Tropfen
- 36:56und das Mikrosform Mikroskop. Es wimmelt
- 37:00von hin und her schießenden Lebewesen,
- 37:02den Aufgustierchen.
- 37:04Und wenn ein ganzes Volk in Feuendes
- 37:06übergeht, entstehen auch Aufgustiere,
- 37:09die der Bewegung. Mit bloßem Auge
- 37:12entdessen sind sie erkennbar. Und wenn
- 37:14sie auf dich zuwimmeln und du hebst den
- 37:16Arm nicht, dann heben sie ihn und
- 37:18schlagen dich tot. Zitat Ende.
- 37:23Als Telen nach dem Krieg einen Antrag
- 37:26stellte auf Wiedergutmachung und von
- 37:28einem deutschen Gutachter befragt wurde
- 37:30nach den Weggründen für seine
- 37:33Immigration, ob er denn jüdisch versibt
- 37:36gewesen sei.
- 37:38Nein täälählen und erklärt, lieber Herr
- 37:39Professor, ich habe das Dritte Reich aus
- 37:43Gründen reiner Menschlichkeit bekämpft,
- 37:46worauf der Professor ihn mitleidig
- 37:48ansieht und sagt, aber ich bitte Sie
- 37:51Menschlichkeit, was ist das schon?
- 37:56Kleiner Sprung heute. Als die Bischöfin
- 37:59Marian Edgar Buddy in ihrer Rede zu
- 38:02Trumps Amtseinsetzung angesichts seiner
- 38:04schon angekündigten Abschieberadikalität
- 38:07an seine Barmherzigkeit appellierte,
- 38:10forderte prompt ein Magerabgeordneter
- 38:13die Beschöpfend auf eine Abschiebeliste
- 38:14zu setzen.
- 38:17Tun wir was zusammen. Tun wir uns
- 38:20zusammen.
- 38:22bilden kleine Kreise, reden miteinander,
- 38:25bauen ein Netz aus Verlässlichkeit.
- 38:29Die Harvard Universität hat eine
- 38:30Initiative ins Leben gerufen, die Love
- 38:32of Neighbors heißt die Liebe,
- 38:35Nachbarschaftsliebe.
- 38:37Vermutlich sowas ähnliches wie Nächsten
- 38:39Liebe soll in Communities etabliert
- 38:42werden. Liebe, soagen die Initiatoren,
- 38:45sei eine Voraussetzung für ein ein
- 38:47gutes, ein gesundes Leben und so sollen
- 38:50auch die WHO und die American
- 38:52Psychiatric Association eingebunden
- 38:54werden in das Experiment.
- 38:57Die Stichworte, Nähe, Mitgefühl,
- 39:00Versöhnung, Wohlwollen, Freundschaft,
- 39:03denn so die Erklärung, diese Werte sein
- 39:06zu lange übersehen worden.
- 39:09Neulich übrigens hat mir jemand erzählt
- 39:10von einem Tratspankel,
- 39:12äh, das irgendwo ins Süddeutschland
- 39:14eingerichtet worden sei und auf dem auch
- 39:16der Pfarrer einmal in der Woche sitze
- 39:18und irgendwie da mit Menschen dann reden
- 39:21wolle. Gefällt mir übrigens viel besser
- 39:23als Beichtstuhl, das Tratsbanker.
- 39:28Responsibility ist ein weites Feld ohne
- 39:30klar abgesteckte Grenzen, ohne
- 39:32Bestimmung des Anfangs und des Endes.
- 39:35Erik Mann, Albert Wigolis Telen, wir
- 39:38könnten hier auch noch die Geschichten
- 39:39von vielen anderen Exilanten erzählen,
- 39:41die gegangen sind, um von außen zu
- 39:43bekämpfen, was innen verfaulte.
- 39:46Und wir behaupten nichts tun zu können,
- 39:49statt alles zu tun, um Verhältnisse zu
- 39:52verhindern, die diese Menschen
- 39:53vertrieben haben.
- 39:55Noch können wir aufbegehren,
- 39:58noch können wir wachleben.
- 40:02Be aware, wie Patty Smith sagt, sein wir
- 40:05aufmerksam.
- 40:08Der österreichische Schriftsteller Hugo
- 40:10Betteruer war es. Schon 1922 erschien
- 40:13sein Buch Die Stadt ohne Juden ein Roman
- 40:16von Übermorgen. Ja, noch ein Roman, aber
- 40:19es lohnt sich wirklich ihn zu kennen.
- 40:21Betuer erzählt nämlich so satirisch wie
- 40:23prophetisch, wie ein antisemitischer
- 40:25österreichischer Kanzler sich zum Ziel
- 40:27gesetzt hat, Wien Juden freiumachen. Er
- 40:30sei auf die Idee gekommen, hat Per
- 40:31Bertauer damals erzählt, weil er in
- 40:33einer öffentlichen Toilette gesehen
- 40:35hätte Juden raus und dann gedacht hat,
- 40:38ach, das kann ich doch mal durchspielen.
- 40:41alle Juden raus. Heißt also die Parole,
- 40:43denn die Juden so der Kanzler seien, dem
- 40:45treuherzigen Bergvolk überlegen und
- 40:48hätten die arische Bevölkerung
- 40:49überwältigt und beherrschten sie alle
- 40:52Juden raus.
- 40:54Aber dann läuft es doch nicht so wie
- 40:55gehofft. Es sind sehr viel mehr der
- 40:57angeblichen Christen vom Judentum
- 40:59durchdrängt und müssen auch ausgewiesen
- 41:01werden. Die übrig gebliebenen
- 41:04Österreicher sind zu blöd. Die
- 41:06Geschäfte, die Banken, die großen
- 41:08Konzerne zu übernehmen, da haben dann
- 41:09Engländer, Franzosen und Italiener
- 41:11schnell zugegriffen.
- 41:13Es gibt Arbeitslosigkeit, Bankrotte,
- 41:15auch die Operettenhäuser gehen Pleite.
- 41:18Es gibt keine guten Läden mehr, keine
- 41:19Eleganz. Die Mode ist Tracht und Loden
- 41:22und sonst nichts. Wien verdorft.
- 41:27Missmut
- 41:28greift [räuspern] um sich. Allgemeine
- 41:30Vereländung droht,
- 41:32bis ein eleganter Herr aus dem Ausland,
- 41:35ein Jude Incognito, zurückkehrt, sich
- 41:39alles dreht und der Roman mit den Worten
- 41:42endet. Zitat: "Von Fahenklänge,
- 41:45Trompetentöne. Der Bürgermeister von
- 41:47Wien, Herr Karl Maria Labelle, betrat
- 41:51den Balkon, steckte segnen streckt
- 41:54segnen seine Arme aus und hielt eine
- 41:56zündende Ansprache, die mit den Worten
- 41:59begann: "Mein lieber Jude,
- 42:03ein verteufelt bitter komischer Roman,
- 42:05der in seiner Prophetie weit hinter dem
- 42:07zurückblieb, was dann wirklich geschehen
- 42:09sollte.
- 42:10Und doch wurde Betuer, er war gerade mal
- 42:1352 Jahre alt, 1925,
- 42:16für diesen Roman mit fünf Schüssen von
- 42:19einem sehr frühen Mitglied der NSDP
- 42:21ermordet.
- 42:242026
- 42:25ist nicht 1925,
- 42:28aber die FPÖ wirbt für sich mit
- 42:31Werbesprüchen wie Heimatliebe statt
- 42:34Marokkanerdiebe
- 42:36oder mehr Blut für unser Wiener mehr Mut
- 42:39für unser Wiener Blut, zu viel Fremdes
- 42:42tut niemandem gut.
- 42:44Responsibility
- 42:4600
- 42:48und als gesichert rechtsextrem
- 42:50eingestufte Landesverband der AfD
- 42:52Sachsen Anhalt will kein Zitat
- 42:54Staatsgeld ausgeben für antideutsche
- 42:57Kunst und Kultur, sondern für Kunst, die
- 42:59einen Beitrag zu deutscher
- 43:02Identitätsfindung
- 43:03leistet.
- 43:05Unser Kulturstaatsminister Weimer
- 43:07bezeichnet seinen Kulturental im letzten
- 43:10Jahr als Zitat Bekenntnis zur inneren
- 43:13Größe unserer Kulturntion, unserer
- 43:16Herkunft.
- 43:18Be aware.
- 43:21Vor einigen Jahren hat mein Enkel mich
- 43:23gefragt, was ich meinem früheren Ich
- 43:25gerne sagen würde und ich habe ohne zu
- 43:27zögern geantwortet: Aufwachen. aufwachen
- 43:30für sich, für die Welt, für sich in der
- 43:32Welt, für die eigenen Gefühle, die
- 43:34eigenen Bedürfnisse, die Mängel und die
- 43:35Fülle in sich und die Möglichkeit etwas
- 43:38zu tun, was vielleicht hoffentlich Sinn
- 43:40macht und Freude, seinen Platz zu finden
- 43:44in der Welt, einen Sinn zu finden in
- 43:46sich, alles sehen, nicht nur was
- 43:49erschreckt und Innengrim weckt, sondern
- 43:51auch alle gloriose Schönheit, Fantasie,
- 43:53Hilfsbereitschaft, Zuneigung und all den
- 43:56klugen Erfindungsreichtum, der uns ja
- 43:58auch umgibt.
- 44:01wie man als Großmutter halt so spricht
- 44:04zum Enkel und nicht nur leise denkt,
- 44:07sondern es dann irgendwann auch laut
- 44:08sagt, wie oft man selber gefehlt hat und
- 44:11immer wieder versagt. vor über 30
- 44:14Jahren. Im Jahre 1992
- 44:17habe ich genau hier schon einmal
- 44:19gestanden. Das heißt damals gestanden,
- 44:21heute nicht mehr, weil ich die Laudio
- 44:24auf die Geschwister Schollpreisträger
- 44:26Barbara Diestel und Wolfgang Benz halten
- 44:28durfte. Ich habe die Brede kürzlich noch
- 44:31mal gelesen und festgestellt, Teile
- 44:34könnte ich heute wieder so halten. Und
- 44:37die Gefahr über die Gefahr von Rechts,
- 44:39über die Gefährdung unserer Demokratie,
- 44:41über die es nützt ja doch nichts
- 44:43Engagementverweiger
- 44:45über den gratis Mut als Privileg der
- 44:47Demokratie.
- 44:49Zivilcourage sei nicht nur das Gegenteil
- 44:51von Feigheit schriebig, sondern auch das
- 44:53Gegenteil von Lithargie und Schweigen
- 44:56und so weiter. Wie deprimierend.
- 45:00Alles haben wir damals schon gewusst.
- 45:02Alles haben wir schon gesagt und
- 45:04offenbar wenig verstanden. Nach einer
- 45:06aktuellen Umfrage würden heute
- 45:09Rechtsextremisten 27,3%
- 45:12der Stimmen bekommen und damit die
- 45:14stärkste Partei werden. Und im
- 45:17Buchenwald gibt es immer wieder grölende
- 45:19junge Menschen, die sich grinsend am Ort
- 45:21des Mordens fotografieren lassen, um die
- 45:23Bilder zu posten.
- 45:26Wie konnte es dazu kommen? Was haben wir
- 45:29übersehen? Was nicht wahrgenommen?
- 45:32Sind wir zu sehr in der Theorie
- 45:33geblieben und haben zu wenig hingeschaut
- 45:35in die Lebenswirklichkeit dieser
- 45:37Menschen, die jetzt abdriften oder schon
- 45:39abgedriftet sind, haben wir eine
- 45:42Sehnsucht nach Geborgenheit übersehen,
- 45:44die jetzt so viele finden, dem schon
- 45:46genannten Hexenhaus der Gewissheit.
- 45:49Menschen, die Heimat finden im Haus der
- 45:53Nation, statt im Haus der Demokratie.
- 45:56Warum ist Demokratie nicht Heimat
- 45:59geworden?
- 46:01Wir haben unter anderem die strukturelle
- 46:03Ungleichheit nicht bekämpft. Im
- 46:04Gegenteil, die Schere zwischen arm und
- 46:06Reich und zwischen gebildet und
- 46:07ungebildet wird immer größer.
- 46:10Wir haben uns gescheut, die Fäden vom
- 46:12dort zum hier zu erkennen, wie Sal
- 46:14Dardan sie so klarsichtig in ihrem Buch
- 46:17Traumaland aufdeckt.
- 46:20Warum? Das noch kamer zwischendrin
- 46:21gefragt. haben wir eigentlich nicht seit
- 46:23langem in jeder deutschen Schule, in
- 46:25jedem deutschen Amt eine Landkarte
- 46:29eine Landkarte Europas, auf der alle
- 46:32Schutzhaftlager, Konzentrationslager,
- 46:34Vernichtungslager, Sammellager
- 46:36eingezeichnet sind. Laut einer Studie
- 46:38des United States Holocaust Memorial
- 46:41Museum in Washington aus dem Jahre 2013
- 46:43beläuft sich die Gesamtzahl aller
- 46:45derartigen Einrichtungen von den ersten
- 46:48Schutzhaftlagern
- 46:50des Jahres 1933 bis zum größten Ghetto
- 46:53Ghetto demjenigen von Warschau und
- 46:56einschließlich aller Konzentrationslager
- 46:58auf 42500
- 47:00stellen.
- 47:02Stellen Sie sich 42500
- 47:04Fähnchen auf einer Karte Europas vor
- 47:08und heute 27% für eine rechtsextreme
- 47:12Partei in diesem Land.
- 47:15Ich glaube, wir meine Generation konnten
- 47:18uns einfach nicht vorstellen, obwohl wir
- 47:20so viel gesehen haben, dass in diesem
- 47:23Land in diesem Land mit dieser
- 47:25Geschichte noch einmal ein
- 47:26faschistisches Gedankengut relevant
- 47:28werden könnte. 27%.
- 47:32Was nun?
- 47:34Aufgeben, resignieren. Es nützt ja doch
- 47:38nichts. Klein laut auch selber sagen
- 47:40oder entscheiden, was tun. Nun ist
- 47:44recht, denn es gibt immer wieder ein
- 47:46Morgen, immer wieder ein Anfangen, immer
- 47:49wieder ein Versuchen, immer wieder ein
- 47:51Wollen, immer wieder ein Hinschauen,
- 47:53immer wieder ein Handeln.
- 47:57Be aware.
- 47:59Vor einer Weile hat Caroline Emke, die
- 48:01ja auch schon hier gesprochen hat, mich
- 48:02aufmerksam gemacht auf das Fotobuch The
- 48:04Jste Project der amerikanischen
- 48:06Künstlerin Susan Hiller. Eine Arbeit,
- 48:09die begann, als Hiller 2002 in Berlin
- 48:11eine Jüdenstraße entdeckte und sich
- 48:14erschreckt und verwirrt, ja, geschockt
- 48:16fragte, was es bedeute, hier
- 48:17Straßennamen zu haben, die von Menschen
- 48:20sprechen, die man ausgerottet hatte.
- 48:23Hiller reiste von 2002 bis 2005 durch
- 48:26deutsche Städte, Gemeinden und Dörfer
- 48:27von Achen oder Arolsen bis Zeit oder
- 48:30Zerbst und hat Straßenschilder
- 48:32fotografiert. Judenberg, Judengasse, im
- 48:35Judenbad, am Judenteich, am Judenpfad,
- 48:38Judenhein, Judentour, am Jüenhügel,
- 48:41Judenallee, Schwiefenstraße hier in
- 48:44München, um nur einige zu nennen. 303
- 48:47Bilder sind in dem Mann
- 48:48zusammengestellt.
- 48:51Sie sind sichtbar. Und niemand sieht
- 48:52sie, hat Susan Hiller in einem Interview
- 48:55gesagt. Sie habe einer Abwesenheit
- 48:58gedenken, habe meditieren wollen über
- 49:00eine Lehre.
- 49:03Be aware. Die helldenkende und
- 49:06klarsichtig formulierende amerikanische
- 49:08Historiker Heather Cox Richardson, die
- 49:11fast jeden Tag die gegenwärtige
- 49:13amerikanische Politik zu einem Bild
- 49:15ordnet, einem Schreckensbild,
- 49:17sucht wir alle nach wegen aus der
- 49:20Heimsicherung Heimsuchung.
- 49:22Kürzlich hat sie einen Mönch zitiert,
- 49:24der gesagt habe: "Each and everyone of
- 49:28us has to pick up a torch and carry it
- 49:32through life."
- 49:34Kennen Sie ihre Fackel, ihre eigene
- 49:37Fackel, mit der Sie ein bisschen Licht
- 49:40ins Dunkel bringen könnten, die Sie bis
- 49:43heute schon getragen haben oder ab heute
- 49:46tragen werden? Pick up your Porch.
- 49:49Torch, pick up your Porch. auch was
- 49:51schönes. Pick up your torch. Statt in
- 49:54Detergie und Hoffnungslosigkeit zu
- 49:56versinken, sich zu verkriechen in die
- 49:58finstere Kammer der Verzweifelung oder
- 50:00in den grellen Schein des Eskapismus.
- 50:04Es gehört für mich zur Responsibility zu
- 50:08versuchen, das allumfassende
- 50:11Gleichgewicht des Universums
- 50:12wiederherzustellen,
- 50:14damit die kosmische Waage nicht nur
- 50:17Unheil und Unglück wiegt, sondern sich
- 50:20in der zweiten Wagschale auch Freude,
- 50:23Heiterkeit und Lebensmut häufeln,
- 50:26Hoffnung und Handeln, Zuversicht und
- 50:29Zuwendung.
- 50:30Pick up your torch.
- 50:33Carry through life.
- 50:35Erika Mann hat es getan und jetzt sind
- 50:38wir dran. Danke schön.
- 50:42[applaus]
- 50:50เฮ [applaus]
- 50:57[applaus]
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This page contains the full transcript of Erika Mann Lecture mit Gabriele von Arnim | response-ability oder die Kunst der Verantwortung by Holtzbrinck Berlin, generated from the public captions YouTube serves with the video. The transcript has 6,240 words across 1,226 segments, with the original timestamps preserved so you can click any line to jump to that moment in the embedded player.
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